Über den Zusammenhang zwischen dem platonischen Verfassungskreislauf-Modell und der bürgerlichklassischen Kultur


Essay, 2010

9 Seiten


Leseprobe

Laut Grundgesetz, Artikel 20, Abs. 1 ist die Bundesrepublik Deutschland „ein demokratischer, sozialer Bundesstaat" und Artikel 20, Abs. 2 prazisiert „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus". Damit ist das wichtigste Kriterium der Demokratie angesprochen: Die Herrschaft des Volkes uber sich selbst. Doch wahrend der Begriff Demokratie heutzutage im positiven Sinne verwendet wird, wurde er von seinen Urhebern eher kritisch gesehen. So beschrieb Platon die Demokratie als eine entartete Herrschaftsform, bei der der Pobel das Volk regiert. Diese Herrschaftsform, in der die ungebildeten Armen die Elite des Staates unterdrucken, lehnte Platon ab und empfahl stattdessen ein Staatssystem, in dem Philosophenkonige den Staatfuhren sollten.

Auch Platons Schuler Aristoteles teilte die Auffassung von der entarteten Demokratie, stellte ihr aber ein Herrschaftssystem entgegen, bei dem die Burger sich selbst regierten und welches an sich gut war: Die „Politie". Diese Staatsform deckt sich am ehesten mit unserem heutigen Demokratieverstandnis.

In Anlehnung an Platon und Aristoteles entwickelte der nach Rom verschleppte griechische Philosoph Polybios ein Kreislaufmodell der Staatsverfassungen. Polybios stellte dabei die Theorie auf, dass sich gute und schlechte Verfassungen uber die Zeit ablosen. Die gute Staatsform der Monarchie entartet zur Tyrannis und wird durch einige Wenige gesturzt. Diese formen ein neues Herrschaftssystem, die Aristokratie. Habsucht, Uberheblichkeit und Ungerechtigkeit lassen die Aristokratie zur Oligarchie verkommen, bis die Oligarchen durch das Volk gesturzt werden. Das Volk wiederum ergreift die Herrschaft uber sich selbst und formt die Demokratie (Der Begriff der Demokratie verwendet Polybios im positiven Sinne). Sobald der Einfluss der ungebildeten Armen uberhand nimmt, geht die Demokratie zu Grunde und entartet zur Ochlokratie, der Pobelherrschaft. In der Not wendet sich das Volk an einen Einzelnen, der zum Monarchen aufsteigt und der Kreislauf beginnt von Vorne.

Die Demokratie ist im widervereinigten Deutschland als „die bestmogliche" Herrschaftsform weitestgehend akzeptiert. Nach einer Umfrage der Friedrich-Ebert- Stiftung aus dem Jahr 2006 halten 92 Prozent der Ostdeutschen und 95 Prozent der Westdeutschen Burger die Demokratie als die ideale Staatsform. Dennoch mussen wir uns auch heute mit den Bedenken der drei groRen griechischen Philosophen auseinandersetzen:

Welche selbstzerstorerischen Krafte birgt die Demokratie und wie kann verhindert werden, dass eine funktionierende Demokratie zu einer Ochlokratie- einer Herrschaft des Pobels- entartet?

Dass die Staatsphilosophien des Platons, Aristoteles und Polybios welche uber 2000 Jahre alt sind, nichts an ihrer Aktualitat verloren haben, beweist ein Blick in die jungere Geschichte des letzten 20. Jahrhunderts.

Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte und Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die demokratische Deutsche Republik ausrief, unterzeichnete Reichsprasident Friedrich Ebert am 11. August 1919 die Weimarer Verfassung.

Das nur 13 Jahre spater Adolf Hitler vom Volk mehrheitlich in Parlamentswahlen zum neuen Reichskanzler gewahlt wurde und seine Herrschaft in kurzester Zeit zur Tyrannis umbaute, lasst Parallelen zum Verfassungskreislaufmodell erkennen.

Wie war es moglich, dass ein Volk seinen Herrschaftsanspruch so bereitwillig einem erklarten Verfassungsgegner uberlieR und auf welche Weise katalysiert ein traditionelles Kulturverstandnis das Entarten einer funktionierenden Demokratie in eine Ochlokratie und schlieRlich in eine Diktatur. Dieser Frage soll in dieser Arbeit nachgegangen werden.

Der Frage, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte und wie es moglich war, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit aktiv begangen, oder passiv akzeptiert wurden, stellte sich auch der in Nurnberg geborene Hermann Glaser. Glaser, der sein Studium der Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie in Erlangen und Bristol absolvierte hatte und 1952 promovierte, begleitete zwischen 1964 bis 1990 das Amt des Schul- und Kulturdezernenten der Stadt Nurnberg.

Glaser ging dabei uber populare historisch-politologische Ansatze hinaus, welche die selbstzerstorerischen Elemente der Weimarer Verfassung als Grund fur das Scheitern der Republik ausmachten und wahlte einen Erklarungsansatz, der die Rolle der Gesellschaft und insbesondere der Kultur in dessen Mittelpunkt stellte. Im Fokus seines Erklarungsansatzes ruckte insbesondere das klassisch-autoritare Kulturverstandnis des fruhen 20. Jahrhunderts, welches auch nach dem 2. Weltkrieg noch nicht uberwunden war.

Kennzeichnend fur die Kultur vor 1933 war, dass sie von Autoritaten bestimmt war. Diese definierten, was Kultur war, oder wie sie zu sein hatte. Dabei wurde das als Kultur aufgefasst, was wir heute unter dem Begriff „Hochkultur" zusammenfassen wurden. Dazu gehorten etwa der Besuch in der Oper, im Museum, in dem Bilder ausgestellt waren, die sich nach einem bestimmten Kunst-Ideal richteten, oder die Auffuhrung im Staatstheater.

Kultur verlief in engen Grenzen, welche keine Experimente duldete. Diese Grenzen verhinderten jegliche Fortentwicklung und Innovation der Kultur und lieRen sie erstarren. Doch die Grenzen der Kultur bestanden nicht nur nach innen, sondern insbesondere nach auRen. Die Teilhabe an der Kultur stand nicht der breiten Offentlichkeit zu, sondern nur den elitaren Kreisen der Gesellschaft, welche sich Kultur leisten konnten.

Somit war Kultur auch ein Privilege mit dessen Hilfe der eigene Status gekennzeichnet werden konnte. Die Gesellschaft war gespalten zwischen denen, die aufgrund ihres Bildungsstandes, am Kulturleben teilnahmen und der Mehrheitsgesellschaft, die davon ausgeschlossen war. Die Deutungsmacht, was Kultur ist und wie sie zu sein hat, war also auch ein Mittel der gesellschaftlichen Elite, Macht zu demonstrieren und, indem sie den Rest der Gesellschaft von der kulturellen Teilhabe ausschloss, sich von ihr abzukapseln. Kultur war daruber hinaus eine kommunikative EinbahnstraRe, da sie nicht interaktiv war, sondern einseitig kommunikativ, vom Kulturproduzenten zum Kulturkonsumenten verlief.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Über den Zusammenhang zwischen dem platonischen Verfassungskreislauf-Modell und der bürgerlichklassischen Kultur
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V190918
ISBN (eBook)
9783656154488
ISBN (Buch)
9783656154600
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziokultur, platon, verfassungskreislauf, bürgerliche gesellschaft, kulturpädagogik, glaser, hermann glaser
Arbeit zitieren
Christoph Dressler (Autor), 2010, Über den Zusammenhang zwischen dem platonischen Verfassungskreislauf-Modell und der bürgerlichklassischen Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190918

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