„Du wirst bemerken, dass das Flugzeug anhalten und dann erneut fliegen wird. Dies ist die Stunde, in der du Gott treffen wirst“ - Aus der spirituellen Anleitung für den Selbstmordan-schlag auf das World Trade Center, gefunden in der Reisetasche von Mohammed Atta.
Mohammed Atta war einer der Attentäter des wohl bekanntesten Anschlags der heutigen Zeit, dem 11. September 2011. Als feige und psychisch krank wurden die Attentäter anfäng-lich bezeichnet. Diese Art der Kriegsführung war den westlichen Ländern zwar bekannt, ihr Ausmaß erreichte jedoch eine neue Dimension. Derartige Attentate werden, in kleinerem Ausmaß, überall auf der Welt verübt. Dabei sprengen sich unter anderem selbst-ernannte Gotteskrieger, sogenannte Dschihadisten, selbst in die Luft um dabei möglichst viele ihrer Feinde zu töten.
Eine kleine Sekte namens Assassinen verübte bereits um 1090 n.Chr. Selbstmordattentate. Dabei ließen sie sich, nachdem sie ihre Feinde mit einem Dolch ermordet hatten, ohne Ge-genwehr von den Leibwächtern ihrer Opfer töten. Ähnlich auch japanische Kamikazepiloten, die sich, nachdem sie alles an Munition abgeworfen hatten, ebenfalls mit ihrem Flugzeug in den Tod stürzten.
Aber woher stammt der Gedanke sein eigenes Leben als Waffe zu benutzen und seiner Existenz mit deren Gebrauch ein Ende zu setzen? Sein eigenes Leben der Religion zu opfern und dafür sogar den Tod in Kauf zu nehmen. Ist die Sicherung der Existenz und Erhaltung des eigenen Lebens nicht fundamental wichtig, um den Fortbestand der eigenen Gene und Nachkommen zu sichern? Viele von ihnen tun dies nicht aus unmittelbar eigenem Interesse, sondern dienen damit, eigenen Angaben zufolge, einer höheren Sache. Christoph Reuter führt aus, dass die Androhung der Tötung (oder Gefängnisstrafen) die Macht des Staates aufrecht hält. Das Verbot des Selbstmordes wiederum „…die Macht der Religion…“, denn wer lebt und wer stirbt darf nur Gott entscheiden. Es tauchen aber immer wieder neue Videobotschaften auf, die im Namen von Allah zum Kampf und zu mehr Opferbereitschaft aufrufen. Allerdings gilt im Islamischen Glauben ein Selbstmord als „haram, eine Tat wider Gottes Gebote“. Dies erscheint widersprüchlich zu den Medienberichten, die von immer neuen Selbstmordanschlägen in Israel oder Afghanistan berichten.
Wenn ein Individuum sich aus freiem Willen heraus trotz Verbot das eigene Leben nimmt, somit „haram“ begeht, ist das dann nicht ein Verrat an der eigenen Religion?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erklärungen und Motivation
2.1. Reziproker Altruismus ( Direkte und Indirekte Reziprozität )
2.2. Inclusive Fitness
2.3. Rache
2.4. Fiktive Verwandtschaft
2.5. Rational Choise
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die psychologischen und evolutionstheoretischen Hintergründe von Selbstmordattentätern, um zu verstehen, welche Motivationen Individuen dazu bewegen, ihr Leben für eine religiöse oder ideologische Sache zu opfern. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und wie ein solches Handeln trotz des Selbsterhaltungstriebs als rational oder altruistisch erklärt werden kann.
- Evolutionäre Ansätze: Reziproker Altruismus und Inclusive Fitness
- Die Rolle von Gruppenidentität und kollektiver Zugehörigkeit
- Sozioökonomische Faktoren und das Motiv der Rache
- Methoden der Radikalisierung und fiktive Verwandtschaftskonstrukte
- Rational-Choice-Modelle zur Analyse von Selbstmordanschlägen
Auszug aus dem Buch
2.4. Fiktive Verwandtschaft
Beim Aufbau von Terror-Organisationen lassen sich gewisse Muster erkennen. Meist sind sie wie große Familien aufgebaut. Dabei werden in der Kommunikation untereinander Schlüsselbegriffe wie bei echten Verwandten verwendet. Sie bezeichnen sich untereinander als Brüder, Schwestern und sogar Mütter und Väter. Diese Begriffe bilden scheinbar eine gewisse Basis für den Gruppenzusammenhalt und das Zugehörigkeitsgefühl (Qirko, 2009).
Gary R. Johnson (1987) ist der Ansicht, dass Wörter hohe Symbolwirkung haben und daher eine wichtige Rolle spielen. Wohl in jeder menschlichen Sprache gibt es Wörter für vertraute Personen. Diese drücken in unterschiedlicher Stärke aus, wie eng der Grad der Beziehung untereinander ist. Begriffe wie Bruder, Schwester usw. simulieren langfristige und intime Bindungen. Sie informieren also auch darüber inwieweit man sich altruistisch gegenüber jenen Personen verhalten sollte bzw. mit welcher Resonanz zu rechnen ist. Also auch inwieweit der einzelne bereit ist, sich für seine Familie zu opfern. Das Konzept der fiktiven Familie ist also für Organisationen, in Anbetracht auf Gruppenzusammenhalt sowie der Förderung der Opferbereitschaft der Mitglieder, durchaus von Nutzen. Aber nicht nur Begriffe innerhalb der Sprache sind wichtig um Gefühle der Gemeinschaft zu stärken (Johnson, 1987). Die Rekruten in Ausbildungscamps tragen Uniformen und andere Symbole als Demonstration der Zugehörigkeit. Außerdem sind die Rekruten meist jung und leben in der Regel von ihrer echten Familie und Verwandtschaft getrennt. Das macht es vermutlich leichter sie zu beeinflussen bzw. zu manipulieren. Des Weiteren sind die meisten Terroristen, bis auf wenige Ausnahmen, unverheiratet (Sageman, Understanding terror networks, 2004).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Selbstmordattentats ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, wie die freiwillige Selbstaufgabe für eine höhere Sache trotz des biologischen Selbsterhaltungstriebs psychologisch erklärbar ist.
2. Erklärungen und Motivation: Dieses Kapitel analysiert verschiedene motivationale Hintergründe, von evolutionären Konzepten wie Reziprozität und Fitness bis hin zu soziologischen Strukturen wie der fiktiven Verwandtschaft und rationalen Nutzenkalkülen.
2.1. Reziproker Altruismus ( Direkte und Indirekte Reziprozität ): Das Kapitel erläutert, wie Menschen durch Gruppenidentität dazu bewegt werden können, ihre individuelle Identität zugunsten einer kollektiven zu opfern, was das Opfer aus Sicht der Gruppe sinnvoll erscheinen lässt.
2.2. Inclusive Fitness: Hier wird diskutiert, unter welchen genetischen oder ökonomischen Bedingungen die Unterstützung der eigenen Gruppe durch einen Anschlag als evolutionär vorteilhaft für das Überleben der Gene interpretiert werden kann.
2.3. Rache: Es wird untersucht, inwieweit Rachegefühle nach erlittenem Unrecht als Motivationsfaktor dienen, wobei die Schwierigkeit hervorgehoben wird, das eigene Opfer mit dem rationalen Ziel des Schutzes der Verwandten zu vereinbaren.
2.4. Fiktive Verwandtschaft: Dieser Abschnitt beschreibt, wie Terrororganisationen durch familiäre Begriffsnutzung und Symbole Zugehörigkeit erzeugen, um die emotionale Bindung zur eigenen biologischen Familie zu ersetzen und so die Opferbereitschaft zu erhöhen.
2.5. Rational Choise: Dieses Kapitel betrachtet das Selbstmordattentat als rationale Handlung, bei der das Individuum seine Nutzenfunktion derjenigen der Organisation anpasst, bis der Dienst an der Gruppe das höchste erreichbare Ziel darstellt.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Motivationen komplex und schwer empirisch zu belegen sind, wobei das Handeln der Attentäter aus ihrer eigenen Perspektive oft eine logische Konsequenz religiöser oder kollektiver Überzeugung darstellt.
Schlüsselwörter
Selbstmordattentäter, Religion, Altruismus, Evolutionäre Psychologie, Reziproker Altruismus, Inclusive Fitness, Fiktive Verwandtschaft, Gruppenidentität, Radikalisierung, Rational-Choice, Terrorismus, Dschihad, Märtyrer, Nutzenfunktion, Opferbereitschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der psychologischen und evolutionstheoretischen Analyse von Selbstmordattentätern und der Frage, wie die freiwillige Selbsttötung im Dienst einer Ideologie oder Religion motiviert ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen evolutionäre Ansätze wie Altruismus und Fitness, soziale Dynamiken wie Gruppenidentität, die Konstruktion fiktiver Verwandtschaftsverhältnisse in Terrorgruppen sowie ökonomische Rationalitätsmodelle.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Erforschung der Beweggründe hinter Selbstmordanschlägen und die Beantwortung der Frage, wie ein Handeln, das den eigenen Tod herbeiführt, psychologisch und evolutionär als rational oder altruistisch gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die verschiedene theoretische Konzepte (wie die von Atran, Qirko oder Wintrobe) auf die Thematik des Selbstmordterrorismus anwendet und kritisch diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden fünf theoretische Erklärungsmodelle (Reziproker Altruismus, Inclusive Fitness, Rache, fiktive Verwandtschaft und Rational Choice) detailliert vorgestellt und auf ihr Potenzial geprüft, das Verhalten der Attentäter zu erklären.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Selbstmordattentäter, Altruismus, Gruppenidentität, Radikalisierung, fiktive Verwandtschaft und Rational-Choice-Theorie.
Inwiefern spielt das Konzept der „fiktiven Verwandtschaft“ eine Rolle?
Es dient dazu, den sozialen Zusammenhalt in Terrorgruppen zu erklären, indem durch Sprache (Brüder/Schwestern) und Rituale eine Ersatzfamilie geschaffen wird, die die Bindung an die biologische Familie ersetzt und so die Opferbereitschaft steigert.
Warum wird das Selbstmordattentat hier als rationale Handlung diskutiert?
Im Rahmen der Rational-Choice-Theorie wird argumentiert, dass das Individuum seine persönliche Nutzenfunktion der Gruppe angleicht, sodass der Anschlag zur Maximierung des Werts der Gruppe beiträgt, was das Individuum subjektiv als „gewinnbringend“ oder sinnvoll empfindet.
- Citation du texte
- Frank Löffler (Auteur), 2011, Selbstmordattentäter – Wenn jemand sein Leben für die Religion opfert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197891