Der Körper kann nicht lügen: Kommunikation am Pokertisch


Magisterarbeit, 2011

204 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Einleitung
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Forschungsfragen

I. KOMMUNIKATION

2 Definitionen von Kommunikation

3 Nonverbale Kommunikation
3.1 Körpersprache
3.2 Nonverbal vs. Verbal
3.3 Dimensionen der nonverbalen Kommunikation
3.4 Systematisierung
3.5 Wirkung und Manipulation
3.6 Nonverbale Kommunikation in der Tierwelt

4 Körpersignale des Menschen
4.1 Wahrnehmungen
4.2 Gesicht, Emotionen und Mimik
4.2.1 Stirnbereich
4.2.2 Mittelgesicht
4.2.2.1 Die Augen
4.2.2.2 Die Nase
4.2.3 Mund- und Kinnpartie
4.3 Der Hals
4.4 Hände und Finger
4.5 Körperbewegungen
4.6 Nonverbale Vokalisierungen

5 Semiotik
5.1 Einführung
5.2 Historische Entwicklung
5.3 Peirce und de Saussure
5.4 Semiosphäre

II. POKER

6 Geschichte
6.1 Vorläufer und Verbreitung
6.2 Europa und der Rest der Welt
6.3 Online-Poker

7 Basiswissen
7.1 Regelkunde
7.2 Fachbegriffe
7.3 Verschiedene Pokervarianten
7.3.1 (No) Limit Texas Hold’em
7.3.2 Omaha Hold’em
7.3.3 Seven Card Stud
7.3.4 Five Card Draw
7.4 Kartenkombinationen

8 Kommunikation am Pokertisch
8.1 Der „Psychologie“-Faktor
8.2 Bluffs
8.3 Tells
8.3.1 Top-Tells
8.3.2 Allgemeine Tells
8.3.3 Noncombat Tells
8.3.4 Online-Tells
8.4 Betting Patterns

III. EMPIRISCHER TEIL

9 TV Total Pokernacht
9.1 Teilnehmer
9.2 Künstlerische und technische Faktoren

10 Methode
10.1 Beobachtung
10.1.1 Elemente der Beobachtung
10.1.2 Formen der Beobachtung
10.2 Filmanalyse
10.3 Interview
10.4 Abschließende Anmerkungen zur Analyse

11 Analyse „TV Total Pokernacht“
11.1 Wiederkehrende nonverbale Signale
11.2 Paraphrasierung und Kategorienbildung

12 Auswertung und Interpretation

13 Beantwortung der Forschungsfragen

14 Zusammenfassung

15 Literaturverzeichnis und Onlinequellen

16 Abbildungsverzeichnis

17 Anhang

Anhang 1: Interview Erich Kollmann

Anhang 2: Tabelle der gespielten Hände

1. Einführung

1.1 Einleitung

Es ist ein Spiel um die Ehre, um viel Geld und um Ruhm. Es heißt Mann versus Mann, Frau versus Frau, jeder gegen jeden. Und ein falscher Augenaufschlag, eine unbedachte Handbewegung oder ein verbaler Ausrutscher können diese spannungsgeladene Auseinandersetzung entscheiden. Die Rede ist von Poker. Ein Kartenspiel, das heute wieder stark in Mode gekommen ist. Aber woher nimmt es seine Faszination? Für viele ist Poker nur ein einfaches Spiel, ein Zeitvertreib mit Freunden, oder kurz gesagt „ das beste und spannendste Gesellschaftsspiel der Welt “ (Meinert 2007a: 228), für wenige andere jedoch ein Beruf und eine Lebenseinstellung. Und ein Spiel um Millionen! So ging es am Finaltisch der „World Series of Poker“, dem weltweit wichtigsten und prestigeträchtigsten Pokerturnier, sozusagen der Weltmeisterschaft, im Vorjahr um 8,5 Millionen Dollar und 2006 sogar um die Rekordsumme von 12 Millionen Dollar.

Während vor wenigen Jahren die Karten nur in Casino-Nebenzimmern ausgeteilt wurden, gibt es mittlerweile sogar in Österreich offizielle Universitätsmeisterschaften. Die Anzahl der (Hobby-)Spieler geht im deutschsprachigen Raum weit in den Millionenbereich hinein. Bekannte Profis wie Howard Lederer halten Vorlesungen in Harvard und Stanford, dabei die These vertretend, dass Poker ein hilfreiches Werkzeug sein kann, um das Leben erfolgreich zu meistern. Wieder andere, wie Phil Hellmuth, veranstalten Seminare zum Thema „Körpersprache“. Und selbst in unserem Land erschien 2009 ein Buch mit dem Titel „Royal Flush. Pokern oder die Kunst, das Leben zu meistern“. Großer Beliebtheit erfreuen sich im Zuge des Aufschwungs die Pokerspieler, die oft verehrt werden wie Popstars. Es werden Poster aufgehängt, Autogramme gesammelt und die Vorbilder angehimmelt. Zu beobachten bei der „Full Tilt Poker One Million Euro Challenge“, die am 12. September 2009 im Salzburger Messezentrum gastierte. Mit dabei waren die größten Namen der Szene. Wie etwa der Amerikaner Phil „The Tiger Woods of Poker“ Ivey, der beim Poker Geldgewinne in Höhe von 12 Millionen Dollar „erwirtschaften“ konnte, oder Chris „Jesus“ Ferguson, der im April 2006 bei einer speziellen Herausforderung aus null Dollar innerhalb von 16 Monaten 10.000 Dollar machte. Und der Andrang war gigantisch: 8.000 Besucher strömten in das Messezentrum, nahmen an Workshops teil und beobachteten bzw.

feierten den Einmarsch der Pokerspieler zur epochalen Filmmusik von Ridley Scotts Oscarprämiertem Blockbuster „Gladiator“. Poker wurde zu einem Phänomen, herausgeholt aus einem Jahrzehnte andauernden Schattendasein. Vorangetrieben durch den Buchhalter Chris Moneymaker, der 2003 ein 40-Dollar-Online- Qualifikationsturnier für die „World Series of Poker“ gewann und wenig später am Finaltisch des Turniers mit einem der größten Bluffs der Geschichte 2,5 Millionen Dollar abräumte. Und damit einen weltweiten Pokerboom auslöste. In den Vereinigten Staaten ist Poker nach American Football und Nascar die beliebteste regelmäßige Sportart im TV, noch vor Basketball und Baseball.

Bleibt noch immer die Frage nach dem Reiz des Spiels. Poker ist leicht zu lernen, ein netter Zeitvertreib mit Freunden und Bekannten und vor allem ein Spiel, das man niemals perfektionieren kann. Selbst der gewiefte Profi lernt bei jeder Begegnung aufs Neue dazu. Niemand beherrscht das Spiel vollends, aber ein jeder versucht es. Konzentration, Entschlossenheit und Fantasie spielen eine wichtige Rolle. Am Pokertisch kann ein falscher Blick, eine verdächtige Handbewegung oder ein unscheinbares Zwinkern über Unmengen von Geld entscheiden. Die Rede ist von „Tells“, unbewussten oder bewussten Signalen, die beim Poker „gesendet“ werden; oder anders formuliert, den Zeichen im semiotischen System von Poker. Denn auch wenn es oft so heißt: Poker ist kein reines Glücksspiel. Ebenso wichtig ist eine Strategie, Geschick und die Fähigkeit den Gegenspieler zu „lesen“, seine Körpersprache richtig zu deuten, verdächtige Zeichen zu erkennen und ihn punktgenau zu analysieren. Beim Poker kommt es auf Menschenkenntnis an. Hier möchte ich Jan Meinert (2007: 52f), Rechtsanwalt, Autor und selbst erfolgreicher Pokerspieler, zitieren:

„ Poker ist ein Skill-Game, das gerade so viele Glückselemente enthält, wie nötig sind, um schlechten Spielern weiszumachen, es sei ein Glücksspiel. [ … ] Ein guter Pokerspieler hat maximale Kontrolleüber den Glücksfaktor. “

Man muss am Pokertisch kommunizieren um Erfolg zu haben, die Sprache des Gegners verstehen, seine nonverbalen Signale entschlüsseln und dabei selbst jedwede Gemütsregung unterdrücken. Enkodierte Botschaften müssen vom Empfänger dekodiert, verbale und nonverbale Botschaften richtig gelesen werden. Die zwischenmenschliche bzw. nonverbale Kommunikation spielt am Pokertisch eine mindestens ebenso große Rolle wie die Wahrung des berühmten „Pokerface“. Poker ist Kommunikation. Um an dieser Stelle ein anschauliches Beispiel anzuführen, verweise ich auf ein Duell zwischen dem Dänen Gus Hansen, seines Zeichens einer der besten Pokerprofis der Welt und dem US-Bundespolizisten Joe Navarro. Gus Hansen hält die Hand J7, hat damit bei dem aufgedeckten Flop eine Siegeschance von lediglich 5,7 Prozent. Eine Sonnenbrille verdeckt seine Augen. Dennoch geht er exakt nach drei Sekunden „All-In“, setzt 60.000 Dollar. Im Schnitt gewinnt der Däne, ob mit oder ohne Bluff, 90 Prozent seiner gespielten Hände. Nicht in diesem Fall, denn sein Gegner war 25 Jahre lang Verhörspezialist des FBI, hat mehr als 4000 Verdächtige analysiert und auch in diesem Szenario nur die Körpersprache seines Gegners im Blick. Kein leichtes Unterfangen, Pokerprofis sind immerhin in der Lage, bis zu 90 Prozent der Body Tells zu unterdrücken. Nicht genug für Navarro. Es sind der Atem und die Finger, die schlussendlich Hansens Bluff verraten. Der Atem setzte in dem Moment, als die Karten aufgedeckt wurden, für den Bruchteil einer Sekunde aus, die Finger krümmten sich zwei Zentimeter zum Handinneren, sagte Navarro danach. Beides starke Stressindizien und in striktem Gegensatz zum selbstsicheren „All-In“. Der Körper hat den Bluff verraten. (Vgl. Wellmann 2010: 17ff)

Aus Sicht der Wissenschaft ist es daher bedauerlich, dass das sozio- oder besser populärkulturelle Phänomen Poker, das so sehr von Kommunikation abhängig ist, im etablierten und breit gefächerten Fach der Kommunikation swissenschaft bis dato keine Erwähnung oder Beachtung findet. Durchstöbert man Bibliotheken und Online- Verzeichnisse, kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass es zu dieser Thematik nur einschlägige Literatur gibt. Entweder zu den Grundregeln des Spiels oder von Spielern verfasste Bücher über „Tells“. Der Einzug in die wissenschaftliche Materie blieb dem Kartenspiel leider verwährt. Trotz der unverkennbaren Verschmelzung kommunikationswissenschaftlicher und sozialpsychologischer Elemente bei einem gesellschaftlichen Austausch namens Poker.

Vorrangiges Ziel der Magisterarbeit ist es, das Massenphänomen Poker in seiner ganzen Komplexität darzustellen und einerseits die Notwendigkeit der Kommunikation beim Poker aufzuzeigen und andererseits das Zeichensystem des Spiels, die „Tells“, zu „entschlüsseln“, um herauszufinden, wie man die Körpersprache des Gegners am besten analysiert, die Züge der anderen Spieler durchschaut und ihnen damit immer einen Schritt voraus ist. Es soll die Kommunikation am Pokertisch aufgezeigt werden, wobei die vermehrte Aufmerksamkeit auf den Bereich der nonverbalen Kommunikation, dessen zentrale Rolle im Laufe der Arbeit immer wieder ins Zentrum der Untersuchungen gezogen wird, gerichtet ist. Deshalb fiel die Wahl auf den Titel „Tells und Bluffs. Die interpersonelle Kommunikation am Pokertisch“.

Anzumerken ist noch, dass ich mich in den Untersuchungen und Forschungen ausschließlich auf die populärste und beliebteste Pokervariante „Texas Hold’em No Limit“ beziehe. Heutzutage werden 80 Prozent aller Spiele in dieser Variante, die gemeinläufig auch als die aufregendste gilt, ausgetragen. Andere Formen werden zu einer Vervollständigung des Gesamtbildes kurz erläutert, aber nicht näher behandelt.

Zu Beginn der Arbeit habe ich in Literatur und Musik Zitate herausgesucht, mit denen die Wichtigkeit der Kommunikation am Pokertisch untermauert wird:

„ Um herauszufinden, welche Hand dein Gegner beim Showdown zeigt, beobachte seine Bewegungen, die Adern an seinem Hals, seine Augen, die Art, wie er schwitzt. “

(Johnny Moss, 1975; führte die heutzutage beliebteste Poker-Variante, das Texas Hold’em No Limit Spiel ein) „ 70 Prozent ihres Sieges hängen von ihrer Fähigkeit ab, ihre Gegner zu beobachten. “

(Phil Hellmuth, 1989; mehrfacher Pokerweltmeister)

„ He said: Son I ´ ve made a life out of readin ’ people ’ s faces, and knowin ’ what their cards where, by the way they held their eyes. And if you don ’ t mind my sayin ’ , I would say you ’ re out of aces; and for one taste of you whiskey, I will give you some advice. ”

(Auszug aus dem Lied “The Gambler” von Kenny Rodgers)

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich im Wesentlichen in die zwei Hauptabschnitte Theorieteil und empirischer Teil, wobei der Theorieteil, beim dem ich mich für eine Literaturanalyse entschieden habe, selbst noch einmal aus zwei großen Themengebieten mit etlichen Unterpunkten besteht ([Nonverbale] Kommunikation und Poker). So werden in diesem die theoretischen Grundlagen der nonverbalen Kommunikation, Ansätze der Semiotik, sowie die Grundlagen des Pokerspiels und die Regelkunde erläutert. Aufbauend auf den daraus resultierenden Erkenntnissen erfolgt im zweiten, empirischen Teil der Arbeit, die Analyse eines Pokerduells, bei der das Hauptaugenmerk der Körpersprache der Spieler gilt. Ergänzend dazu fand ein Interview mit Pokerprofi Erich Kollmann, dem Gründer von „Unipoker“ statt. In diesem sprach er über seine persönlichen Erfahrungen mit der Körpersprache am Pokertisch. Das Interview findet sich im Anhang der Arbeit wieder.

Im ersten Abschnitt widme ich mich grundlegenden Erkenntnissen der nonverbalen Kommunikation. Schon im Hinblick auf die empirische Untersuchung werde ich mich nach einer kurzen Einführung in die Thematik und dem Versuch eine treffende Definition für elementare Kommunikationsbegriffe zu finden, mit der Funktion der nonverbalen Kommunikation, sowie den gängigsten Signalen der Körpersprache und deren Bedeutung auseinandersetzen, um einen ersten Einblick in den Forschungsbereich zu erlangen. Da eine Untersuchung aller Formen der interpersonellen Kommunikation den Umfang der Arbeit sprengen würde, wird ein besonderer Schwerpunkt auf die, für den empirischen Teil relevanten, Ausdrucksfelder (Mimik und Gestik) des Menschen gelegt. Das Feld der verbalen und vokalen Kommunikation wird lediglich rudimentär angeschnitten, um ein schlüssiges Gesamtbild zu kreieren. Im Anschluss daran folgt ein kurzer Ausflug in die Welt der Semiotik, der Lehre von den Zeichen und Zeichensystemen. Dabei wird auf die moderne Semiotik, die populärsten Modelle und deren Vertreter näher eingegangen. Das abschließende Kapitel des Theorieteils dreht sich um das Spiel Poker. Nach einem kurzen historischen Anriss, folgen eine Darstellung der verschiedenen Pokervarianten, sowie eine kurze Erklärung der Spielregeln, welche für den empirischen Teil der Arbeit unausweichlich scheint. Der Theorieteil endet schließlich mit einer Einführung in die Kommunikation am Pokertisch, die Welt der „Tells“, die Zeichen, die ein Pokerspieler am Tisch „aussendet“ und die, zusammen mit den anfangs erwähnten Signalen der Körpersprache, die Basis für meine empirische Untersuchung bilden. Der zweite Teil der Arbeit beginnt mit einer kurzen Vorstellung der „TV Total Pokernacht“ und der Ausführung einiger künstlerischer und technischer Faktoren. Dem folgt die Darstellung der gewählten Methode und die Analyse der Pokernacht. Die Auswahl dieses Formats hat vor allem zwei Gründe: Erstens treten Prominente, also Amateurspieler, gegeneinander an, weshalb ihre nonverbalen Signale leichter als die von Profis zu analysieren sind und zweitens steht das im Hauptabendprogramm von Pro7 platzierte Event in einer gewissen Weise stellvertretend für den anherrschenden Pokerboom und die Medienpräsenz des Kartenspiels. Zu Beginn der Arbeit wurde die Beobachtung bzw. Analyse eines regionalen Pokerturniers in Erwägung gezogen. Diese Idee musste aber aufgrund der Tatsache, dass ich für eine repräsentative Analyse die Hole Cards (die zwei Startkarten der einzelnen Spieler) kennen muss und das bei einem Live-Turnier nicht möglich ist, verworfen werden. Bei der Analyse selbst sollen die Teilnehmer und ihre Reaktionen bzw. ihr Verhalten bei starken bzw. schwachen Karten sowie verschiedene Spielabläufe beobachtet werden. Ihre Körpersprache wird dabei mit den theoretischen Ergebnissen abgeglichen.

Für eine einfache Lesbarkeit werden in der Arbeit durchgängig die männlichen Formen in Ausdruck und Sprache verwendet. Alle Ausführungen sind demnach aber selbstverständlich gleichgeschlechtlich zu verstehen.

1.3 Forschungsfragen

Um das Thema in seiner ganzen Komplexität abzudecken, fiel die Wahl auf eine leitende Forschungsfrage sowie diverse vertiefende Forschungsfragen, die im Rahmen der Magisterarbeit aufgearbeitet werden:

Leitende Forschungsfrage:

Wie viel Kommunikation verbirgt sich hinter dem „ Glücksspiel “ Poker?

Vertiefende Forschungsfragen:

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Welche erfolgsträchtigen Möglichkeiten gibt es beim Poker, die Körpersprache des Gegenspielers zu „ lesen “ bzw. den Gegenspieler mit der eigenen Körpersprache in die Irre zu führen?

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Welche Rolle spielt die verbale Kommunikation am Pokertisch?

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Wo liegen die Grenzen bei der subjektiven Kontrolle der nonverbalen Kommunikation?

Ergänzend dazu habe ich mich entschlossen, eine Art flankierende Begleitfrage aufzugreifen, die sich nicht direkt mit dem Aspekt der interpersonellen Kommunikation am Pokertisch beschäftigt, aber im Kontext der Pokerdiskussion und dessen Boom interessant zu bearbeiten ist und das geschaffene Gesamtbild abrunden soll.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Wie entwickelte sich Poker von einer „ Randgruppenbeschäftigung “ zum populären Massenphänomen?

Wie sagte schon Ian Flemings weltbekannte Romanfigur James Bond (in „Casino Royale“):

„Man spielt beim Poker nicht seine Karten aus, sondern sein Gegenüber.”

I KOMMUNIKATION

2. Definitionen von Kommunikation

Was ist Kommunikation? Bis in die Gegenwart ist es nicht gelungen, eine universelle, fächerübergreifende „Superdefinition“ für den Begriff „Kommunikation“ zu finden. Spielt der Kommunikationsprozess doch sowohl in Psychologie, Soziologie, Philosophie und natürlich in der Kommunikationswissenschaft eine transdisziplinäre zentrale Rolle, ist Dreh- und Angelpunkt verschiedener Theorien und Forschungsansätze. Kommunikation ist daher als polysemer Begriff zu verstehen, der sich in verschiedenen Kontexten, unterschiedlicher Bedeutungen konfrontiert sieht. So versteht auch Klaus Merten (1977: 29) die Hauptaufgabe darin, „ die vielfältigen und heterogenen Definitionen von Kommunikation einzugrenzen und solche Definitionen herauszuarbeiten, die wesentlich sind, theoretische Ansätze zu formulieren, die zentrale und umfassende Aspekte von Kommunikation treffen “. Ziel sollte es aber nicht sein, so viele Begriffsdefinitionen wie möglich aufzulisten, sondern diejenigen zu finden, die das Thema treffend darstellen und die wesentlichen Merkmale der Kommunikation wiedergeben. Oder wie es Roland Burkart (1995: 7) formuliert: „ Es soll versucht werden, v.a. jene Dimensionen der Begriffsrealität herauszuarbeiten, welche die humanspezifischen Qualitäten dieses Prozesses zu fassen vermögen “ . Er verweist in diesem Kontext auf die Definition von Maletzke (1978: 18), der Kommunikation als eine „ Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen “ versteht.

Eine präzise Definition des Kommunikationsaustausches formuliert Klaus Scherer (1977: 14), der den Austausch als Prozess, in dem „ zwei oder mehrere ko-orientierte und wechselseitig kontingent interagierende Akteure im Rahmen zielgerichteter Verhaltenssequenzen Informationen durch Zeichenkomplexe in verschiedenen Ü bertragungskanälenübermitteln “, beschreibt. Er erweitert damit das Grundmodell des Kommunikationsprozesses (bestehend aus: Quelle [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Sender [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Nachricht + Rauschen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Empfänger [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Ziel) um die Variablen:

„ Ko-orientierung “: gegenseitige Aufmerksamkeit der Kommunikationspartner;

„ wechselseitige Kontingenz “: Abhängigkeit einer Reaktion von der vorausgegangenen Reaktion des Interaktionspartners und dem eigenen Verhaltensplan; es bedarf neben der Mitteilung des Senders einer Empfangsbestätigung des Adressaten;

„ zielgerichtetes Verhalten “: Interpersonale Kommunikation besteht aus dem zielgerichteten Verhalten der involvierten Akteure, gekennzeichnet durch temporäres Ineinandergreifen der Verhaltenspläne der Kommunikationspartner zu Zeitpunkten, zu denen das Erreichen des gesetzten Handlungsziels die Interaktion mit anderen erfordert;

„Ü bermittlung von Information “: die Funktion der Kommunikation ist die Übermittlung von Information, die Reduktion von Unwissenheit oder Ungewissheit über den Zustand des betreffenden Objektbereichs;

„ verschiedene Ü bertragungskanäle “: die für den Informationsprozess zur Verfügung stehenden Übertragungskanäle bzw. -modalitäten können durch die jeweils zur Rezeption benutzten Sinnesorgane charakterisiert und unterschieden werden. (Vgl. Scherer 1977: 14-19)

Eine weitere treffende und für diese Arbeit relevante Definition des Terminus Kommunikation finden wir bei Paul Watzlawick (1990: 51):

„ Wenn man [ … ] akzeptiert, daßalles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, d.h. Kommunikation ist, so folgt daraus, dass man, wie immer man es auch versuchen mag, nicht nicht-kommunizieren kann. Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikation reagieren und kommunizieren damit selbst. “

Aus den beiden vorliegenden Begriffsdefinitionen lässt sich bereits ableiten, dass Kommunikation mehr ist, als einfaches „miteinander reden“. Der Informationsaustausch findet mithilfe vieler verschiedener Kommunikationskanäle und Verhaltensformen statt.

Vor allem Paul Watzlawicks metakommunikatives Axiom gibt zu verstehen, dass Kommunikation primär nicht nur auf verbalen Äußerungen, sondern darüber hinaus auf paralinguistischen Phänomenen (Tonfall, Sprechpausen,…), Körperhaltung und Ausdrucksbewegungen (Körpersprache) fußt. Kommunikation steht zusammengefasst für eine Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen, die mit Hilfe von Mimik, Gestik, Sprache, Bild, Schrift oder Ton miteinander kommunizieren. (Vgl. Hübler 2001: 11)

Die „interpersonelle Kommunikation“ definiert Peter Hartley (1993: 4) als Kommunikation eines Individuums mit einem anderen, die „face-to-face“ abläuft und die den persönlichen Charakter sowie den sozialen Status und die Beziehungen der beteiligten Personen wiedergibt. Ähnlich wie bereits beim Terminus „Kommunikation“, gibt es auch für die interpersonelle Kommunikation keine allgemeingültige Definition, wie es Bochner (1985: 27) ausführlich umschreibt: „ There are no rigorous definitions that limit the scope of the field, no texts that comprehensively state ist foundations, and little agreement among practitioners about which frameworks or methods offer the most promise for unifying the field. “

3. Nonverbale Kommunikation

Ausgehend von der, in der Einleitung angeführten Kommunikationsdefinition von Klaus Scherer, lässt sich auf das Betätigungsfeld der nonverbalen Kommunikation schließen. Laut Scherer (1977: 19) kann die Informationsvermittlung durch die zur Rezeption benutzten Sinnesorgane unterschieden bzw. charakterisiert werden. Was folgende Übertragungskanäle beinhaltet: auditive, visuelle, olfaktorische, taktile, thermale und gustatorische Mitteilungen.

Der Begriff „nonverbale Kommunikation“ (im Deutschen häufig als außersprachliche, nicht-linguistische, averbale, nichtverbale Kommunikation bezeichnet) impliziert also nicht nur eine Auseinandersetzung mit rein sichtbaren Verhaltensweisen wie Gestik und Mimik. Auch hörbare Verhaltensweisen wie Sprechstil und Stimmqualität werden zur nonverbalen Kommunikation gezählt, weshalb etwa von Laver und Hutcheson (1972) bereits der Vorschlag kam, die Unterscheidung „verbal-nonverbal“ durch die Unterscheidung „vokal-nonvokal“ zu ergänzen. (Vgl. Scherer 1977: 11)

Ein weiterer Versuch, das Nonverbale im Zusammenhang mit Kommunikation systematisch darzustellen, stammt von Mark Knapp (1997: 5-8). Dieser definiert die Reichweite des Begriffs durch die Identifikation von sieben umfangreichen Feldern:

I. Körperbewegung oder kinetisches Verhalten (Body motion or kinesic behavior )

Gesten, Körperbewegungen, Gesichtsausdruck, Blickverhalten, etc.; II. Physische Eigenschaften (Physical characteristics) Körperliche Eigenschaften, wie Größe, Gewicht, Aussehen, etc.; III. Berührungsverhalten (Touching behavior)

Alle Arten des Sich-Berührens im Kontext von Kommunikationsprozessen;

IV. Parasprache (Paralanguage) Stimmqualitäten (Tonhöhe, Sprechtempo, Resonanz), Vokalisationen;

V. Proxemik (Proxemics) Das räumlich-kommunikative Verhalten der Menschen zueinander (Nähe und Distanz, Sitz- und Stehordnungen);

VI. Artefakte (Artifacts) Alles was an Objekten eingesetzt wird, um Kommunikation zu stimulieren (Parfum, Sonnenbrillen, Kleidungsstücke);

VII. Situationsabhängige Faktoren (Environmental factors)

Rahmenbedingungen, unter denen Kommunikation stattfindet und die diese beeinflussen;

Knapp umschreibt damit ein sehr weitläufiges Feld der nonverbalen Kommunikation. Um dieses Feld sinnvoll einzugrenzen, stammt von Axel Hübler (2001: 21) der Vorschlag, „ den Fokus auf solche Daten zu beschränken, die in einer Gemeinschaft rekurrent sind, deren Bedeutung deshalb allgemein geteilt wird [ … ] und die somit informativ sind “ . Eine andere Möglichkeit wäre, innerhalb dieses Bereichs nur das beobachtbare nonverbale Verhalten zu berücksichtigen. Als zentralstes Selektionskriterium sieht Hübler aber das der Intentionalität, worin sich das Konzept des Kommunikativen voll zu erfüllen scheint. (Vgl. Hübler 2001: 21)

Michael Argyle (2005: 58) wiederum sieht die nonverbale Kommunikation als unterstützendes bzw. ergänzendes System zur Sprache sowie als Ausdrucksmöglichkeit von Emotionen und interpersonalen Einstellungen. In diesem Kontext liefert Argyle (2005: 62) eine Erklärung für nonverbale Signale und definiert diese als „ körperliche Bewegungen, die als rein physische Vorgänge analysiert werden können “ und erst dadurch wichtig werden, „ dass sie für Sender und Empfänger eine Bedeutung haben “ . Nonverbale Kommunikation ist vom Sender, der eine Botschaft (wie ein Lächeln) enkodiert, ob mit oder ohne Absicht, und einem Empfänger, der sie dekodiert, damit das Signal für beide Kommunikationspartner eine Bedeutung hat, abhängig. Die Dekodierung kann eine äußert komplizierte Angelegenheit werden, da viele Mitteilungen schwer zu interpretieren sind. Dazu kommt, dass bei der Interpretation die persönliche Einstellung bzw. die Erfahrungen des Empfängers eine Rolle spielen, was häufig zu Missverständnissen führen kann. (Vgl. Argyle 2005: 63)

Die Forschungen zur nonverbalen Kommunikation per se können gewissermaßen als eine Fortsetzung der Ausdruckspsychologie gesehen werden, die in den 1960er Jahren im traditionellen Sinne endete. Mit ihr verbinden sich Namen wie Michael Argyle (1972, 1979), Klaus Scherer (1979, 1982), Harald Wallbott (1977) und Paul Ekman (1978). Wissenschaftler und Autoren, die im Laufe der Arbeit noch des Öfteren Erwähnung finden. (Vgl. Rothe 2006: 91)

3.1 Körpersprache

Die Körpersprache ist ein Bereich der nonverbalen Kommunikation, der, wie die Wortzusammensetzung zu verstehen gibt, sämtliche Kommunikationssignale die vom Körper vermittelt werden vereint. Sprich, „ jede bewußte und unbewußte Bewegung eines Körperteils oder des ganzen Körpers, die von einem Menschen dazu genutzt wird, der Außenwelt emotionale Botschaften zuübermitteln “ (Fast 2003: 9). Das Spektrum reicht von einfachen Gesten bis hin zum Augenaufschlag. Von sämtlichen nonverbalen Kommunikationskanälen kommt der Körpersprache die größte öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. (Vgl. Forgas 1995: 159) Die Grenze zwischen den Begriffen „nonverbale Kommunikation“ und „Körpersprache“ ist allerdings eine sehr vage. In vielen Werken werden diese beiden Ausdrücke substituiert betrachtet. So führt etwa Argyle (2005) in seinem Werk „Körpersprache & Kommunikation“ vokale Erscheinungen wie selbstverständlich unter dem Topic „Körpersignale“ mit an, eine klare Abgrenzung zwischen den beiden Termini ist kaum gegeben. In der Arbeit soll deshalb eine strikte Trennung der beiden Begriffe vollzogen werden. Unter Körpersprache werden im Verständnis des Autors explizit die beobachtbaren visuellen Signale verstanden und weniger auditive, taktile oder gar gustatorische Erscheinungen. Ein Bereich der äußerst eng mit der Körpersprache verbunden ist, ist der der Kinetik oder Kinesik - die „ Wissenschaft von der Körpersprache “ (Fast 2003: 8).

Kinetik

Bei der Kinetik, die die Verhaltensmuster der nicht-verbalen Kommunikation deutet, handelt es sich um eine relativ neue Wissenschaft, die erst in den 1970er Jahren Popularität erlangte und mit der heutzutage vor allem ein Name verbunden wird: Ray Birdwhistell. Birdwhistell (1968: 192) versteht unter dem Begriff Kinetik, oft als Kinesik tituliert, „ die Wissenschaft von der Kommunikation durch körperliches Verhalten “. Körperbewegungen und Gesichtsausdruck gehören einem erlernten, kodierten System an und ähneln in Struktur, wie in ihrem Beitrag zu einem systematisch geregelten kommunikativen System, der gesprochenen Sprache. Zur Kinetik gehören visuelle nonverbale Aspekte wie Bewegung, Körperhaltung und Gestik, welche die Sprache ersetzen bzw. unterstützen können. (Vgl. Birdwhistell 1968: 192)

Die nonverbalen kinetischen Ausdrucksformen bezeichnet Birdwhistell als „Kineme“, welche weiter in „Kine“ und „Allokine“ unterteilt werden können. Werden diese Ausdrucksformen miteinander kombiniert, können so genannte „Kinemorpheme“, kinemorphe Formen, entstehen. Die Signale werden allerdings nicht einfach frei aneinandergereiht, vielmehr existieren Überleitungsregeln („conventions of junction“), welche die wortähnlichen Formen zu satzähnlichen Sequenzen kombinieren. Doch auch diese neuen Sequenzen von Körperbewegungen schöpfen bei weitem nicht alle möglichen Aktivitäten des Körpers aus. Sie sind Bausteine für noch längere Verhaltenssequenzen. Um das ganze grafisch entsprechend darzustellen, werden den verschiedenen Signalen von Birdwhistell bestimmte Zeichen zugeteilt, wie das kinesische Doppelkreuz („/k#/“) Auf die exakte Einteilung wird an dieser Stelle allerdings verzichtet, da diese in ihrer Komplexität eine eigene Arbeit füllen und ein weiteres Vordringen in die Thematik unausweichlich zu offenen Fragen führen würde.

(Vgl. Birdwhistell 1968: 198f & Birdwhistell 1971: 132)

Basierend auf dem Zusammenwirken von Kinetik und Sprache, können zwei Arten von kinetischem Verhalten festgehalten werden: kinetische Markierungen und kinetische Betonungen. Kinetische Markierungen sind Bewegungen, die in Verbindung mit oder als Ersatz von syntaktischen Zusammenhängen stehen. Kinetische Betonungen sind im Gegensatz dazu Bewegungen, die beim Sprechen eine syntaktische Funktion übernehmen. Dazu zählen leichte Kopfbewegungen, Lippenbewegungen, Beinwechsel oder Augenblinzeln. Wie der Name schon sagt, dienen diese dem Betonen von Gesprochenem, was zu vier weiteren Unterkategorien führt: primäre Betonung (starke Bewegung), sekundäre Betonung (schwächere Bewegung), unbetont (normale Sprechbewegung) und unterbetont (reduzierte Aktivität). (Vgl. Birdwhistell 1971: 103f & Knapp/ Hall 1997: 204)

Als Begründer der modernen Kommunikationsstudien über Körperbewegungen wird heute Charles Darwin angesehen, obwohl es ihm nicht gelungen ist, den qualitativen Sprung zwischen seinen Beobachtungen tierischen und menschlichen Ausdrucks- und Bewegungsverhaltens und deren Verbindung mit geregelten Kommunikationssystemen zu vollziehen. Die Feststellung, dass Körperbewegungen einem Code folgen und dieser für eine erfolgreiche Kommunikation gelernt werden müsse, stammt von dem Linguisten Edward Sapir Anfang der 30er-Jahre, einem Schüler Franz Boas’. Von direkter Bedeutung für die Entwicklung der Kinetik waren schließlich die theoretischen und methodologischen Fortschritte der deskriptiven Linguistik, die mit der Analyse des menschlichen Sprachverhaltens ein, für diverse andere Verhaltensweisen anzuwendendes, Modell schuf. (Vgl. Birdwhistell 1968: 194f)

3.2 Nonverbal vs. Verbal

„ Ein Mensch kann aufhören zu sprechen, er kann aber nicht aufhören, mit seinem Körper zu kommunizieren; er muss damit entweder das Richtige oder das Falsche sagen; aber kann nicht gar nichts sagen. “ (Goffman 1971: 43)

Bezug nehmend auf Goffmanns Zitat sowie auf das zu Beginn der Arbeit angeführte Postulat von Watzlawick („ man kann nicht nicht kommunizieren “), lässt sich ableiten, dass die Körpersprache bzw. die nonverbale Kommunikation in keinem Fall als simples „On/Off-System“ interpretiert werden kann. Vielmehr läuft diese, auch wenn sie vom Sender nicht bewusst eingesetzt wird, in einem ständigen „Standby-Modus“. Wenn zwei Menschen miteinander kommunizieren, senden sie unbewusst nichtverbale Signale. Die verbale Kommunikation ist eng mit der nonverbalen verflochten und in verschiedener Hinsicht von ihr angewiesen. Die verbale Kommunikation benötigt nonverbale Informationen zur Ergänzung, zur Vervollständigung von Äußerungen, umgekehrt brauchen nonverbale Kommunikationsformen die verbalen Mitteilungen zu einer präziseren Inhaltsangabe. Menschen, die mit einem ausdruckslosen Gesicht in die Gegend starren, so Argyle (1975: 118), könnten mit niemandem kommunizieren. Der Anthropologe Albert Mehrabian versuchte diese nonverbale Dominanz in Prozentzahlen zu fassen und kam zu dem Schluss, dass nur sieben Prozent aller Informationen, die wir aus einem Gespräch gewinnen, aus den Worten geholt wird. 38 Prozent beziehen wir aus dem Klang der Stimme, 55 Prozent aus der Körpersprache. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Birdwhistell, laut dem 65 Prozent der im zwischenmenschlichen Austausch eingeholten Information, nicht aus den Worten stammt. (Vgl. Thiel 1986: 8)

Birdwhistell (1968: 193) sieht Kommunikation als ein „ Vielspur-System “, bei dem gesprochene Sprache und Körperbewegungssprache die Rolle von Infra- Kommunikationssystemen einnehmen, die miteinander interdependent verschmolzen sind. Ein kontinuierlicher Interaktionsprozess, bestehend aus vielschichtigen, einander überlappenden und diskontinuierlichen Verhaltenssegmenten. Gewöhnlich wird also zusammen mit Worten und Sätzen eine Vielfalt nonverbaler Signale vermittelt, welche die verbale Nachricht modifizieren oder in manchen Fällen sogar völlig ersetzen können. (Vgl. Birdwhistell 1968: 193) Scherer spricht in diesem Zusammenhag von drei unterstützenden Funktionen, die vokale (Pausen, Betonung etc.) und nonvokale nonverbale Zeichen (Mimik, Gestik etc.) für die Bedeutungskonstitution sprachlicher Äußerungen in gesprochener Sprache einnehmen können: Amplifikation (gleichzeitige Verwendung von nonverbalen Zeichen und verbalen Äußerungen), Kontradiktion (Widerspruch zwischen der verbalen und nonverbalen Verhaltensweise) und Modifikation (durch nonverbale Hinweise wird der Inhalt der verbalen Nachricht verändert). (Vgl. Scherer 1977: 19f) Als vierten Punkt zählt Scherer die Substitution auf. Diese stellt dahingehend einen Sonderfall dar, da keine begleitende Verbaläußerung vorliegt und der Bedeutungsinhalt direkt durch ein nonverbales Zeichen übermittelt wird. (Vgl. Scherer 1976: 26) In ein ähnliches Horn bläst Lotte Weinrich (1992: 13ff), die die nonverbale Kommunikation nicht als „ minderes Anhängsel der verbalen Kommunikation “ sieht, dabei die These vertretend, dass nonverbale Signale mithilfe der linguistischen Semantik untersucht werden müssen und das Verhalten unabhängig von verbalen Äußerungen zu betrachten sei. Für sie bilden die beiden Ausdrucksformen keine untrennbare Einheit, wie zuvor bei Birdwhistell.

Richmond, McCroskey und Hickson (2008: 7f) unterscheiden wiederum sechs unterschiedliche Funktionen, die die nonverbale Kommunikation in Bezug auf die verbale einnehmen kann: komplementierend, gegensätzlich, betonend, wiederholend, regulierend und ersetzend. Mit diesen sechs Eigenschaften, die simultan vonstatten gehen können, wollen sie die enge Verknüpfung der beiden Kommunikationswege verdeutlichen.

Komplementierende nonverbale Nachrichten treten begleitend zu verbalen Botschaften auf. Diese bekräftigen, verdeutlichen oder erklären den Inhalt einer verbal getätigten Aussage. Gegensätzliche nonverbale Nachrichten stehen, wie der Name bereits impliziert, für einen Gegensatz zur mündlichen Botschaft. Wenn diese Grundkonstellation gegeben ist, tendieren die Leute dazu, dem nonverbalen Teil der Nachricht Glauben zu schenken. Verspricht der Angestellte dem Vorgesetzten: „Ich werde diesen Fehler nicht mehr machen“ und schaut dabei mit einem schmollenden Gesicht zu Boden, wird der Chef der Körpersprache vertrauen. Diese Form der Vernetzung ist beim Sarkasmus zu beobachten. Erst das gegensätzliche nonverbale Verhalten „outet“ das Gesagte als Sarkasmus. Misslingt die Abgrenzung, wird dieser nicht verstanden. Betonende nonverbale Nachrichten unterstreichen verbale Aussagen. So kann eine gesetzte Pause die ihr folgenden Worte wichtiger erscheinen lassen oder ein Erhöhen der Stimme bestimmte Textpassagen hervorheben. Werden hingegen Sätze bewusst emotionslos gesprochen, können Wörter „unterbetont“ und in der Folge beim Diskussionspartner schneller vergessen werden. Unter wiederholende nonverbale Nachrichten fallen die im weiteren Verlauf der Arbeit noch öfters aufgegriffenen und im Detail erklärten Embleme. Diese stehen stellvertretend für die verbale Botschaft und kommen zum Einsatz, wenn beispielsweise beim Bestellen in einer Bar zwei Finger gehoben und dazu begleitend zwei neue Getränke geordert werden. Das Nonverbale wiederholt das Verbale, das eine hätte anstatt dem anderen zum Einsatz kommen können. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 8f) Regulierende nonverbale Nachrichten koordinieren ein Gespräch. Darunter fällt der gehobene Zeigefinger genauso wie der Blick zum Konversationspartner. Ist verbale Kommunikation aus diversen Gründen (Lautstärke, Entfernung,…) schwierig oder unmöglich, kann ein Austausch nonverbaler Signale (Blicke, Lächeln, Gesten) an die Stelle der verbalen Kommunikation treten. Ersetzende nonverbale Nachrichten treten anstelle der verbalen in Kraft. Kommunikationspartner unterschiedlichen Geschlechts haben mithilfe nonverbaler Zeichen (Blickkontakt) und einem elaborierten Austausch dieser, meist schon vor dem ersten gewechselten Wort Interesse und Gefallen aneinander gefunden. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 10f & Forgas 1995: 126)

Das Problem bei der nonverbalen Kommunikation liegt meist nicht in der Wahrnehmung der Signale seines Gegenübers während einer Konversation, sondern in der Fähigkeit, diese zu verstehen. Die Fähigkeit, die Sprache des Körpers richtig zu lesen und zu deuten, entwickelte sich nicht in gleichem Maße weiter, wie die Fähigkeit mit dem gesprochenen Wort umzugehen. Durch Trainingsverfahren, wie der Vermittlung theoretischer Kenntnisse oder dem Üben mit konkretem Material wie Videoaufnahmen, kann die soziale Kompetenz, die Fähigkeit der Emotionswahrnehmung, die Verbesserung der Wahrnehmungsgenauigkeit für soziale Stimuli gesteigert werden. Um nonverbale Signale zu verstehen, müssen letzten Endes viele unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden. Dazu zählen das Umfeld, das Befinden und selbst Werte, Normen bzw. Ziele des Gegenübers. (Vgl. Rückle 1996: 6f)

Ergänzend bzw. erschwerend dazu, nutzen laut Samy Molcho (1996: 9f) verschiedene Zielgruppen ihre eigenen Codes der Körpersprache. Während unter Jugendlichen etwa eine wegwerfende Handbewegung, begleitet von einem kurzen Hochziehen der Schultern, als lockere Ankündigung eines Einwandes gesehen wird, sehen Eltern oder Lehrer darin häufig eine verächtliche oder aggressive Geste. Die Fehldeutung der Körpersprache führt zum Konflikt. Die Körpersprache der Erwachsenen folgt einem anderen Code, bestimmt durch ihre gesellschaftliche Rolle. Ein Abteilungsleiter hat andere Verhaltensregeln als ein Fabrikarbeiter, ein Arzt wiederum andere als ein Busfahrer. In der Sprachwissenschaft und Soziologie ist in diesem Zusammenhang von einem „restringierten Code“, ein eingeschränkter Sprachschatz, an dem sich die Schichtenzugehörigkeit bzw. die soziale Position eines Menschen erkennen lässt und einem „elaborierten Code“, benutzt von Menschen mit besseren Bildungsmöglichkeiten und beruflichen Stellen, die Rede. Diese Merkmale, so Molcho (1996: 10) weiter, lassen sich auch auf die Körpersprache übertragen. Der soziale Status, die Rangordnung, die Selbsteinschätzung und die gesellschaftliche Stellung lassen sich aus dieser erschließen. Körpersprache lernen wir, meist unbewusst, ein ganzes Leben lang.

„ Den gr öß eren Teil der Mimik, Gebärden und Gesten, mit denen wir uns gegenüber anderen ausdrücken, haben wir uns durch Nachahmung oder Erziehung angewöhnt. Sie dienen dazu, unsere Gefühle darzustellen, und sind, bei aller Subjektivität und Individualität, ein allgemein verbindlicher Code. Das heißt aber auch umgekehrt, dass diese uns angewöhnte Bewegungsweise unsere Gefühle mitbedingt. “ (Molcho 1996: 63)

Erziehung ist Molchos Erklärung (1996: 64) folgend, gewissermaßen der Versuch, die Reaktionen von Menschen zu planen, damit wir wiederum mit dieser Gruppe von Menschen planen können. Das beginnt im engen Kreis der Familie und geht über in die soziale Schicht, der die Familie angehört, bzw. in die Verhaltensnormen, die von Menschen mit denen unmittelbarer gesellschaftlicher Kontakt gepflegt wird, sei es in Beruf oder Freizeit, angewandt werden. Die Erziehung entwickelt sich also von der Familie, in sozialen Gruppen, bis hin zur Nation und dem Kulturkreis. Die Gesellschaft hat dafür zu sorgen, dass ihre Mitglieder auf bestimmte Reize mit gleichen Antworten reagieren. Eine Begleiterscheinung ist dabei das Entstehen typischer Kennzeichen nationaler Zugehörigkeiten, und, aufgrund verschiedener Ideale und Vorstellungen, kultureller Unterschiede. (Vgl. Molcho 1994: 64f)

Als empirische Referenz für diese kulturellen Unterschiede ließen sich unzählige internationale Studien anführen. Stellvertretend dafür, wird an dieser Stelle kurz auf eine Untersuchung von Shimoda, Argyle und Ricci Bitti (1978) eingegangen. Die drei Autoren verglichen wie weit die Gefühlsäußerungen von Engländern, Italienern und Japanern von Versuchspersonen aus den drei Ländern richtig wahrgenommen werden. Das Ergebnis war eindeutig. Engländer und Italiener konnten gegenseitig ihre Gefühlsäußerungen ziemlich treffend beurteilen, weniger gut jedoch die der Japaner. In Japan gilt ein kontrolliertes, ausdrucksloses Gesicht als Leitbild, Lachen dient nur dazu, um Ärger und Kummer zu verdecken. Eine Liste von kulturellen Unterschieden, die sich wohl endlos weiterführen ließe. (Vgl. Argyle 2005: 80f)

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Sprache transportiert Sachinformationen, harte Fakten und übermittelt Handlungsanweisungen, der Körper hingegen gibt Hinweise auf Glaubwürdigkeit, Werthaltungen, Emotionen und innere Einstellungen. Hinweise auf den Kontext der Sachinformation. Hände, Arme und Beine sind mindestens so aussagekräftig wie unsere Zunge. Beide Formen der Kommunikation sind dabei eng miteinander verknüpft. (Vgl. Thiel 1986: 8f) Oder wie es Abercrombie (zit. nach Bastian 1994: 197) ausdrückt: „ We speak with our vocal organs, but we converse with our entire bodies; conversation consists of much more than a simple interchange of spoken words. “

3.3 Dimensionen der nonverbalen Kommunikation

Nachdem im letzten Absatz das Verhältnis der verbalen und nonverbalen Kommunikation abgehandelt wurde bzw. die Funktion der letztgenannten im Fokus des Interesses stand, sollen im folgenden Abschnitt die verschiedenen Dimensionen der nonverbalen Kommunikation, oft als Codes oder Kategorien bezeichnet, vorgestellt werden. Richmond und Kollegen (2008: 11f) teilen die nonverbale Kommunikation in acht unterschiedliche Dimensionen, die sich gegenseitig ergänzen und in Kombination miteinander Kommunikation ausmachen: Erscheinungsbild, Raumverhalten, Haptik, Umgebung, Zeit, Kinetik, Mimik und Tonfall. Eine ähnliche Aufteilung findet sich bei Burgoon und Guerrero (1994) wieder, die Autoren verzichten lediglich auf die „ Mimik “ als eigene Dimension und behandeln sie im Rahmen der Kinetik. Auf die drei Kategorien Kinetik (Kapitel 3.1.1), Mimik (4.2), und Tonfall (4.6) wird an dieser Stelle nicht näher eingegangen, da jene im weiteren Verlauf der Arbeit noch im Detail abgehandelt werden bzw. im Fall der Kinetik bereits bearbeitet wurden.

Erscheinungsbild:

Die erste Botschaft, die wir im zwischenmenschlichen Austausch vermitteln, wird durch das Erscheinungsbild übertragen. Das Erscheinungsbild, darunter fällt die Körpergröße, das Gewicht, die Haare, die Hautfarbe, und die Kleidung oder die Gegenstände die wir an uns tragen, hat nicht nur einen Einfluss darauf, wie wir auf andere wirken, sondern auch wie wir und wie andere mit uns kommunizieren. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 12) Die äußere Erscheinung enthält durch die unzähligen Darstellungsmöglichkeiten (Frisur, Kleidungsstil) verschiedene Hinweise und Botschaften, die zusammengebastelt ein vollständiges Bild einer Persönlichkeit übermitteln. Damit spiegelt die Erscheinungsweise das Selbstbild und erzeugt Reaktionen der Mitmenschen. Bis zu einem gewissen Grad kann dieses Bild manipuliert werden, um sich Selbst in der Öffentlichkeit anders darzustellen (siehe dazu Kapitel 3.5). Ein Begriff der in dem Zusammenhang immer wieder fällt, ist der der Attraktivität. In der westlichen Gesellschaft gilt Attraktivität als eines der wichtigsten Kriterien für die äußere Erscheinung und hat auf das Verhalten der anderen, sowohl bei Männern als auch bei Frauen, eine große Wirkung. Die Attraktivitätsmerkmale selbst sind dabei von Land zu Land bzw. von Kultur zu Kultur verschieden. (Vgl. Argyle 2005: 303f & 314)

Raumverhalten:

Studien die sich mit dem Raumverhalten als Teilgebiet der nonverbalen Kommunikation beschäftigen, werden als Proxemik bezeichnet. Der Begriff stammt von dem amerikanischen Universitätsprofessor Edward T. Hall, der den persönlichen Raum des Menschen untersuchte. Der Gebrauch dieses Raums steht laut Hall in direktem Zusammenhang mit der Fähigkeit des Menschen, sich anderen mitzuteilen und Mitmenschen als nahe stehend oder entfernt zu empfinden. Nach Edward T. Hall werden vier verschiedene Distanzzonen unterschieden, innerhalb derer wir uns bewegen und operieren: die intime, persönliche, gesellschaftliche und ö ffentliche Distanz. (Vgl. Fast 2003: 29) Bei intimer Kommunikation beträgt der Abstand zwischen 0 bis 50 cm. Man sieht den Kommunikationspartner, kann ihn riechen und seine Wärme fühlen. Von persönlicher Distanz ist bei einem Abstand zwischen 50 cm und 120 cm die Rede. Eine Berührung ist bei dieser nahen Beziehung noch immer möglich. Unpersönliche Beziehungen (gesellschaftliche Distanz) laufen zwischen 2,5 m und 3,5 m ab, die öffentliche Distanz beträgt 3,5 m und mehr, und ist bei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bzw. öffentlichen Anlässen zu beobachten. (Vgl. Argyle 2005: 282)

Neben den Distanzzonen, lassen sich auch beim Territorialverhalten, dem territorialen Bedürfnis nach Freiraum, Argyle (2005: 292) vergleicht den Begriff mit der Selbstdarstellung, diverse Abstufungen differenzieren. Während Argyle (2005: 292 295) lediglich drei Arten von Territorien anhand ihrer Größe unterscheidet (persönlicher Raum, persönliches Territorium, Heimatterritorien), gehen Richmond, McCroskey und Hickson (2008: 119) dezidierter auf diese Thematik ein, und kategorisieren, Bezug nehmend auf Altman (1975) sowie Lyman und Scott (1967), sechs verschiedene territoriale Typen: primär, sekundär,öffentlich, heimisch, interaktional und körperlich.

Unter dem primären Territorium wird der persönliche, exklusive Bereich seines Besitzers verstanden. Dazu zählt das eigene Zimmer oder das persönliche Büro. Der Raum wird von den Mitmenschen respektiert und ohne Erlaubnis würde keiner in ihn eindringen. Sekundäre Territorien stehen nicht unter der exklusiven Kontrolle des Besitzers, bei diesen handelt es sich meist um Plätze des öffentlichen Lebens. Ein Beispiel wäre die Kneipe, die man jedes Wochenende mit dem Stammtisch besucht oder das Restaurant, in dem man regelmäßig die Mittagspause verbringt. Durch die Non- Exklusivität werden die Plätze leichter angreifbar und schwerer zu verteidigen. Ö ffentliche Territorien sind, wie der Name zu verstehen gibt, öffentliche Plätze und frei zugänglich für jedermann. Es gelten zwar keine Besitzregeln, Teilbereiche davon können dennoch belegt werden. Wie Badeliegen, die im Urlaub bei Hotelpools bereits zur frühen Stunde mit Handtüchern besetzt werden oder Kinoplätze, die wir schon vor der Vorstellung reservieren können. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 119) Heimische Territorien entstehen, wenn öffentliche Territorien „kolonisiert“ und von Personengruppen regelmäßig genutzt werden. Wenn Kinder einen öffentlichen Baum zu ihrem Club-Baumhaus umfunktionieren, bleibt der Baum zwar ein öffentliches Territorium, wird in seiner Funktion aber ein sekundäres Territorium. Interaktionale Territorien können überall entstehen, wo Menschen zum sozialen Austausch zusammenkommen. Diese sind nicht durch sichtbare Grenzen vom anderen Raum abgetrennt, dennoch existieren sie. Wie beim Gespräch zweier Bekannter mitten auf dem Flur. Kein Außenstehender würde zwischen den Beiden durchgehen und in deren Raum „eindringen“. Ein weiteres Beispiel ist, wenn bei Partys Gruppen von vier bis fünf Menschen beisammen stehen und plaudern. Diese haben für sich einen interaktionalen Raum eingerichtet. Die letzte Kategorie betrifft körperliche Territorien, welche häufig als persönlicher Raum angegeben werden. Richmond und Kollegen (2008: 120) definieren diesen Raum als durchsichtige Blase, die einen jeden von uns umgibt und unser subjektives räumliches Bedürfnis darstellt. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 120)

Haptik:

Als vertrauteste und aussagekräftigste Form der Kommunikation gilt die Berührung, in der Wissenschaft als Haptik bezeichnet. Berührungen spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle, durch sie werden eindeutige Botschaften gesandt. Der Körperkontakt ist aber nicht nur die wichtigste, sondern vielmehr die ursprünglichste Form der sozialen Kommunikation. Sowohl in der Tierwelt, etwa bei Buckelwahlen, die ihre Nachkommen mit den Flossen liebkosen oder bei Babyaffen, die von den Müttern herumgetragen werden als auch bei kleinen Kindern sind Berührungen zu beobachten. (Vgl. Burgoon/ Guerrero 1994: 129f & Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 135f) Dabei sind viele Arten von Kontakt möglich. Gewöhnlich wird dieser „ mit der Hand, dem Arm oder dem Mund ausgeführt und richtet sich gewöhnlich an die Hand, den Arm, Kopf, Schulter, Knie oder den Oberkörper “ . (Argyle 2005: 267) Die Bandbreite des Körperkontakts reicht aber vom Streicheln und Küssen bis hin zum Schlagen, Kratzen oder Kitzeln. Die tatsächliche Bedeutung der einzelnen Berührungsformen wird schlussendlich von der betreffenden Kultur definiert und im Reifungsprozess erlernt. (Vgl. Argyle 2005: 267f)

Auch wenn die exakte Bedeutung schlussendlich kulturabhängig ist, lassen sich die einzelnen Berührungsformen anhand ihrer Funktion unterscheiden. Wie bei Heslin (1974), der die Haptik in fünf verschiedene Kategorien einteilt: professionell (z.B. Berührung durch Mediziner, Friseur), sozial (z.B. Händeschütteln, auf die Schulter klopfen, Begrüßungsbussi auf die Wange), freundschaftlich (nonverbaler Austausch zwischen guten Freunden, stärker als soziale Berührungen), intim (z.B. Küssen, Umarmen; Berührungen zwischen Verliebten) und sexuell (stärkste Form der Berührungen zwischen Sexualpartnern). (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 142ff) Weitere Faktoren, die die Bedeutung bzw. die Qualität einer Berührung ausmachen, sind die Dauer, die Frequenz, die Intention und die Körperstelle, an der der nonverbale Austausch stattfindet. (Vgl. Burgoon/ Guerrero 1994: 132)

Umgebung:

Die Umgebung stellt zwar keine Kommunikation im eigentlichen Sinne dar, trägt aber einen großen Teil zu deren erfolgreichem Ablauf bei. Zu den Umgebungsvariablen zählen Häuser, Räume, Farben, Licht und die Temperatur. All diese Faktoren haben einen Einfluss auf unser Kommunikationsverhalten. Hall (1966) unterteilte sie in drei verschiedene Gruppen: fixe, halb-fixe und dynamische Umgebungselemente. (Vgl. Burgoon/ Guerrero 1994: 162)

Fixe Umgebungselemente sind unverrückbare Gegebenheiten, wie Häuser, Räume oder ganze Städte. Am Land aufgewachsene Menschen fühlen sich in großen Städten häufig unwohl, vieles ist für sie neu und ungewohnt. Sie fühlen sich zwischen den eng aneinander gereihten Hochhäusern befangen und eingeklemmt. Ein Wolkenkratzer kommuniziert einen anderen Inhalt nach außen, als eine Farm. Im Gegensatz dazu, sind viele Menschen beim ersten Besuch einer Großstadt vom gesamten Flair fasziniert. Städte oder ganze Gegenden können eine Botschaft über die Menschen, die sie bewohnen, vermitteln. Ähnlich ist es bei Häusern, wo der strukturelle Aufbau zu einem ersten Eindruck über ihre Bewohner führt. Halb-fixe Umgebungselemente sind änderbar, bleiben aber in den meisten Fällen für einen langen Zeitabschnitt an einem bestimmten Platz. Dazu zählen Einrichtungsgegenstände, Beleuchtung, Belüftung und Wandfarben. Büros sind in der Regel freundlich beleuchtet, angemessen belüftet, in neutralen Farben eingerichtet, und mit funktionellen Stühlen ausgestattet. Jede Abstimmung vermittelt eine Botschaft darüber, welche Aktivität in diesem Raum angemessen ist. Sitze und Bänke in Flughäfen sind unbequem gehalten, sie sollen die Gäste nicht zum Relaxen einladen, sondern diese zum Besuch der unzähligen Shops am Areal animieren. Auch die Anordnung der Einrichtungsgegenstände spielt eine wichtige Rolle. Eine lange Reihe nebeneinander platzierter Stühle, wie es in öffentlichen Institutionen der Fall ist, ist nicht konversationsfördernd, da wir keinen direkten Blick auf unsere Gesprächspartner genießen. Unter die letzte Kategorie, dynamische Umgebungselemente, fallen alle greifbaren und bewegbaren Gegenstände, wie Blumen, Tischdecken, Lampen oder Teppiche. Bei einem romantischen Dinner können beispielsweise angezündete Kerzen und verteilte Rosenblätter, ein unverkennbares nonverbales Signal darstellen. (Vgl. Burgoon/ Guerrero 1994: 162ff)

Zeit:

Während sich die Proxemik mit dem Raumverhalten beschäftigt, bezeichnet die Chronemik Kommunikation durch Zeitdistanz. Unter dem Begriff wird zusammengefasst, wie Menschen mit der Zeit umgehen, Ereignisse zeitlich einordnen, und ihr Verhalten richtig „timen“. Durch die Zeitorientierung wird eine starke Botschaft an die Mitmenschen gesandt. Wenn ein Mitarbeiter zu spät in einer Besprechung erscheint, wirft das unweigerlich ein negatives Bild auf ihn. Helge Städtler (2008: o.S.) von der Universität Bremen führt ein „zeitgemäßes“ Exempel an:

„ Wenn ich auf eine mit dem Handy empfangene SMS nicht sofort eine Antwort-SMS versende, dann kommuniziere ich bereits durch die verstrichene Zeit bis zur Antwort etwas. Ä hnliches gilt für E-Mails, wenn ich auf eine E-Mail sofort antworte, bedeutet das meist, dass ich den Adressaten der E-Mail besondere Schätzung entgegenbringe. Eine Antwort nach 24 Stunden ist meist im Rahmen des Ü blichen und wenn man erst nach einigen Tagen antwortet, muss man sich schon fast entschuldigen. Der wartende Adressat am anderen Ende der Leitung interpretiert die Wartezeit einfach irgendwie, ohne, dass man etwas dagegen tun kann. “

Die Vorstellung von Zeit differenziert dabei von Fall zu Fall. Der Chef einer Firma hat eine andere Zeitrelevanz als ein Student, eine Hausfrau oder ein LKW-Fahrer. Um beim oben angeführten Beispiel zu bleiben, wird der Firmenchef einem Geschäftspartner in den meisten Fällen schneller antworten, als der Student einem Studienkollegen. Die unterschiedlichen Verhaltensweisen in Bezug auf die Zeit und ihre Bedeutung werden durch unsere Erziehung, unsere Erfahrungen und unser kulturelles Umfeld geprägt. Gerade in der westlichen Kultur sind deshalb viele Leute so zeitgebunden, dass sie nicht realisieren, was ihr Zeitverhalten den Mitmenschen mitteilen könnte. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 177) Grundsätzlich lassen sich in diesem Kontext drei unterschiedliche Richtungen von Zeitorientierung differenzieren: psychologische, biologische und kulturelle. Die psychologische Orientierung beschäftigt sich mit der Thematik, wie Leute die Zeit wahrnehmen, und wie diese ihre tägliche Kommunikation und ihr Leben beeinflusst. Die biologische Orientierung betrifft die innere Wahrnehmung der Zeit und deren Auswirkungen auf den Körper. Ein häufig damit in Verbindung gebrachter Begriff ist der des„Biorhythmus“. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 178) Die dritte Richtung ist die kulturelle Orientierung. Diese beschäftigt sich mit der kurz zuvor angeführten kulturellen Prägung des Zeitverständnisses. (Vgl. Richmond/ McCroskey/ Hickson 2008: 181)

Im nachfolgenden Kapitel soll, aufbauend auf den bisherigen Erkenntnissen über die nonverbale Kommunikation, der Versuch einer Systematisierung unter Berücksichtigung verschiedener Ansätze unternommen werden. Im Anschluss daran erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Wirkung nonverbaler Signale und deren Manipulationsmöglichkeiten

3.4 Systematisierung

Um menschliches Sozialverhalten besser verstehen zu lernen, ist es laut Argyle (2005: 13) von eminenter Wichtigkeit, das nonverbale System und deren Signale, wie Gesten, Kopfbewegungen, die Körperhaltung, die Mimik, der Tonfall und die Blickrichtung aufzuschlüsseln und zu systematisieren. Ein Beitrag dazu stammt von Paul Ekman und Wallace Friesen, die sich 1969 in ihrer Publikation „The repertoire of nonverbal behavior“ an einer Systematisierung des nonverbalen Verhaltens anhand funktionaler Gesichtspunkte versuchten. Ihr Minimalkriterium war dabei, dass es sich nicht um idiosynkratisches Verhalten handeln durfte. Das Repertoire nonverbalen informativen Verhaltens unterteilen die beiden Wissenschaftler (1969: 62f) in fünf definierte Klassen, die im weiteren Verlauf der Arbeit noch näher behandelt werden:

1. Embleme
2. Illustratoren
3. Regulatoren
4. Emotionsausdrücke
5. Adaptoren

Embleme stellen, so Ekman und Friesen (1969: 63), nonverbale Akte dar, für die es eine direkte sprachliche Übersetzung gibt, welche sämtlichen Mitgliedern einer Gruppe, Klasse oder Kultur geläufig sind. Folgt man ihrer Illustration weiter, können Embleme grundsätzlich in allen Körperregionen gebildet werden, bevorzugte Regionen sind aber Gesicht und Hände, weshalb sie, wie Illustratoren und Adaptoren in Kapitel 4.4 (Hände und Finger) ausführlich behandelt werden. Auch auf Emotionsausdrücke wird an späterer Stelle (Kapitel 4.2) dezidiert eingegangen, darum werden an dieser Stelle nur die Regulatoren genauer angeführt. Bei Regulatoren handelt es sich, wie Ekman und Friesen erklären (1969: 82f), um nonverbale Akte, die eine Regulierungsfunktion im Gespräch haben. Sie unterhalten und regulieren das Wechselspiel zwischen den Kommunikationspartnern. Davon hängt ab, ob ein Sprecher seine Ausführungen fortsetzt oder den Anderen zu Wort kommen lässt. Der gängigste Regulator ist das Kopfnicken (gleichbedeutend wie das verbale „mm-hmm“), aber auch der Augenkontakt, das Hochziehen der Augenbrauen oder der Wechsel von Körperpositionen werden unter dem Begriff zusammengefasst. Regulatoren werden im Allgemeinen nicht intentional eingesetzt, es sind weitgehend internalisierte Verhaltensweisen, die an der Peripherie der Bewusstheit liegen. Regulatoren sind der Definition Ekmans und Friesen (1969: 83) folgend, immer interaktiv-informativ, aber nur selten kommunikativ.

Neben funktionalen lassen sich beim nonverbalen Verhalten semiotische Klassifikationen vornehmen. Dabei tritt die Beziehung zwischen Gesten und deren Bedeutung in den Vordergrund. Eine Schwierigkeit stellt das Ziehen einer klaren Trennlinie dar.

„ Nonverbales Verhalten (Gesten eingeschlossen) kann arbiträr, ikonisch oder intrinsisch kodiert sein. Nonverbale Akte, die arbiträr kodiert sind und als symbolische Akte bzw. Gesten bezeichnet werden können, haben keine sichtbare Ä hnlichkeit mit dem, was sie bedeuten; sie sind in dieser Beziehung wie Worte. Ikonisch kodierte (nonverbale) Zeichen dagegen sehen in bestimmter Hinsicht demähnlich, was sie bedeuten; sie sind ‚ motiviert ’ . Auch intrinsische nonverbale Akte bzw. Gesten stehen, wie die ikonischen, visuell in Beziehung zu dem, was sie bedeuten; im Unterschied zu ikonischen Zeichen zeigen sie jedoch nicht nur eine Ä hnlichkeit damit, sondern sind zu Teilen das, was sie bedeuten. “ (Hübler 2001: 31)

Der Unterschied zwischen ikonischer und intrinsischer Kodierung ist nicht immer leicht zu durchschauen. Ekman und Friesen (1969: 61) illustrieren diesen mit einer einfachen Darstellung. Wenn mit einem Finger eine Abzugbewegung wie bei einem Gewehr nachgeahmt wird, handelt es sich um eine ikonische Geste: die Hand wird so gebraucht, als wenn sie ein Gewehr wäre. Wenn man die Hand allerdings so hält, wie man sie mit einem Gewehr darin halten würde, und mit dem Zeigefinger eine Abziehbewegung tätigt, handelt es sich um eine intrinsische Geste: die Aktion stellt nicht das Bedeutete dar, sondern ist selbst Teil des Bedeuteten. Als intrinsisch kodiert definiert daher Hübler (2001: 32) auch Ekman und Friesens Klassifikation der Emotionsausdrücke. Wenn in ihnen Gefühle sichtbar werden sind sie Teil davon, sie sind Symptome. Rückwirkend können daher alle nonverbalen Akte, die nicht intrinsisch sind, als extrinsisch bezeichnet werden.

Eine weitere Form der Klassifikation anhand der semiotischen Konstitution nonverbaler Zeichen wendet McNeill (1992) an. Er teilt Gesten, die bei Ekman und Friesen als Illustratoren bezeichnet werden, in vier semiotische Klassen ein, was ihm in weiterer Folge die Möglichkeit lässt, ihren Stellenwert im Verhältnis zur Sprache neu zu interpretieren: ikonische, metaphorische und deiktische Gesten, sowie Schlaggesten. Ikonische Gesten sind eng mit verbalen Aussagen verknüpft (Bsp. Handbewegung bildet ein Detail, von dem gerade verbal gesprochen wird), metaphorische Gesten repräsentieren ein abstraktes Konzept ikonisch (Bsp. Konzept „Frage“ wird als konkreter Gegenstand metaphorisiert und ikonisch-gestisch dargestellt), deiktische Gesten sind Zeigegesten, und bei Schlaggesten handelt es sich um Bewegungen, bei denen sich keine konzeptuelle Bedeutung ausmachen lässt. (Vgl. Hübler 2001: 32f)

Egal auf welche Klassifikation schlussendlich die Wahl fällt, die Wirkung all dieser Variablen lässt sich, so Michael Argyle (2005: 13), erst aufgrund von empirischer Forschung feststellen (siehe dazu den zweiten Teil dieser Arbeit).

3.5 Wirkung und Manipulation

Eine zentrale und für die Thematik der Arbeit unausweichliche Rolle im nonverbalen Kommunikationsprozess nimmt neben der Systematisierung der Körpersprache, die Wirkung des nonverbalen Verhaltens und dessen Manipulierbarkeit ein. Nichts ist am Pokertisch wichtiger, als das eigene Verhalten zu „manipulieren“ und sich selbst in einem fremden Bild zu präsentieren. Laut Hartig (1997: 23) scheinen nonverbale Kommunikationsformen der kognitiven Kontrolle in einem geringeren Maße zu unterliegen als die verbale Kommunikation. Sie gelten als weniger leicht manipulierbar.

Eine Vorstellung, die auch in der psychoanalytischen Diagnose, wo die erkennbare Differenz von verbalen sprachlichen Äußerungen und nonverbalen Verhaltensweisen interpretiert und der nonverbalen Kommunikation ein höherer Wahrheitsgehalt zugeschrieben wird, auftaucht.

Um diesen Wahrheitsgehalt bzw. den Grad der Manipulierbarkeit zu untersuchen, empfiehlt sich zuallererst ein Blick darauf, inwieweit das nonverbale Verhalten eines Menschen Einfluss darauf hat, wie er als Person selbst wahrgenommen wird. Die Eigenschaften, die an einem Gesprächspartner wahrgenommen werden, gehen in die Interaktion mit ein und bestimmen in nicht unwesentlicher Weise den Verlauf des Gesprächs. Die Wirkung des nonverbalen Verhaltens spielt dabei eine wichtige Rolle. (Vgl. Hübler 2001: 41)

„ Verhalten allgemein mit Persönlichkeitsbeurteilungen in Verbindung zu bringen, basiert auf einem Mechanismus, den die sog. Attributionstheorie thematisiert hat. Der Grundgedanke besteht darin, dass der Mensch Verhalten als verursacht wahrnimmt; dabei kann die Ursache entweder in der agierenden Person (z.B. in ihren Persönlichkeitseigenschaften) oder außerhalb von ihr (z.B. in den besonderen Umständen einer Situation) liegen. “ (Hübler 2001: 41f)

Während ein Großteil der Forschungen belegt, dass die Persönlichkeitsbildung in starkem Maße vom nonverbalen Verhalten bestimmt wird, vertritt Wallbott (1988: 213) die Meinung, „ dass nicht generell von der Dominanz eines Verhaltensbereichsüber andere ausgegangen werden kann, sondern dass immer dem Verhaltensbereich (sei es verbal, vokal oder visuelle) die gr öß te Aufmerksamkeit geschenkt wird, in dem sich die Ereignisse abspielen, die nicht redundant oder situationskonform sind “ . Wallbott, für dessen Annahme attributionstheoretische Überlegungen Rechtfertigung liefern, integriert in sein Modell beide Verhaltensmodalitäten (verbal - nonverbal), räumt aber, so betont Hübler (2001: 42), der verbalen eine Priorität ein.

Die Attributionen, mithilfe derer das nonverbale Verhalten empirisch ausgetestet wird, teilen sich in vier Hauptgruppen auf: Relational messages (Beziehungsbotschaften), credibility (Glaubwürdigkeit), attraction (Attraktivität) und persuasiveness (Beredsamkeit). Die erste Gruppe umfasst jene Attributionen, die sich aus dem Beziehungsaspekt ergeben (z.B. Dominanz/Unterwerfung, Vertrautheit), die zweite Gruppe befasst sich mit jenen, die die Person an sich betreffen (z.B. Kompetenz, Charakter) und sind im Gegensatz zu den situativen Attributionen der ersten Gruppe eher permanent. Die Eigenschaften der dritten Gruppe sind hingegen explizit beobachterbezogen (z.B. gesellschaftliche Attraktivität, körperliche Attraktivität), während die letzte Gruppe eine übergeordnete Eigenschaft ist, welche sich aus den in Gruppe zwei und drei angeführten Eigenschaften ergibt. Alle Eigenschaften und ihre Bezüge untereinander beinhalten eine implizierte Persönlichkeitstheorie, weshalb diese und ähnliche Kategorien in Untersuchungen zum Verbalverhalten (Lautstärke, Sprechtempo) Anwendung finden. (Vgl. Hübler 2001: 46ff)

Schlussendlich lässt sich aber auch die Wirkung des nonverbalen Verhaltens nur mit empirischen Untersuchungen aufarbeiten. Bei diesen werden zwei Grundtypen unterschieden, welche sich aus der unterschiedlichen Blickrichtung bezüglich der Relation zwischen dem Zeichen und seiner Bedeutung ableiten. Terminologisch wird diese differenzierte Wahrnehmung auf die beiden Begriffe „ semasiologisch “ und „ onomasiologisch “ gebracht. Bei ersterem geht die Blickrichtung vom Zeichenbenutzer und seinen Persönlichkeitseigenschaften zu den Zeichen die er verwendet (Beobachterstandort - Dekodierer), beim zweiten Fall vom Zeichen zu dem, was es über die Persönlichkeit des Benutzers aussagt, also zu seiner Wirkung (Produzentenstandort - Enkodierer). Im Zentrum des Interesses steht die Erkenntnis, wie Menschen (nonverbale) Informationen prozessieren und sich daraus ein Bild des anderen machen (erster Fall) bzw. wie Persönlichkeitseigenschaften produziert sowie manipuliert werden können (zweiter Fall). (Vgl. Hübler 2001: 49f)

Burgoon und Kollegen (1989) beschäftigten sich mit der zentralen Frage, welche nonverbalen Verhaltensformen für die Urteilsbildung über eine Person ausschlaggebend sind. Eine Frage, die sich nur beantworten lässt, wenn der Wissenschaftler die relevanten Verhaltensformen systematisch manipuliert und die Resultate beurteilen lässt. Die Autoren untersuchten dafür die konversationelle Involviertheit von Teilnehmern in einer Kommunikationssituation und bewerteten diese als positiv oder negativ. Unter der konversationellen Involviertheit wird das gedanken- und verhaltensmäßige Engagement der Teilnehmer verstanden. Diese Involviertheit wird weiter mit bestimmten nonverbalen und verbalen Verhaltensweisen assoziiert. Zu ersterem gehört etwa kinetisches und proxemisches Unmittelbarkeitsverhalten, bewegungsmäßige Expressivität, Ausgerichtetsein auf den Kommunikationspartner und das Fehlen von Ängstlichkeitsindikatoren. Nicht-Involviertheit geht einher mit den entsprechenden gegengesetzten nonverbalen Verhaltensweisen, wie einem verringerten Blickkontakt oder größerer Förmlichkeit. (Vgl. Hübler 2001: 54) Ihr Experiment, in dem die Probanden nach vorgegebenen Rollen in Zweiergruppen zuerst neutral und danach entweder überstark oder wenig involviert Probleme diskutierten, führte zum dem Ergebnis, dass Erwartungsverletzungen aufgrund geringer Involviertheit weitaus ungünstigere Interpretationen zur Folge haben, als bei hoher oder normaler Involviertheit. Eine hohe nonverbale Involviertheit wurde mit einem gemäßigt hohen Grad an Unmittelbarkeit, Offenheit und Aufgabenorientiertheit interpretiert. Während zu geringe Involviertheit als Ausdruck von Kühle, Demut und Oberflächlichkeit angesehen wurde, und die Personen demzufolge als weniger attraktiv, glaubwürdig und überzeugend erschienen. (Vgl. Hübler 2001: 54ff)

Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass eine hohe Involviertheit und die damit verbundenen nonverbalen Verhaltensweisen für eine positive Urteilsbildung über eine Person von immenser Bedeutung sind. Personen, die ihren Kommunikationspartnern offen gegenübertreten, wirken in der Regel sympathischer auf ihre Mitmenschen. Mit dieser Form der Selbstpräsentation setzt sich das Wirkungsmanagement auseinander:

„ [ … ] eine Vielzahl der in der sozialpsychologischen Forschung zum nonverbalen Verhalten angewandten Methoden sindüppiger Beleg dafür, dass das nonverbale Verhalten manipulierbar ist - bei aller Schwierigkeit, die das implizieren mag. Diese Möglichkeiten sollten also auchübertragbar sein ‚ auf das Leben ’ . Als was man erscheint, hängt (auch) davon ab, wie man sich präsentiert. Die Selbstpräsentation ist eine Aufgabe des Wirkungsmanagements. Zum einen besteht es in der Entwicklung von Zielvorstellungen darüber, wie man erscheinen möchte, zum anderen in der Realisierung durch gezielte Wahlen im Verhalten. Das nonverbale Verhalten ist ein Bereich davon. “ (Hübler 2001: 65)

Hübler (2001: 65) differenziert auf Basis von DePaulo (1992) vier unterschiedliche Kategorien, anhand derer sich das Wirkungsmanagement näher bestimmen lässt: (1) wem ein Bild von sich präsentiert werden soll; (2) wie kontrolliert die Selbstpräsentation ist; (3) was genuin, was künstlich, was wahrhaftig und was verlogen ist; (4) wo die Grenzen der Manipulierbarkeit liegen;

Das Thema betreffend wird an dieser Stelle nur auf Punkt (4) näher eingegangen, wo DePaulos Aufzählung folgend, zwischen drei generellen und drei individuellen Beschränkungen unterschieden wird. Zu den letztgenannten zählen das Alter und das Geschlecht. Kinder können sich noch nicht so gut selbst inszenieren wie Erwachsene. Frauen sind weniger zu Selbstinszenierung in der Lage als Männer (Vgl. DePaulo 1992: 221ff):

„ For example, women have more expressive and more legible faces than do men. They also smile more than men do, gaze at their listeners more, and are gazed at more [...] They tend to touch others more and to be touched more [...] Their body movements are also more involved and more expressive [...] In addition to being more involved nonverbally than are men, women are also more open in the expression of their emotions and personality. ” (DePaulo 1992: 223)

Als dritte individuelle Beschränkung wird das Aussehen angeführt. DePaulo (1992: 223f) ist der Meinung, dass sich gut aussehende Menschen bei der Kontrolle (und damit auch bei der Manipulation) ihres nonverbalen Verhaltens leichter tun. Zurückzuführen ist das auf ein höheres Selbstvertrauen, die eigenen Erfolgserwartungen und einem geübteren Umgang mit dem nonverbalen Verhalten.

Die generellen Beschränkungen betreffen die Absicht sich mit Hilfe nonverbaler Mittel ein Image aufzubauen, was nur unter bestimmten Bedingungen möglich ist. In vielen Kulturen ist das Ausdrucksverhalten so wenig ausgeformt, dass das Nonverbale nicht als Mittel zur Selbstinszenierung gewählt werden kann. Dazu hängt die Umsetzung davon ab, inwieweit ein jeder selbst die Möglichkeiten zur Produktion bestimmter nonverbaler Verhaltensweisen in sich hat, bzw. die entsprechende Praxis und Erfahrung besitzt. DePaulo (1992: 214) nennt als Beispiel die Mimik, bei der der Inszenierer in der Lage sein muss, jene Muskeln, die bei der Produktion eines bestimmten Ausdrucks beteiligt sind, zu kontrollieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 204 Seiten

Details

Titel
Der Körper kann nicht lügen: Kommunikation am Pokertisch
Hochschule
Universität Salzburg
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2011
Seiten
204
Katalognummer
V192818
ISBN (eBook)
9783656190998
ISBN (Buch)
9783656193081
Dateigröße
3968 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit der Arbeit wurde gewissermaßen wissenschaftliches Neuland betreten - so sollte aufgezeigt werden, wie viel "Wissenschaft" in dem vermeintlichen "Glücksspiel" Poker zu finden ist. Die Ergebnisse sind zum Teil sehr überraschend und zeigen, dass der Körper oft viel mehr verrät als gewünscht...
Schlagworte
Tells, Bluffs, Poker, Glücksspiel, Körpersprache, nonverbale Kommunikation, Pokernacht, Semiotik, interpersonelle Kommunikation, Erich Kollmann, Tv Total, Samy Molcho, Michael Argyle, Kartenspiele, Signale, Filmanalyse
Arbeit zitieren
Stefan Schiehauer (Autor), 2011, Der Körper kann nicht lügen: Kommunikation am Pokertisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192818

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Körper kann nicht lügen: Kommunikation am Pokertisch



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden