Die westliche Gesellschaft kennt zwei und nur zwei Geschlechter, das weibliche und das männliche Geschlecht. Das Wissen um die Zweigeschlechtlichkeit der Menschheit gehört zum Alltagswissen der Mitglieder unserer Gesellschaft. Die Geschlechtszugehörigkeit ist eindeutig an den Genitalien bestimmbar und steht von Geburt an fest. Der Mensch muss also einem der beiden Geschlechter angehören. Diese genannten Tatsachen gehören zur Basis der sozialen Wirklichkeit unserer Gesellschaft und werden als ein „natürlicher, biologisch eindeutig bestimmbarer Tatbestand“ verstanden. Konzepte der sozialen Konstruktion von Geschlecht, stellen dieses Alltagswissen jedoch in Frage und sehen das biologische Geschlecht eines Menschen „nicht als (die) Basis, sondern als Effekt sozialer Praxis“ .
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kurzer historischer Abriss der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen
3 Soziale Konstruktion von Geschlecht: "doing gender"
3.1 Die Darstellung von Geschlecht
3.2 Geschlechtliche Fixierung von Individuen
4 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlecht, bekannt als "doing gender", und hinterfragt die Annahme der Zweigeschlechtlichkeit als biologisch determinierte Basis der Gesellschaft. Das Ziel besteht darin, aufzuzeigen, wie Geschlecht als fortlaufender, sozialer Herstellungsprozess verstanden werden muss, der durch Alltagspraktiken und Darstellungsrepertoires permanent reproduziert wird.
- Historische Entwicklung des Zweigeschlechtermodells
- Soziologische Konzepte von "doing gender"
- Die Rolle von Darstellungsrepertoire und körperlichen Routinen
- Strukturelle Mechanismen der geschlechtlichen Fixierung
- Transsexualität als Musterbeispiel für Geschlechtskonstruktion
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Darstellung von Geschlecht
Es ist, in einer Gesellschaft die auf der Polarisierung der Geschlechter beruht, unmöglich sich eine Identität außerhalb eines Geschlechterbezugs anzueignen. In unserem Kulturkreis herrscht die Annahme der Dichotomizität vor, unser Alltagswissen geht von der Ablesbarkeit des Geschlechts am Körper aus.
Die „doing gender“ Theorie geht nun aber davon aus, dass aus am Körper verorteten Genitalien weder Geschlecht, noch Geschlechterordnung hervorgeht, aus einer Geschlechterordnung heraus können jedoch Genitalien mit Bedeutung aufgeladen werden. Auf diese Weise werden sie erst zu „Geschlechtszeichen“. Das Geschlecht als ein Tatbestand wird also erst erzeugt, beziehungsweise konstruiert. Die Geschlechtszugehörigkeit und die Geschlechtsidentität wird als ein fortlaufender Herstellungsprozess verstanden, der mit jeder menschlichen Aktivität vollzogen wird. Die Zweigeschlechtlichkeit ist auf die Darstellungsleistung der Akteure und der Interpretation dieser Darstellungen zurückzuführen. In ihrer Untersuchung zeigen Kessler/Mc Kenna auf, dass der „Penis das allein ausschlaggebende Kriterium der Geschlechtszuschreibung“ ist. Das Genital Penis wird von der untersuchten Population eindeutig als Merkmal für das Geschlecht Mann gesehen, die Vagina hingegen nicht als das Merkmal, welches das Geschlecht Frau ausmacht. Es gibt kein positives Geschlechtsmerkmal, dessen Abwesenheit zur Einstufung als „Nicht-Frau“, also als Mann, führen würde. „Eine Person wird nur dann als „weiblich“ wahrgenommen, wenn „männliche“ Zeichen abwesend sind“. Nun ist es jedoch so, dass der Penis, als Merkmal des Mannes, im alltäglichen Umgang miteinander nicht sichtbar ist. Somit müssen andere Merkmale, wie Kleidung, Stimme oder Gestik, als Hinweis auf dessen Existenz dienen. Der Akteur muss somit über ein Darstellungsrepertoire verfügen, mit dessen Hilfe er sein Mann oder Frau-Sein eindeutig darstellen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Annahme der biologischen Zweigeschlechtlichkeit als soziale Wirklichkeit ein und stellt das Konzept der sozialen Konstruktion als Gegenentwurf vor.
2 Kurzer historischer Abriss der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen: Dieses Kapitel erläutert den historischen Wandel von antiken Ein-Geschlechter-Modellen hin zum modernen, biologisch begründeten Zwei-Geschlechter-Modell.
3 Soziale Konstruktion von Geschlecht: "doing gender": Hier wird das Konzept des "doing gender" eingeführt, das Geschlecht nicht als statische Eigenschaft, sondern als fortlaufend reproduzierte soziale Praxis definiert.
3.1 Die Darstellung von Geschlecht: Dieses Kapitel analysiert, wie Geschlecht durch alltägliche Darstellungsleistungen, körperliche Routinen und die Interpretation durch ein Publikum situativ erzeugt wird.
3.2 Geschlechtliche Fixierung von Individuen: Es wird untersucht, welche Restriktionen und Gedächtnisformen (biographisch, korporal) dazu führen, dass Individuen trotz der sozialen Konstruierbarkeit auf ein Geschlecht festgelegt werden.
4 Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung nutzt das Beispiel der Transsexualität, um die These der sozialen Konstruktion von Geschlecht zu untermauern und die Stabilität der Zweigeschlechtlichkeit zu verdeutlichen.
Schlüsselwörter
Doing Gender, Zweigeschlechtlichkeit, soziale Konstruktion, Geschlechtsidentität, Geschlechterordnung, Darstellungsrepertoire, soziale Praxis, körperliche Routinen, Transsexualität, Geschlechtszuschreibung, Geschlechterforschung, Biologismus, Körperpräsentationen, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Perspektive, dass Geschlecht keine rein biologische Tatsache ist, sondern in sozialen Prozessen durch das Handeln von Individuen konstruiert und stabilisiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die historische Entstehung des Zweigeschlechtermodells, die Theorie des "doing gender", Mechanismen der situativen Geschlechtsdarstellung sowie die Faktoren, die zur Fixierung von Individuen auf eine Geschlechtsidentität führen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die "Natürlichkeit" der Zweigeschlechtlichkeit zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie Geschlechtszugehörigkeit permanent durch soziale Praxis und Darstellungsrepertoires hergestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Auswertung soziologischer Fachliteratur (u.a. von Angelika Wetterer, Stefan Hirschauer und Sylvia Marlene Wilz) basiert, um das Konzept des "doing gender" darzulegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, die theoretische Einführung des "doing gender"-Ansatzes, eine Analyse der situativen Geschlechtsdarstellung und eine Betrachtung der Restriktionen, die Individuen in ihrer geschlechtlichen Mobilität einschränken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "Doing Gender", "Soziale Konstruktion", "Zweigeschlechtlichkeit", "Darstellungsrepertoire" und "Geschlechtsidentität" bestimmt.
Wie unterscheidet sich "sex" von "gender" laut der Arbeit?
Während "sex" das biologische Geschlecht (Anatomie, Morphologie) beschreibt, bezeichnet "gender" das soziale Geschlecht, das durch kulturelle Prägung und soziale Zuschreibungen definiert ist.
Welche Rolle spielen "Gedächtnisformen" bei der Festlegung von Geschlecht?
Formen wie das biographische und korporale Gedächtnis wirken als Restriktionen: Erinnerungen an Lebensgeschichten oder angeeignete körperliche Routinen erschweren es, die eigene Geschlechtsdarstellung situationsabhängig radikal zu ändern.
Warum wird Transsexualität als Musterbeispiel genannt?
Transsexualität verdeutlicht, dass selbst bei dem Wunsch nach einem Geschlechterwechsel die soziale Erwartung der Zweigeschlechtlichkeit bestehen bleibt, was die Macht der sozialen Konstruktion unterstreicht.
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- Ines Noller (Autor), 2011, Betrachtung der Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlecht "doing gender", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195128