Gramscis Konzeption der Hegemonie und die versuchte Adaption der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Antonio Gramsci - eine kurze Biographie
2.1. Stellungskrieg und Bewegungskrieg
2.2. Hegemoniekonzeption

3. Die Neue Rechte in der Bundesrepublik Deutschland
3.1. Criticón
3.2. Adaption Gramscianischer Konzepte bei Alain de Benoist

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Antonio Gramsci hat in seinen Gefängnisschriften eine Vielzahl an Themenfeldern bearbeitet. Eine intensive Gramsci-Rezeption setzte in der Bundesrepublik Deutschland Ende der 60er Jahre durch die deutsche Übersetzung Chistian Riechers von Gramscis Schriften „Philosophie der Praxis“ (1967) ein. Infolgedessen wurde Gramsci aus unterschiedlichen Beweggründen und aus verschiedenen Richtungen rezipiert und interpretiert. Nach Worten des Autors Karl Heinz Braun beziehen sich politisch wie theoretisch außerordentlich verschiedenartige Positionen positiv auf Gramsci. Für die einen ist er ein subjektiver Realist, für die anderen ein intellektuell-moralischer Reformist, dann ein Kritischer-Theoretiker, ein Vater des Eurokommunismus oder auch ein Leninist (vgl. Kim, 1995, 27).

Für die Neue Rechte in der Bundesrepublik Deutschland gilt Antonio Gramsci als Spiritus Rector der „kulturellen Hegemonie“.

Zunächst möchte ich auf den politischen Kampfbegriff „rechts“ und deren Tauglichkeit in Bezug auf die heutige Lage eingehen.

Einige Autoren stellen die Bedeutung des Unterschieds von „links“ und „rechts“ in Abrede, wie beispielsweise der britische Soziologe Anthony Giddens[1]. Er behauptet, dass der Prozess der Globalisierung mit dem Prozess der Individualisierung einhergehe, der die traditionelle Art der politischen Zuweisung problematischer mache. Die Fronten seien nach dem Ende des Kalten Krieges in Unordnung geraten, was gestern noch progressiv erschien, wirke heute reaktionär und umgekehrt.

Für den neurechten Vordenker Alain de Benoist gilt die dualistische Einteilung in „links“ und „rechts“ ebenfalls als obsolet. Er verweist darauf, dass die politischen Probleme „wandern“. Für Karl Marx war die Sache noch eindeutig, wenn er „links“ als die „Partei der Unterdrückten“ und „rechts“ als die „Partei der Unterdrücker“ unterschied.

Die politische „Sitzgeographie“ geht zurück auf einen Befehl Ludwigs XIV., nachdem dieser die Generalstände 1789 versammeln ließ. Vom Vorsitzenden rechts aus gesehen nahmen der Adel und der Klerus Platz, links richtete sich der Dritte Stand ein. Diese Ordnung ergab sich nicht willkürlich, schon früher gehörte beim Zusammentreten der Korporationen die rechte Seite den Vornehmen, der Partei des Königs.

Es gibt verschiedene Grundorientierungen der „rechten“ und der „linken“ Ideologie, die ich an dieser Stelle nicht näher ausführen möchte, da dies sonst den Rahmen meiner Arbeit übersteigen würde.

Ich verwende die politische Begriffe „rechts“ und „links“, trotz der obig ausgeführten Problematik, da die Menschen offenkundig ein tief verankertes Bedürfnis nach Verortung und Kategorienbildung haben. Dieses dualistische Konzept der politischen Differenzierung entspricht offensichtlich diesem Bedürfnis.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst einen kurzen Überblick über das interessante, aber tragisch endende Leben von Antonio Gramsci geben. Im Anschluss daran versuche ich einen kurzen Überblick über Gramscis Konzeption von „Bewegungskrieg“ und „Stellungskrieg“ darzulegen. Darauffolgend widme ich mich Gramscis Konzeption der Hegemonie. Selbstverständlich bietet Gramscis Werk eine Vielzahl weiterer Aspekte und Ansätze, allerdings muss ich diese Perspektiven aufgrund Platzmangels vernachlässigen.

In den folgenden Kapiteln wende ich mich der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland zu. Hier wird es sich als äußerst wichtig erweisen, die Zeitschrift Criticón näher zu betrachten, um dann im Anschluss daran auf die genauere Rezeption Gramscis bei dem französischen Vordenker der Neuen Rechten Alain de Benoist einzugehen.

Zu guter Letzt versuche ich in meinen Schlussbetrachtungen zu einem Fazit gelangen.

2. Antonio Gramsci - eine kurze Biographie

Gramsci wurde am 22. Januar 1891 in Ales auf Sardinien als viertes Kind einer Provinzbeamten-Familie geboren. Während seiner Schulzeit fühlte er sich stark vom sardischen Nationalismus angezogen, der durch wirtschaftliche, politische und militärische Unterdrückung um die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts erstarkte. Durch seinen Bruder Gennaro geriet Antonio in Kontakt mit der Arbeiterbewegung und damit auch der Sozialistischen Partei Italiens (PSI), in die er 1913/1914 eintrat. Das begonnene Linguistik­Studium musste er aufgrund finanzieller Mängel und gesundheitlicher Verschlechterung aufgeben. Gramsci begann mit seiner journalistischen Betätigung als Redaktionsmitglied beim Turiner Sozialistenblatt „Avanti“. Er schrieb über kulturelle Themen sowie über europäische Geschichte und tagespolitische Begebenheiten. Anfang Mai 1919 erschien als erste Ausgabe die von ihm mitherausgegebene Wochenzeitschrift „L’Ordine Nuovo“ (Die neue Ordnung), welche zum wichtigsten Organ der linken Fraktion der Turiner Sozialisten wurde. 1921 spaltete sich in Livorno die kommunistische Fraktion von der PSI ab und es gründete sich die kommunistische Partei Italiens (PCI). Gramsci wurde Mitglied im Zentralkomitee. Im Sommer 1922 reiste Gramsci für die Komintern nach Moskau und lernte dort seine spätere Frau Julia Schucht in einem Sanatorium kennen, wo er sich aufgrund seiner körperlichen Gebrechen behandeln ließ. Der Aufenthalt in Moskau dürfte auf sein Denken großen Einfluss ausgeübt haben. Hier hat wahrscheinlich auch die Entwicklung seines Hegemoniebegriffs ihren Ursprung, da dieser vor, aber insbesondere auch nach der Revolution für die bolschewistische Partei als wichtig erachtet wurde (vgl. Schreiber, 1982, 4­8).

Im Dezember 1920 bestimmte Lenin die Aufgaben der Gewerkschaften folgendermaßen: „(...) die Verbindung der Avantgarde mit den Massen herstellen (...) durch ihre tägliche Arbeit die Massen überzeugen, die Massen derjenigen Klasse, die alleine imstande ist, uns vom Kapitalismus zum Kommunismus zu führen“ (Schreiber, 1982, 36). Dieser Übergang zu einer neuen Gesellschaftsordnung ist nicht zu vollziehen ohne die Erlangung der Hegemonie. Gramsci reiste im September 1923 von Moskau nach Wien, um dann 1924 nach einem fast zweijährigen Auslandsaufenthalt wieder italienischen Boden zu betreten. Er genoss parlamentarische Immunität, da er ein Abgeordnetenmandat errang. Nach dem Sieg der Faschisten hatten sich die politischen Verhältnisse in Italien jedoch insbesondere für Oppositionelle grundlegend verändert. Die linken Arbeiterorganisationen waren an den Rand der Legalität gedrückt worden. Gramsci wurde 1926 von den Faschisten verhaftet und nach 18 Monaten Untersuchungshaft wegen konspirativer Handlungen, Verherrlichung von Straftaten und Aufwiegelung zum Klassenhass 1928 zu über zwanzig Jahren Haft verurteilt (vgl. Schreiber, 1982, 8-10).

Gramsci schrieb am 20. Februar an seine Schwester Teresina: „Das Schlimmste an meinem jetzigen Leben ist die Langeweile“ (Baratta, 1991, 22).

Im Januar 1929 erhielt Gramsci die Erlaubnis zum Schreiben. Durch die Verhaftung wurde er zunächst an seiner bereits in Freiheit begonnenen Arbeit über eine Analyse des gesellschaftlichen Systems Süditaliens und des Verhältnisses von Süd- zu Norditalien gehindert. In den 1929 angefangenen Gefängnisheften führte er diese Arbeit fort. Er dachte zunächst an vier Themen:

1. die geistige Entwicklung Italiens und die intellektuellen und kulturellen Strömungen,
2. die vergleichende Sprachwissenschaft,
3. Theaterkritiken sowie
4. Populärliteratur.

Im Laufe der Zeit wurde diese breite Themenpalette erheblich erweitert. Er setzte sich in den Gefängnisheften mit dem italienischen Philosophen Benedetto Croce und mit dem russischen Philosophen Nikolai Iwanowitsch Bucharin auseinander. Ferner entwickelte er Ideen zur Rationalisierung der Arbeit in den USA (Fordismus), den „gesunden Menschenverstand“, Methoden der Geschichtsschreibung und die Politische Wissenschaft.

1935 musste er seine Arbeiten an den Gefängnisheften aufgrund von körperlichem Verfall einstellen (vgl. Schreiber, 1982, 8-10).

Antonio Gramsci stirbt zwei Tage nach seiner vorläufigen Entlassung an den Folgen seiner Haftzeit am 27. April 1937.

Das Werk Gramscis umfasst 33 Hefte und hat einen Umfang von insgesamt 2848 Seiten. Die Gefängnishefte besitzen aufgrund der widrigen Umstände, in denen Gramsci diese Hefte niederschrieb, einen unvollendeten und fragmentarischen Charakter (vgl. Baratta, 1991, 28). Einer Weggefährte Gramscis, Palmiro Togliatti, erinnerte 1944 bei einer seiner ersten Reden auf italienischem Boden nach der Herrschaft der Faschisten an die Opfer und speziell an Gramsci: „Die Besten von uns mussten viele Jahre im Exil verbringen, waren zehn, fünfzehn, siebzehn Jahre im Kerker, in Konzentrationslagern oder auf Inseln verbannt. Der Beste von uns, Antonio Gramsci, hat sein Leben im Kerker lassen müssen, von den faschistischen Bestien und auf ausdrücklichen Befehl von Mussolini gequält und zu einem viel zu frühen Ende getrieben“ (Deppe, 2003, 211/212).

2.1. Stellungskrieg und Bewegungskrieg

Gramsci brach nach den Niederlagen der revolutionären Arbeiterbewegung in Westeuropa mit der einfachen Übertragung des bolschewistischen Revolutionsmodells auf das westeuropäische. Er musste 1924 in einem Brief an Togliatti einräumen: „Die (revolutionäre) Entschlossenheit, die in Russland unmittelbar war, und die Massen zur revolutionären Erhebung auf die Straßen trieb, kompliziert sich in Mittel- und Westeuropa wegen all der Überbaustrukturen, die der höhere Grad der kapitalistischen Entwicklung geschaffen hat, lässt die Massenaktion langsamer und vorsichtiger werden und verlangt daher von der revolutionären Partei eine sehr viel komplexere und langfristigere Strategie und Taktik als die, die für die Bolschewiken in der Periode zwischen März und November 1917 notwendig waren“ (Schreiber, 1982, 112).

Diesen Umstand, dass man das Herrschaftsverhältnis im Osten nicht mit den Herrschaftsverhältnissen im Westen vergleichen kann, erkannte Gramsci schon in den 20er Jahren und versuchte aus dieser Erkenntnis heraus eine andere Strategie auf den Westen anzuwenden. Er änderte die revolutionstheoretischen Schlussfolgerungen und hielt es für notwendig, von einem Bewegungskrieg zum Stellungskrieg zu wechseln. Gramsci bezieht sich in diesen revolutionstheoretischen Überlegungen bildhaft auf den Wandel der militärischen Strategie im ersten Weltkrieg an der Westfront.

Für Gramsci ist der Begriff Stellungskrieg in den Gefängnisheften eine zentrale Kategorie seiner Theorie vom Übergang zum Sozialismus in industriell hoch entwickelten Ländern. Den Bewegungskrieg, so wie er in Russland 1917 stattfand, also die Eroberung der Macht in einem relativen kurzen Zeitabschnitt, hält Gramsci lediglich in unterentwickelten Ländern für möglich. Im Westen allerdings plädiert Gramsci für die Notwendigkeit eines Stellungskrieges, was bedeutet, dass die Arbeiterklasse einen langfristig angelegten Kampf um die Hegemonie auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens schon vor der (eigentlichen) Revolution entwickeln müsse (vgl. Schreiber, 1982, 112-115).

Der Bereich, in dem die Hegemonie angefochten werden kann, ist der Bereich, der sie auch unterstützt, nämlich die Zivilgesellschaft. Gramsci begreift die Zivilgesellschaft als Terrain verschiedener Kampfplätze. „Gramsci begründet dies damit, dass die Zivilgesellschaft mit ihren stabilisierenden Institutionen den Staat vor einer direkten Konfrontation schützt, so dass diejenigen, die eine Veränderung wollen, nicht einfach neue gesellschaftliche Verhältnisse entwickeln können“ (Mayo, 2006, 43).

Gramsci spricht von Bewegungskrieg, wo die direkte Eroberung staatlicher Macht noch möglich war. Allerdings muss dem Prozess der Umgestaltung der politischen Verhältnisse im westlichen Staat die Eroberung der hegemonialen Macht vorausgehen. Das Proletariat, welches das Subjekt einer revolutionären Bewegung darstellt und den bürgerlichen Staat zu überwinden sucht, befindet sich in einem Stellungskrieg, in einer weitreichenden Auseinandersetzung um eine Veränderung der sozialen Organisationen und kulturellen Einflusses (vgl. Mayo, 2006, 43).

Bei Gramsci liest man: „Im Osten war der Staat alles, die Zivilgesellschaft war in ihren Anfängen und gallertenhaft; im Westen bestand zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein richtiges Verhältnis, und beim Wanken des Staates gewahrte man sogleich eine robuste Struktur der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter welchem sich eine robuste Kette von Festungen und Kasematten befand; von Staat zu Staat mehr oder weniger, versteht sich, aber gerade dies verlangte eine genaue Erkundung nationaler Art“ (Gramsci, 1991, 874 (Siebtes Heft, § 16)).

Weiterhin betont er: „Der Stellungskrieg fordert enorme Opfer unermesslicher Bevölkerungsmassen; deshalb bedarf es einer unerhörten Konzentration der Hegemonie und folglich einer „interventionistischeren“ Regierungsform, die offener zum Angriff gegen die Opponenten übergeht und fortwährend die „Unmöglichkeit“ inneren Zerfalls organisiert: Kontrollen aller Art, politische, administrative usw., Stärkung der hegemonialen „Stellungen“ der herrschenden Gruppe usw.. All das deutet darauf hin, dass man in eine Kulminationsphase der politisch-historischen Situation eingetreten ist, denn in der Politik ist der „Stellungskrieg“, einmal gewonnen, endgültig entschieden. In der Politik dauert also der Bewegungskrieg an, solange es sich darum handelt, nicht entscheidende Stellungen zu erobern und folglich nicht alle Ressourcen der Hegemonie und des Staates mobilisierbar sind, aber wenn aus diesem, oder jenem Grund diese Stellungen ihren Wert verloren haben und nur die entscheidenden von Bedeutung sind, dann geht es über in den verdichteten Belagerungskrieg, in dem außerordentliche Qualitäten der Geduld und des Erfindungsgeistes erforderlich sind“ (Gramsci, 1991, 816 (Sechstes Heft, § 138)).

Gramsci bezeichnete also die revolutionäre Strategie der Bolschewiki in Russland als Bewegungskrieg, weil die Bolschewisten in einem blitzartigen Moment die Macht eroberten. Demgegenüber stellt Gramsci die Strategie des Stellungskrieges. Der Stellungskrieg verlangt eine Strategie der Belagerung und der beharrlichen Veränderung von Lebensweisen. Dies ist erforderlich, weil die Zivilgesellschaft ein flexibles Netz von privaten Institutionen, die das Vertrauen und die Initiative der Volksmassen für die Erhaltung und Kontinuierung der herrschenden Lebensweise, organisieren (vgl. Demirovic, 1989, 88).

2.2. Hegemoniekonzeption

Hegemonie wird aus dem Griechischem abgeleitet (hegemonia = das Anführen, Oberbefehl, Heerführerschaft) und wird allgemein als Überlegenheit beziehungsweise Vorherrschaft einer Person oder eines Kollektivakteurs angesehen, die auf verschiedenen Ressourcen wie zum Beispiel kulturellen, wirtschaftlichen, politischen, aber auch militärischen Ressourcen (sowie deren Kombination) beruhen kann.

In der internationalen Politik versteht man unter Hegemonie die Vorherrschaft eines Staates über einen oder mehrere Staaten.

In der Politischen Soziologie bezeichnet man Hegemonie als die Fähigkeit einer herrschenden Schicht oder Klasse, die Dominanz über die Gesellschaft aufrechtzuerhalten, ohne direkte Formen der Repression oder Gewalt anzuwenden. Dieses Hegemonie-Verständnis geht zurück auf den marxistisch inspirierten Theorieentwurf von Gramsci und dessen Kritik an den dogmatischen Positionen des Marxismus und dem sterilen Basis-Überbau-Schema. Dieses Schema geht mit Gramsci davon aus, dass moderne Herrschaft immer auf Legitimation angewiesen ist und infolgedessen immer auf Konsens und Massenloyalität beruht. Daraus resultiert ein erweiterter Staatsbegriff, der sich nicht nur auf die traditionelle Unterscheidung in Staat und Gesellschaft beschränkt, dies führt außerdem zu einer Aufwertung kultureller, politisch-ideologischer und politisch-administrativer Faktoren, denen zur Herstellung und Steuerung von Hegemonie ein höherer Stellenwert zugewiesen wird als staatliche Repression und Gewalt. Diese Sicht hat wesentliche Konsequenzen für Veränderungsstrategien auf Form und Inhalt von revolutionären Bewegungen (vgl. Schultze, 2002, 310).

Der Hegemoniebegriff bei Gramsci gilt als das Herzstück seiner Gesamttheoriearbeit und zieht sich quer durch die Gefängnishefte (vgl. Lee, 1994, 40).

Gramscis Forderungen nach einem politischen Bündnis zwischen den Arbeitern im Norden Italiens und den Bauern im Süden beschäftigte ihn Mitte der 20er Jahre in der Schrift „Einige Gesichtpunkte der Frage des Südens“, also eines Bündnisses der „subalternen Klassen des industrialisierten Nordens und des agrarischen Südens unter Führung des Proletariats, [ist] der Grundgedanke bereits enthalten, der später als die Frage der Hegemonie, also die Frage nach politischer, moralischer und intellektueller Führung in den Gefängnisheften wiederkehren wird“ (Salomon, 2007, 10).

Das Schlüsselwort zum Verständnis von Gramscis Theorien ist die Krise, die das Leben von Gramsci stark prägten. Es war die historische Erfahrung des sich auflösenden Alten und des besiegten Neuen in der Zwischenkriegszeit (vgl. Lee, 1994, 238).

Allerdings muss man vorausschicken, dass der unterschiedliche Gebrauch des Hegemoniebegriffs im Gesamtwerk Gramscis zu Verständnisschwierigkeiten führt. Festzuhalten ist, dass Gramscis Hegemoniebegriff für eine Klasse im revolutionstheoretischen Kontext dann gegeben ist, wenn sie eine bestimmte theoretische und praktische Tätigkeit entwickelt, die die gesamte Gesellschaft in ökonomischer, politischer, kultureller und weltanschaulicher Hinsicht von den Fesseln und Widersprüchen der bestehenden bürgerlichen Verhältnisse zu befreien sucht und die Zustimmung der Majorität in der Bevölkerung errungen hat (vgl. Schreiber, 1982, 42-50).

Gramsci versucht eine revolutionäre Strategie für Westeuropa in seinen Schriften zu formulieren. In dieser Strategie erlangt das Konzept der Hegemonie, welche Gramsci partiell von Lenin übernommen hat, eine ganz besonders wichtige Rolle (vgl. Mayo, 2006, 39). Gramsci galt als „unorthodoxer Leninist, da er Lenins Konzept der politischen Führung annahm, aber auf die spezifischen Bedingungen des Westens und durch die Konzepte der moralischen und kulturellen Führung und der zivilgesellschaftlichen Hegemonie erweiterte“ (Bieling, 2009, 440).

Als „Taktiker der Niederlage“ war Gramsci bemüht, zu analysieren, worin die Niederlage der revolutionären Linken im Westen begründet war. In seinen Analysen misst er der Hegemonie einen maßgeblichen Beitrag zur Machtergreifung und Machterhaltung zu. Allerdings erfindet Gramsci den Begriff der Hegemonie nicht, sondern übernimmt diesen von Lenin (vgl. Lange, 2003, 31/32).

[...]


[1]

Exemplarisch hierfür: Anthony Giddens: Jenseits von Links und Rechts. Die Zukunft radikaler Demokratie. Frankfurt, 1997.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Gramscis Konzeption der Hegemonie und die versuchte Adaption der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Politikwissenschaft )
Veranstaltung
Antonio Gramscis „Philosophie der Praxis“
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
29
Katalognummer
V193782
ISBN (eBook)
9783656188698
ISBN (Buch)
9783656189466
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
gramscis, konzeption, hegemonie, adaption, neuen, rechten, bundesrepublik, deutschland
Arbeit zitieren
Robert Offermann (Autor), 2010, Gramscis Konzeption der Hegemonie und die versuchte Adaption der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193782

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