Wundergeschichten in der Schule als fremde Welten lesen lernen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Der Begriff des Wunders
2.1 Wundergeschichten als Problem im Religionsunterricht

3 Konzept von Stefan Alkier und Bernhard Dressler
3.1 Bewertung Konzept Alkier und Dressler
3.2 Umgang mit dem Konzept von Alkier/ Dressler im Religionsunterricht

4 Fazit I Ausblick

5 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Es ist schwierig in der heutigen Zeit das Thema Wunder, aufgrund des aktuellen Standes von Wissenschaft und Technik, zu definieren. Unter einem Wunder versteht man heutzutage Ereignisse, die sich wissenschaftlich und rational nicht erklären las­sen, die außerhalb der Vorstellungskraft liegen und den Naturgesetzen widersprechen. Dem heutigen Durchschnittsmenschen fällt es schwer, aufgrund der Wissenschaft und Technik, noch an Wunder zu glauben. Alles was nicht sinnlich wahrnehmbar ist wird abgelehnt oder nur belächelt, so wie auch die Wundergeschichten der Bibel. Rudolf Bultmann erklärt dieses Phänomen mit folgenden Worten:

„[Man kann nicht] elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben [.. -]."1

Wundergeschichten müssen als Glaubenszeugnisse des frühen Christentums verstan­den werden, es sind keine Tatsachenberichte. Trotzdem wirken diese Geschichten auf viele Menschen befremdlich und nicht mehr zeitgemäß.2

Die biblischen Wundergeschichten von Jesus treten in der heutigen Gesellschaft im­mer mehr in den Hintergrund. Es stellt sich die Frage ob es überhaupt noch möglich ist sich auf Wundergeschichten vor dem Hintergrund der Wissenschaft einzulassen? Wie sollte man im Religionsunterricht mit Wundergeschichten umgehen? Können Wundergeschichten überhaupt noch zum Gegenstand im Unterricht gemacht werden? Welche Probleme ergeben sich dadurch für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für die Pädagogen? Was verstehen die Menschen heutzutage unter einem Wunder und wie stellen sie es sich vor?3 Aufgrund dieser und noch vieler anderer Fragen besteht auf Seiten der Religionspädagogik Handlungsbedarf. Dies ist einer der Gründe, wa­rum es so zahlreiche Veröffentlichungen zur Didaktik von biblischen Wunderge­schichten im Unterricht gibt.

Diese Arbeit beschäftigt sich, nach einer Definition des Wunderbegriffs, mit einer Problembeschreibung von Wundergeschichten im Unterricht und schließt daran die didaktischen Überlegungen von Stefan Alkier und Bernhard Dressler an. Nach einer Bewertung des Konzepts versucht diese Arbeit einen möglichen Umgang im Religi­onsunterricht zu konstruieren. Danach folgt abschließend ein Fazit.

2 Der Begriff des Wunders

Unter dem Begriff des Wunders wird allgemein ein Ereignis verstanden, welches nicht erklärbar ist und Verwunderung oder auch Erstaunen auslöst.

Bernd Kollmann definiert Wunder folgendermaßen: „Wunder sind außerordentliche Geschehnisse mit Hinweischarakter auf das Wirken höherer Mächte."4 Die uns bekannte Naturordnung wird durch ein Wunder durchbrochen und dieses Ereignis erscheint uns unbegreiflich, übernatürlich und nicht erklärbar. Jedoch wider­spricht dies dem modernen Weltbild, welches infolge von Wissenschaft und Technik entstanden ist. Ein Durchbrechen der Naturordnung durch Gott erscheint aus Sicht des Glaubens durchaus möglich, da Gott die Natur selbst erschaffen hat, jedoch ist es aus wissenschaftlicher Sicht nur eine Frage der Zeit, bis auch dafür eine logische, rationale Erklärung gefunden wird.5

Heute ist es gebräuchlicher Überraschungsmomente oder Erstaunliches mit dem Beg­riff des Wunders zu definieren, es geschieht etwas womit man nicht gerechnet hat.6 Diese Definition findet deutlich weniger Anstoß, da sie ohne Widerspruch zu den Naturgesetzen steht.7

In der Umwelt des Neuen Testaments sind Wundergeschichten weiter verbreitet als im Alten Testament. Abhängig von der Abgrenzung zählt man ca. 30-35 Einzelerzäh­ lungen im Neuen Testament.8 Es gibt verschiedene Wunder über Krankenheilungen, Exorzismen und andere Wunder, jedoch wollen die Synoptiker in ihrer Überlieferung Jesus nicht vordergründig als Wundermann darstellen, sondern die Wundertaten als deutliche Hinweise auf das entscheidende Handeln Gottes in Jesus darstellen. Das Wirken Gottes wird aufgezeigt und die Wundergeschichten besitzen eschatologischen Charakter.9 Damit ist der grundlegende Unterschied zu biblischen Wundern und Wundern der modernen Zeit genannt.

Entscheidend ist also, dass biblische Wunder nicht als „isolierte Fakten um ihrer selbst willen oder zur Verherrlichung des Wundertäters geschehen"10, sondern das Heilshandeln Gottes demonstrieren. Biblische Wundergeschichten benötigen keine naturwissenschaftliche Aufklärung, sie wollen nur den Blick für die heilsverspre­chende Anwesenheit Gottes schärfen.11

2.1 Wundergeschichten als Problem im Religionsunterricht

Mit dem Beginn der Naturwissenschaften begannen auch die Diskussionen um die biblischen Wundergeschichten. Muss man an Wunder einfach glauben, ohne einen historischen Beweis? Sind Wunder überhaupt beweisbar?12 Die neutestamentlichen Wundergeschichten zählen, aufgrund diverser Verständnis­schwierigkeiten bei den Kindern und Jugendlichen, zu den anspruchvollsten Themen- bereichen in der Religionspädagogik.13

Lange Zeit waren Wundergeschichten im Religionsunterricht in allen Klassenstufen Gegenstand, ohne das mögliche Gefahren in der Vermittlung oder im Verständnis der Schülerinnen und Schüler erkannt wurden.14 Dies änderte sich jedoch als Klaus We­genast 1966 die Frage, ob Wundergeschichten der Bibel für die Grundschule geeignet seien, entschieden verneinte. Viele Religionspädagoginnen und Religionspädagogen stimmten Wegenast zu und befürworteten seine Ansicht, das Thema Wunder frühes­tens in der Sekundarstufe zu behandeln.15 Die Frage nach der Wirklichkeit dieser Er­zählungen stellt eines der Hauptprobleme von Wundergeschichten dar. Dies wird vor allem in der Primarstufe sichtbar, da Grundschulkinder, aufgrund ihrer intellektuellen Entwicklung, die Wundererzählungen eher als Tatsachenberichte und nicht als Glau­bens- und Bekenntnisgeschichten verstehen. Deswegen wird diskutiert, ob Wunder­geschichten überhaupt in adäquater theologischer Form in der Primarstufe behandelt werden können.16

Das Thema Wundergeschichten wird zum Teil im Unterricht aber auch gern ganz umgangen, da das Wirklichkeitsverständnis der Schülerinnen und Schüler mit dem Thema der Wundergeschichten kollidiert. Deswegen wird lieber auf die Bibel im Un- terricht verzichtet oder es werden nur ausgewählte Stellen gelesen.17

Ein anderes Problem ergibt sich, wenn Wundergeschichten zum Thema im Religi­onsunterricht werden, sie jedoch nicht mehr als Wundergeschichten selbst, sondern nur noch symbolisch oder als Gleichnis verstanden werden. Die Wundergeschichten werden von Lehrenden als sozial- und psychologische Botschaften interpretiert und vermittelt, jedoch wird damit vordergründig die Unwissenheit bzw. das Unverständ­nis der Lehrenden deutlich, die mit dem Wunder als Thematik von biblischen Ge- schichten nichts anzufangen wissen.18

Des Weiteren wird beklagt, dass Schülerinnen und Schüler ein „negatives Vorver­hältnis zu biblischen Texten, zu Themen christlicher Religion und zu theologischen Themen allgemein"19 besäßen. Diese Themen seien für viele Schülerinnen und Schü­ler „uncool".20

Es muss natürlich bedacht werden, dass das Neue Testament mit keiner Zeile für Kinder geschrieben wurde und dass die Voraussetzungen für eine Erschließung des Bibeltextes dem heutigen durchschnittlichen Menschen fast völlig verlorengegangen sind, deswegen ist es wichtig einen neuen Zugang zur Bibel zu schaffen.21

An diesem Punkt kann das Geflecht der verschiedenen Probleme aufgezeigt werden. Einerseits wird bemängelt, dass die Schülerinnen und Schüler teilweise eine negative Grundeinstellung zu biblischen Texten besäßen und biblischen Geschichten als nicht zeitgemäß empfinden würden, andererseits wird die Bibel als Medium im Unterricht gern umgangen, da man sich scheut sie dem Wirklichkeitsverständnis der Kinder und Jugendlichen im Unterricht auszusetzen. Diese Probleme bedingen sich augenschein­lich wechselseitig. Je weniger die Bibel im Unterricht verwendet wird, desto be­fremdlicher wirken die biblischen Wundergeschichten auf die Schülerinnen und Schüler.

Ein anderes Problem, speziell zu Wundergeschichten, stellt die Spannung zwischen zwei konträren Ansichten in Bezug auf die Weltanschauung dar: Auf der einen Seite wird fast uneingeschränkt an die Wissenschaft geglaubt, die durch technische Neuhei­ten und aufklärende Forschung gestützt wird, auf der anderen Seite lässt sich aber eine weitverbreitete Wissenschaftsangst beobachten, die mit einer Weltuntergangs­stimmung und dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der Technik und den Ma- schinen verbunden ist.22 Diese beiden Spannungsfelder müssen ebenfalls bedacht werden, wenn nach der Erfahrungswelt und dem Wirklichkeitsverständnis von Kin­dern und Jugendlichen gefragt wird.

Darüber hinaus hat sich die Grundlage der Bibeldidaktik in den letzten Jahren bedeu­tend verändert. Neben den neuen Einsichten bei der Schriftauslegung, muss die Bi- beldidaktik nun auch den Übergang von einer „christentümlichen"23 Gesellschaft zu einer polyvalenten Gesellschaft berücksichtigen.

[...]


1 Bultmann, Rudolf, Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, 2. Aufl. München 1985, S. 18.

2 Kollmann, Bernd, Neutestamentliche Wundergeschichten: biblisch-theologische Zugänge und Impul­se für die Praxis, Stuttgart 2002, S. 7.

3 Blum, Hans-Joachim, Biblische Wunder - heute: Eine Anfrage an die Religionspädagogik, Stuttgart 1997, S. 8.

4 Kollmann, Wundergeschichten, S. 9.

5 Ebd., S. 9.

6 Bsp. für diesen Gebrauch ist der Duden, dieser nennt folgende Bedeutungen für den Begriff des Wun­ders: „[A]ußergewöhnliches, den Naturgesetzen oder aller Erfahrung widersprechendes und deshalb der unmittelbaren Einwirkung einer göttlichen Macht oder übernatürlichen Kräften zugeschriebenes Geschehen, Ereignis, das Staunen erregt; etwas, was in seiner Art, durch sein Maß an Vollkommenheit das Gewohnte, Übliche so weit übertrifft, dass es große Bewunderung, großes Staunen erregt."

7 Ebd., S. 9. Als näheres Beispiel für diese unerwarteten Ereignisse wird „Das Wunder von Bern" im Jahr 1954 von Kollmann genannt, als die deutsche Fußballmannschaft den Sieg holte (vgl. ebd., S. 9). Als ein aktuelleres Wunder-Ereignis kann man die Rettung der verschütteten Bergarbeiter in Chile im Jahr 2010 nennen.

8 16 Heilungen, sechs Naturwunder, vier Exorzismen, drei Totenerweckungen und mehrere Begleit­wunder.

9 Kollmann, Wundergeschichten, S. 12. Kollmann bezieht sich auf: Delling, Gerhard, Das Verständnis des Wunders im Neuen Testament, in: Suhl, Alfred (Hrsg.), Der Wunderbegriff im Neuen Testament, WdF 295, Darmstadt 1980, S. 300-317.

10 Ebd., S. 11.

11 Ebd., S. 11.

12 Becker, Ulrich/ Wibbing, Siegfried, Wundergeschichten, Handbücherei für den Religionsunterricht 2, Gütersloh 1965, S. 3f.

13 Kollmann, Wundergeschichten, S. 184.

14 Ebd., S. 184f. Die Gefahr wurde nur vereinzelt erkannt, jedoch ohne erwähnenswertes Eingreifen (vgl. ebd., S. 184-185).

15 Ebd., S. 185. Vgl. dazu: Wegenast, Klaus, Wundergeschichten der Bibel in der Grundschule?, in: Wegenast, Klaus (Hrsg.), Glaube - Schule - Wirklichkeit, Gütersloh 1970, S. 156-160.

16 Ebd., S. 185.

17 Alkier, Stefan/ Dressler, Bernhard, Wundergeschichten als fremde Welten lesen lernen. Didaktische Überlegungen zu Mk 4,35-41, in: Bernhard Dressler/ Michael Meyer-Blanck (Hg.), Religion zeigen. Religionspädagogik und Semiotik, Münster 1998, S. 163.

18 Ebd., S. 163. Als Bsp. wird u.a. die Sturmstillung als Wundergeschichte genannt, die zu einer Angst­stillungsgeschichte wird und die Speisungsgeschichten werden oft symbolisch als Teilungsgeschichten verstanden (ebd., S. 164). Vgl. dazu: Ingo Baldermann, Einführung in die Biblische Didaktik, Darmstadt 1996, S. 77. Balder­mann betont, dass Wundergeschichten kein symbolisches Verpackungsmaterial für theologische Aus­sagen sind.

19 Ebd., S. 166.

20 Ebd., S. 166.

21 Fütterer, Elisabeth, Biblische Geschichten im Religionsunterricht. Probleme und Möglichkeiten anhand von Wundergeschichten, Stuttgart 1984, S. 8.

22 Alkier, Wundergeschichten, S. 167.

23 Eggers, Theodor, Wenn das Wunder Schule macht. Ein Beitrag zur Bibeldidaktik und zum Religi­onsunterricht, Düsseldorf 1991, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wundergeschichten in der Schule als fremde Welten lesen lernen?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Evangelisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Grundthemen der Theologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V197157
ISBN (eBook)
9783656233534
ISBN (Buch)
9783656233787
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wundergeschichten, schule, welten
Arbeit zitieren
Ramona Imberge (Autor), 2012, Wundergeschichten in der Schule als fremde Welten lesen lernen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197157

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