Das Verdienstkonzept von David Miller


Seminararbeit, 2011

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1.0 Einleitung

2.1 David Millers Gerechtigkeitstheorie
2.2 Das Verdienstkonzept
2.2.1 Primäre Verdiensturteile
2.2.2 Sekundäre Verdiensturteile
2.2.3 Pseudo – Verdiensturteile

3.0 Das Verhältnis zwischen Verdienst und Glück
3.1 Die zwei Arten des Glücks
3.2 Das rawlssche Anti – Verdienst – Argument

4.0 Der Markt – Ein gerechtes Verteilungsprinzip?

5.0 Resümee

6.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Der Philosoph David Miller versucht in „Grundsätze sozialer Gerechtigkeit“ leistungsorientiertes Verdienst als Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit zu rechtfertigen. Diese Studienarbeit untersucht, ob Glück ein unüberwindbares Hindernis für Millers Vorhaben darstellt. Hierzu werde ich kurz auf die Gerechtigkeitstheorie des Engländers eingehen, um daraufhin sein Verdienstkonzept zu erläutern. Anhand meiner Erläuterungen werde ich prüfen, ob John Rawls ein stichhaltiges Argument gegen Millers Verdienst liefert. Abschließend werde ich erörtern, ob Miller in „Markets, State And Community“ beweisen kann, dass der Marktmechanismus ein gerechtes Verteilungsprinzip ist.

2.1 David Millers Gerechtigkeitstheorie

Die Analyse sozialwissenschaftlicher und philosophischer Studien führte Miller zu dem Ergebnis, dass Individuen „[…] je nach Art der Beziehung, die sie miteinander unterhalten, ganz verschiedene Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit zur Anwendung bringen.“ 1 Aufgrund dessen entwickelte der Engländer eine kontextabhängige Gerechtigkeitstheorie.

Nach dieser interagieren Menschen in drei verschiedenen Beziehungskontexten miteinander. Dabei wird jedem Kontext ein eigenständiges Verteilungsprinzip zugeordnet.2

In solidarischen Lebensgemeinschaften, wie der Familie, werden Ressourcen gemäß den Bedürfnissen verteilt. Bei staatsbürgerlichen Beziehungen dominiert das Prinzip der Gleichverteilung. Im Rahmen zweckorientierter Beziehungen werden Verteilungskonflikte durch das Verdienstprinzip gelöst. Zum Beispiel verdient ein Angestellter das höchste Gehalt, wenn er mit seiner Leistung entscheidend zur Erreichung des Unternehmenszwecks beiträgt.

2.2 Das Verdienstkonzept

Miller widmet der Idee des Verdienstes große Aufmerksamkeit, da Menschen häufig urteilen, dass jemand aufgrund seiner Leistung oder seiner Eigenschaften eine Vergünstigung verdient. Der Philosoph erfasst die Vielfalt solcher Verdiensturteile, indem er zwischen primären, sekundären und Pseudo - Urteilen unterscheidet.3 Dabei bilden die primären Verdiensturteile den Kern des Konzeptes. Aus ihnen gehen die sekundären Urteile hervor. Die Pseudo – Verdiensturteile „[…] benutzen zwar die Sprache des Verdientes, orientieren sich aber in Wirklichkeit an einer ganz anderen ethischen Idee.“ 4

2.2.1 Primäre Verdiensturteile

„Bei einem primären Verdiensturteil wird über einen Akteur A behauptet, dass er aufgrund einer Aktivität oder Leistung L eine Vergünstigung oder einen Vorteil V verdient.“ 5 Somit definiert Miller das Verdienst als eine dreistellige Relation, die aus den Variablen A, L und V besteht.

A kann eine einzelne Person oder ein Kollektiv, wie zum Beispiel eine Fußballmannschaft, sein. V steht für etwas, das für A von Vorteil ist - etwa ein Preisgeld, Einkommen, oder Ehrentitel. Bei der Leistung L kann es sich um eine einzelne Tat oder Abfolge von Tätigkeiten handeln. Ferner muss A für seine Leistung verantwortlich sein, damit diese die Basis6 eines Verdienstes sein kann. Um für L verantwortlich zu sein, muss A die Erbringung von L beabsichtigen und die Durchführung von L ausreichend steuern können. In diesem Zusammenhang sei hervorzuheben, dass lediglich die Intention einer Leistung und nicht das dahinter liegende Motiv eine Rolle für das Verdienst spielt.7 Zur Verständlichkeit der erwähnten Aspekte dient das folgende Beispiel.

Der weltberühmte Sprinter Usain Bolt [A] verdient Gold über 100m [V], da er bei den olympischen Spielen 2008 als Erster die Ziellinie überquerte [L]. Der Profisportler intendierte, durch den kontrollierten Einsatz seiner Schnelligkeit, den Wettkampf zu gewinnen. Ob moralische Gründe oder pure Geldgier ihn dazu motivierten, ist für die Verdienstwürdigkeit seiner Leistung irrelevant. Die Motive eines Akteurs wirken sich nur auf ein primäres Verdiensturteil aus, wenn diese Bestandteil der Leistung sind und deshalb deren Qualität beeinflussen.8 Man könnte jedoch festlegen, dass nur derjenige olympisches Gold verdient, der mit der Motivation, seine Eltern stolz zu machen, den Wettkampf gewinnt. In diesem Fall würde jemand, der aus anderen Motiven wie Geldgier oder Ehrgeiz den Sieg erringt, keine verdienstwürdige Leistung erbringen. Unabhängig davon, fordert Miller, dass der 100m – Sprinter die Leistungserbringung hinreichend kontrollieren kann.9 Damit sind Taten, die bloß das Resultat glücklicher Ereignisse10 sind, nicht verdienstvoll. In dem dritten Abschnitt dieser Seminararbeit wird erörtert, ob Glück ein Problem für Millers leistungsorientiertes Verdienstkonzept darstellt.

Abschließend sei angemerkt, dass Millers Konzept die erwähnten Variablen nicht inhaltlich konkretisiert. Die inhaltliche Bestimmung von A, L und V hängt von den „reaktiven Einstellungen“ einer Gesellschaft ab.11 Der von Peter Strawson stammende Begriff umfasst Gefühle wie Dankbarkeit, Ärger und Schuldgefühle. Menschen entwickeln diese Gefühle aus einer sogenannten „Teilnehmerperspektive“ als Reaktion auf das Verhalten einer Person.12 Laut Miller sind reaktive Einstellungen der Grund, warum eine Gesellschaft das Verhalten einer Person als verdienstvoll erachtet. Allerdings bleibt unklar, welches reaktive Gefühl eine Handlung hervorrufen sollte, damit diese die Basis eines Verdienstes sein kann.

Verdienstwürdige Leistungen müssen bloß von der Gesellschaft als wertvoll erachtet werden.13

Ich halte diesen Standpunkt aus moralischen Gründen für äußerst fragwürdig. Angenommen, ein Kannibale verspeist auf abscheuliche Weise einen Mitmenschen und veröffentlicht darüber ein Buch. Schockiert von der Brutalität des Menschenfressers kaufen unzählige Horrorfans das Buch, wodurch der Mörder zum Millionär wird. Verdient der Kannibale seinen Reichtum?

[...]


1 Honneth 2008, S. 10

2 Vgl. Honneth 2008, S. 13

3 Vgl. Miller 2008, S.180

4 Miller 2008, S.180

5 Miller 2008, S.180

6 Der Begriff Verdienstbasis stammt von Joel Feineber. Vgl. Feinberg 1970, S.55 Miller bezieht diesen Begriff auf Leistungen, die den Erhalt einer Vergünstigung rechtfertigen.

7 Miller 2008, S. 180 - 182

8 Bei moralischem Verdienst spielt das Motiv eine entscheidende Rolle für die Verdienstwürdigkeit einer Leistung: „Menschen, die tugendhaft handeln, verdienen Lob Anerkennung und […] gewisse Ehrungen.“ Miller 2008, S. 181

9 Vgl. Miller 2008, S.181

10 „Unter Glück verstehe ich hier vom Akteur nicht steuerbare zufällige Ereignisse.“ Miller 2008, S.191

11 Vgl. Miller 2008, S.182/183

12 Peter Strawson entwickelt das Konzept der reaktiven Einstellungen, um darzulegen, dass Personen für ihre Handlungen moralisch verantwortlich sind. Das Konzept steht ursprünglich in keinem Zusammenhang mit dem Verdienstprinzip. In der Teilnehmerperspektive sieht man Menschen als Teilnehmer der moralischen Praxis. Infolgedessen vertritt man die Ansicht, dass Menschen für ihre Taten verantwortlich sind und entwickelt reaktive Einstellungen bezüglich dieser Handlungen. Siehe Strawson, Peter: „Freedom and Resentment”, in: „Free Will”, hrsg. von Watson, Gary, 2003 University Press, Oxford

13 Vgl. Miller 2008, S. 182/183

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das Verdienstkonzept von David Miller
Hochschule
Frankfurt School of Finance & Management
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
10
Katalognummer
V191896
ISBN (eBook)
9783656166900
ISBN (Buch)
9783656166863
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verdienstkonzept, david, miller
Arbeit zitieren
Dustin Lochead (Autor:in), 2011, Das Verdienstkonzept von David Miller , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191896

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