Psychoanalyse: Ein Interpretationsschlüssel für eine Filmanalyse?

'American Beauty' aus psychoanalystischer Sicht


Seminararbeit, 2011
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Zirkel des Verstehens
2.1 Phänomenologische Beschreibung
2.2 Konkretisierung des historischen Bewusstseins
2.3 Vorgriff der Vollkommenheit

3. Das Dreistufenschema
3.1 Vorikonographische Beschreibung
3.2 Ikonographische Analyse
3.2 Ikonologische Interpretation

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Film hat vielleicht keine Grammatik, aber er hat Systeme von ‚Codes‘ “ (Monaco, 1995, p. 61). Die Entschlüsselung solcher Codes kann durch verschiedene Methoden erfolgen. Eine Möglichkeit stellt die wissenschaftliche Disziplin der Psychoanalyse dar.

Der Begriff Psychoanalyse setzt sich aus dem Griechischen aus psyche und analysis zusammen und kann als Zerlegung der Seele verstanden werden (Menge, 1998). In diesem Sinn versucht die Psychoanalyse, seit ihrer Gründung 1985 von Sigmund Freud, die menschliche Seele zu segmentieren um somit versteckte Vorgänge zu entschlüsseln (Merthens, 2004).

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der filmischen Anwendung von Freuds Theorie des Penisneids. Da die Theorien von Freud das Fundament der historischen Psychoanalyse darstellen, gibt es seit deren Publikation immer wieder neue psychoanalytische Strömungen. Knapp 100 Jahre nach Freud beschäftigt sich auch der Psychologe Daniel N. Stern mit der Entschlüsselung des menschlichen Erlebens. Aus diesem Grund findet auch die Theorie des Gegenwartmomentes in dieser Hausarbeit Anklang. Doch diese beiden Wissenschaftler verbindet mehr als die Psychoanalyse:

Der Forschungszeitraum der beiden Psychologen entspricht der andauernden Entwicklung des Films, da dieses Medium seit 1895 existiert (Faulstich, 2005). Ziel dieser Hausarbeit ist es festzustellen, ob zwischen der Psychoanalyse und dem Film neben der parallelen Entwicklung auch andere Verbindungselemente auszumachen sind.

Um die psychoanalytischen Theorien auf unterschiedliche Ergebnisse anwenden zu können, teilt sich diese Hausarbeit in zwei Teile auf. Im ersten Teil der Hausarbeit wird Hans-Georg Gadamers historisch-hermeneutischer Zirkel des Verstehens angewendet. Im zweiten Teil findet das Dreistufenschema von Erwin Panofsky Gebrauch.

Das Analyseobjekt stellt der Film American Beauty von Alan Ball aus dem Jahre 1999 dar. Ein besonderer Fokus wird auf die Katastrophe, die Ermordung der Hauptfigur, sowie die Figur der Carolyn Burnham gelegt. Ziel dieser Hausarbeit ist es am Beispiel des Analyseobjektes die Frage zu beantworten, ob sich die Psychoanalyse als Interpretationsschlüssel für eine Filmanalyse eignet.

2. Der Zirkel des Verstehens

Seit 1895 hat sich die Psychoanalyse in unterschiedliche Theorie- und Schulrichtungen unterteilt (Mertens, 2004). Eine dieser Richtungen stellt die Tiefenhermeneutik dar, welche eine psychologische Ausweitung der hermeneutischen Wissenschaft ist (Mertens, 2004). Aus diesem Grund baut dieser erste Teil der Analyse von American Beauty auf dem Grundgedanken der historischen Hermeneutik auf, welcher sich nach dem Philosophen Hans-Georg Gadamer (1993) durch seinen zirkelhaften Verständnisaufbau kennzeichnet. Der Sinn eines Werkes bestimmt sich durch dessen Einzelteile, welche sich wiederum durch das Ganze definieren (Gadamer, 1993). Eine Analyse nach Gadamer (1993) setzt voraus, dass sich in die Meinung des Urhebers hinein versetzt werden kann und das Werk ohne Vorurteil über dessen Inhalt rezipiert wird. Zudem zeichnet sich diese durch den zeitlichen Abstand zu dem selbstverfassten Werk aus, dieser ist nach Gadamer (1993) positiv zu bewerten, da er dem Verfasser die Möglichkeit bietet sich im Laufe eines Weiterbildungsprozesses stets erneut mit dem Werk zu befassen. Gadamer (1993) favorisiert als Interpretationsaufbau zu Beginn eine Phänomenologische Beschreibung, in welcher die eigenen Erwartungen zu formulieren sind. Während der Phase der Konkretisierung des historischen Bewusstseins werden historische Theorien angewendet um die Konstruktion des Werkes zu erfassen, diese Ergebnisse werden dann im Vorgriff der Vollkommenheit kritisch betrachtet (Gadamer, 1993). Angewandt bilden nun diese Schritte das Gerüst der hermeneutischen Interpretation von American Beauty.

2.1 Phänomenologische Beschreibung

Die Erwartung, welche auf diesem Teil der Filmanalyse beruht ist wie folgt:

Die Figur der Carolyn Burnham fühlt sich trotz ihres selbstbewussten Auftretens in ihrem Inneren minderwertig.

Diese Erwartung wird nun mit Gadamers historisch-hermeneutischen Aufbau untersucht. Zudem soll beobachtet werden, ob dieses Vorgehen zu einem repräsentativen Ergebnis führt. Des Weiteren wird untersucht wie sich Freuds Theorie des Penisneids in dieses methodische Vorgehen integrieren lässt. In diesem ersten Teil der Analyse werden somit unterschiedliche psychoanalytische Perspektiven miteinander vereint, da Freuds Theorie mit dem hermeneutischen Modell Gadamers kombiniert wird.

2.2 Konkretisierung des historischen Bewusstseins

Hans-Georg Gadamer (1993) verweist für den weiteren Interpretationsverlauf auf die Anwendung historischer Theorien. Da Sigmund Freud 1932 seine Theorie des Penisneids in einer Vorlesung über die Weiblichkeit vorstellte (Freud, 2003) und diese seit dem immer wieder aufgegriffen wird, zeichnet sie sich als historisch aus. Ein Beispiel für das Aufgreifen von Freuds Gedanken ist Laura Mulveys Werk Visuelle Lust und narrative Kino, in welchem Freuds Theorie auf das Kino angewendet wird (Mulvey, 1999).

Freuds Theorie besagt, dass Männer eine Geringschätzung gegenüber der penislosen und damit machtlosen Frau besitzen (Freud, 2003). Frauen erkennen diese Tatsache an und sind sich ihrer Minderwertigkeit bewusst (Freud, 2003). Freud (2003) geht davon aus, dass die Entdeckung des anatomischen Geschlechtsunterschieds beim Kleinkind in dessen Entwicklung entscheidend sei. Diese Veränderung ist bei Jungen und Mädchen unterschiedlich, beruht aber auf der Gemeinsamkeit, dass Kinder den Besitz eines Penis als den Normalfall betrachten. Durch das Nichtvorhandensein des Gliedes bei der Frau, sieht sie sich mit der bereits erwähnten Tatsache der Kastration betroffen und fühlt sich minderwertig (Freud, 2003). Laura Mulvey interpretiert in Freud hinein, dass Frauen ihr Kinder als Ersatz für den fehlenden Penis annehmen und somit eine starke Verbindung zu ihnen aufbauen (Mulvey, 1999).

In American Beauty kann sich Freuds Gedanke des Penisneides einem Charakter wiederfinden lassen: Die Figur der Mutter und Ehefrau Carolyn Burnham. Sie ist eine Perfektionistin, bei welcher selbst ihre Gartenschuhe farblich zu der Heckenschere passen.

Abb. 1: Carolyn im Garten: Normalsicht und vergrößerter Ausschnitt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Ball, 00:02:19)

Auch ist sie von eine starken Machtbegierde innerhalb ihrer Familie besessen. Dies zeichnet sich zum einen durch die Kontrolle ihrer Tochter Jane aus, welche bei der Begutachtung einer Tanzaufführung durch die Äußerung: „I watched you very closely.“ von ihr (Ball, 00:17:16) auffällt. Zum anderen zeichnet sich ihre Machtbegierde dadurch aus, dass sie die grundlegenden Regeln des familiären Zusammenseins, wie die Zeremonie des Abendessens, bestimmt (Ball, 00:06:59). Erst als ihr Mann einen Teller gegen die Wand wirft (Ball, 01:04:04) und sich so gegen ihr abendliches Ritual stellt, verliert sie an familiärer Macht.

Abb. 2: Ritual des Nachtessen: vor und während dem Machtumbruch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Ball: 00:06:59, 01:04:04)

Eine ähnliche Machtbegierde durchzieht auch ihr Berufsleben als Maklerin. Hier versucht sie Macht durch Engagement und Präzession bei Hausbesichtigungen aufzubauen (Ball, 00:10:20-00:12:09).

Abb. 3: Carolyn bereitet Hausbesichtigung vor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Ball, 00:10:34, 00:10:41

Ihr Versuch ihrem Maklervorbild Buddy nachzueifern um so mehr Macht zu erlangen scheitert letztendlich an dessen Zurückweisung (Ball, 01:25:07). Obwohl Carolyn nach Macht strebt, kann sie diese weder in ihrem Beruf noch in ihrer Familie vollständig erlangen. Mit dem Machtbestreben versucht sie nach Freud (2003) ihrer Minderwertigkeit, welche sie wegen dem mangelnden Phallus besitzt, zu entkommen. Da sie jedoch im häuslichen Bereich von ihrem Mann Lester und im beruflichen Bereich von Buddy zurechtgewiesen wird, fällt sie in ihre Minderwertigkeit zurück. Ein Indiz hierfür ist, dass sie durch den Konsum eines psychologischen Hörfunkbeitrages versucht mit ihrer Minderwertigkeit zurechtzukommen (Ball, 01:32:50).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Psychoanalyse: Ein Interpretationsschlüssel für eine Filmanalyse?
Untertitel
'American Beauty' aus psychoanalystischer Sicht
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die (Medien-)Kulturwissenschaft
Note
2,0
Autoren
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V190169
ISBN (eBook)
9783656145288
ISBN (Buch)
9783656145462
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Medienwissenschaft, American Beauty, Film, Filmwissenschaft, Psychoanalyse, Freud, Daniel Stern, Gadamer, Siegmund Freud Gegenwartsmoment, Ikonologie, Erwin Panowsky, Dreistufenschema
Arbeit zitieren
Genevieve Mulack (Autor)Maren Weber (Autor), 2011, Psychoanalyse: Ein Interpretationsschlüssel für eine Filmanalyse?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190169

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