Seit Marcel Duchamps Konzeption der Ready-Mades und der Verwendung alltäglicher Produkte der industriellen Warenwelt in den Collagetechniken der Avantgarde, verweist die Erweiterung des Kunstbegriffs auf die konzeptionellen Felder von Arbeit und Produktion. Die Präsentation alltäglicher Objekte im musealen Kontext offenbart einerseits deren Kunstcharakter und andererseits damit zugleich den Produktcharakter des traditionellen Kunstwerks. In der technischen Bearbeitung von Material konvergieren künstlerische und industrielle Produktion. Die Konsequenzen dieser Parallelisierung künstlerischer mit gesellschaftlichen Produktionprozessen - eine Neudefinition der Konzeptionen von Künstler und Werk, in der gesellschaftliche und künstlerische Praxis zusammenfallen - haben in den 60er Jahren unter Erfindung neuartiger ästhetischer Formen wie Happening und Performance einen Ausdruck gefunden. Im Folgenden sollen anhand der Performances 'Anthropométries de l'époque bleu' (1960) und 'I like America and America likes me' (1974) Reflexionsmodelle von Yves Klein und Joseph Beuys über die Begriffe von Arbeit und Produktion aufgezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Anthropométries de l'epoque bleu von Yves Klein
3. Die Erweiterung des Kunstbegriffs bei Joseph Beuys
4. Vergleich der Handlungsbegriffe
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erweiterung des Kunstbegriffs durch die Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Arbeit am Beispiel der Performances von Yves Klein und Joseph Beuys. Dabei wird analysiert, wie beide Künstler durch ihre jeweiligen Kreativitätsmodelle klassische Vorstellungen von Autonomieästhetik und dem Geniebegriff zugunsten eines erweiterten Handlungsbegriffs transformieren.
- Die konzeptionellen Felder von Arbeit und industrieller Produktion in der Kunst.
- Die Rolle des Künstlers als Organisator und Konstrukteur in Kleins Anthropométries.
- Das Prinzip der Sozialen Plastik und der Dialog bei Joseph Beuys.
- Die Bedeutung von Kommunikation, Verantwortlichkeit und dem Einbezug des "Anderen".
- Der Vergleich zwischen Kleins maschineller Distanz und Beuys' dialogischen Gefügen.
Auszug aus dem Buch
Die Entleerung der traditionellen Künstlertradition
Künstlers und der Leinwand findet kein Kontakt statt. Die ostentativ weißbehandschuhten Hände sind eine Absage an das Weiß der Leinwand, das sie nicht mit ihrem Werk erfüllen werden und damit an eine ganze Tradition einer von metaphysisch-theologischen Implikationen durchzogenen Schöpfer-Werk-Beziehung, die in Mallarmés Le blanc souci de notre toile ihre Apotheose findet. Mit dieser Enthaltung vom Akt des Malens verschwindet die Gestalt des Künstlers als Zuschreibungssubjekt einer klassischen Werkhermeneutik, die sich auf Historie, Psychologie und Biographeme stützt.
Um diese Distanz einzuhalten, wird in den Anthropométries der künstlerische Schaffensprozess ausgelagert in ein maschinell anmutendes Produktionsgefüge. Als pinceaux vivants malen die Modelle durch das Aufdrücken ihrer Körper auf die Leinwand ihren eigenen Akt. Darstellungsmittel und Dargestelltes fallen zusammen. Die Körper berühren die Leinwand, die sie abbilden wird, hinterlassen ihre Spuren auf ihr, sowohl im Sinne eines Abdrucks als auch einer Ästhetik des Abjekten: Haare, Schuppen, Schweiß vermischen sich mit der Farbe. Die Aktion wird zu einem drucktechnischen Gefüge, das dem Künstler eine handlungslose Distanz zur Produktion der Werke gestattet, in der Autorschaft und Originalität sich aufzulösen scheinen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Verbindung von Kunst und Arbeit sowie die Vorstellung der untersuchten Künstler Yves Klein und Joseph Beuys.
2. Die Anthropométries de l'epoque bleu von Yves Klein: Analyse der Performance als automatisierter Produktionsprozess, bei dem Klein die Rolle des aktiven Malers zugunsten einer distanzierten organisatorischen Funktion aufgibt.
3. Die Erweiterung des Kunstbegriffs bei Joseph Beuys: Untersuchung von Beuys' Konzept der Sozialen Plastik, das Kommunikation, Verantwortlichkeit und den Dialog mit dem Anderen ins Zentrum des künstlerischen Schaffens stellt.
4. Vergleich der Handlungsbegriffe: Zusammenführender Vergleich zwischen Kleins depersonalisiertem, maschinellem Gefüge und Beuys' dialogischen Strukturen, die jede menschliche Tätigkeit als künstlerisches Handeln interpretieren.
Schlüsselwörter
Kunstbegriff, Arbeit, Produktion, Yves Klein, Joseph Beuys, Anthropométries, Soziale Plastik, Handlungsbegriff, Kreativität, Performance, Autonomieästhetik, Kommunikation, Maschinelles Gefüge, Material, Vermittlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Erweiterung des Kunstbegriffs im 20. Jahrhundert durch die kritische Reflexion des Verhältnisses von Kunst und gesellschaftlicher Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Transformation des Künstlerbegriffs, der Übergang von klassischer Autonomieästhetik hin zur konzeptionellen Produktion sowie die Rolle der Kommunikation in der Kunst.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie Yves Klein und Joseph Beuys durch ihre Performances neue Modelle von Arbeit und Kreativität definieren und wie diese den klassischen Geniebegriff ersetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsttheoretische Analyse, die performative Akte mittels philosophischer und werkgeschichtlicher Ansätze zur Interpretation von Künstler- und Werkbeziehungen untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert Yves Kleins "Anthropométries" hinsichtlich ihrer maschinellen Produktionsweise und Joseph Beuys' "I like America and America likes me" unter dem Aspekt der Sozialen Plastik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Soziale Plastik, künstlerische Arbeit, maschinelles Gefüge, kreative Autorenschaft und der erweiterte Kunstbegriff.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Künstlers bei Klein von der bei Beuys?
Klein zieht sich als handelndes Subjekt zurück und agiert als Organisator eines maschinellen Prozesses, während Beuys den Künstler als Teil eines dialogischen, sozialen Organismus begreift.
Welche Funktion hat das Tier in der Performance von Joseph Beuys?
Das Tier (der Kojote) fungiert als "Außenorgan" und Kommunikationspartner, der den Dialog mit einer traumatisierten Geschichte und dem Naturreich ermöglicht.
- Citation du texte
- Maximilian Gilleßen (Auteur), 2009, Die Erweiterung des Kunstbegriffs als Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Arbeit , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194826