Berufsalltag und Selbstwahrnehmung eines türkischen Süßigkeiten-Einzelhändlers


Hausarbeit, 2007
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung und Fragestellung

2. Forschungsthema und Relevanz
2.1 Ethnische Ökonomie
2.2 Türkische Süßigkeiten

3. Feldzugang und Untersuchungsmethodik
3.1 Feldzugang
3.2 Untersuchungsmethodik

4. Darstellung der Methoden zur Datenauswertung

5. Methodenkritik

6. Empirische Ergebnisse
6.1 Türken in Deutschland
6.1.1 Selbstbild und Privatleben
6.1.2 Sein Bild von den türkischen Bewohnern der Altstadt
6.1.3 Türkische Kultur
6.2 Gesellschaft in Deutschland und seine Vorstellungen von Gesellschaft
6.3 Geschäftsidee des Cafés und Fachgeschäfts für türkische Süßigkeiten
6.3.1 Aufbau und Entwicklung des Ladens
6.3.2 Eigenes Arbeitsethos – „Die eigene Idee”
6.3.3 Geschäftspläne – Zukunftsvision für den Laden
6.4 Produkte unter besonderer Berücksichtigung türkischer Süßigkeiten
6.4.1 Verschiedene Sorten der Süßigkeiten
6.4.2 Kundentypologie und Kaufverhalten
6.4.3 Der deutsche Geschmack
6.5 Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Geschäftsidee
6.5.1 Die Nachbarn in der Altstadt
6.5.2 Die Altstadt als Einkaufsort
6.5.3 Die städtischen Behörden
6.5.4 Andere Hürden

7. Auswertung und Diskussion

8. Fazit und Plan für mögliche weitere Forschung

9. Literatur

Anhang: Abbildungen der Süßigkeiten

„Ich bin nicht reich genug, um jeden Tag Baklava und Börek zu essen” (türkisches Sprichwort).

1. Einleitung und Fragestellung

Die Zahl der türkischstämmigen Selbständigen in NRW hat sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht. „Wir haben heute 24.000 Selbständige Deutsch-Türken in Nordrhein-Westfalen”, sagte der Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien (WDR 2007).

Laut Mikrozensus 2005 leben in Deutschland insgesamt 2.397.400 Personen mit türkischem Migrationshintergrund (Mikrozensus 2005). 2006 erwirtschafteten die selbstständigen Deutsch-Türken einen Jahresumsatz von 11,2 Milliarden Euro (WDR 2007). Einige Forscher gehen sogar davon aus, dass die türkischen Unternehmen bis zum Jahre 2010 eine halbe Million neuer Arbeitsplätze in Deutschland schaffen werden (Yavuzcan 2003: 94).

Denkt man an die türkische Küche, dann fällt den meisten Menschen wahrscheinlich zuerst der Döner-Kebap ein. Doch gleichzeitig gelten die Türken als die „Feinschmecker des Orients”; die türkische Esskultur gehört zu den vielseitigsten Küchen der Welt (Beytorun und Beytorun 1988: 6). Da scheint es lohnenswert „das Fremde in der Nähe” zu entdecken und zu beschreiben (Honer 1993: 53f). In diesem Fall bedeutet dies, das türkische Lebensmittelangebot näher zu beleuchten – vor allem vor dem Hintergrund, dass die Zahl entsprechender Angebote steigt.

Die folgende Analyse eines Interviews mit einem türkischen Süßigkeiten-Einzelhändler zu seinen Produkten, seiner Kundschaft und seiner betriebswirtschaftlichen Planung ist Ziel dieser Arbeit. Das zugrunde liegende Interview wurde am Abend des 28. Juni 2007 in einer mittelgroßen Stadt im Rheinland durchgeführt. Im Rahmen der Auswertung wird insbesondere den folgenden Forschungsfragen nachgegangen:

- Inwiefern bestätigen sich die „typischen Eigenschaften[1] von türkischen Selbständigen in diesem Einzelfall?
- Wie nimmt der Süßigkeiten-Einzelhändler seine Kunden und seine gesellschaftliche Umwelt wahr?
- Mit welchen Herausforderungen wird der Geschäftsmann in seinem Berufsalltag konfrontiert?

Die vorliegende Arbeit beginnt mit einer Einführung in die Themen ethnische Ökonomie und türkische Süßigkeiten. Danach wird der Feldzugang und die eingesetzte Untersuchungsmethodik kurz erläutert. Im Anschluss daran werden die Methoden zur Datenauswertung dargestellt. Schließlich folgt eine kritische Betrachtung der eingesetzten Methoden. Kapitel sechs offenbart die Ergebnisse des Interviews anhand der gebildeten Kategorien. Kapitel sieben liefert die Schlussfolgerung; es folgen das Fazit sowie ein Vorschlag für mögliche weitere Forschungsaktivitäten in diesem Kontext.

2. Forschungsthema und Relevanz

In dem vorliegenden Bericht wird insbesondere den oben genannten Forschungsfragen nachgegangen. Zum besseren Verständnis des Forschungsfeldes ist es sinnvoll den Begriff der ethnischen Ökonomie zu klären, sowie eine kurze Einführung in die Produktpalette der türkischen Süßigkeiten zu geben.

2.1 Ethnische Ökonomie

In den letzten 15 bis 20 Jahren haben sich Migranten und Migrantinnen offenbar zunehmend für ein Leben als selbständige Unternehmer entschieden (vgl. Ulusoy 2007). Diese ehemals als „Gastarbeiter” bezeichnete Personengruppe hat sich – zumindest teilweise – dazu entschieden weiterhin in Deutschland zu leben und zu arbeiten (vgl. Ulusoy 2007). Dies trifft offenbar in besonderem Maße auf die Türken zu. So überrascht es nicht, dass die absolute Zahl ausländischer Selbstständiger sowie der Selbstständigenanteil unter den Ausländern in Deutschland in den 80er Jahren deutlich stärker zugenommen haben als die jeweiligen Anteile unter den Deutschen. Die Zahl der ausländischen Unternehmen nähert sich den 300.000. Die meisten Eigentümer dieser Unternehmen sind türkischer Herkunft (vgl. destatis 2007).

Die Tätigkeiten von Unternehmen ausländischer Herkunft konzentrierten sich zunächst vor allem auf Dolmetschen, Reiseservices für den Besuch in der Heimat oder den Vertrieb von landestypischen Lebensmitteln und Spezialitäten (vgl. Ulusoy 2007). In der lokalen Ökonomie sichern diese ethnischen Gewerbebetriebe offenbar zunehmend auch die ortsnahe Versorgung der Quartiersbevölkerung (Korte 1985: 17). Darüber hinaus können sie somit zur Beschäftigung von Arbeitnehmern und der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen zu einer Stabilisierung von Stadtteilen beitragen (Czock 1989: 313f). Gleichzeitig wird ihnen eine große Bedeutung für die Orientierung von Neuankömmlingen sowie für die Integration der zugewanderten Bevölkerung insgesamt zuteil (vgl. Sen und Goldberg 1994: 34). Ein wichtiger Push-Faktor zur Selbständigkeit stellt die prekäre Arbeitsmarktsituation hierzulande dar. Dieser sich seit Mitte der 80er Jahre verbreitende Trend der Gründung von Unternehmen mit Migrationshintergrund wird auch als „ethnische Ökonomie” bezeichnet (vgl. Ulusoy 2007). „Der Druck des Arbeitsmarktes hat somit erheblich zum Entstehen einer speziellen „türkischen Ökonomie” beigetragen” (Sen und Goldberg 1994: 34).

2.2 Türkische Süßigkeiten

Das Untersuchungsfeld der vorliegenden Analyse ist ein türkisches Süßigkeiten-Geschäft in der Altstadt einer mittelgroßen Stadt im Rheinland. Zur besseren Verständlichkeit erfolgt an dieser Stelle eine allgemeine Produktdarstellung der dort angebotenen Spezialitäten wie Baklava, Lokum und Halva.

Baklava ist ein traditionelles, süßes Gebäck aus Blätter- bzw. Filoteig, das in allen Gebieten der Türkei zubereitet wird. Es ist gefüllt mit gehackten Walnüssen, Mandeln oder Pistazien. Solange es noch warm ist, wird es in einem Sirup aus Honig, Zucker, Gewürzen und Rosenwasser eingelegt und dann in Form geschnitten bzw. geformt. Häufiger Begleiter dieses energiereichen Desserts ist starker, schwarzer Mokka, dessen Bitterkeit wohltuend mit der Süße des Baklava harmoniert (Beytorun und Beytorun 1988: 12). Demzufolge wird Baklava in der Regel nach dem Essen gereicht.

Baklava und Baklava -ähnliche Süßigkeiten lassen sich im gesamten Nahen Osten und auf dem Balkan finden. Viele Länder behaupten, dass ihre Version die Ursprüngliche sei (Poggenpohl 1997: 37). Selbst in der Türkei gibt es mehrere Varianten: eine Theorie besagt, dass Aramäer schon im achten Jahrhundert vor Christus Baklava erfunden hätten. Griechische Kaufleute brachten dann die Süßigkeiten in ihre Heimat, wo dann mittels einer neuen Technik dazu beigetragen wurde den Teig hauchdünn zu formen (Beytorun und Beytorun 1988: 13). In der Produktinformation des untersuchten Landens heißt es, dass der erste schriftliche Hinweis auf die Herstellung von Baklava im Jahr 1473 bei den Osmanen zu finden sei (Poggenpohl 1997: 39). Abschließend kann man feststellen, dass es sich bei Baklava um eine Süßspeise des Nahen Ostens handelt, die mit jeweils etwas anderen Zutaten und in verschiedenen Formen von vielen Kulturen verfeinert oder verändert wurde. Dies ist vielleicht auch der Grund, weshalb es so viele verschiedene Arten von Baklava gibt (Beytorun und Beytorun 1988: 13). Diejenige Variante, die mit konzentriertem Sirup zubereitet wird, kann für lange Zeit aufbewahrt werden und ist als „trockener baklava” (Kuru Baklava) bekannt (vgl. Kultur- und Tourismusministerium der Türkei 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb: 2.1: Kuru Baklava; Quelle: eigenes Foto Abb. 2.2: Dürum; Quelle: eigenes Foto

In der Vergangenheit war Baklava sie nur reicheren Bürgern vorbehalten. Bis heute gilt diese Süßigkeit als Delikatesse; und in der Türkei heißt es: „Ich bin nicht reich genug, um jeden Tag Baklava zu essen” (Poggenpohl 1997: 33) .

Lokum – süße, aromatisierte Geleewürfel – werden oft auch als türkischer Honig bezeichnet (Beytorun und Beytorun 1988: 9). Sie sind eine Spezialität auf Basis von gelierter Stärke und Zucker bzw. werden oft auch mit Mastix, dem Harz der Mastix-Pistazienbäume (pistacia lentiscus) hergestellt (Poggenpohl 1997: 35). Diese Süßigkeit ist weich und klebrig, mit einem meist transparent-gelblichen Aussehen. Da es aus dem arabischen Raum kommt, ist eine für diese Region typische Zutat oft Rosenwasser, welches dem Lokum seine charakteristische Färbung gibt (Beytorun und Beytorun 1988: 10). Auch Zusätze von Zitronenaroma, Walnüssen oder Erdnüssen sind in einigen Rezepten keine Seltenheit (Poggenpohl 1997: 34). Um ein Kleben an den Fingern zu vermeiden, wird Lokum üblicherweise mit Puderzucker, Stärkemehl oder Kokos bestreut (vgl. Abb. 2.3 und 2.4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb: 2.3: Lokum mit Kokos; Quelle: eigenes Foto Abb. 2.4: Lokum mit Schokolade; Quelle: eigenes Foto

Halva ist eine Süßwarenspezialität, deren Grundmasse aus Sesamsamen, Zucker, Honig und Pflanzenöl besteht. Verschiedene Arten dieser Spezialität werden durch Einmengen von Erdnüssen, Kakao, Mandeln oder Pistazien erstellt (Poggenpohl 1997: 38).

3. Feldzugang und Untersuchungsmethodik

3.1 Feldzugang

Die erste bewusste Wahrnehmung des Untersuchungsfelds, einem Spezialgeschäft für türkische Süßigkeiten, welches Produkte wie Baklava, Halva und Lokum vertreibt, erfolgt bei einer Party in meiner Wohngemeinschaft (März 2007): Eine Gruppe von Freunden bringt eine Schachtel mit türkischen Süßigkeiten mit und reicht sie in der Runde herum. Sie erwähnen, dass sie diese soeben in dem türkischen Laden auf der gegenüberliegenden Straßenseite gekauft hätten und dass dieser gerade neu eröffnet habe. Die Verpackung für diese süßen Köstlichkeiten erinnert mich an Patisserieverpackungen, wie sie in Frankreich üblich sind. Der einzige Unterschied zu den mir bekannten Tortenverpackungen liegt darin, dass hier keine Rosenmotive und niedliche Tierchen abgebildet sind. Stattdessen ist diese Schachtel ist mit Fotos der türkischen Süßigkeiten bedruckt.

Das Ladenlokal des türkischen Süßigkeitengeschäfts liegt zentral und im „Herzen” der Altstadt, einem Stadtteil, der geprägt ist durch seine gemischte Nutzungsstruktur: Wohngebiet und Gewerbe sind unmittelbar miteinander verbunden. Im Erdgeschoss befinden sich häufig kleine Ladenlokale, z.B. ausländische Gemüsehändler, Bäckereien, kleine Kioske, Friseure, Kulturvereine, Initiativen sowie zahlreiche Kneipen und Restaurants; zum Wohnen dienen meist die oberen Geschosse.

Durch den ersten Produktkontakt neugierig und durch das Seminar zu qualitativen Forschungsmethoden ermuntert, erfolgt ein erster Zugang zum Feld: An einem sonnigen Sonntagnachmittag, verschaffe ich mir einen persönlichen Eindruck von dem Fachgeschäft, um eventuelle Kontakte zu knüpfen und die Lage besser einschätzen zu können. Das Ladenlokal liegt schräg gegenüber meiner Wohngemeinschaft, wo ich mit meinem Freund und einem weiteren Mitbewohner wohne. Meinen Freund überrede ich zunächst mitzukommen, um auf unterschiedliche geschlechtsspezifische Rollenverständnisse besser reagieren zu können. Die Bedienung erfolgt durch eine junge Frau, die, wie sie sagt, das erste Mal dort arbeitet. Auf Nachfragen sagt sie, dass sie sich noch nicht so recht mit allen Sorten auskenne. Aus diesem Grunde könne sie nicht alle meine Fragen, die sich größtenteils auf die Zusammensetzung der Waren beziehen, nicht beantworten. Eine Schachtel mit Visitenkarten des Ladeninhabers steht auf der Theke. Idealerweise hat der Inhaber einige Korbmöbel auf dem Bürgersteig direkt vor dem Laden aufgestellt. Das weckt das Bedürfnis uns mit einem Kaffee und Baklava (vgl. Abbildung 3.1 und 3.2) dort nieder zu lassen. Nach diesem ersten Besuch erfolgen an mehreren Sonntagen Besuche dieser Lokalität – meist zu zweit oder mit weiteren Freunden. Diese Besuche werden genutzt, um verdeckte Beobachtungen zum Publikumsverkehr durchzuführen.

[...]


[1] Als typische Eigenschaften werden in diesem Falle die Beschreibungen der typischen Eigenschaften von türkischen Unternehmern in der Dissertation von Yavuzcan (2003) zum Thema „Ethnische Ökonomie” zugrunde gelegt.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Berufsalltag und Selbstwahrnehmung eines türkischen Süßigkeiten-Einzelhändlers
Hochschule
Hochschule Fulda  (Sozial- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Qualitative Forschungsmethoden
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V190770
ISBN (eBook)
9783656153337
ISBN (Buch)
9783656153603
Dateigröße
2658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Qualitative Forschung, ethnische Ökonomie, türkische Süßigkeiten, Empirische Sozialforschung
Arbeit zitieren
Linda Seefeld (Autor), 2007, Berufsalltag und Selbstwahrnehmung eines türkischen Süßigkeiten-Einzelhändlers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190770

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