Hauptaufgabe des Textes soll sein, den Sinn der Figuren Gawein und Keie in Hartmanns von Aue Erec und Iwein herauszuarbeiten.
Zitat aus der Einleitung:
Keie scheint auf den ersten Blick den Antiritter zu verkörpern, er ist faul und ängstlich, missgünstig und beleidigend, sein Ansehen interessiert ihn nicht. Betrachtet man die Figur jedoch näher, erkenntman auch positive Eigenschaften, die ihrerseits teils sogar aus den schlechten Eigenschaften erwachsen. Ihm gegenüber steht der Ritter Gawein als Inbegriff der Ritterlichkeit. Er ist stark,mutig, ehrenhaft, reist durchs Land, besteht Abenteuer und scheint der perfekte Ritter zu sein. Doch auch Gaweins Ritterlichkeit hat auf den zweiten Blick schwerwiegende Nachteile. Doch beide sind
nur Randfiguren der Romane, sie gehen zwar durch ihre Eigenschaften nicht in der Masse der Ritter unter, sind aber für die Handlung von nebensächlicher Bedeutung. Warum also hat Hartmann
Gawein und Keie in seine Romane aufgenommen? Durch die starke Dichotomie der beiden Charaktere lässt sich zunächst davon ausgehen, dass Hartmann die beiden Figuren zur Verdeutlichung des Ritterideals herangezogen hat: Gawein als Überritter und Keie als Antiritter.
Doch warum ist Keie dann beim Volk besonders beliebt und warum trägt Gawein dann die Schuld an Iweins verrittern? Hartmann hat offenbar bewusst ambivalente Figuren erschaffen, deren Funktion über einfache Belehrung des Lesers oder Zuhörers hinausgehen musste. Welche Funktion erfüllen also Keie und Gawein wirklich? Warum thematisiert Hartman überhaupt die positiven Seiten des Antirittertums und warum liegen bei Hartmann auch im Überrittertum Gefahren?
Um diese Fragen zu klären, ist es zunächst notwendig, den Begriff des Rittertums und Ritterideals eindeutig zu klären, um daraus den Durchschnittsritter als Referenz ableiten zu können. Dann folgt
eine Charakterisierung von Keie und Gawein auf Basis des „Erec“ und „Iwein“, außerdem soll versucht werden, die beiden Extremritter innerhalb des Artusuniversums genauer zu verorten, um sie dann schließlich mit dem vorher entwickelten Referenzritter zu vergleichen. Grundlage für die Untersuchungen bilden die „Erec“ und „Iwein“ Editionen von Cramer.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Das Ritterideal und der Durchschnittsritter
Gawein
Keie
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionen der Figuren Gawein und Keie als komplementäre Indikatoren für ritterliche Tugenden im mittelhochdeutschen Artusroman, insbesondere in den Werken Hartmanns von Aue. Das Ziel ist es, durch die Analyse der Dichotomie zwischen dem „Überritter“ Gawein und dem „Antiritter“ Keie zu zeigen, wie diese Figuren als Referenzpunkte für den Artushof und den idealen „Durchschnittsritter“ dienen und warum ihr Zusammenspiel für die literarische Struktur der Romane essentiell ist.
- Historische und soziale Einordnung des mittelalterlichen Ritterideals.
- Konstruktion eines literarischen Durchschnittsritters als Vergleichsmaßstab.
- Charakterisierung von Gawein als Inbegriff ritterlicher Perfektion und deren Gefahren.
- Analyse von Keie als ambivalente Gegenfigur zum herrschenden Tugendsystem.
- Untersuchung der strukturellen Notwendigkeit beider Pole für das Artusuniversum.
Auszug aus dem Buch
Gawein
„No knight of the primitive Arthurian fellowship enjoyed a higher renown than Arthur's nephew, Gawein.[...] He was, probably, the centre of a cycle of adventures quite independent of, and quite as old as, the original Arthur sage. He is certainly the hero of more episodic romances than any other British knight, and, in the general body of Arthurian romance, none is so ubiquitous.“
Gawein ist der Überritter, alle positiven Tugenden sind bei ihm im Höchstmaß vorhanden:
„unde min her Gâwein, an dem niht tes enschein ezn wære hövesch unde guot,“
Er ist weit ritterlicher als der Durchschnittsritter und übertrifft seine bekannten Kameraden Erec und Iwein um längen. Denkt man allerdings an das mesure, das rechte Maß zwischen allem, das der Ritter halten soll, so ist bei Gawein die Waage schon lange gekippt. Er lebt für seine Berufung und sein Verhalten wirkt fast schon zwanghaft, deutlich wird das schon bei seinem ersten Auftritt im „Iwein“ „Gâwein ahte umb wâfen“. Während die anderen Ritter also feiern, beziehungsweise Keie herumliegt und schläft, rüstet er sich für Kampf und Abenteuer.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Neudefinition des adligen Reiterkriegers ein und verdeutlicht, dass das Rittertum nicht bloß ein Beruf, sondern ein umfassendes kulturelles System war, das besonders im Artusroman literarisch verhandelt wurde.
Das Ritterideal und der Durchschnittsritter: Dieses Kapitel erarbeitet basierend auf historischer Forschung ein theoretisches Tugendsystem, um daraus einen literarischen „Durchschnittsritter“ als Vergleichsfolie für die Protagonisten und Nebenfiguren abzuleiten.
Gawein: Gawein wird als „Überritter“ analysiert, dessen übersteigerte Tugendhaftigkeit zwar den Artushof repräsentiert, jedoch auch Gefahren für seine Kameraden birgt, da er menschliche Maßstäbe durch ein beinahe zwanghaftes Rittertum ersetzt.
Keie: Die Untersuchung von Keie zeigt, dass die Figur entgegen dem ersten Eindruck des „Antiritters“ eine komplexe Ambivalenz aufweist, die ihn als notwendigen Gegenpol zu Gawein und als tragende Figur im politischen Gefüge des Artushofs ausweist.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass Keie und Gawein zwei unverzichtbare Pole bilden, die den Lesern das „rehte mâze“ lehren, indem sie durch ihre Gegensätzlichkeit erst das Profil der anderen Akteure und das Funktionieren der höfischen Welt ermöglichen.
Schlüsselwörter
Artusroman, Hartmann von Aue, Erec, Iwein, Ritterideal, Gawein, Keie, Überritter, Antiritter, Tugendsystem, Mesure, Ehre, Artushof, Literaturwissenschaft, Mittelalter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Funktion der beiden zentralen Artusritter Gawein und Keie als komplementäre Gegenspieler und deren Bedeutung für die Vermittlung ritterlicher Tugendideale bei Hartmann von Aue.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentral sind die historische Einordnung des Rittertums, die Definition des literarischen Artushofs sowie die Charakterisierung spezifischer Rollenbilder innerhalb der „Erec“- und „Iwein“-Romane.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Die Autorin/der Autor fragt, warum Hartmann von Aue die Charaktere Gawein und Keie in dieser spezifischen Dichotomie konstruiert hat und welche narrative und belehrende Funktion dieses Paar innerhalb des Artusuniversums erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die durch historische Kontextualisierung (z.B. Boockmann, Le Goff) und den Vergleich mit editionswissenschaftlichen Grundlagen gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Durchschnittsritters, die detaillierte Untersuchung der Figuren Gawein und Keie anhand von Textbeispielen sowie die Verortung dieser Figuren im Artus-Kontext.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie „Ritterideal“, „Dichotomie“, „Überritter“, „Antiritter“ und das Konzept des „rehte mâze“ (rechtes Maß) definieren.
Warum wird Gawein als „Überritter“ bezeichnet?
Gawein übertrifft alle anderen Ritter an Tugend, Ehre und Kampfeslust, wobei sein Verhalten jedoch so extrem ist, dass es die soziale Harmonie und die Entwicklung seiner Kameraden gefährden kann.
Welche Funktion hat die Figur des Keie?
Keie dient als „Antiritter“ und notwendiges Korrektiv zu Gawein; er stellt durch sein unhöfliches und provokantes Verhalten einen Gegenpol dar, der erst ermöglicht, dass die anderen Ritter als Gruppe und Individuen in der Erzählung funktionieren.
Warum betont die Arbeit die Bedeutung des „rehte mâze“?
Das „rehte mâze“ fungiert als ethisches Leitmotiv: Während Übersteigerungen in beide Richtungen (Gaweins Perfektionismus vs. Keies Unritterlichkeit) problematisch sind, lernen Leser durch das Spannungsfeld dieser beiden Pole die Notwendigkeit einer ausbalancierten ritterlichen Lebensweise.
- Citation du texte
- Florian Enders (Auteur), 2012, Gâwein ahte um wâfen: Keiî leite sich slâfen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197933