Der Frage, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte und wie es möglich war, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit aktiv begangen, oder passiv akzeptiert wurden, stellte sich der in Nürnberg geborene Hermann Glaser. Glaser, der sein Studium der Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie in Erlangen und Bristol absolvierte hatte und 1952 promovierte, begleitete zwischen 1964 bis 1990 das Amt des Schul- und Kulturdezernenten der Stadt Nürnberg.
Glaser ging dabei über populäre historisch-politologische Ansätze hinaus, welche die selbstzerstörerischen Elemente der Weimarer Verfassung als Grund für das Scheitern der Republik ausmachten und wählte einen Erklärungsansatz, der die Rolle der Gesellschaft und insbesondere der Kultur in dessen Mittelpunkt stellte. Im Fokus seines Erklärungsansatzes rückte insbesondere das klassisch-autoritäre Kulturverständnis des frühen 20. Jahrhunderts, welches auch nach dem 2. Weltkrieg noch nicht überwunden war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das platonische Verfassungskreislauf-Modell und der Niedergang der Demokratie
3. Das kulturhistorische Erklärungsmodell nach Hermann Glaser
3.1 Charakteristika der vor-nationalsozialistischen Kultur
3.2 Defizite in der ästhetischen Erziehung und Kommunikation
4. Synthese: Soziokultur als Stabilisator der Demokratie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem platonischen Verfassungskreislauf-Modell und dem Verständnis bürgerlich-klassischer Kultur, um die Gründe für das Scheitern der Weimarer Demokratie sowie die Stabilisierungsmöglichkeiten einer modernen Demokratie zu analysieren.
- Die zyklische Staatsformenlehre nach Platon, Aristoteles und Polybios.
- Die Rolle der traditionellen Kultur als exklusives Privileg einer gesellschaftlichen Elite.
- Die Bedeutung von ästhetischer Erziehung für die politische Urteilsfähigkeit.
- Hermann Glasers Konzept der Soziokultur als Demokratisierungsfaktor.
Auszug aus dem Buch
Charakteristika der vor-nationalsozialistischen Kultur
Kennzeichnend für die Kultur vor 1933 war, dass sie von Autoritäten bestimmt war. Diese definierten, was Kultur war, oder wie sie zu sein hatte. Dabei wurde das als Kultur aufgefasst, was wir heute unter dem Begriff „Hochkultur“ zusammenfassen würden. Dazu gehörten etwa der Besuch in der Oper, im Museum, in dem Bilder ausgestellt waren, die sich nach einem bestimmten Kunst-Ideal richteten, oder die Aufführung im Staatstheater.
Kultur verlief in engen Grenzen, welche keine Experimente duldete. Diese Grenzen verhinderten jegliche Fortentwicklung und Innovation der Kultur und ließen sie erstarren. Doch die Grenzen der Kultur bestanden nicht nur nach innen, sondern insbesondere nach außen. Die Teilhabe an der Kultur stand nicht der breiten Öffentlichkeit zu, sondern nur den elitären Kreisen der Gesellschaft, welche sich Kultur leisten konnten.
Somit war Kultur auch ein Privileg, mit dessen Hilfe der eigene Status gekennzeichnet werden konnte. Die Gesellschaft war gespalten zwischen denen, die aufgrund ihres Bildungsstandes, am Kulturleben teilnahmen und der Mehrheitsgesellschaft, die davon ausgeschlossen war. Die Deutungsmacht, was Kultur ist und wie sie zu sein hat, war also auch ein Mittel der gesellschaftlichen Elite, Macht zu demonstrieren und, indem sie den Rest der Gesellschaft von der kulturellen Teilhabe ausschloss, sich von ihr abzukapseln. Kultur war darüber hinaus eine kommunikative Einbahnstraße, da sie nicht interaktiv war, sondern einseitig kommunikativ, vom Kulturproduzenten zum Kulturkonsumenten verlief.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Fragestellung zur Widerstandsfähigkeit der Demokratie gegen populistische und totalitäre Tendenzen anhand historischer Modelle.
2. Das platonische Verfassungskreislauf-Modell und der Niedergang der Demokratie: Darstellung der antiken Staatsphilosophie von Platon bis Polybios und deren Warnung vor der Entartung der Demokratie zur Ochlokratie.
3. Das kulturhistorische Erklärungsmodell nach Hermann Glaser: Analyse der Weimarer Kulturverhältnisse, die durch elitäre Exklusion und mangelnde politische Partizipation zur Unmündigkeit der Bürger beitrugen.
4. Synthese: Soziokultur als Stabilisator der Demokratie: Zusammenführung der theoretischen Ansätze mit dem Konzept der Soziokultur, welche durch Teilhabe und ästhetische Erziehung demokratische Stabilität fördern soll.
Schlüsselwörter
Verfassungskreislauf, Demokratie, Ochlokratie, Weimarer Republik, Hochkultur, Soziokultur, Hermann Glaser, Politische Bildung, Ästhetische Erziehung, Partizipation, Elite, Staatstheorie, Gesellschaft, Platon, Totalitarismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen und kulturellen Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik und leitet daraus Bedingungen für eine stabile Demokratie ab.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind antike Verfassungsmodelle, die Rolle der Kultur im frühen 20. Jahrhundert und die Bedeutung von politischer Bildung für die Demokratie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, wie ein traditionelles Kulturverständnis dazu beigetragen hat, dass die Weimarer Demokratie in eine Diktatur abrutschte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die historische Staatsphilosophie mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen von Hermann Glaser verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entartungsgefahren der Demokratie und zeigt auf, wie eine unkritische, elitäre Kultur die politische Urteilsfähigkeit der Bevölkerung schwächte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Verfassungskreislauf, Soziokultur, Demokratiekritik und politische Partizipation.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Glaser von anderen historischen Erklärungen?
Glaser fokussiert nicht allein auf politische oder ökonomische Faktoren, sondern macht die "Kultur der Eliten" und die fehlende ästhetische Erziehung der Massen für das Demokratiedefizit verantwortlich.
Warum wird das Konzept der "Soziokultur" als Ausweg genannt?
Soziokultur soll laut dem Autor die Kluft zwischen Kulturproduktion und Konsum überwinden, Bürger zur Kritik befähigen und sie gegen demagogische Manipulation immunisieren.
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- Christoph Dressler (Author), 2010, Über den Zusammenhang zwischen dem platonischen Verfassungskreislauf-Modell und der bürgerlichklassischen Kultur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190918