Der Erzähler in Wilhelm Raabes "Zum wilden Mann"


Hausarbeit, 2011
13 Seiten, Note: 5.5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Erzählerfigur

3. Die Erzählung im Kontext des Bürgerlichen Re-alismus
3.1. Der Erzähler im Bürgerlichen Realismus

4. Die Erzählebenen
4.1. Hierarchie zwischen den Erzählinstanzen

5. Schluss

Bibliographie

1. Einführung

„ Es erzählt in einfachster Art und Weise eine einfache Begebenheit, an der keine Vorsteherin eines Töchterpensionats noch ein sonstiger Moralist der herkömmlichen Gattungen den geringsten Anstoss nehmen würde, und doch sollte es polizeilich verboten werden. “ 1

So schrieb Wilhelm Jensen 1879, fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung, über Wilhelm Raabes Novelle2 „Zum wilden Mann“. Was hat ihn so an dieser Erzählung gestört?

„ Denn es seziert und präpariert aus der Tiefe der Menschenseele mit Schonungslosigkeit die geheimsten Nervenverzweigungen empörendster Selbstsucht hervor, dass der Leser am Schluss, ohne jegliche ethische und poetische Erhebungsmöglichkeit platt zu Boden geworfen, sich von einem Widerwillen gegen das ganze Menschengeschlecht angepackt fühlt, das solche Beispiele aus seiner Mitte hervorbringt. “ 3

Die Handlung der Geschichte hat also in der Zeit gewisse Leute schockiert. Die Geschichte eines Mannes, der in jungen Jahren von einem obskuren Freund Geld geschenkt bekommt, sich mit diesem eine Existenz aufbaut und jetzt, über 30 Jahre später, unverhofft wieder Besuch von seinem einstigen Freund bekommt und sich nun gezwungen sieht, das Geld wieder mit Zinsen zurückzubezahlen und dadurch ruiniert ist. In der Zeit der Gründerjahre war dies ein sehr aktuelles Thema, das Aufkommen eines kaltblütigen Kapitalismus, wo Geld mehr Wert als Freundschaft hat und man nichts geschenkt bekommt. Diese „einfache Begebenheit“ entfaltet seine Wirkung, weil sie nicht moralisiert, sondern „schonungslos“ darstellt, wie in dieser neuen Zeit ein wirtschaftlich denkender Mensch automatisch die noch in der alten Werteordnung Denkenden ausnützt. Dazu kommt, dass diese „einfache Begebenheit“ in „einfachster Art und Weise“ erzählt wird, wie Jensen gleich zu Beginn des Zitats hervorhebt. Dies muss also die Wirkung der Erzählung auf ihn noch verstärkt haben. Wie diese Geschichte erzählt wird, wird nun Thema dieser Arbeit sein. Dabei wird zuerst die Erzählerfigur untersucht, dann wird die Erzählung in ihrer Zeit verortet, indem das Erzählen im Bürgerlichen Realismus angeschaut wird, in einem dritten Teil werden die verschiedenen Erzählebenen behandelt und es wird eine Hierarchie unter ihnen herausgearbeitet. Im Schlussteil wird dann die Frage beantwortet, ob die Geschichte wirklich „in einfachster Art und Weise“ erzählt wird und wie der Erzählstil zur Wirkung des Inhalts beitragen kann.

2. Die Erzählerfigur

Der Erzähler kommt selber in der Erzählung vor, ist also nach den Kategorien Genettes4 auf den ersten Blick homodiegetisch. Jedoch ist er nicht Teil der erzählten Geschichte, sondern er ist ein unbeteiligter Beobachter. Er setzt sich auf die selbe Ebene wie der Leser, was sich durch die Verwendung des Personalpronomens Wir ausdrückt. Wen er mit Wir meint, wird im ersten Kapitel erklärt. „ […] und wir, das heisst der Erzähler und die Freunde, die er aus dem deutschen Bund in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich hinübergenommen hat.“5 Wen der Erzähler hier mit seinen Freunden meint, wird kurz darauf noch genauer ausgeführt:

„ Wir suchen einfach, wie gesagt, vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die sechs Stufen der Vortreppe hinauf; der Erzähler mit aufgespanntem Schirm von links, der Leser, gleichfalls mit aufgespanntem Schirm, von rechts. Schon hat der Erzähler die Tür hastig geöffnet und zieht sich den atemlosen Leser nach, und schon hat der Wind dem Erzähler den Türgriff wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Tür zugeschlagen, daßdas ganze Haus widerhallt: wir sind darin, in dem Hause sowohl wie in der Geschichte vom wilden Mann! “ 6

Durch diese Metalepse wird nun die Metaebene, die Beziehung zwischen Erzähler und Leser, in die Erzählung mit aufgenommen. Die Funktion des Erzählers, der den Leser durch die Geschichte führt, wird explizit dargestellt. Wenn man nun das Vorkommen des Erzählers komplett als Metalepse wahrnimmt, muss man von einer heterodiegetischen Erzählung sprechen, da der Erzähler nicht in der erzählten Geschichte vorkommt, sondern nur die Metaebene, die Erzähler-Leser Ebene, in die Erzählung mit hineingenommen wird. Sonst müsste man auch von einem homodiegetischen Leser sprechen, weil dieser ja auch vorkommt. Bei einem homodiegetischen Erzähler muss eine ontologische Vereinbarkeit zwischen der Welt des Erzählers und der erzählten Welt vorhanden sein. Dies ist hier nicht der Fall, der Erzähler kann von den Figuren nicht wahrgenommen werden, er befindet sich auf einer anderen Ebene, es gibt keine Möglichkeit, die Grenzen von der Exegesis, also der Welt des Erzählers, zur Diegesis, der untergeordneten Ebene der Erzählung, zu durchbrechen. Die Erzählung hat somit einen klar heterodiegetischen Erzähler.

Der Erzähler braucht dabei den Imperfekt für die Diegesis, er berichtet also von einem späteren Zeitpunkt aus von einem Ereignis. Für die Exegesis verwendet er dann das Präsens, weil ja damit die momentane Situation des Lesens und Erzählens beschrieben wird. Das zeitliche Verhältnis zwischen der Niederschrift und der Erzählung selbst erfährt man nicht, jedoch gibt es Hinweise auf die Verschriftlichung. Der Erzähler erwähnt, dass er die Freude des Oberst an den deutschen Stubenfliegen in einem eigenen Kapitel behandeln will.

Im ersten Kapitel bereitet der Erzähler die Bühne vor. Er beschreibt ausführlich die Einrichtung der Apotheke. „Wir beendigen die Katalogisierung.“7 In diesem ersten Kapitel ist der Erzähler durch das Personalpronomen Wir stark präsent. Ab dem zweiten Kapitel nimmt er sich stark zurück. Dort wird auch der Einbezug des Lesers wieder in Frage gestellt: „[...] eine Unterhaltung, die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen, [...].“8 Das Wir lässt sich hier nun nicht mehr als Erzähler und Leser identifizieren, sondern der Erzähler spricht von sich selbst in der Mehrzahl. Der Erzähler tritt darauf erst wieder in Kapitel 9 in Erscheinung, wo er seine Macht, die Erzählung zu lenken, demonstriert: „[...] wir rücken ab vom kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom Agostin Agonista.“ und „[...] wir aber begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Weg nach ihren Wohnungen.“9 und nochmals in Kapitel 10 „[...] wenden wir uns zu dem greisen Geschwisterpaar in der Apotheke „Zum wilden Mann“ und zu seinem eigentümlichen Gaste zurück.“10 In Kapitel 9 zeigt er nicht nur seine Macht, das zu erzählen, was er will, und eben auch etwas auszulassen, wenn ihm danach ist, sondern auch seine direkte Macht über die Figuren: „Wir lassen ihn, den Oberst Agonista, so ungefähr um ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch streichen [...]“.11 Im 11. Kapitel geht der Erzähler auf das Verfassen der Erzählung ein: „Der Brasilianer freute sich über die deutschen Stubenfliegen, [...] aber die Tatsache verdient, in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden.“12 Mit dieser Metalepse verweist er auf die Metaebene des Aufschreibens der Geschichte. Ein letztes Mal taucht der Erzähler ganz am Schluss der Erzählung auf: „Da sitzen wir wieder unter den Bildern [...] “.13 Noch einmal macht der Erzähler also darauf aufmerksam, dass er und der Leser immer noch inmitten der Handlung sind, also eine bestmögliche Beobachterposition haben, ohne natürlich gesehen zu werden.

Dieses wiederholte miteinbeziehen der Metaebene verweist jeweils auf die Erzählung als Konstruktion eines Autors, der einen fiktiven Erzähler entwerfen und auch einen fiktiven Leser mit einbeziehen muss, um eine Geschichte zu erzählen. Metalepsen sind also ein Fiktionalitätssignal, und haben meist auch eine komische Komponente.14 Das Eingangskapitel des „Zum wilden Mann“ macht somit schon klar, dass man es nicht mit einer Erzählung zu tun bekommt, die einem Realität vorgaukeln will, sondern sie richtet sich eher an einen Leser, dem der Umstand, dass die Geschichte fiktiv ist, keine Illusionen rauben wird. Jorge Luis Borges führt diesen Gedanken der Fiktionalität noch weiter, und bezieht diese auch auf den Leser, was gut zu dieser Erzählung passt, wo der Leser ja auch mit einbezogen wird. Er sagt über Metalepsen: „Solche Spiegelungen legen die Vermutung nahe, dass, sofern die Figuren einer Fiktion auch Leser und Zuschauer sein können, wir, ihre Leser und Zuschauer, fiktiv sein können.“15

3. Die Erzählung im Kontext des Bürgerlichen Realismus

Raabes Novelle „Zum wilden Mann“ wurde zuerst 1874 in den „Westermannʻs Illustrirten Monatsheften“ veröffentlicht. Also in der Zeit des Bürgerlichen Realismus, wovon Raabe als einer der wichtigsten Vertreter gilt. Man thematisierte im Bürgerlichen Realismus „vornehmlich den Verlust humaner und sozialer Werte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die zunehmend ökonomischen und materiellen Belangen folgte.“16 In den Gründerjahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1970/71 wurde die Thematik der neu aufkommenden Marktwirtschaft sehr aktuell.

[...]


1 Wilhelm Jensen: „Beitrag zur Würdigung des Dichters“ in Westermannʻs Illustrirte Monatshefte 47 (1879); zit. aus dem Nachwort von Axel Dunker zu: Raabe 2006, S.117.

2 Raabe hat den Begriff Novelle selber nie verwendet. Vgl. Becker 2003, S. 271.

3 Siehe Fussnote 1.

4 DIe Kategorien Genettes, wie sie bei Lahn/Meister 2008 dargestellt werden.

5 Raabe 2006, S. 4.

6 Ebd. S. 5.

7 Raabe 2006, S. 8.

8 Ebd., S. 12.

9 Ebd., S. 64.

10 Ebd., S. 69.

11 Ebd., S. 62.

12 Ebd., S. 75.

13 Raabe 2006, S. 98.

14 vgl. Lahn/Meister 2008, S.91.

15 Zit. nach Lahn/Meister 2008, S. 91.

16 Becker 2003, S. 271.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Erzähler in Wilhelm Raabes "Zum wilden Mann"
Hochschule
Universität Basel
Note
5.5
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V192892
ISBN (eBook)
9783656180500
ISBN (Buch)
9783656181156
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm Raabe, Zum Wilden Mann, Novelle, Poetischer Realismus
Arbeit zitieren
David Christen (Autor), 2011, Der Erzähler in Wilhelm Raabes "Zum wilden Mann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192892

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Erzähler in Wilhelm Raabes "Zum wilden Mann"