Bei dieser Arbeit fällt sofort der Untertitel auf: „Joachim von Pflummern über die religiösen und kirchlichen Zustände […]“. Dabei handelt es sich um einen Auszug aus dem Titel seiner um 1520 verfassten Schrift „Die religiösen und kirchlichen Zustände der ehemaligen Reichsstadt Biberach kurz vor Einführung der Reformation“. Darin beschreibt der Anhänger einer Biberacher Patrizierfamilie den spätmittelalterlichen Alltag in Biberach an der Riß, indem er u.a. im dritten Teil sich mit den Gottesdienstordnungen und den verschiedenen Prozessionen befasst.
Die zentrale Fragestellung wird hier sein, inwieweit von Pflummerns Ausführungen den Alltag des kirchlichen Lebens der Biberacher Gläubigen zuverlässig wiedergeben. Die Frage der Zuverlässigkeit stellt sich, da es sich bei dieser Familie -wie zu zeigen sein wird- um eine dem alten Glauben anhängende handelt.
Aufgrund des beschränkten Umfangs dieser Arbeit kann dabei nur auf ausgewählte Aspekte der beschriebenen Frömmigkeitsformen eingegangen werden. Der Fokus liegt auf dem Ablass, den Messen und Prozessionen, der Beichte und dem Gesamtzustand in der Pfarrei. Für Biberach gibt es keine zeitgenössischen Quellen oder Literatur darüber, wie hoch die Partizipation bzw. die Frömmigkeit der Gläubigen in Biberach tatsächlich zu dieser Zeit ausgesehen hat. Deshalb kann nur ein Vergleich der genannten Untersuchungsfelder mit anderen Städten aus dem oberdeutschen Raum erfolgen, um die Reliabilität der von Pflummernschen Aussagen zu überprüfen. Als aussagekräftige Vergleichspunkte dienen edierte Quellen aus den Städten Nürnberg, so das Mesnerpflichtbuch von St. Lorenz; Hilpoltstein, in Form des Pfarrbuchs des Stephan May; Ingolstadt mit dem Pfarrbuch des Johann Eck aus der Pfarrei Unsere Lieben Frau und Nördlingen mit Daniel Eberhart Dolps Beschreibungen der kirchlichen Zustände unmittelbar vor der Reformation.
Die Arbeit ist so gegliedert, dass im ersten Kapitel die geschichtlichen Entwicklungen der Pfarrei St. Martinus in Biberach zur besseren Kontextualisierung kurz vorgestellt werden. Außerdem wird die Familie von Pflummern, ihre Bedeutung und Verflechtungen innerhalb der Biberacher Gesellschaft knapp skizziert. Im zweiten und hauptsächlichen Kapitel wird die Zuverlässigkeit der Aussagen von Joachim von Pflummern anhand eines Vergleichs mit den genannten Städten kritisch untersucht. Abschließend erfolgt ein Fazit, welches die Ergebnisse zusammenträgt und die Zuverlässigkeit der von Pflummernschen Aussagen bewertet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Biberach und die Familie von Pflummern
1.1 Die Entwicklungen der Stadtpfarrei St. Martinus Biberach
1.2 Die Familie von Pflummern und ihre Bedeutung in der Biberacher Gesellschaft
1.3 Zwischenfazit
2. Vergleich
2.1 Ablass
2.2 Prozessionen und Messen
2.3 Die Beichte
2.4 Almosen, Spenden, Oblationen
2.5 Beurteilung des Gesamtzustandes in der Pfarrei
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Zuverlässigkeit der Schilderungen des Biberacher Patriziers Joachim von Pflummern über den kirchlichen Alltag im Spätmittelalter, indem sie seine idealisierte Darstellung mit zeitgenössischen Quellen aus anderen oberdeutschen Städten vergleicht.
- Analyse des spätmittelalterlichen Alltagslebens in Biberach
- Kritische Überprüfung der Glaubwürdigkeit von Pflummernschen Aussagen
- Vergleich der religiösen Praxis mit Nürnberg, Ingolstadt, Hilpoltstein und Nördlingen
- Untersuchung zentraler Aspekte: Ablass, Messen, Prozessionen, Beichte und Almosenwesen
- Einordnung des Biberacher Klerus und der Patrizier in den historischen Kontext der Reformation
Auszug aus dem Buch
2.1 Ablass
Joachim von Pflummern beschreibt die Ablasspraxis in Biberach von den Gläubigen als durchaus stark frequentiert. Besonders für die Kirchen zu St. Leonhardt, Maria Magdalena und St. Wolfgang in Biberach formuliert von Pflummern in jeweils verblüffend ähnlichem Wortlaut das Vorgehen: „Die Khürch hat auch vil Ablass gehabt; hat man Allweg ahn der Kürchweyhe ahm Sambstag darvor in der Khürchen verkhündt und den die brieff an der Khirchweyhe uff ain Tischlin in der Khürchen gelegt und ain böckhet darzue. Da hat man dann den Ablass gelösst […].“ Das bedeutet also, dass der Ablass am Vortag des Sonntags verkündet wurde, woraufhin die Ablassbriefe auf einen Tisch gelegt wurden. Daneben stand ein Behältnis für das Geld, mit denen die Briefe gelöst werden konnten. Für die Pfarrkirche St. Martinus ist zum Ablass seinerseits nichts bezeugt. Von Pflummern spricht bei dem Ablassgeld der Kapelle St. Maria Magdalena von „Allmuosen“, die die Gläubigen gaben. Damit klassifiziert er die Verwendung der Einnahmen für karitative Aufgaben in der Pfarrei.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Schrift von Joachim von Pflummern und Darlegung der Forschungsfrage bezüglich ihrer Zuverlässigkeit.
1. Biberach und die Familie von Pflummern: Historische Kontextualisierung der Pfarrei St. Martinus und Analyse des sozialen Aufstiegs der Familie von Pflummern.
2. Vergleich: Detaillierte Gegenüberstellung der Ablass-, Mess- und Beichtpraxis in Biberach mit Vergleichsdaten aus anderen Städten.
3. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, die belegt, dass die idealisierte Darstellung von Pflummerns den historischen Gegebenheiten kritisch gegenübersteht.
Schlüsselwörter
Biberach, Spätmittelalter, Reformation, Joachim von Pflummern, St. Martinus, Kirchenalltag, Ablass, Prozession, Beichte, Almosen, Frömmigkeit, Kirchengeschichte, Patrizier, Sakralbauten, Liturgie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Glaubwürdigkeit einer historischen Quelle des Biberacher Patriziers Joachim von Pflummern über das religiöse Leben kurz vor der Reformation.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Untersucht werden insbesondere der Ablasshandel, die Gestaltung von Messen und Prozessionen, die Beichtpraxis sowie das Almosen- und Spendenwesen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, inwieweit von Pflummern ein objektives Bild der religiösen Praxis zeichnet oder ob seine Darstellung ein idealisiertes, subjektives Wunschbild ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, bei der die Aussagen von Pflummerns mit edierten Quellen aus anderen Städten wie Nürnberg oder Ingolstadt verglichen werden.
Was ist der Inhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Familie von Pflummern und eine systematische, themenbasierte Analyse der religiösen Ausübung im Vergleich zu weiteren oberdeutschen Pfarreien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Reformation, Frömmigkeit, Patrizier, Liturgie und der kirchliche Alltag in Biberach im 16. Jahrhundert.
Warum wird die Glaubwürdigkeit von Pflummerns infrage gestellt?
Da die Familie von Pflummern dem alten katholischen Glauben eng verbunden war, wird vermutet, dass ihre Schilderungen die vorreformatorische Zeit idealisieren sollten.
Was zeigt der Vergleich mit den Pfarreien in Ingolstadt und Hilpoltstein?
Der Vergleich macht deutlich, dass es in anderen Städten häufig zu Konflikten, etwa bei der Verteilung von Opfergeldern oder bei der Beteiligung der Gläubigen kam, was dem „harmonischen“ Bild von Biberach widerspricht.
- Citation du texte
- B. A. Sören Lindner (Auteur), 2012, Biberach im Spätmittelalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192703