Alles an Antonin Artaud ist paradox: Sein Leben, sein Werk, sein Leiden. Es scheint fast so,
dass Artaud (1896-1948) eine Symbiose mit dem Widerspruch eingegangen sei, um existieren
zu können. Artaud erkrankt bereits als Kind an einer Hirnhautentzündung1 und leidet an
psychischer Instabilität, permanenten Kopfschmerzen und Depressionen2. Er ist opiatsüchtig3,
„von Wahnvorstellungen verfolgt“4 und verbringt insgesamt 15 Jahre seines Lebens in
Sanatorien5. Als Lyriker werden seine Texte abgelehnt6 und als Surrealist wird er aus der
Gruppe der Surrealisten ausgeschlossen7. „Er scheiterte mehrmals mit der Gründung eines
eigenen Theaters und hat mit seinen Experimenten beim breiten Publikum keinen Erfolg“8.
Artaud kann als Theatertheoretiker „seine Konzeption nie verwirklichen“9 und über sein
Theater der Grausamkeit „kursieren (...) verworrene Vorstellungen und Gerüchte“10, wobei
mit diesem Terminus „manch schlimmer Zauber getrieben“11 wird. Seine einzige nach dem
Theater der Grausamkeit konzipierte Bühnenarbeit Les Cenci (1935) wird „ein Reinfall“12.
Sein Werk ist schmal, er „hat nur wenige Stücke hinterlassen, die überdies noch Pantomimen,
Scenarios und Adaptionen fremder Dramen sind“13. Artaud erkrankt an einem inoperablen
Analkarzinom14 und stirbt 1948 in der Neurologie von Ivry, aufrecht sitzend auf seinem Bett15.
Artauds Leben wirkt im Angesicht dieser Fakten katastrophal und klaustrophobisch.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Theater der Grausamkeit von Antonin Artaud als Erlebnis vitaler Paradoxie
2. Einflüsse auf dem Weg zum Theater der Grausamkeit
2.1 Körperliche Leiden und halluzinogene Grenzerfahrungen
2.2 Die Lyrik
2.3 Erfahrungen als Schauspieler
2.4 Alfred Jarry (1873-1907)
2.5 Guillaume Apollinaire (1880-1918)
2.6 Die Surrealisten
2.7 Das Totaltheater Erwin Piscators (1893-1966)
2.8 Das balinesische Theater
2.9 Die Wahrnehmung der Moderne und neuen Kultur als Aufwühlung und Aufschrei
3. Zusammenfassung aller Einflüsse auf Artauds Theater der Grausamkeit
4. Das Theater der Grausamkeit
4.1 Der Ausgangspunkt
4.2 Die Definition von Grausamkeit im Artaudschen Sinne
4.3 Das Theater und die Pest
4.4 Artauds spectacle total
4.5 Der Schauspieler
4.6 Der Zuschauer
4.7 Die Bühne
4.8 Der Autor und Regisseur
4.9 Die Ziele des Theaters der Grausamkeit
4.10 Die Umsetzung des Theaters der Grausamkeit durch Artaud
4.11 Die Rezeption des Theaters der Grausamkeit
5. Eine Abschlussbetrachtung: Im Schatten eines Traums oder die Kunst, Blut durch den Nabel zu scheißen
6. Quellenangabe
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die Entstehungsgeschichte des "Theaters der Grausamkeit" von Antonin Artaud. Dabei wird analysiert, wie persönliche Leidensgeschichten und Einflüsse der modernen Kunstströmungen Artauds radikalen Gegenentwurf zum bürgerlichen Literaturtheater prägten und welche Ziele er mit dieser neuen, ganzheitlichen Theaterform verfolgte.
- Analyse der biografischen und kulturellen Einflüsse auf Artauds Theaterverständnis.
- Definition des Begriffs der "Grausamkeit" jenseits von Sadismus als metaphysisch-ontologisches Prinzip.
- Untersuchung des "spectacle total" als neue, allumfassende Theatersprache.
- Erörterung des therapeutischen Anspruchs des Theaters als Mittel zur Kulturrevolution.
- Dokumentation der Rezeptionsgeschichte und des Scheiterns der praktischen Umsetzung.
Auszug aus dem Buch
Die Definition von Grausamkeit im Artaudschen Sinne
Die Metapher von der Grausamkeit ist für Artauds „Theaterkonzeption [die] zentrale Idee“155. Für Artaud handelt es sich hierbei „weder um Sadismus noch um Blut, wenigstens nicht ausschließlich“156. Artaud bricht mit der üblichen Sprachdeutung und möchte das „Wort Grausamkeit (...) in einem weiten Sinn verstanden“157 wissen. Demnach betrachtet Artaud die Grausamkeit von ihrem etymologischen Ursprung her: Cruate hängt sowohl mit cruel für grausam, unmenschlich und unerbittlich, als auch mit cru für roh und unreif zusammen.158 „Vom Standpunkt des Geistes aus bedeutet Grausamkeit Unerbittlichkeit, Durchführung und erbarmungslose Entschlossenheit, nicht umkehrbare, absolute Determination.“159 Vom Standpunkt des Theaters aus verwendet Artaud „Grausamkeit in der Bedeutung von Lebensgier, von kosmischer Unerbittlichkeit und erbarmungsloser Notwendigkeit, (...)“160, denn „ein Stück ohne diesen Willen, diese blinde Lebensgier (...) wäre ein unnützes, ein danebengegangenes Stück“161. Doch Artaud geht über diese beiden Standpunkte hinaus und erkennt in der Grausamkeit weiterhin „eine Art metaphysisch-ontologisches Prinzip, dem alles Seiende unterstellt ist“162: „(...) mir scheint, dass die Schöpfung und das Leben selbst sich durch eine Art Unerbittlichkeit, also fundamentaler Grausamkeit definieren, welche die Dinge ihrem unausweichlichen Ende entgegenführt, um welchen Preis auch immer.“163
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Theater der Grausamkeit von Antonin Artaud als Erlebnis vitaler Paradoxie: Einführung in die paradoxe Existenz Artauds, dessen Leben und Werk trotz persönlicher Tragik einen massiven Einfluss auf die moderne Dramatik ausübten.
2. Einflüsse auf dem Weg zum Theater der Grausamkeit: Detaillierte Betrachtung der vielfältigen prägenden Faktoren, von Artauds gesundheitlichen Problemen bis hin zu surrealistischen Einflüssen und dem balinesischen Theater.
3. Zusammenfassung aller Einflüsse auf Artauds Theater der Grausamkeit: Synthese der zuvor untersuchten Einflüsse, wobei die Rolle der Surrealisten, von Alfred Jarry und der balinesischen Theatererfahrung besonders hervorgehoben wird.
4. Das Theater der Grausamkeit: Der theoretische Kernteil, in dem Konzepte wie die "Pest", das "spectacle total" und die veränderte Rolle von Bühne, Autor und Zuschauer expliziert werden.
5. Eine Abschlussbetrachtung: Im Schatten eines Traums oder die Kunst, Blut durch den Nabel zu scheißen: Ein reflektierendes Fazit, das Artauds praktisches Scheitern der Vision gegenüberstellt.
6. Quellenangabe: Auflistung der verwendeten Sekundärliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Antonin Artaud, Theater der Grausamkeit, spectacle total, Surrealismus, Alfred Jarry, Körpertheater, Kulturrevolution, Metaphysik, Katharsis, balinesisches Theater, Theaterreform, Bühnenkonzeption, Literaturtheater, Existentialismus, Inszenierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem theoretischen Konzept des "Theaters der Grausamkeit" von Antonin Artaud und analysiert dessen Entstehung sowie die damit verbundenen radikalen ästhetischen Forderungen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Einflüsse durch Literatur, Schauspiel und ferne Kulturen, die Definition von Grausamkeit, die Neugestaltung des Theaterraums sowie die therapeutische Funktion der Kunst.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Artauds komplexe Theaterkonzeption als eine Antwort auf die Krise der modernen Gesellschaft und das erstarrte bürgerliche Theater verständlich zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und theaterwissenschaftliche Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung von Fachliteratur, Manifesten Artauds und zeitgenössischen Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Einflüsse auf Artaud sowie eine detaillierte Erläuterung der Elemente des "Theaters der Grausamkeit", einschließlich der Rolle des Schauspielers, des Zuschauers und der technischen Umsetzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind das "spectacle total", die "Grausamkeit" als metaphysisches Prinzip, die "Kulturrevolution" sowie die Überwindung des mimetischen Literaturtheaters.
Warum verwendet Artaud das Wort "Grausamkeit" in seinem Titel?
Artaud meint damit keinen Sadismus oder Blut, sondern eine "kosmische Unerbittlichkeit" und die absolute Notwendigkeit, der Schöpfung ihre ursprüngliche Vitalität zurückzugeben.
Inwiefern gilt das "Theater der Grausamkeit" als gescheitert?
In der Praxis konnte Artaud seine radikalen Konzepte kaum umsetzen; seine wenigen Bühnenarbeiten waren Misserfolge, und die Vision einer völligen Transformation des Theaters blieb weitgehend Utopie.
Was bedeutet der Begriff "spectacle total"?
Es bezeichnet eine allumfassende Theatersprache, in der alle Mittel – vom Schrei über Lichteffekte bis hin zur Choreografie – fusionieren, um beim Zuschauer einen "ästhetischen Schock" auszulösen.
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- Thomas Seifert (Autor), 2010, Das Theater Artauds, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194083