Kognitive organisationale Legitimität - Konzept und Messung


Bachelorarbeit, 2011

46 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Organisationale Legitimität
2.1 Legitimitätsbegriff im Kontext der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie
2.2 Dimensionen organisationaler Legitimität
2.3 Beziehungsgefüge der Dimensionen

3 Kognitive organisationale Legitimität - Konzept und Messung
3.1 Konzeptualisierung der kognitiven Legitimität
3.2 Problematik der Operationalisierung
3.3 Entwicklung eines Kategoriensystems
3.4 Analyse der Messansätze
3.4.1 Analyse des Messansatzes auf Basis der Populationsökologie
3.4.2 Analyse des Messansatzes auf individueller Ebene
3.4.3 Analyse des Messansatzes auf Basis der Sekundärforschung
3.5 Zusammenfassung und Gegenüberstellung der Messansätze
3.6 Rückschlüsse auf das Konzept der kognitiven Legitimität

4 Resümee und Ausblick auf die zukünftige Forschung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Konzept der kognitiven Legitimitätsdimension

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Merkmale der Legitimitätsdimensionen

Tabelle 2: Gegenüberstellung der Messansätze

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Legitimität ist für Organisationen von existentieller Bedeutung (Singh et al., 1986, S. 189). Zugleich handelt es sich aber auch um einen komplexen Begriff, der schwer zu erfassen ist. So beschreibt Legitimität einen Status (lat. status = Zustand) und einen Prozess (Brown & Deegan, 1999, S. 23; Deephouse, 1996, S. 1025), gliedert sich in verschiedene Dimensionen auf (Suchman, 1995, S. 577) und wird zwar objektiv besessen, aber subjektiv wahrgenommen und kreiert (Ebd., 1995, S. 754; Zimmerman & Zeitz, 2002, S. 416).

Insbesondere hinsichtlich der Dimension der kognitiven Legitimität besteht noch Forschungsbedarf. Zwar gelang es bisher, diese Dimension theoretisch zu erfassen und in Beziehung zu weiteren Legitimitätsdimensionen zu setzen (z.B. Aldrich / Fiol, 1994, S. 648 ff.; Suchman, 1995, S. 584 f.), empirische Studien zur Messung des Begriffs bestehen bisher jedoch nur wenige. Dabei ist kognitive Legitimität aus dreierlei Gründen von besondere Be- deutung: Kognitive Prozesse stellen die Rahmenbedingungen für die Bildung sozialer Sys- teme (Ruef & Scott, 1998, S. 879). Weiterhin führt kognitive Legitimität in seiner höchsten Ausprägung dazu, dass die Handlungen von Organisationen als selbstverständlich wahrge- nommen (Aldrich, 1999, S. 230) und somit nicht weiter hinterfragt werden (Suchman, 1995, S.583). Ferner kann die Wichtigkeit der Legitimität und der einzelnen Dimensionen je nach Kontext stark variieren (Deephouse & Carter, 2005, S. 353; Dowling & Pfeffer, 1975, S. 133; Ruef & Scott, 1998, S. 879), so dass ein genaueres Verständnis einer jeden Dimension unabdingbar ist. Dieses ist bzgl. der kognitiven Legitimität aber noch unbefriedigend darge- stellt worden.

Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, den Begriff der kognitiven Legitimität zu kon- zeptualisieren sowie die bisherigen Ansätze zur Operationalisierung zu analysieren und den Stand der Forschung aufzuarbeiten bzw. zu systematisieren. Hierzu bietet sich folgende Vorgehensweise an: Zunächst wird im folgenden Kapitel der Legitimitätsbegriff grundsätz- lich erläutert und in das Theoriengebäude der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie eingebettet. In diesem Zusammenhang wird insbesondere auf die verschiedenen Dimensio- nen organisationaler Legitimität (Kap. 2.2) sowie auf dessen Beziehungsgefüge (Kap. 2.3) eingegangen. Das dritte Kapitel bildet den Hauptteil dieser Arbeit und gliedert sich in zwei Teile. Unterkapitel 3.1 befasst sich mit der kognitiven Legitimität auf theoretischer Ebene. Hier soll zum einen der Zuschreibungsprozess kognitiver Legitimität seitens der Anspruchs- gruppen und zum anderen die Beeinflussungsmöglichkeiten seitens der Organisationen un- tersucht werden. Die anschließenden Unterkapitel befassen sich mit der Messung kognitiver Legitimität. Nach der Ergründung der Messproblematik (Kap. 3.2), werden die bereits bestehenden Messansätze über ein zuvor entwickeltes Kategoriensystem (Kap. 3.3) zusam- mengetragen und systematisiert (Kap. 3.4). Anschließend sollen in Kapitel 3.5 die Messan- sätze zusammengefasst und gegenüber gestellt werden. Rückschlüsse aus der Analyse der Messansätze auf das Konzept kognitiver Legitimität werden in Kap. 3.6 gezogen. Abschlie- ßend werden die gewonnenen Erkenntnisse in einem Resümee zusammengefasst und neue Aspekte identifiziert, denen in weiterführenden Forschungsarbeiten nachgegangen werden kann.

2 Organisationale Legitimität

Zunächst soll der Begriff der organisationalen Legitimität aus dem theoretischen Be- zugsrahmen der neoinst. Organisationstheorie herausgearbeitet und auf die allgemeine Defi- nition sowie wichtige Charakteristika eingegangen werden (Kap. 2.1). Über die Herleitung der verschiedenen Legitimitätsdimensionen (Kap.2.2) und die Erläuterung deren Bezie- hungsgefüge (Kap.2.3) soll sich anschließend der kognitiven Legitimität angenähert werden.

2.1 Legitimitätsbegriff im Kontext der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie

Der neoinst. Organisationstheorie, deren Konzeption auf die Arbeiten von Meyer und Rowan (1977), Zucker (1977) sowie DiMaggio und Powell (1983) zurückzuführen ist, liegt eine zentrale Annahme zugrunde: Im Gegensatz zu vorangegangenen Ansätzen geht man bei dieser Theorie davon aus, dass formale Strukturen einer Organisation weniger intern, unter dem Aspekt der technischen Effizienz angelegt sind, als vielmehr von dem organisationalen Umfeld beeinflusst werden (Meyer & Rowan, 1977, S. 341; Walgenbach, 2002, S. 159). Dies impliziert, dass auch die Verantwortlichkeit über die Frage der Rationalität externali- siert wird (Elsik, 1996, S. 336). Demnach bestimmt im Neoinstitutionalismus die Gesell- schaft über Effizienz und Effektivität der Organisation (Walgenbach, 2002, S. 159). Dies geschieht in einem institutionellen Kontext, in dem die Anspruchsgruppen der Organisation die für sie als rational erachteten Erwartungen und Vorstellungen zum Ausdruck bringen (Walgenbach & Meyer, 2008, S. 24). Sind die Anspruchsgruppen davon überzeugt, dass die Organisation diesen entspricht, wird ihr Umgang mit bzw. ihr Besitz von gesellschaftlichen Ressourcen als angemessen angesehen und akzeptiert (Elsik, 1996, S. 345). Da der Ressour- cenzugang für eine Organisation von existenzieller Bedeutung ist (Meyer & Rowan, 1977, S. 352), wird sie versuchen, sich in ihrer Struktur den institutionellen Bedeutungsmustern und

Anforderungen anzupassen. Mit dieser Anpassung (Isomorphie) bemüht sich die Organisation um Zuspruch von Legitimität (lat. legitimus = gesetzmäßig) (Meyer & Rowan, 1977, S. 352), welche ihr das Recht verschafft, auf die benötigten Ressourcen (weiterhin) zugreifen zu können (Zimmerman & Zeitz, 2002, S. 417).

Legitimität ist einerseits ein sozialer Bewertungsprozess (Zimmermann & Zeitz, S. 418) und kann andererseits als Status bezeichnet werden, der den Organisationen aufgrund der Übereinstimmung mit gesellschaftlich anerkannten Werten und Normen zugeschrieben wird (Deephouse, 1996, S. 1025; Elsbach & Sutton, 1992, S. 700; Richardson, 1985, S. 143); demnach wird Legitimität objektiv besessen. Die Zuschreibung hingegen ist ein subjektiver Prozess und erfolgt auf Basis der Wahrnehmungen verschiedener Anspruchsgruppen (Richardson, 1985, S. 143; Suchman, 1995, S. 574). Als Konsequenz „existiert Legitimität im Auge des Betrachters“ (Zimmerman & Zeitz, S. 416) und ist immer im Rahmen des jeweiligen Kontextes zu sehen (Suchman 1995, S. 573).

Auch die Fülle an verschiedenen Definitionen (z.B. Stelzer, 2009, S. 41 f.) ist auf die Kontextabhängigkeit und die damit verbundene Komplexität des Legitimitätsbegriffs zu- rückzuführen. Durchgesetzt hat sich daher eine allgemeingültige Definition nach Suchman (1995, S. 574) mit der auch die dargelegte Vielschichtigkeit des Begriffs umfasst werden kann:

Legitimacy is a generalized perception or assumption that the actions of an entity are desirable, proper, or appropriate within some socially constructed system of norms, values, beliefs, and definitions.

Suchman verdeutlicht hier zwei zentrale Aspekte des Legitimitätsbegriffs. Er postuliert zum einen, dass Legitimität in einem sozialen Kontext zu betrachten ist, und zum anderen, dass zwischen einer kognitiven und einer soziopolitischen Dimension zu differenzieren sei (Suchman, 1995, S. 573). Darüber hinaus lässt die Definition bewusst offen, ob organisatio- nale Legitimität aus der ursprünglichen neoinst. Perspektive oder von einem strategischen Standpunkt heraus betrachtet werden sollte. Wie bereits beschrieben, wird sich die Organisa- tion aus der neoinst. Perspektive den institutionellen Erwartungen anpassen, um Legitimität und somit den Zugang zu Ressourcen zu erhalten. Der strategische Ansatz lässt hingegen auch Verfahrensweisen der Selektion, Manipulation und Kreation zu1 (Suchman, 1995, S. 587 ff.; Zimmerman & Zeitz, 2002, S. 422 ff.), um den Zuspruch von Legitimität bewusst zu bewirken. Legitimität wird somit selbst zur strategisch manipulierbaren Ressource (Zim- merman & Zeitz, 2002, S. 414). Demil und Bensédrine (2005, S. 59) präzisieren dies und sprechen von einer Manipulationsmöglichkeit der Wahrnehmungen. Suchman weist darauf hin, dass beide Ansätze existieren und plädiert für die Akzeptanz dieser Koexistenz (1995, S. 577).

2.2 Dimensionen organisationaler Legitimität

Eine bedeutende Eigenschaft organisationaler Legitimität ist die Ausprägung in verschiedenen Dimensionen. Diese sollen im Folgenden über die bereits erwähnten Begriffe der Institution sowie des Isomorphismus hergeleitet werden.

Institutionen können nach Barley und Tolbert (1997, S. 96) mit Verweis auf Berger und Luckman (1966) als „shared rules and typifications that identify categories of social actors and their appropriate activities or relationships“ bezeichnet werden. Meyer und Ro- wan (1977, S. 341) konkretisieren mit Verweis auf Starbuck (1976), dass „[s]uch rules may be simply taken for granted or may be supported by public opinion or the force of law”. Folglich kann eine Dreigliedrigkeit der institutionellen Erwartungen angenommen werden. Da Organisationen versuchen, sich diesen Erwartung anzupassen (s. Kap. 2.1), gehen Di Maggio und Powell (1983, S. 149 ff.) davon aus, dass die institutionelle Isomorphie eben- falls dreigliedrig ist und über folgende „Mechanismen” erreicht werden kann:

Ist sich eine Organisation in ihrem Verhalten oder Handeln unschlüssig, wird sie ver- suchen, andere Organisationen, deren Verhalten bzw. Handeln bereits als selbstverständlich angesehen werden, zu imitieren (Isomorphie durch Mimese) (DiMaggio & Powell, 1983, S. 151; Walgenbach, 2002, S.168). Die zweite Form der Anpassung beruht auf normativem Druck. Organisationen reagieren auf gesellschaftliche Vorstellungen und Erwartungen, in- dem sie versuchen, sich in ihrer Arbeits- und Denkweise der institutionellen Umwelt anzu- passen (DiMaggio & Powell, 1983, S. 152). Die dritte Form der Isomorphie basiert auf Zwang und umschließt zwei Aspekte: Die Organisation hat der Gesetzgebung Folge zu leis- ten und ist darüber hinaus naturgemäß auf Legitimität angewiesen (s. Kap. 2.1) (DiMaggio & Powell, 1983, S. 150).

Seit Mitte der 1990er Jahre konzentriert sich die Forschung aufgrund einer bis dahin unzureichenden Konzeptualisierung (Suchman, 1995, S. 571 f.) auf die Aussdifferenzierung des Legitimitätsbegriffs und greift die drei aufgezeigten Ansätze erneut auf. Z.B. teilt Scott in seinem Drei-Säulen-Modell jedem Anpassungsmeachanismus eine eigene Legitimitätsba- sis bzw. -dimension zu (1995, S. 45). Mimetische Prozesse führen dabei zu kognitiver, nor- mativer Druck zu normativer und Zwangsanpassung zu regulativer Legitimität. Zuvor hatten Aldrich und Fiol (1994, S. 648) zwischen soziopolitischer und kognitiver Legitimität unter- schieden, wobei die soziopolitische Dimension sowohl eine normative als auch eine regula- tive Komponente beinhaltet. Suchman hingegen unterscheidet zwischen moralischer, prag- matischer und kognitiver Legitimität (1995, S. 571). Die moralische und pragmatische Di- mension kann nach Brink (2009, S. 92) mit der normativen bzw. regulativen Dimension ver- glichen werden. Auch in den folgenden Publikationen wie z.B. Ruef und Scott (1998), Ald- rich und Baker (2001), Zimmerman und Zeitz (2002) wird auf die drei genannten Dimensio- nen zurückgegegriffen, wenngleich sie teils zusammengefasst, in Subkategorien ausdifferen- ziert oder kontextbezogen gedeutet werden (z.B. Breitsohl, 2009, S. 7; Brink, 2009, S.92 ff.) Im Folgenden sollen die Kerneigenschaften der einzelnen Dimensionen kurz vorgestellt werden.

Regulative/pragmatische Legitimität: Sie bezieht sich auf etablierte Regeln, Stan- dards und Gesetze, welche über Androhung von Sanktionen durchgesetzt werden können (Scott, 1995, S. 35). Ziel ist die Wahrung von Interessen und der Zweckmäßigkeit für ein- zelne Anspruchsgruppen (pragm. Komponente) bis hin zur ganzen Gesellschaft (regul. Komponente) (Suchman, 1995, S. 578; Zimmerman & Zeitz, 2002, S. 418). Aber auch Or- ganisationen handeln vor dem Hintergrund der Eigeninteressen. Sie können sich z.B. auf Basis eines Kosten-Nutzen-Kalküls für eine (Nicht-)Befolgung der Regeln entscheiden (Long & Driscoll, 2008, S. 174) oder mit den Anspruchsgruppen in die Diskussion gehen (Suchman, 1995, S. 585).

Normative/moralische Legitimität2: Sie wird zugesprochen, wenn die Anspruchs- gruppen den Umgang der Organisation mit gesellschaftlichen Werten und Normen für an- gemessen und wünschenswert halten (Suchmn, 1995, S. 579). Normen geben die Regeln für soziales Verhalten vor (Scott, 1995, S. 38), Werte reflektieren die soziale Wohlfahrt (Such- man, 1995, S. 579).

Kognitive Legitimität: Diese bezieht sich auf die Verständlichkeit und Wahrnehmung der Tätigkeiten, Strukturen und Funktionsweisen von Organisationen (Golant & Sillince, 2007, S. 1150). Voraussetzung ist das Vorhandensein von Wissen (Aldrich & Fiol, 1994, S. 648). Aus dem kulturellen Bezugsrahmen übernommene kognitive Modelle, Regeln und Schemata helfen den Anspruchsgruppen, dieses Wissen einzuordnen und zu deuten (Long & Driscoll, 2008, S. 177; Scott, 1995, S. 41 f.; Suchman, 1995, S. 585; Zimmerman & Zeitz, 2002, S. 420). Wird eine Organisation als selbstverständlich wahrgenommen, läuft dieser Prozess unbewusst ab und führt dazu, dass sie als Teil der soziokulturellen Umwelt angese- hen und daher nicht (weiter) hinterfragt wird (Walgenbach & Meyer, 2008, S. 64 f.)

In Kap. 3.1 wird die kognitive Legitimität erneut aufgegriffen und konzeptualisiert. Zuvor soll jedoch auf das Beziehungsgeflecht der Dimensionen eingegangen werden. Die jeweiligen Merkmale der Dimensionen sind in Tabelle 1 zusammenfassend aufgelistet.

Tabelle 1: Merkmale der Legitimitätsdimensionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Elsik, 1996, S. 345 f.; Johnson & Holub, 2003, S. 272; Ruef & Scott, 1998, S. 879; Scott, 1995, S. 35 ff.; Suchman, 1995, S. 582, 584 f.; Walgenbach & Meyer, 2008, S. 64.

2.3 Beziehungsgefüge der Dimensionen

Durch die Ausdifferenzierung des Legitimitätsbegriffs in verschiedene Dimensionen wird deutlich, dass Anpassungsmechanismen oder Strategien nicht zwingend den Zuspruch von Legitimität im Allgemeinen bewirken müssen, sondern ein Zuspruch möglicherweise lediglich bzgl. bestimmter Dimensionen erfolgen kann (Ruef & Scott, 1998, S. 879; Stelzer, 2009, S. 54). Im Umkehrschluss kann mithin davon ausgegangen werden, dass der Zuspruch von organisationaler Legitimität auf ein bestimmtes, situationsbedingtes Verhältnis der ein- zelnen Legitimitätsdimensionen zurückzuführen ist. Dieses kann komplementärer, aber auch konträrer Natur sein (Suchman, 1995, S. 584). Auf die möglichen Gegensätzlichkeiten der Dimensionen wird im Rahmen dieser arbeit jedoch nicht näher eingegangen.

Die Betrachtung des Legitimierungsprozesses junger Unternehmen nach Aldrich und Fiol (1994, S. 649 ff.) bestätigt die Notwendigkeit aller Dimensionen zur Erreichung von Legitimität. So wird davon ausgegangen, dass auf jeder der vier aufeinander aufbauenden Ebenen (Unternehmensebene, Brancheninterne und -übergreifende Ebene, sowie die institu- tionelle Ebene) zunächst kognitive Legitimität angestrebt werden muss, um weiterführend soziopolitische Legitimität erreichen zu können. Letztere gilt wiederum als Voraussetzung für die kognitive Legititmität auf nächst höherer Ebene (Fallgatter & Brink, 2006, S. 9). Stelzer (2009, S. 67) stellt ergänzend fest, dass im Hinblick auf das dynamische Umfeld ei- ner Organisation der Legitimitätsaufbau nicht unbedingt prozessual ablaufen muss, sondern ebenso parallel auf den Ebenen Legitimität zugesprochen wird und eine ebenenübergreifende Beeinflussung stattfinden kann.

Die von Aldrich und Fiol implizierte Hierarchie, in welcher die kognitive Legitimität der soziopolitischen vorangestellt wird, ist jedoch z.T. umstritten. Zimmerman und Zeitz (2002, S. 426 f.) legen beispielsweise keine Reihenfolge fest und verweisen darauf, dass je nach Kontext und verfolgter Legitimierungsstrategie verschiedene Vorgehensweisen sinn- voll sein können. Aldrich und Martinez (2005, S. 372) weisen darauf hin, dass in bestimmten Situationen das Fehlen kognitiver Legitimität sogar von Vorteil ist. Auch Suchman (1995, S. 584) geht von keiner klaren Hierarchie aus, stellt aber die regulative Dimension in den Vor- dergrund.

Beziehen sich die vorangestellten Ausführungen auf die strategischen Überlegungen einer Organisation zur Legitimitätsgewinnung, so hat sich Bitektine (2011) dem Bezie- hungsgefüge aus der Perspektive der Anspruchsgruppen angenommen und dabei herausge- stellt, dass sich die (potentiellen) Anspruchgruppen zunächst für eine Beurteilungsform3 (cognitive legitimacy judgment, status judgment, sociopolitical legitimacy judgment, reputa- tion judgment) entscheiden, um anschließend entsprechende Informationen einzuholen (Ebd., S. 164). Als Kriterium der Auswahl der Beurteilungsform dient die Kontextabhängig- keit hinsichtlich der Aufgabenmerkmale, der sozialen Umwelt der Anspruchsgruppen, ihrer persönlichen Einstellungen sowie der Wichtigkeit und möglichen Konsequenzen der Interak- tion mit einer Organisation (Ebd., S. 167 f.). Die endgültige Entscheidung für oder gegen eine Interaktion mit einer Organisation wird dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit von weite- ren Beurteilungsformen komplementiert (Ebd., S. 169). In einem idealtypischen Prozessmo- dell stellt Bitektine (Ebd., S. 168) die folgende Reihenfolge auf: Ein „cognitive legitimacy judgment” und ein „status judgment” ordnet die betrachtete Organisation vorab bereits be- kannten Organiationsfomen bzw. Organisationen vergleichbarer Performance zu. Es folgt die Bewertung nach soziopolitischen Kriterien sowie eine Prüfung der Reputation. Die Aus- wahl der Beurteilungsform bzw. der Prozesslänge der Beurteilung wird dabei von einer so- genannten „cognitive economy” sowie dem sozialen Kontext limitiert (Ebd., 2011, S. 173).

Abschließend lassen sich zweierlei Erkenntnisse zusammentragen. Zum einen kann davon ausgegangen werden, dass sowohl die Legitimierungsstrategien der Organisationen, als auch die einzelnen im Beurteilungsprozess der Anspruchsgruppen verankerten Legitimi- tätsdimensionen, in Beziehung zueinander stehen. Darüber hinaus kann die kognitive Legi- timitätsdimension insbesondere im Frühstadium des Legitimierungs- bzw. des Beurteilungs- prozesses von großer Bedeutung sein und folglich das Verhältnis von Organisationen und Anspruchsgruppen in besonderem Maße beeinflussen.

3 Kognitive organisationale Legitimität - Konzept und Messung

In diesem Kapitel erfolgt zunächst die Konzeptualisierung der kognitiven Legitimität auf theoretischer Ebene (Kap. 3.1). Anschließend wird sich der operationalen Ebene angenä- hert und die Messproblematik herausgestellt (Kap. 3.2). Aufbauend auf einem eigens entwi- ckelten Kategoriensystem (Kap 3.3) werden weiterführend die bisherigen Messansätze zu- sammengetragen und systematisiert (Kap. 3.4). In Kap. 3.5 werden die verschiedenen Messansätze zusammengefasst und gegenübergestellt. Abschließend soll in Kap 3.6 versucht werden, aus den gewonnenen Erkenntnissen der Analyse Rückschlüsse auf das Konzept der kognitiven Legitimität zu ziehen.

3.1 Konzeptualisierung der kognitiven Legitimität

Wie bereits in Kap. 2.1 beschrieben, basiert der Erfolg bzw. die Existenz einer Organisation auf deren Wahrnehmung durch die Anspruchsgruppen. Die Ordnung und Systematisierung dieser Wahrnehmungen erfolgt mittels kognitiver Prozesse (Bonazzi, 2008, S. 331). Nach Scott (1995, S. 41) werden diese kognitiven Prozesse wesentlich von den kulturellen Rah- menbedingungen beeinflusst. Der kulturelle Bezugsrahmen umfasst die von der Gesellschaft aufgestellten Annahmen über Normen, Werte und Überzeugungen (Johnson, 2006, S. 57). Die Gesellschaft bietet den Individuen unter Berücksichtigung des kulturellen Bezugsrah- mens sozial konstruierte kognitive Modelle bzw. Skripte zur Erfassung und Deutung der auf sie einwirkenden Informationen (s. Kap. 2.2). Die Modelle werden von den Individuen der Gesellschaft als selbstverständlich aufgenommen und angewandt (Scott, 1994, S. 81; Wal- genbach & Meyer, 2008, S. 60). Sie zeigen ihnen nicht nur, wie sie die Welt zu sehen haben, wer sie selbst sind und welche Rolle sie in dieser Welt einnehmen (Zimmerman & Zeitz, 2002, S. 420), sondern auch, wie sich die Wirklichkeit konstituiert (Scott, 1995, S. 40) und wer Bestandteil dieser Wirklichkeit sein darf (Ruef & Scott, 1998, S. 879).

Wenn es einer Organisation gelingt, bei ihren Anspruchsgruppen als sinnvoll und verständlich zu erscheinen, wird sie akzeptiert und ihr kognitive Legitimität zugesprochen (s. Kap. 2.2; Brinkerhoff, 2005, S. 4). Sinnvoll sind für die Anspruchsgruppen all jene Informa- tionen, welche sie mit ihren kognitiven Modellen erfassen und kategorisieren können (Ko- stova & Zaheer, 1999, S. 75). Aufgabe der Organisation ist es daher, sich bei ihren An- spruchsgruppen bekannt zu machen und ihnen Wissen über ihre Routinen, Strukturen, Pro- dukte und Strategien zu vermitteln (Aldrich & Fiol, 1994, S. 648, Aldrich & Martinez, 2005, S. 368). Dies ist ihnen gelungen, wenn „there is little question in the minds of actors that it serves as a natural way to effect some kind of collective action“ (Hannan & Carroll, 1992, S. 34). Es kann gefolgert werden, dass „to avoid questioning, an organization need only ‚make sense’“ (Suchman, 1995, S. 575). Suchman weist demgegenüber aber auch darauf hin, dass für darüber hinausgehende Unterstützung, die Organisation einen „Mehrwert“ für die Anspruchsgruppen erbringen muss (1995, S. 575).

Ist die höchste Form kognitiver Legitimität erreicht − Barron (1998, S. 209) bezeich- net diese auch als „an ‚end point‘ of a process of legitimation” − so ist eine aktive Unterstüt- zung der Organisation nicht mehr nötig bzw. möglich, da sie als selbstverständlich (taken- for-grantedness) wahrgenommen wird. Die Selbstverständlichkeit beschreibt „a state in which the organisation’s presence and structure in society is no longer questioned at all, and potential alternatives are literally ‚unthinkable’ (Hargreaves, 2003, S. 4). Es liegt demnach ein komplettes Verständnis der Strukturen, Prozesse und Aktivitäten einer Organisation vor, sodass diese als Teil der soziokulturellen Umwelt angesehen wird (Breitsohl, 2009, S. 5; Tyler, 2006, S. 389). Als Konsequenz handelt es sich bei kognitiver Legitimität − sobald sie erst einmal etabliert ist − um eine äußerst beständige Größe (s. Tab. 1). Suchman bezeichnet kognitive Legitimität summa summarum als „the most subtle and the most powerful source of legitimacy identified to date” (1995, S. 583).

Die Erläuterung der kognitiven Legitimität verdeutlicht nicht nur die hohe Relevanz, die sie für Organisationen darstellt, sondern darüber hinaus auch diverse Alleinstellungs- merkmale gegenüber den anderen Legitimitätsdimensionen. Zwar basiert die Zuschreibung kognitiver Legitimität auch auf einer kulturellen Bezugsgröße, dennoch ist sie wesentlich schwerer zu quantifizieren und zu beeinflussen (s. Tab. 1). Die kulturellen Bezugsgrößen anderer Legitimitätsformen sind externer Natur und daher leichter zu ergründen. So können beispielsweise Gesetze, Normen oder Werte in der Gesellschaft ausdiskutiert werden (s. Tab. 1); kognitive Modelle hingegen, welche die Bezugsgröße der kognitiven Legitimität darstellen, haben sich als Gegebenheiten im (Unter-)Bewusstsein abgelagert und werden − wenngleich auch sie sich fortlaufend verändern (Bonazzi, 2008, S. 331) − nicht zur Diskus- sion gestellt (s. Kap. 2.2), sondern bieten einen Orientierungsrahmen bei der subjektiven Interpretation der über eine Organisation erlangten Informationen (Scott, 1995, S. 40 f.). Über die Interpretation wird das neu erworbene und durch die kognitiven Modelle systemati- sierte Wissen mit bestehendem Wissen abgeglichen und kategorisiert. Dies impliziert zu- gleich, dass der Zuspruch kognitiver Legitimität vergangenheitsorientiert ist, während der Zuspruch anderer Legitimitätsformen einen starken Aktualitätsbezug aufweist (Bitektine, 2011, S. 157). Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, auf welches bisher nur am Rande dieser Arbeit hingewiesen wurde, ist der Umstand, dass kognitive Legitimität keinerlei Bewertung impliziert. Dies ist darin begründet, dass der Zuspruch von kognitiver Legitimität ausschließ- lich auf dem Verständnis der Anspruchsgruppen beruht und im Falle des Selbstverständnis- ses die Kategorisierung sogar unbewusst vorgenommen wird (Jepperson, 1991, S. 147).

Nach Aldrich und Fiol (1994, S. 648) ist das Vorhandensein von Wissen über die Or- ganisation die Voraussetzung für die Zuschreibung kognitver Legitimität. Wissen wird von Individuen kognitiv konstruiert (Probst et al., 2006, S. 22) und basiert auf der Wahrnehmung bzw. Erfahrung von Informationen (Güldenberg & Meyer, 2007, S. 455). Da aus strategi- scher Perspektive die Wahrnehmung der Anspruchgruppen bewusst beeinflusst werden kann (s. Kap. 2.1), kann unter Berücksichtigung der bisherigen Ausführungen davon ausgegangen werden, dass dies über die Vermittlung bestimmter Informationen erfolgt. Um systematisie- ren zu können, wann welche Informationen dargeboten werden, werden im Folgenden die bereits angesprochenen Legitimierungsstragegien (s. Kap. 2.1) und -ebenen (s. Kap. 2.3) aufgegriffen. Stelzer (2009, S. 95 ff.) ordnet mit Bezug auf Aldrich und Fiol (1994), Aldrich und Ruef (2007), Suchman (1995) sowie Zimmerman und Zeitz (2002) jeder dieser Ebenen passende Strategien zu, welche hinsichtlich der kognitiven Dimension nachstehend wieder- gegeben werden.

Unternehmensebene: Auf Unternehmensebene gilt es, eine Wissensbasis mittels Verwendung von symbolischer Sprache und Verhaltensweisen zu entwickeln. Kommuniziert wird dies entweder über eine Konformitätsstrategie, nach welcher etablierte Standards, Mo- delle, Praktiken oder Strukturen adaptiert werden, oder über eine Manipulationsstrategie, nach der die Anspruchgruppen in ihrem Verständnis von der jeweiligen Organisation beein- flusst werden können. Einen Ausgangspunkt hierfür könnte die Vermittlung von Geschich- ten über die Organisation darstellen.

Brancheninterne Ebene: Auf dieser Ebene wird die Wissenbasis um ein einheitliches Design sowie Kooperationen mit vergleichbaren Organisationen erweitert. Ziel ist die Etab- lierung normierter Strukturen. Neben der Konformitätsstrategie ist auf dieser Ebene eben- falls eine Manipulation der Umwelt über die Standardisierung der Strukturen möglich. Fer- ner kann die Umwelt unter der Prämisse geeigneter Strukturen selektiert werden.

Branchenübergreifende Ebene: Die Wissensbasis soll durch die Unterstützung Drit- ter sowie der Übernahme der Selbstverständlichkeit anerkannter und vergleichbarer Bran- chen ausgeweitet werden. Über eine Manipulationsstrategie können Organisationen im Kol- lektiv Popularisierung und Isomorphismus bewerben, um kognitve Legitimität zu erhalten.

[...]


1 Weiterführende Erläuterung dieser Begriffe können u.a. in Stelzer, 2009, S. 84 ff. eingesehen werden

2 Im Gegensatz zum normativen Isomorphismus (s. Kap. 2.1) wird normative / moralische Legitimität nicht ausschließlich professionsbezogen charakterisert (Deephouse & Suchman, 2008, S. 53).

3 Zur Erklärung der Beurteilungsformen siehe Bitektine, 2011, S. 162 f.; Die Beurteilungsform des „cognitive legitimacy judgment“ beinhaltet keine Bewertung (Fallgatter, 2009, S. 13).

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Kognitive organisationale Legitimität - Konzept und Messung
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
46
Katalognummer
V192761
ISBN (eBook)
9783656179146
ISBN (Buch)
9783656179313
Dateigröße
1529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kognitive, legitimität, konzept, messung
Arbeit zitieren
Andreas Hangert (Autor), 2011, Kognitive organisationale Legitimität - Konzept und Messung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192761

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