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Vom Aderlass bis zur Zahnextraktion: Medikale Konzepte und Therapiemaßnahmen im Spiegel ausgewählter Selbstzeugnisse im frühneuzeitlichen Europa

Title: Vom Aderlass bis zur Zahnextraktion: Medikale Konzepte und Therapiemaßnahmen im Spiegel ausgewählter Selbstzeugnisse im frühneuzeitlichen Europa

Bachelor Thesis , 2011 , 59 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Eric Kresse (Author)

History of Europe - Modern Times, Absolutism, Industrialization
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Summary Excerpt Details

Die sprichwörtlich kochende Galle ist wohl jedem als Synonym für einen aufbrausenden
Gemütszustand bekannt. Doch verhältnismäßig wenige wissen um den Ursprung dieser
gebräuchlichen Redewendung, bei der durch ein körperliches Phänomen ein seelischer
Zustand beschrieben wird. Grundlage und Herkunft ist hierbei die Vier-Säfte-Lehre, die
aufgrund ihres ganzheitlichen Charakters keine Trennung zwischen physikalischen und
psychischen Erscheinungen kannte. Stellt dies für den heutigen Betrachter eine irrationale
Theorie dar, barg dieser Monismus ein logisches Erklärungsmodell für frühneuzeitliche
Schulmediziner. Die Überzeugung vom Einfluss seelischer Affekte auf die Gesundheit war
vielmehr soweit verbreitet, dass auch Laien bestrebt waren, solche zu vermeiden.
Geisteskrankheiten galten als Verneblungen der reinen Seelengeister durch aufsteigende
Dämpfe aus den Verdauungs- und Geschlechtsorganen. Ammen sollten nach einem
Wutanfall nicht säugen, um das Kind nicht zu gefährden. Dieser Aspekt bietet einen Einblick
in das fachmedizinische Europa der frühen Neuzeit, in der neben der Säftelehre parallel
weitere Konzepte vorherrschten. Doch inwieweit wussten Patienten um diese Modelle zur
Erklärung von Krankheiten? Dies ist Gegenstand dieser Forschungsarbeit: Ausgewählte
zeitgenössische Aufzeichnungen medizinischer Laien werden auf den Kenntnisgehalt um
medikale Konzepte und Therapiemaßnahmen geprüft.
Die Entwicklung der Autobiographie von spätmittelalterlichen Haushalts- und
Kaufmannsbüchern über die Bedeutung religiöser Bewegungen wie Puritanismus und
Pietismus bis zur Schilderung des eigenen Lebens, auch während historisch bedeutsamer
Ereignisse, lässt eine lange und vielschichtige Vorgeschichte erkennen. Stehen diese Quellen
seit langem im Fokus kunstgeschichtlicher und literaturwissenschaftlicher Betrachtungen,
werden sie erst seit kurzem durch historisch-qualitative Fragestellungen in den Mittelpunkt
der mikrohistorischen Forschung platziert. Lange beschäftigte sich die Medizingeschichte
fast ausschließlich mit dem ärztlichen Stand und dessen Forschungen, Theorien und
Entdeckungen. Der Patient ging hierbei als unumgängliches Mittel zur Geschichtsschreibung
in einer gesichtslosen Masse unter.[...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Krankheiten, Therapiemaßnahmen und medikale Konzepte der frühen Neuzeit

2.1. Individuelle Krankheiten und Epidemien

2.2. Therapiemaßnahmen

2.3. Humoralpathologie

2.4. Konzept mobiler Krankheitsmaterie

2.5. Diätetik

3. Die Korrespondenzen der Elisabeth Charlotte von Orléans

3.1. Elisabeth Charlotte von Orléans: Leben und Bedeutung

3.2. Individuelle Krankheiten und Epidemien

3.3. Therapiemaßnahmen

3.4. Humoralpathologie

3.5. Konzept mobiler Krankheitsmaterie

3.6. Diätetik

4. Die Tagebücher des Samuel Pepys

4.1. Samuel Pepys: Leben und Bedeutung

4.2. Individuelle Krankheiten und Epidemien

4.3. Therapiemaßnahmen

4.4. Humoralpathologie

4.5. Konzept mobiler Krankheitsmaterie

4.6. Diätetik

5. Komparatistische Analyse der Selbstzeugnisse

5.1. Krankheiten, Epidemien und Therapiemaßnahmen

5.2. Humoralpathologie, Krankheitsmaterie und Diätetik

6. Zusammenfassung und Ausblick

6.1. Zusammenfassung

6.2. Ausblick

Zielsetzung & Themen

Diese Forschungsarbeit untersucht das medizinische Wissen und die Krankheitswahrnehmung von Laien im frühneuzeitlichen Europa anhand persönlicher Aufzeichnungen. Das zentrale Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit die Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans und der Tagebuchschreiber Samuel Pepys mit den vorherrschenden medikalen Konzepten ihrer Zeit vertraut waren und wie sie diese auf ihren eigenen Alltag und ihre Gesundheit bezogen.

  • Humoralpathologie und Säftegleichgewicht
  • Konzepte mobiler Krankheitsmaterie und Ansteckung
  • Diätetische Lebensführung nach den "sechs nicht natürlichen Dingen"
  • Vergleich der Laienperspektive mit der ärztlichen Schulmedizin
  • Therapeutische Maßnahmen wie Aderlass, Purgation und Medikation

Auszug aus dem Buch

2.4. Konzept mobiler Krankheitsmaterie

Die Vorstellung mobiler Krankheitsmaterie, die im Organismus kursierte, setzte sich in der frühen Neuzeit neben der Humoralpathologie zunehmend durch. Dieses Konzept bot allerdings bereits seit der Antike ein Erklärungsmodell für die Ausbreitung von Epidemien. Hierbei drangen „Miasmen“ und „Kontagien“ von außen in den Körper ein und lagerten sich in Körperteilen und Organen ab, wo sie Beschwerden und Krankheiten verursachten. Dabei wird deutlich, dass dieses Konzept ebenso organübergreifend arbeitete, wie die Vier-Säfte-Lehre. Allerdings trat die Bedeutung des Verhältnisses der Säfte zueinander, zugunsten der Funktion dieser Säfte als Träger der schädlichen und giftigen Stoffe, in den Hintergrund. Anhänger der Kontagionentheorie betonten die Ansteckung („contagion“) von Mensch zu Mensch über Stoffe, Berührungen und Gegenstände an denen Krankheitsmaterie haftete, aber auch die mögliche Übertragung durch Atem und Ausdünstungen bereits Erkrankter.

In diesem letzten Aspekt der infizierenden Übertragung ist dieses Modell nicht eindeutig von der Miasmentheorie zu trennen. Denn hierbei verunreinigten und verdarben Miasmen, die sich in Sümpfen, stehenden Gewässern, verrottetem Obst und Gemüse, menschlichen und tierischen Exkrementen sowie Kadavern befanden, die Luft, indem sie sich mit ihr vermischten. Dies wurde von unheilvollen Planetenkonstellationen, dem Klima und der Windrichtung begünstigt. Die so infizierte Luft wurde von den Menschen eingeatmet und ließ sie erkranken. Da beide Theorien die Bedeutung der Säfte betonten, ist es nicht verwunderlich, dass sie zu Aderlässen und Purgation rieten, um die Körpersäfte prophylaktisch zu regulieren beziehungsweise widernatürliche schädliche und giftige Materie aus dem Körper zu spülen. Jedoch sind auch Differenzen in der Reaktion auf Epidemien zu bemerken. Während die Kontagionisten zu Quarantänemaßnahmen wie beispielsweise bei Ausbruch der Pest rieten, riefen Miasmatiker zur Flucht auf und forderten das Fortschaffen und Vergraben von Unrat und Leichen sowie die Verbesserung der Luft durch Feuer, Räucherungen als auch Böllerschüsse, Riechstoffe wie Gewürze respektive Kräuter und das Tragen von Schutzmasken.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die medizinische Welt der frühen Neuzeit ein und erläutert die Bedeutung der Untersuchung von Laienperspektiven in Ego-Dokumenten.

2. Krankheiten, Therapiemaßnahmen und medikale Konzepte der frühen Neuzeit: Dieses Kapitel definiert die theoretischen Grundlagen der Humoralpathologie, der Miasmen- und Kontagionenlehre sowie der Diätetik.

3. Die Korrespondenzen der Elisabeth Charlotte von Orléans: Hier wird der Briefwechsel der Herzogin analysiert, wobei ihr Verständnis von Krankheiten und ihre teils kritische Haltung gegenüber ärztlichen Therapien im Fokus stehen.

4. Die Tagebücher des Samuel Pepys: Das Kapitel untersucht die Tagebuchaufzeichnungen von Samuel Pepys im Hinblick auf seine Wahrnehmung von Krankheiten, Epidemien und seine eigene gesundheitliche Lebensführung.

5. Komparatistische Analyse der Selbstzeugnisse: In diesem Kapitel werden die Beobachtungen aus den Quellen von Orléans und Pepys gegenübergestellt und hinsichtlich ihrer medizinhistorischen Ergiebigkeit bewertet.

6. Zusammenfassung und Ausblick: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und einem Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten im Bereich der Laien-Medizingeschichte.

Schlüsselwörter

Frühe Neuzeit, Humoralpathologie, Vier-Säfte-Lehre, Diätetik, Krankheitswahrnehmung, Laienzeugnisse, Elisabeth Charlotte von Orléans, Samuel Pepys, Pest, Epidemie, Aderlass, Medizinhistorik, Miasmentheorie, Kontagionen, Ego-Dokumente

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert, wie medizinische Laien der sozialen Elite im frühneuzeitlichen Europa Krankheiten verstanden, therapierten und in ihren persönlichen Aufzeichnungen reflektierten.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Untersuchung konzentriert sich auf drei Hauptkonzepte der frühneuzeitlichen Medizin: die Humoralpathologie (Säftelehre), das Konzept der mobilen Krankheitsmaterie (Ansteckung/Miasmen) und die Diätetik (Lebensordnung).

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Ziel ist es, den Kenntnisstand der Laien über medikale Konzepte zu prüfen und festzustellen, inwieweit diese das Wissen in ihrem Alltag und bei der Wahl ihrer Therapiemaßnahmen angewendet haben.

Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?

Die Arbeit basiert auf einer historisch-qualitativen Analyse von Ego-Dokumenten (Briefe und Tagebücher), die komparatistisch ausgewertet und mit der medizinischen Forschungsliteratur in Beziehung gesetzt werden.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Nach der Definition der medizinischen Theorien werden die Korrespondenzen der Elisabeth Charlotte von Orléans und die Tagebücher des Samuel Pepys detailliert untersucht und anschließend miteinander verglichen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Wichtige Begriffe sind Frühe Neuzeit, Humoralpathologie, Diätetik, Krankheitswahrnehmung, Laienzeugnisse, Pest, Aderlass und Medizinhistorik.

Wie stand Elisabeth Charlotte von Orléans zu den ärztlichen Methoden ihrer Zeit?

Sie stand diesen sehr kritisch gegenüber, lehnte prophylaktische Aderlässe und Purgationen meist ab und vertraute eher dem natürlichen Heilungsprozess, schätzte jedoch ihren Leibarzt als kompetenten Berater.

Welche Rolle spielte der Blasenstein für Samuel Pepys?

Der Blasenstein stellte für Pepys die prägendste Krankheitserfahrung seines Lebens dar; er überlebte eine riskante Operation und führte fortan jährliche Gedenkfeiern zu seinem "zweiten Geburtstag" durch.

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Details

Title
Vom Aderlass bis zur Zahnextraktion: Medikale Konzepte und Therapiemaßnahmen im Spiegel ausgewählter Selbstzeugnisse im frühneuzeitlichen Europa
College
University of the Federal Armed Forces München  (Historisches Institut)
Grade
1,3
Author
Eric Kresse (Author)
Publication Year
2011
Pages
59
Catalog Number
V198174
ISBN (eBook)
9783656242963
ISBN (Book)
9783656245353
Language
German
Tags
Frühe Neuzeit Neuzeit Diätetik Galen Viersäftelehre Vier-Säfte-Lehre Miasmen Kontagionen Therapiekonzept Aderlass Medikale Konzepte Selbstzeugnisse Samuel Pepys Orléans Krankheitsmaterie Elisabeth Charlotte von Orléans
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Eric Kresse (Author), 2011, Vom Aderlass bis zur Zahnextraktion: Medikale Konzepte und Therapiemaßnahmen im Spiegel ausgewählter Selbstzeugnisse im frühneuzeitlichen Europa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198174
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