Sinnloser Drill in Form wiederholten Antretens und Wegtretens. Scheinbar nie enden wollendes Zerlegen und Zusammensetzen von Handwaffen. Penibel vorgegebene Verpackungspläne der persönlichen Ausrüstung, die kaum Freiräume für Individualität lassen. Tagtägliche, oftmals sogar mehrfach tägliche Stubendurchgänge inklusive Spindkontrollen, bei denen die Faltbreiten der im Regal befindlichen Diensthemden exakt vorgegeben sind. So schildern deutsche Männer ihre dreimonatige allgemeine Grundausbildung in der Bundeswehr, die gespickt ist mit als sinnentleert empfundenen Tätigkeiten, die in ihrer Penibilität obskure Ausmaße angenommen haben. Für viele stellt die Dienstzeit in der Bundeswehr, egal ob sie nur wenige Monate oder Jahre ihres Lebens dauern mag, einen erheblichen Einschnitt in ihr bisheriges Leben dar. Woran mag dies liegen? Was unterscheidet die Institution Bundeswehr von herkömmlichen Zivilberufen und wieso kann die Bundeswehr nicht auf das Element der Grundausbildung verzichten, indem sie ihren soldatischen Nachwuchs wie andere Unternehmen der freien Wirtschaft als Lehrlinge oder Auszubildende ausbilden?
Eine Antwort auf die Frage kann das von dem Soziologen Erving Goffman aufgestellte Konzept der totalen Institution bieten, welches in diesem Essay näher untersucht werden soll. Es soll sich der Forschungsfrage gewidmet werden, ob die Bundeswehr zur Ausbildung ihres Personals, welches sie zur Erfüllung ihres hoheitlichen Auftrages benötigt, zwingend eine totale Institution sein muss oder ob nicht alternative Ausbildungsmuster möglich wären.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriff der totalen Institution
3. Die Bundeswehr als totale Institution
4. Notwendigkeit der totalen Institution für die Ausbildung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, auf Basis des soziologischen Konzepts der "totalen Institution" von Erving Goffman zu analysieren, ob die Bundeswehr für die Ausbildung ihres Personals zwingend als solche strukturiert sein muss oder ob alternative Ausbildungsmuster in Betracht kommen.
- Analyse des soziologischen Begriffs der "totalen Institution" nach Goffman
- Übertragung der theoretischen Kriterien auf die Struktur der Bundeswehr
- Untersuchung der Ziele militärischer Sozialisation und des Gehorsams
- Kritische Reflexion über die Angemessenheit totaler Strukturen in der modernen Ausbildung
Auszug aus dem Buch
Die Bundeswehr als totale Institution
Wie bereits erwähnt, finden in einer goffmanschen totalen Institution die Angelegenheiten des täglichen Lebens an ein und derselben Stelle unter der gleichen Autorität statt. Soldaten der Bundeswehr sind gewissermaßen in Kasernen „eingesperrt“ (Steinert/Treiber 1974: 106). Dies wird durch die Umzäunung militärischer Anlagen und der zumeist eingesetzten Wache evident. Zwar mag heutzutage diese Abschottung gegenüber der äußeren Umwelt weitaus weniger dramatisch als früher sein, dennoch wohnen immer noch viele, auch dienstgradhöhere, Soldaten aus verschiedensten Gründen in den Kaserne (vgl. Apelt 2006: 10). Dadurch entsteht zudem die typische Aufhebung der Trennung der Arbeits-, Freizeit- und Schlafbereiche (vgl. ebd.: 10), wodurch dieses Kriterium einer totalen Institution erfüllt wird.
Neben der räumlichen Trennung kommt es auch auf andere Weisen zum Bruch mit dem frühen Leben, beispielsweise durch den Verlust der eigenen Individualität. Heinz Steinert und Hubert Treiber beschreiben diesen Prozess anschaulich: „Die private Kleidung wird durch eine einheitliche Uniform ersetzt, der Haarschnitt wird vereinheitlicht, persönliche Habseligkeiten werden abgenommen oder auf ein Minimum reduziert […]“ (Steinert/Treiber 1974: 106).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der militärischen Ausbildung, Darlegung der Forschungsfrage und Erläuterung der Relevanz des Konzepts der totalen Institution für die Bundeswehr.
2. Begriff der totalen Institution: Theoretische Rekapitulation des von Erving Goffman entwickelten Konzepts und dessen wesentlicher Merkmale wie räumliche Abschottung und Übernormierung.
3. Die Bundeswehr als totale Institution: Anwendung der Goffmanschen Definitionskriterien auf die Bundeswehr, um zu belegen, dass diese die Merkmale einer totalen Institution erfüllt.
4. Notwendigkeit der totalen Institution für die Ausbildung: Analyse der Ziele der militärischen Sozialisation und Untersuchung, warum die totale Struktur für die Erzeugung von Gehorsam als unverzichtbar angesehen wird.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage mit dem Ergebnis, dass die totale Institution für die Ausbildung von Soldaten zur Landesverteidigung funktional notwendig ist.
Schlüsselwörter
Bundeswehr, Erving Goffman, totale Institution, militärische Sozialisation, Grundausbildung, Gehorsam, Entindividualisierung, Kasernierung, Landesverteidigung, Soziologie, Militärsoziologie, Ausbildungsmodell, Dienstalltag, Disziplin
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Frage, ob die Bundeswehr aufgrund ihrer speziellen Anforderungen an die Personalausbildung die soziologischen Merkmale einer "totalen Institution" aufweisen muss.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Militärsoziologie, die Konzepte der Sozialisation, die Analyse totaler Institutionen und die Strukturen der militärischen Grundausbildung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es zu klären, ob für die Erfüllung des hoheitlichen Auftrags der Bundeswehr zwingend eine totale Institution erforderlich ist oder ob zivile Alternativen möglich wären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, bei der das soziologische Konzept der totalen Institution nach Erving Goffman auf die militärische Organisation übertragen und kritisch geprüft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil belegt zunächst die Einordnung der Bundeswehr als totale Institution und analysiert anschließend die Funktion der Kasernierung und Umerziehung für die militärische Sozialisation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind totale Institution, militärische Sozialisation, Gehorsam, Kasernierung, Entindividualisierung und Landesverteidigung.
Wie unterscheidet sich die Bundeswehr von zivilen Ausbildungsplätzen?
Im Gegensatz zu zivilen Betrieben findet in der Bundeswehr eine umfassende Isolation und bewusste Umerziehung statt, die alle Lebensbereiche (Wohnen, Arbeiten, Freizeit) integriert.
Warum ist "Gehorsam" ein so zentraler Aspekt der Analyse?
Gehorsam wird als das oberste Ziel militärischer Sozialisation definiert, das in einer modernen, segmentierten Gesellschaft nur durch die totale Struktur einer Kaserne effizient antrainiert werden kann.
- Citar trabajo
- Master of Arts Nadir Attar (Autor), 2009, Muss die Bundeswehr zur Personalbildung zwingend eine totale Institition sein?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193400