Reform in der Familienpolitik am Beispiel der Einführung des Bundeselterngeldes

Eine Politikfeldanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
38 Seiten, Note: 1,0
Kirsten Reinhardt (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Der Policy-Cycle
2.1.1 Problemwahrnehmung und Agenda Setting
2.1.1.1 Problemwahrnehmung und Agenda Setting im Falle des Elterngeldes
2.1.1.1.1 Die Shell-Jugendstudie
2.1.1.1.2 Der Siebte Familienbericht der Bundesregierung
2.1.1.1.3 Das Statistische Bundesamt
2.1.1.1.4 Probleme beim Bundeserziehungsgeldgesetz
2.1.1.1.5 Die Machbarkeitsstudie der Prognos AG
2.1.2 Politikformulierung
2.1.2.1 Politikformulierung im Falle des Elterngeldes
2.1.2.1.1 Das Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG)
2.1.3 Politikimplementierung
2.1.3.1 Politikimplementierung im Falle des Elterngeldes
2.1.4 Evaluierung
2.1.4.1 Evaluierung im Falle des Elterngeldes

3 Fazit und Empfehlung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat die Familienpolitik eine so zentrale Rolle gespielt wie in der Gegenwart. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht debattiert wird über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Schaffung neuer Betreuungsplätze oder bessere Bildungsangebote in Kindergärten, Schulen und Hochschulen.“1

Volker Votsmeier

Aussagen wie diese machen deutlich, dass das Thema Familie in den letzten Jahren verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist. Angesichts struktureller Veränderungen in der demographischen Entwicklung und der sich daraus abzeichnenden Folgen für die sozialen Sicherungssysteme sowie eines tiefgreifenden Wandels familialer Lebenswelten steht Familienpolitik vor der enormen Herausforderung, zum einen den existentiellen Anforderungen der Gesellschaft und ebenso den persönlichen Wünschen ihrer Mitglieder gerecht zu werden. Als Brücke zwischen Familie und Gesellschaft ist es Aufgabe von Familienpolitik, Voraussetzungen für eine optimale Funktionstüchtigkeit von Familien zu schaffen und zum Wohl und Fortbestehen der Gesellschaft beizutragen. Dazu gehört auch das Reagieren auf gesamtgesellschaftliche Wandlungstendenzen, die für die Zukunft der Familie eine Relevanz besitzen. Familienpolitik muss sich immer wieder auf Veränderungen in diesen Bereichen einstellen und dementsprechend handeln: bestehende Gesetze werden aufgehoben, sie werden verändert oder neue Gesetze werden erlassen. Familienpolitik hat die Aufgabe, missliche Verhältnisse in der Gesellschaft umzugestalten - es müssen Reformen stattfinden.

Als eine der bedeutendsten familienpolitischen Reformen der letzten Jahre ist wohl die Einführung des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes am 01. Januar 2007 zu nennen. Das neue Elterngeld sollte einen grundlegenden strukturellen Wandel vorantreiben: Es sollte auf die demographischen und gesellschaftlichen Entwicklungen reagieren, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern und bessere ökonomische Perspektiven für Familien schaffen.

Hat das neue Elterngeld diese Ziele erreicht? Welche Akteure haben an dessen Umsetzung mitgewirkt? Was waren die Einflüsse? Warum ist es gerade im Jahr 2007 eingeführt worden, und nicht vielleicht schon viel früher - oder später? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Politikfeldanalyse geklärt werden. Der gesamte Reformprozess - von der ersten Idee eines Elterngeldes bis zur Ergebnisauswertung - wird schrittweise untersucht. Ein geeignetes Instrument zur Analyse solch politischer Prozesse ist der so genannte „Policy-Cycle“, der die politischen Prozesse als eine Folge diskreter Phasen der Problemverarbeitung darstellt.

In der vorliegenden Hausarbeit sollen diese einzelnen Phasen der Problemverarbeitung in Bezug auf die Einführung des Elterngeld- und Elternzeitgesetzes dargestellt werden. Dafür soll zunächst einmal das idealtypische Politikzyklus-Modell vorgestellt und seine einzelnen Phasen kurz erläutert werden. Anschließend an jede Phase wird diese auf den konkreten Fall, d.h. auf die Einführung des Bundeselterngeldes, bezogen. Die Politikfeldanalyse endet mit einem Fazit und einer Empfehlung an die Bundesregierung.

2 Hauptteil

2.1 Der Policy-Cycle

Bei der Politikfeldanalyse wird die inhaltliche Dimension von Politik (Policy) u. a. als Problemverarbeitungsprozess (Politikzyklus) untersucht. Gefragt wird danach, wie bestimmte gesellschaftliche Probleme zum öffentlich diskutierten und damit zum regelungsbedürftigen Problem werden, wie sich die ursprünglich gesetzten Problemlösungsvorschläge im Laufe der Bearbeitung im politischen Prozess verändern und schließlich, welche Auswirkungen die im politischen Entscheidungsprozess gefundenen Lösungen in der Gesellschaft bzw. bei den Betroffenen hervorrufen.2

Bei der Politikzyklustheorie wird angenommen, dass Politik als eine sequentielle Abfolge von Phasen des politischen Prozesses beschrieben werden kann: Am Anfang steht meist ein spezifisches politisches Problem bzw. bestimmte Defizite, die auf einem (bestehenden) Politikfeld ausgemacht werden. Politische oder gesellschaftliche Akteure3 thematisieren das Problem und versuchen es - ihren jeweiligen Interessen entsprechend - auf der politischen Agenda zu verankern. Um das Problem zu lösen, müssen daraufhin konkrete Programme und Steuerungsinstrumente, so genannte Policies, entwickelt werden. Ob diese Politiken dann so durchgebracht werden, ist von den Phasen der politischen Entscheidung und der Umsetzung durch Politik und Verwaltung abhängig. Schließlich kommt es zur Analyse und Bewertung der gewählten Policies und in der Folge entweder zur Neuformulierung oder zur Terminierung des Politiksetzungsprozesses.4 Das folgende Schaubild zeigt die kreisförmige Anordnung dieser einzelnen Phasen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Jann/Wegrich (2009), S. 86.

Im Zusammenhang mit dem Policy-Cycle darf nicht unerwähnt bleiben, dass es sich bei den abgebildeten Phasen um Idealtypen handelt. Das heißt, dass die Phasen in der Realität häufig nicht eindeutig voneinander abgegrenzt werden können. So kommt es zu zeitlichen Überschneidungen und Verflechtungen der einzelnen Schritte sowie zu wechselseitigen Beeinflussungen. Als Hilfsmittel für die Analyse von Politikinhalten erscheint der hier dargestellte Policy-Cycle aber dennoch sinnvoll.5

2.1.1 Problemwahrnehmung und Agenda Setting

Betrachtet man das oben abgebildete Policy-Cycle-Modell, so sind die Phasen Problemwahrnehmung und Agenda Setting distinkt, die eine folgt aus der anderen. Allerdings ist es oft schwierig, die Phasen klar voneinander abzugrenzen. Ob und wie ein Problem wahrgenommen wird und ob es anschließend zur politischen Bearbeitung auf die Agenda rückt, hängt sehr eng miteinander zusammen. Die Grenzen zwischen der öffentlichen Diskussion eines Problems und seines Vorrückens auf die Agenda sind fließend. Aus diesem Grund werde ich - Blum und Schubert folgend - die beiden Phasen Problemwahrnehmung und Agenda Setting innerhalb desselben Abschnitts behandeln. Trotzdem sollen beide Sequenzen kurz einzeln erläutert werden.

Die Phase der Problemwahrnehmung bezieht sich auf den Teil des politischen Prozesses, in dem erkannt wird, dass ein politisch zu lösendes Problem besteht. Dieses Problem kann ökonomischer, ökologischer oder technischer Natur sein. „Erst indem sie auf die Lebenschancen von Menschen wirken, werden sie zu sozialen Problemen.“6 Damit diese sozialen Probleme politisch bearbeitet werden können, müssen sie zunächst einmal wahrgenommen werden. Diese Problemwahrnehmung ist ein sozial konstruierter Prozess. Ob und wie stark ein vorhandenes Problem wahrgenommen wird, hängt sehr vom subjektiven Empfinden der jeweiligen Gesellschaft ab. „Für die Prozesse der Problemwahrnehmung existieren eigenen Gesetzmäßigkeiten - aber auch Normen, die von Land zu Land unterschiedlich sein können.“7 Probleme müssen auch immer im Kontext ihrer normativen Voraussetzungen betrachtet werde. Nur wenn nach normativen Grundsätzen eine Differenz zwischen Ist-Zustand und Soll-Wert auftritt, wird ein Sachverhalt als Problem wahrgenommen und reaktives Handeln gefordert.8

Problemwahrnehmung ist ein in der Regel in der Öffentlichkeit stattfindender Bereich. Die Themen und Problematiken werden oft in den Massenmedien diskutiert, Experten formulieren ihre Sicht der Dinge, Politiker beziehen Stellung. Erhält das Problem in dieser öffentlichen Phase für die Regierung ausreichend Handlungsrelevanz, wird die zweite Phase des Politikzyklus erreicht, die Phase des Agenda Setting. Tut es das nicht, verbleibt das Problem im Morast der „Policy Ursuppe“ und wird nicht politisch umgesetzt.9

In der Phase des Agenda Setting geht es dann um die Frage: „Why do some issues appear on the governmental agenda for action and not others?“10 Grundsätzlich ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut. Entscheidungsträger können sich immer nur einer begrenzten Anzahl von Themen widmen. Die Frage ist hier, ob und wie es dem Thema gelingt, Relevanz für ein Regierungshandeln zu entfalten.

Nach Blum und Schubert können vier mögliche Typen des Agenda Setting unterschieden werden: Will ein staatlicher Akteur ein Thema bearbeiten, das für eine Vielzahl an Menschen von Bedeutung ist, so muss er die bestehende Unterstützung lediglich sichern und kann mit seiner Handlungsweise fortfahren (Konsolidierung). Ist das Gegenteil der Fall, wird der Staat als Hauptakteur das Problem von der formalen auf die öffentliche Agenda zu bewegen versuchen, indem er für seinen Ansatz wirbt und die Unterstützung seiner Bürger mobilisiert, um später in der Lage zu sein, seine Lösungen zu implementieren (Mobilisierung). Sind hingegen gesellschaftliche Akteure an einer Fragestellung interessiert, die für die Allgemeinheit wenig relevant ist, werden sie in der Regel versuchen, direkt die Ebene der Entscheidungsträger zu erreichen, ohne breite Kreise zu ziehen (von innen initiiert). Ist eine Frage jedoch für die breite Bevölkerung von Bedeutung, versuchen gesellschaftliche Akteure die Regierung, mit Hilfe der Öffentlichkeit, davon zu überzeugen, das Problem in Angriff zu nehmen (von außen intiiert). Diese Typen von Agenda Setting setzen ein absichtsvolles Handeln voraus. Die Plan- und Steuerbarkeit ist aber manchmal nicht gegeben, z.B. bei Katastrophen, die ein Problem schlagartig auf die Agenda setzen können. Daneben gibt es auch noch die Entscheidung, nichts zu unternehmen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass kein Problem besteht, sondern kann das Ergebnis bestehender Policy- Monopole sein. Die Akteure sind dann mit dem Status Quo zufrieden.11

2.1.1.1 Problemwahrnehmung und Agenda Setting im Falle des Elterngeldes

Basis für die Problemwahrnehmung und das darauf folgenden Agenda Setting im Falle des Elterngeldgesetzes bilden vor allen Dingen folgende Veröffentlichungen, die in Politik und Gesellschaft stark diskutiert wurden: Die 15. Shell-Jugendstudie, der Siebte Familienbericht der Bundesregierung, Daten des Statistischen Bundesamtes und die Machbarkeitsstudie der Prognos AG. In allen vieren wurden bestehende soziale Probleme wie sinkende Geburtenraten, die sich verschlechternde finanzielle Situation von Familien sowie Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgezeigt. Als weiterer Grund für die Problemwahrnehmung ist die Unzufriedenheit mit dem bislang bestehenden Bundeserziehungsgeldgesetz zu nennen.

2.1.1.1.1 Die Shell-Jugendstudie

Die Shell-Jugendstudie ist eine empirische Untersuchung der Einstellungen, Werte, Gewohnheiten und des Sozialverhaltens von Jugendlichen in Deutschland, die vom Mineralölkonzern Shell seit 1953 herausgegeben wird. Im Abstand von drei bis vier Jahren wird die Studie einem Wissenschaftlerteam in Auftrag gegeben. Die 14., 15. und 16. Shell- Jugendstudie wurde zum Beispiel von Wissenschaftlern der Universität Bielefeld durchgeführt. Die empirischen Erhebungen wurden durch TNS Infratest durchgeführt, bestehend aus Repräsentativerhebungen der zwölf- bis 25-jährigen Bevölkerung in Deutschland, die durch 20 biografische Porträts von Jugendlichen der gleichen Altersgruppe ergänzt wurden.12

Bei der Vorstellung der 15. Shell-Jugendstudie im September 2006 beschreibt die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen eine ihrer zentralen Aussagen wie folgt: "Die meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland fühlen sich in ihrer Familie wohl und wünschen sich selbst auch, später mal eine Familie zu gründen. Aber sie wissen auch ganz genau, dass es bei uns schwieriger ist, Ausbildung, Beruf, Karriere, Partnerschaft und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen"13. Laut Shell-Studie 2006 schreiben Jugendliche der Familie eine besonders hohe Bedeutung zu. 72 % der Jugendlichen sind der Meinung, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Jugendliche verbinden also ein glückliches Leben mit Familie. Gleichzeitig wächst aber die Zahl junger Erwachsener in Deutschland, die auf die Realisierung von Kindern und Familie verzichten. Ein Wunsch nach eigenen Kindern existiere vor allem aus emotionalen Gründen. Ungünstige gesellschaftliche Rahmenbedingungen können die Erfüllung des Kinderwunsches bei vielen jungen Menschen jedoch verhindern. Insbesondere junge Frauen geben an, bei der Familiengründung mit vielfältigen Schwierigkeiten konfrontiert zu sein, weil Ausbildung, berufliche Integration und Partnerschaft mit Familiengründung in einem sehr kurzen Zeitfenster komprimiert sind, der so genannten „Rush Hour des Lebens“14.

2.1.1.1.2 Der Siebte Familienbericht der Bundesregierung

Der Familienbericht ist eine seit 1968 von der deutschen Bundesregierung herausgegebene Serie von Berichten. Jeder Bericht ist eine wissenschaftliche Aufarbeitung und Zusammenstellung familienspezifischer Themen und Entwicklungen in aktuellem Kontext, und besteht aus der Darstellung einer unabhängigen Sachverständigenkommission und einer sich darauf beziehenden Stellungnahme der Bundesregierung.

Am 20. Februar 2003 hat die damalige Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Renate Schmidt eine jener in rot-grünen Regierungszeiten obligatorischen Sachverständigenkommissionen einberufen. Sie sollte das Thema "Zukunft der Familie" unter den Aspekten gesellschaftlicher Wandel und soziale Integration grundlegend analysieren und zeitgemäße Perspektiven und politische Handlungsinstrumente entwickeln, um auf "die neuen Herausforderungen spätmoderner Gesellschaften"15 angemessen reagieren zu können. 2005 wird der Siebte Familienbericht dann unter dem Titel "Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit" der Öffentlichkeit vorgelegt. Zentrale Handlungsempfehlungen der Sachverständigenkommission sind hierin u.a., dass der Staat Rahmenbedingungen schaffen solle, die dem Einzelnen unterschiedliche und individuelle Entwicklungsoptionen eröffnen. Die strukturellen Rahmenbedingungen, die bislang in Deutschland geschaffen wurden, würden hingegen ein ganz bestimmtes Familienbild nach sich ziehen, nämlich das des männlichen Alleinverdienermodells bzw. der Hausfrauenehe, so die Experten.

Der Bericht bemängelt weiterhin die schlechte finanzielle Situation junger Familien. „In Deutschland erleben Familien […] einen ökonomischen Achterbahneffekt: Zu Beginn der Elternzeit (Mutterschaftsgeld von der Krankenkasse - Geburt als Krankheit!) ist das Familieneinkommen noch hoch, dann geht es mit dem Bezug des nicht an das vorherige Einkommen gekoppelten Erziehungsgeldes markant zurück.“16 Der Bericht plädiert dafür, die finanzielle Förderung auf jene Lebensphase zu konzentrieren, in der Familien relativ wenig Geld zur Verfügung stehe. Dies sei vor allem bei jungen Familien der Fall.

Darüber hinaus zeige der internationale Vergleich, dass andere Länder mit ähnlichen Voraussetzungen wie Deutschland bisher eine erfolgreichere Familienpolitik betreiben, obwohl sie nicht mehr Geld ausgeben. So beurteilt die Kommission: „Die finanziellen Aufwendungen, die die Bundesrepublik Deutschland an staatlichen Leistungen für Familien aufwendet, haben jedenfalls nicht dazu beigetragen, dass junge Erwachsene in gleicher Weise wie in Frankreich, Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Großbritannien Kinder als Teil einer gemeinsamen Lebensplanung begreifen.“17 Auch bei der Bekämpfung von Kinderarmut wäre die Bundesrepublik im internationalen Vergleich nicht besonders erfolgreich.

Zudem verfügten beispielsweise die unter 35-jährigen Ehepaare ohne Kinder pro Kopf über 610 Euro Nettoeinkommen pro Monat mehr als Familien mit Kindern, heißt es in dem 351- seitigen Bericht. Für einen Teil der Familien bedeutet Elternschaft demnach ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko, vor allem für Familien mit drei und mehr Kindern und für Alleinerziehende. Um dem entgegenzuwirken, fordert die Sachverständigenkommission des Siebten Familienberichts einen Neuzuschnitt von Geldleistungen. Finanzielle Transfers sollen transparent gestaltet und in Abhängigkeit von der Familienphase geleistet werden, so die Experten.18

2.1.1.1.3 Das Statistische Bundesamt

Das Statistische Bundesamt (auch Destatis) ist eine deutsche Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern. Es erhebt, sammelt und analysiert regelmäßig statistische Informationen zu Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.

Laut Statistischem Bundesamt hat die Zahl der Geburten in Deutschland 2006 den tiefsten Stand seit 1946 erreicht. Mit 673.000 lebend geborenen Kindern kamen 13.000 Babys weniger auf die Welt als im Jahr zuvor. Damit sank die Zahl der Neugeborenen um 1,9 %. Eine Frau brachte im Jahr 2006 im Schnitt 1,33 Kinder zur Welt, dies ist eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Die Geburtenhäufigkeit liegt damit weit unter dem Bestandershaltungsniveau19 von 2,1 Kindern pro Frau.

Wie das Statistikamt weiter berichtet, gab es 2006 rund 822.000 Sterbefälle. Das entspricht einem Rückgang um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr (830.000). Im Jahr 2006 starben somit 149.000 Menschen mehr als geboren wurden. 2005 fiel das Geburtendefizit um etwa 5.000 Personen niedriger aus. „Seit 1991 hat es in Deutschland in jedem Jahr mehr Sterbefälle als Geburten gegeben“20, so die Statistiker.

Stagniert oder sinkt die Geburtenrate weiter, wird die Bevölkerungszahl auf etwa 67 Millionen Einwohner im Jahr 2050 sinken. Diese Entwicklung hat drastische Konsequenzen für sämtliche Bereiche in Staat und Gesellschaft. Beispielsweise geraten die Grundlagen der sozialen Sicherungssysteme ins Wanken, die Einnahmen der öffentlichen Haushalte gehen (weiter) zurück, es fehlen (qualifizierte) Arbeitnehmer und die technische und soziale Infrastruktur in den Kommunen wird erhebliche Überkapazitäten aufweisen. In Deutschland lassen sich somit die volkswirtschaftliche Produktivität und Wertschöpfung sowie der Lebensstandard auf dem heutigen Niveau kaum halten.

Desweiteren wurde festgestellt, dass Deutschland im internationalen Vergleich durch eine besonders geringe Fertilität bei Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen hervorsticht.

Untersucht man die Kinderlosigkeit von Frauen in Abhängigkeit vom Bildungsniveau, zeichnet sich auf Grundlage der Ergebnisse des Mikrozensus21 2003 folgendes Bild ab: Das Ausmaß der Kinderlosigkeit steigt mit dem Bildungsniveau und ist bei Frauen mit Universitäts- oder Fachhochschulabschluss am höchsten. Im Mai 2003 waren laut Mikrozensus von den 37- bis 40-jährigen Akademikerinnen 43% kinderlos.22

2.1.1.1.4 Probleme beim Bundeserziehungsgeldgesetz

Das Bundeserziehungsgesetz hat zwischen 1986 und 2007 das Erziehungsgeld und den Erziehungsurlaub geregelt. Das Erziehungsgeld des Bundes war keine Lohnersatzleistung, sondern eine aus Steuern finanzierte einkommensabhängige Familienleistung für Eltern mit und ohne Erwerbstätigkeit. Die Höhe der Leistung orientierte sich am Einkommen, welches während des Erziehungsgeldbezuges erzielt wurde, z.B. durch den weiterarbeitenden Elternteil oder durch Einkünfte beider Eltern. Dabei galt für die ersten sechs Lebensmonate eine höhere Einkommensgrenze als für die Zeit danach. Lag das Einkommen über der Grenze für die ersten sechs Lebensmonate, bestand kein Anspruch auf Erziehungsgeld, lag es über der Grenze ab dem siebten Lebensmonat, wurde das Erziehungsgeld gemindert. Es gab zwei Arten von Erziehungsgeld, für die sich die Eltern beim Antrag bei der Erziehungsgeldstelle entscheiden müssen: Einmal den Regelsatz von 300 Euro monatlich für zwei Jahre oder das Budget für ein Jahr in der Höhe von 450 Euro monatlich.

Das Bundeserziehungsgeld hat den Eltern damit eine bedarfsorientierte finanzielle Unterstützung angeboten, die sich am Einkommen orientierte, den Einkommenseinbruch bei Wegfall eines Erwerbseinkommens jedoch nicht ausgleichen konnte. Familien in mittleren Einkommensbereichen erreichten trotz Kindergeld nur rund 70 Prozent, Familien mit hohen Einkommen rund 60 Prozent des vor der Geburt zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommens. Das Bundeserziehungsgeld hat Müttern und Vätern somit nicht in ausreichendem Maße die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht. Es begünstigte eine Rollenteilung zwischen Männern und Frauen, die häufig nicht den Lebenswünschen der Paare entsprach.

[...]


1 Votsmeier (2007), S.17.

2 Vgl. Naßmacher (1994), S. 135.

3 Als politische und gesellschaftliche Akteure sind in diesem Fall sowohl individuelle Personen, als auch so genannte komplexe Akteure, also kollektive (zusammenarbeitende) Akteure wie zum Beispiel strategische Allianzen, Clubs, Bewegungen oder Verbände, sowie korporative (zu einer Rechtspersönlichkeit verschmolzene) Akteure wie zum Beispiel Regierung, Ministerien, politische Parteien, Gewerkschaften, Industrieverbände, Unternehmen, aber auch Forschungseinrichtungen gemeint.

4 Vgl. Blum/Schubert (2011), S. 105.

5 Vgl. Naßmacher (1994), S. 136.

6 Schneider/Jannig (2006), S. 51.

7 Blum/Schubert (2011), S. 109.

8 Vgl. Schneider/Jannig (2006), S. 51.

9 Vgl. Blum/Schubert (2011), S. 111.

10 Howlett/Ramesh (2003), S. 93, zitiert nach: Blum/Schubert (2011), S. 111.

11 Vgl. Blum/Schubert (2011), S. 112f.

12 Vgl. Shell: Über die Shell-Jugendstudie.

13 Innovationsreport (2006).

14 Der Begriff Rush-Hour des Lebens (abgeleitet von engl. rush hour = Hauptverkehrszeit) bezeichnet in der Familienpolitik und der Soziologie eine Lebensphase vom Abschluss der Berufsausbildung bis zur Lebensmitte, einschließlich der Phase der Familiengründung. Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass durch späteren Berufseinstieg/Karrierebeginn (unter anderem durch vermehrte höhere und damit längere Ausbildungen) einerseits und weitgehend festgelegtes Ende der Zeit für Familiengründung andererseits beides, also Berufseinstieg und -aufstieg und Familiengründung, immer öfter gleichzeitig und in kürzerer Zeitspanne zu bewältigen sind.

15 BMFSFJ (2006): Siebter Familienbericht - Vorwort.

16 Beruf + Familie. Bremer Verbundprojekt (9/2005): Ergebnisse aus dem 7. Familienbericht.

17 Ebd.

18 Vgl. ebd.

19 Das Bestandserhaltungsniveau ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, die erforderlich wäre, um den Bevölkerungsbestand bei den gegebenen Sterblichkeitsverhältnissen konstant zu halten. Für Europa gilt gegenwärtig ein grober Richtwert von 2,1 als Bestandserhaltungsniveau, d.h. gebären 1000 Frauen eines Geburtsjahrgangs während ihres Lebens weniger als 2100 Kinder, so gleicht langfristig die Zahl der Geburten die Zahl der Sterbefälle nicht mehr aus und die Bevölkerung schrumpft.

20 Statistisches Bundesamt (2007): Pressemitteilung: 2006 - Geburten, Sterbefälle und auch Bevölkerung gingen zurück.

21 Der Mikrozensus ist eine repräsentative Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik in Deutschland. Rund 830 000 Personen in etwa 370 000 privaten Haushalten und Gemeinschaftsunterkünften werden stellvertretend für die gesamte Bevölkerung zu ihren Lebensbedingungen befragt. Dies ist 1 % der Bevölkerung, die nach einem festgelegten statistischen Zufallsverfahren ausgewählt werden.

22 Vgl. Statistisches Bundesamt (2005): Kinderlosigkeit von Frauen im Spiegel des Mikrozensus.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Reform in der Familienpolitik am Beispiel der Einführung des Bundeselterngeldes
Untertitel
Eine Politikfeldanalyse
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
38
Katalognummer
V193027
ISBN (eBook)
9783656182320
ISBN (Buch)
9783656182627
Dateigröße
945 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reform, familienpolitik, beispiel, einführung, bundeselterngeldes, eine, politikfeldanalyse
Arbeit zitieren
Kirsten Reinhardt (Autor), 2012, Reform in der Familienpolitik am Beispiel der Einführung des Bundeselterngeldes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193027

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Reform in der Familienpolitik am Beispiel der Einführung des Bundeselterngeldes


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden