Vor über einhundert Jahren wurde die allgemeine Schulpflicht in Deutschland eingeführt. Dies bedeutet dass alle Kinder ab sechs Jahren der gesetzlichen Besuchspflicht unterliegen und so den Großteil ihrer Zeit in dieser institutionellen Bildungs- und Erziehungseinrichtung verbringen. Ziel dieser Institution ist es neben der Vermittlung von Bildung und der Erziehung der Kinder auch, „in geplanter und organisierter Weise Sozialisation zu betreiben“ . Der staatlichen Finanzierung ist es zu verdanken, dass die Schule in den meisten Gesellschaften „zur größten öffentlichen Institution“ gewachsen ist. Die öffentliche Bildungseinrichtung Schule zeichnet sich durch eine klar strukturierte Organisation aus. Es gibt vorgeschriebene Lehrpläne für jede Schulform und Klassenstufe, ausgearbeitete Lernziele und Lernmethoden nach denen die Schüler unterrichtet werden. Die Vermittlung der Lerninhalte liegt in den Händen speziell ausgebildeter Pädagogen, den Lehrern und Lehrerinnen, die in „geplanter, systematischer und kontinuierlicher Weise Unterricht erteilen“ . Die Institution Schule lässt sich in drei Organisationsbereiche gliedern: in die Lernorganisation, in ein Netz organisierter Verfahrensregeln und in die Makroorganisation des Schulsystems. Bei der Lernorganisation wird bestimmt welche Klassen von welchen Lehrern unterrichtet werden sollen und welche Lerninhalte zu erarbeiten sind. Hierfür werden Stundenpläne und Lehrpläne erstellt. Die Verwaltungsorganisation der Schule ist ein Netz organisierter Verfahrensregeln, hier werden die Hierarchien festgelegt. All dies ist in die Makroorganisation des Schulsystems eingegliedert, was die verschiedenen Schulformen und Bildungsgänge beinhaltet.
Inhaltsverzeichnis
1 Schule als Institution
2 Die Doppelverpflichtung des Staats gegenüber der Gesellschaft und der Wirtschaft und die Selektionsfunktion von Schule
3 Der Lehrplan
3.1 Die Geschichte des Lehrplans und seiner Theorie
3.2 Die Funktionen des Lehrplans
3.3 Der geheime Lehrplan
4 Abschließender Gedanke
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Schule als zentrale Sozialisationsinstanz und beleuchtet kritisch, wie staatliche Vorgaben sowie offizielle und heimliche Lehrpläne die Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Integration von Schülern beeinflussen.
- Die Institution Schule im Spannungsfeld zwischen staatlicher Bildung und wirtschaftlicher Verwertbarkeit.
- Entwicklung und Wandel des Lehrplanbegriffs von der historischen Perspektive zur modernen Curriculumtheorie.
- Funktionen der Schule hinsichtlich Qualifikation, Legitimation und Selektion.
- Die subtilen Wirkmechanismen des "geheimen Lehrplans" auf Verhaltenskonformität und Konkurrenzdenken.
Auszug aus dem Buch
3.3 Der geheime Lehrplan
Zu Beginn wurde der sogenannte offizielle Lehrplan, womit das Lernen schulischer Inhalte gemeint ist, behandelt. Viele Sozialisationsforscher sind jedoch der Meinung, dass neben diesem offiziellem, auch noch ein geheimer Lehrplan an den Schulen existiert. Er beinhaltet das „langjährige Einüben in die Verhaltensanforderungen der Institution“ und soll besonders bedeutsame Sozialisationswirkungen hervorrufen. „Die Schüler lernen, sich in ein formales System der Über- und Unterordnung einzufügen und die darin angelegte Machtverteilung zu akzeptieren“. Ziel des heimlichen Lehrplans ist es in erster Linie den Schüler zur Verhaltenskonformität zu erziehen. Er wird neben den inhaltlichen Fähigkeiten, wie den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen, so wie der Sprachbeherrschung, auch in die „Beziehungsstruktur zu Verhaltens- und Bewusstseinsformen“ eingelernt. Dieses Erlernen bestimmter Verhaltens- und Denkweisen läuft meist sehr subtil ab.
Einerseits sind das Gebäude und die Klassenzimmer einer Schule so gestaltet, dass sie das Wohlbefinden und die Lernbereitschaft der Schüler maßgeblich beeinflussen. Es gibt klare Definitionen darüber welche Räume von welchen Personen genutzt werden dürfen. Zum Lehrerzimmer haben die Schüler in der Regel keinen Zutritt, die Mensa und der Pausenhof sind nur zu bestimmten, erlaubten Zeiten zu betreten und sind zweckgebunden. Sie dienen der Erholung in den zeitlich festgelegten Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten. Nicht nur die Gestaltung des Schulgebäudes, sondern auch die Einrichtung der Klassenräume schreibt den Schülern subtil ein angemessenes Verhalten zu. Nur „bestimmte Interaktionen und Bewegungen“ sind in diesen Räumen möglich. Es kann aufgrund der Dichten Stellweise der Tische und Stühle hier nur gegangen, nicht aber gerannt werden. Auch ist es kaum möglich es sich an diesen wirklich bequem zu machen, sie erzwingen durch ihre Art der Gestaltung fast schon eine aufrechte Lernposition.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Schule als Institution: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der Schulpflicht und beschreibt die Schule als klar strukturierte Organisation, die in Lernorganisation, Verfahrensregeln und Makroorganisation unterteilt ist.
2 Die Doppelverpflichtung des Staats gegenüber der Gesellschaft und der Wirtschaft und die Selektionsfunktion von Schule: Das Kapitel analysiert den Bildungsauftrag des Staates, der sowohl soziale Kompetenzen vermitteln als auch Arbeitsvermögen für die Wirtschaft generieren muss, wobei die Selektion durch Zuweisung auf verschiedene Schultypen zentral ist.
3 Der Lehrplan: Hier werden die historische Entwicklung von Lehrplänen sowie deren Transformation hin zu modernen Curricula mit Ziel- und Standardorientierung dargestellt.
3.1 Die Geschichte des Lehrplans und seiner Theorie: Dieser Abschnitt zeichnet die Entwicklung von einfachen Lernplänen des 19. Jahrhunderts bis hin zur wissenschaftlich begründeten Curriculumtheorie und den aktuellen Strukturprinzipien nach.
3.2 Die Funktionen des Lehrplans: Das Kapitel beschreibt gesellschaftliche sowie pädagogisch-didaktische Aufgaben des Lehrplans, einschließlich der Kontrolle des Unterrichts und der zeitlichen Taktung durch feste Stundenpläne.
3.3 Der geheime Lehrplan: Dieser Teil befasst sich mit den informellen Erziehungsprozessen in der Schule, die durch Architektur und Leistungsdruck subtil Verhaltenskonformität und Konkurrenzverhalten fördern.
4 Abschließender Gedanke: Zusammenfassung der Ergebnisse, in der betont wird, dass Schule neben kognitivem Wissen durch den "geheimen Lehrplan" soziale Wertvorstellungen und bürgerliche Ideologien reproduziert.
Schlüsselwörter
Schulische Sozialisation, Lehrplan, Curriculumtheorie, Schulpflicht, Selektionsfunktion, Bildungsstandards, Geheimer Lehrplan, Verhaltenskonformität, Leistungsgesellschaft, Konkurrenzdenken, Bildungsauftrag, Kapitalistische Produktionsweise, Identitätsbildung, Schulkultur, Bildungsökonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Schule als eine der wichtigsten staatlichen Institutionen für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und analysiert, wie offizielle und informelle Strukturen deren Entwicklung prägen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die institutionellen Rahmenbedingungen von Schule, das staatliche Interesse an der Bildung zur ökonomischen Verwertung, die historische Entwicklung der Lehrpläne sowie die subtile Wirkmacht des sogenannten geheimen Lehrplans.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schule als Institution über die Wissensvermittlung hinaus als Instrument der gesellschaftlichen Sozialisation fungiert und mittels Selektion und Verhaltenssteuerung soziale Schichten stabilisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse von sozialisationstheoretischer Literatur und Fachhandbüchern, um die gesellschaftlichen und pädagogischen Funktionen der Schule systematisch zu reflektieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die institutionellen Grundlagen, die staatlichen Ansprüche an Bildung und Wirtschaft sowie eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Lehrplantheorie und dem Einfluss des geheimen Lehrplans auf die Persönlichkeitsentwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind schulische Sozialisation, Lehrplan, Selektionsfunktion, geheimer Lehrplan, Verhaltenskonformität und Konkurrenzdenken.
Warum spielt die Architektur des Schulgebäudes eine Rolle für den "geheimen Lehrplan"?
Die physische Gestaltung, wie die dichte Bestuhlung oder die klare Raumbestimmung, erzwingt körperliche Disziplin und subtile Verhaltensvorgaben, die als Teil der informellen Erziehung zur Konformität wahrgenommen werden können.
Inwiefern steht die Qualifizierungsfunktion der Schule im Widerspruch zur Legitimationsfunktion?
Während die Qualifizierungsfunktion auf das Erlernen von Wissen und Fähigkeiten abzielt, dient die Legitimationsfunktion dazu, Verhaltenskonformität und Massenloyalität gegenüber dem Wirtschaftssystem zu sichern, was oft unterschiedliche Anforderungen an die Schüler stellt.
Wie trägt das Konkurrenzdenken in der Schule zur sozialen Reproduktion bei?
Durch die Bewertung und Selektion von Schulleistungen lernen Kinder, ihren sozialen Status als persönliches Verdienst zu betrachten, wodurch bestehende soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft als "gerecht" legitimiert und akzeptiert werden.
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- Ines Noller (Author), 2011, Schulische Sozialisation und die Rolle des Lehrplans, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195136