Die These des französischen Staatstheoretikers Jean Bodin, ,,[…] einen [äußeren] Feind zu haben, dem man die Stirn bieten kann, [ist] das beste Mittel […], den Staat zu schützen und vor Aufständen, Unruhen und Bürgerkriegen zu bewahren und unter den Untertanen für Eintracht zu sorgen“ , wird innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Forschung immer wieder aufgegriffen und kritisch beäugt. Vom 14. bis zum 17. Jahrhundert gab es hierbei nicht nur für einen Herrscher oder einem Reich, sondern für das gesamte Abendland einen äußeren Feind: Das Osmanische Reich. Erzielte dieser Feind aber genau die von Bordin beschriebenen Effekte?Erst im 16. Jahrhundert wurde den mitteleuropäischen Herrschern die evidente Bedrohung von Seiten der Osmanen bewusst. Das Osmanische Reich stand unter Sultan Süleyman I. am Zenit seiner Macht. Nach dem Sieg in der Schlacht von Mohács 1526 wurde der ungarische Feudalstaat nicht nur für Jahrhunderte zum Spielball des Osmanischen Reiches und der der Habsburger. Vielmehr hämmerten die Türken nun bedrohlich an die Tore der habsburgischen Erblande und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. So wurde gerade mit der Ersten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1529 ,,die noch eben aus der Ferne dräuende [sic!] Gefahr […] zu einem in der Nähe tobenden Unwetter“. Und tatsächlich, der Ruf nach concordia, nach einer konfessions-, standes- und grenzübergreifenden Einigkeit, wurde im 16. Jahrhundert lautstärker denn je artikuliert.
Dem Verfasser dieser Arbeit stach bei der Lektüre der zeitgenössischen und überlieferten Publizistik jedoch unmittelbar eine unglaubliche ,,Verteufelung des Osmanische Reiches und der Türken“ ins Auge, so dass man die Frage nach der Objektivität und Sachlichkeit immer wieder artikulieren musste. Diese Feindschaft zwischen der lateinischen Christenheit des Abendlandes und dem islamisch geprägten Osmanischem Reich wird in dieser wissenschaftlichen Arbeit daher als Grundlage der näheren und vor allem differenzierten Betrachtung genommen. Dreh- und Angelpunkt wird dabei die Fragestellung sein, ob das Schreckbild des Türken im 16. Jahrhundert reine Propaganda war oder doch einen historischen Wahrheitsgehalt beanspruchen kann. Diese Leitfrage, die sich der Verfasser gestellt hat und am Ende dieser Arbeit beantworten möchte, ist dabei auf zwei Ebenen angesiedelt, die –und das wird sich im Laufe der Arbeit zeigen- stark voneinander abhängig sind...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Der äußere Feind als Identitätsstifter
2. Das Osmanische Reich und der Aufstieg einer Weltmacht
2.1 Die Eroberung Konstantinopels 1453- Der Beginn der ,,Türkengefahr“?
2.2 1529- Sultan Süleyman vor den Toren des Goldenen Apfels
3. ,,Imago Turci“ - Ein farbenprächtiges Panorama
3.1 Die straftheologische Deutung der Türkengefahr – Ein Akt zur ,,Sozialdisziplinierung“?
3.2 Die Türkentopik- Ein Fass voller Stereotypen
3.3 Die ,,Türkenhoffnung“ - Die positive Kehrseite der propagandistischen Medaille
4. Fazit: Die Türkengefahr- Mehr Recht als Unheil!?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen zeitgenössischer Propaganda und historischer Realität hinsichtlich der Wahrnehmung des Osmanischen Reiches im Europa des 16. Jahrhunderts. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob das verbreitete Schreckbild des „Türken“ lediglich ein konstruiertes Instrument zur Identitätsstiftung und politischen Manipulation war oder einen fundierten historischen Wahrheitsgehalt besaß.
- Die Entstehung und Etablierung des „Türkenbildes“ als zentrales Feindbild im frühneuzeitlichen Abendland.
- Die Rolle des Buchdrucks und der Türkenpublizistik als Massenmedien zur gesellschaftlichen Mobilisierung.
- Die straftheologische und eschatologische Instrumentalisierung der „Türkengefahr“ durch Kirche und Obrigkeit.
- Die ambivalente Wahrnehmung zwischen „Türkenfurcht“ und „Türkenhoffnung“ innerhalb der Bevölkerung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die straftheologische Deutung der Türkengefahr – Ein Akt zur ,,Sozialdisziplinierung“?
, Die Schrifft weissagt uns von zweyen grausamen Tyrannen, welche sollen für dem jüngsten tage die Christenheit verwüsten und zerstören. Einer geistlich mit listen odder falschen Gotts dienst und lere widder den rechten Christlichen glauben und Euangelion [...] Das ander mit dem schwerd leiblich und eußerli auffs grewlichst [...] das ist der Türcke [...].´
Luther stellt mit dieser gehaltvollen Aussage nicht nur den Papst und den Türken auf die gleiche Seite, sondern bezeugt zugleich die religiöse Untermauerung der Bedrohung aus dem Orient. Die strenge theozentrische Ausrichtung des protestantischen Geschichtsverständnisses führte zu der Ansicht, dass die Türken die ,,Zornes- bzw. Zuchtrute Gottes“ waren. Grund dieses Übels ist die ,,ungehorsame/ verachtnis/ vnd unordentlichem leben/ so wir sündigen menschen/ zuvor/ in Teutschland/ ain lange zeit her vilfältiglich un ubermäßlich geübt/ vnd gefürt habe“.
Der Einbruch der Türken ins Abendland und speziell in Mitteleuropa wird also beiden christlichen Konfessionen als Strafe für die Eigensucht und Herzlosigkeit der Menschen gedeutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Der äußere Feind als Identitätsstifter: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein und beleuchtet die These, wie ein äußerer Feind zur Stabilität eines Staatswesens beitragen kann.
2. Das Osmanische Reich und der Aufstieg einer Weltmacht: Das Kapitel analysiert den rasanten Aufstieg des Osmanischen Reiches und dessen Konfrontation mit den christlichen Mächten, insbesondere den Habsburgern.
2.1 Die Eroberung Konstantinopels 1453- Der Beginn der ,,Türkengefahr“?: Der Fall Konstantinopels wird als entscheidender historischer Wendepunkt dargestellt, der die „Türkengefahr“ im europäischen Bewusstsein verankerte.
2.2 1529- Sultan Süleyman vor den Toren des Goldenen Apfels: Dieses Kapitel behandelt die Erste Wiener Türkenbelagerung als zentrales Ereignis der Machtkonfrontation.
3. ,,Imago Turci“ - Ein farbenprächtiges Panorama: Hier wird die Rolle der Publizistik bei der Konstruktion des Türkenbildes im 16. Jahrhundert untersucht.
3.1 Die straftheologische Deutung der Türkengefahr – Ein Akt zur ,,Sozialdisziplinierung“?: Untersuchung darüber, wie religiöse Deutungsmuster genutzt wurden, um das Volk zu disziplinieren.
3.2 Die Türkentopik- Ein Fass voller Stereotypen: Analyse der wiederkehrenden Klischees und Schreckensbilder, die in der zeitgenössischen Literatur verwendet wurden.
3.3 Die ,,Türkenhoffnung“ - Die positive Kehrseite der propagandistischen Medaille: Beleuchtung der Attraktivität osmanischer Gesellschaftsstrukturen für Teile der europäischen Bevölkerung.
4. Fazit: Die Türkengefahr- Mehr Recht als Unheil!?: Zusammenfassende Bewertung der propagandistischen Konstruktion des Türkenbildes unter Berücksichtigung der historischen Realität.
Schlüsselwörter
Türkengefahr, Osmanisches Reich, Türkenpublizistik, Propaganda, Türkenfurcht, Türkenhoffnung, 16. Jahrhundert, Konfessionen, Sozialdisziplinierung, Konstantinopel, Wien 1529, Stereotypen, Glaubensspaltung, Habsburgerreich, Reformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild der Türken im christlichen Abendland des 16. Jahrhunderts und hinterfragt, inwiefern dieses Bild durch bewusste Propaganda der herrschenden Eliten konstruiert wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen der Aufstieg des Osmanischen Reiches, die Rolle der zeitgenössischen Publizistik nach der Erfindung des Buchdrucks sowie die religiöse Interpretation der „Türkengefahr“.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Wahrheitsgehalt der historischen Feindbilder kritisch zu beleuchten und zu klären, ob die „Türkengefahr“ eher als historisches Faktum oder als politisch-religiöses Propagandainstrument zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine diskursive Analyse zeitgenössischer Publizistik, Flugschriften und historischer Fachliteratur, um die Abhängigkeit zwischen Publizistik und politischen Gegebenheiten nachzuweisen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Analyse des osmanischen Aufstiegs sowie eine detaillierte Untersuchung der „Imago Turci“, also der verschiedenen medialen Darstellungsweisen der Türken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Türkengefahr, Publizistik, Straftheologie, Sozialdisziplinierung und das Spannungsfeld zwischen Türkenfurcht und Türkenhoffnung.
Welche Rolle spielten die Begriffe "Türkenfurcht" und "Türkenhoffnung"?
Während die „Türkenfurcht“ als propagandistisches Mittel zur Einigung und Kontrolle der eigenen Bevölkerung diente, beschreibt die „Türkenhoffnung“ die teils existierende Faszination oder das Interesse für das alternative gesellschaftliche Modell des Osmanischen Reiches.
Inwieweit diente die Türkengefahr der Sozialdisziplinierung?
Die Arbeit legt dar, dass die Obrigkeit und die Kirche die Bedrohung durch die Osmanen nutzten, um durch straftheologische Deutungen Gehorsam einzufordern, Steuern zu legitimieren und die Bevölkerung moralisch zu disziplinieren.
Wie bewertet der Autor die Gräueldarstellungen in der Publizistik?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die in der Publizistik verbreiteten Bilder der Grausamkeit in diesem Ausmaß propagandistisch überhöht waren, wenngleich gewaltsame Konflikte an den Grenzen historisch belegbar sind.
- Citar trabajo
- Arian Sahitolli (Autor), 2012, Das Schreckbild des Türken im 16. Jahrhundert- ,,Reine" Propaganda oder historische Wahrheit?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193793