Das Thema weibliche Homosexualität hat viel mit Unsichtbarkeit zu tun. Dies bedeutet, dass jede Frage, die sich mit der Homosexualität von Frauen beschäftigt, lediglich noch mehr Fragen aufwirft. Dabei fällt bereits die Homosexualität allgemein in eines dieser Phänomene, die besonders erklärungsbedürftig sind. Denn geht „man von der grundsätzlichen biologischen Programmierung der Sexualität aus, so dürfte es aus evolutionstheoretischen Gründen Homosexualität eigentlich gar nicht geben."
Diese Arbeit soll jedoch nicht dazu dienen, nach Beweisen für die Existenz von Homosexualität zu suchen. Ferner spielt der Begriff „Unsichtbarkeit“ in diesem Fall nicht auf die häufig sehr indirekten Inszenierungsmethoden von Homosexualität im Spielfilm in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts an. Auch wenn es sich nicht vermeiden lässt, gelegentlich diesen Punkt hervorzuholen, um auf diverse Filmbeispiele genauer eingehen zu können, ist dies nicht das zentrale Thema. Es wird sich herausstellen, dass die Präsenz einer lesbischen Lebensweise in der Öffentlichkeit in eine defizitäre Richtung läuft. Denn obwohl weibliche Homosexualität existiert und wahrscheinlich auch immer existiert hat, lässt sich sehr wenig darüber festmachen und die Quellen sind spärlich oder widersprüchlich. Eine Subkultur vergleichbar mit der männlichen Homosexualität ist auch nicht vorhanden. Sämtliche Theorien legen nahe, dass homosexuelle Frauen in den meisten Fällen anonym leben.
Trotz der allem Anschein nach gegebenen Unsichtbarkeit von homosexuellen Frauen existieren zahlreiche Spielfilme, die einen lesbischen Inhalt thematisch integriert haben. Dabei stellt sich die Frage, auf welche Weise weibliche Homosexualität umgesetzt wird. Das hierbei häufige Aufgreifen von Stereotypen, die sich perpetuierend wiederholenden dramatischen Strukturen und die homogene Umsetzung des Themas in unterschiedlichen Filmen lassen den Eindruck entstehen, man habe es mit einem Mythos zu tun, sobald von weiblicher Homosexualität die Rede ist. Aussagen über lesbische Frauen enden meist in Vorurteilen. Auf den folgenden Seiten soll untersucht werden, inwiefern die Lücken in der Theorie über weibliche Homosexualität eine zyklische Inszenierungsmethode im Spielfilm zur Folge haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Unsichtbarkeit von weiblicher Homosexualität
2. Reaktionen der westlichen Gesellschaft auf weibliche Homosexualität
2.1. Historischer Überblick auf den Umgang mit weiblicher Homosexualität
2.1.1. Desinteresse an Frauen(-Liebe) über Jahrtausende
2.1.2. Wandel einer „intensiven Freundschaft“ zur „Krankheit“ im 19.Jahrhundert
2.1.3. Weibliche Homosexualität während der NS-Zeit
2.1.4. Rechte und Alltag für homosexuelle Frauen
2.2. Der Umgang mit weiblicher Homosexualität im Spielfilm
2.2.1. Abwehreinstellungen in der Gesellschaft
2.2.1.1. Gesellschaftlicher Tod in Infam
2.2.1.2. Hinrichtung in Die Töchter des Chinesischen Gärtners
2.2.2. Gesellschaftliche Randgruppen als einziger Freundeskreis
2.2.2.1. Im Kreis von Zirkus-Artisten in Wenn die Nacht beginnt
2.2.2.2. Homosexuelle unter sich in Women love Women
3. Erscheinungsbild und Auftreten einer homosexuellen Frau
3.1. Die homosexuelle Frau in der westlichen Kultur
3.1.1. Vorstellungen und Vorurteile über homosexuelle Frauen
3.1.2. „Weiblichkeit und Männlichkeit“ – Forschungsansätze über geschlechtsspezifische Verhaltensweisen
3.1.3. Das KV/Femme-Phänomen
3.2. Die homosexuelle Frau im Spielfilm
3.2.1. „Kesse Väter und männlich betonte Frauen“
3.2.2. Definitionskriterien für die Femme fatale aus dem Film Noir
3.2.3. „Vampire und andere Femme fatales“
3.2.4. Das KV/Femme (fatale)-Phänomen
3.2.4.1. Das KV/Femme (fatale)-Phänomen in Die Büchse der Pandora
3.2.4.2. Das KV/Femme (fatale)-Phänomen in Bound – Gefesselt
3.2.4.3. Das KV/Femme (fatale)-Phänomen in Rossini – Oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief
3.2.4.4. Das KV/Femme (fatale)-Phänomen in The Girl
4. Beziehungsverhalten unter homosexuellen Frauen
4.1. Psychologische Sichtweisen von weiblicher Homosexualität
4.1.1. Das Streben von Frauen nach Symbiose
4.1.2. Studien über das Sexualleben von lesbischen Frauen
4.2. Die Inszenierung von homosexueller Liebe im Film
4.2.1. Der Mann als dominierender Konkurrent
4.2.1.1. Ein Mann als Trennungsgrund in Zwei Freundinnen
4.2.1.2. Bekehrung zur Heterosexualität in Basic Instinct
4.2.2. Bekennende Lesben im Film
4.2.2.1. Homosexuelle Frauen als Nebenfiguren
4.2.2.2. Endgültige Trennung eines lesbischen Paares
4.2.2.3. Radikaler Abbruch mit dem alten Leben
5. Homogene Inszenierungsmethoden als Folge einer defizitären Präsenz in der Öffentlichkeit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie weibliche Homosexualität im Spielfilm inszeniert wird und inwiefern diese Darstellung durch eine defizitäre öffentliche Präsenz sowie bestehende theoretische Lücken beeinflusst ist. Die zentrale Forschungsfrage hinterfragt, ob aufgrund fehlender oder widersprüchlicher Quellen homogene, stereotype Inszenierungsmethoden im Spielfilm entstehen.
- Historische Betrachtung des gesellschaftlichen Umgangs mit weiblicher Homosexualität.
- Analyse der stereotypen Darstellung homosexueller Frauen im Spielfilm (z.B. KV/Femme-Phänomen).
- Untersuchung des Beziehungsverhaltens von lesbischen Frauen und dessen filmische Umsetzung.
- Die Rolle des Mannes als Konkurrent in lesbischen Filmbeziehungen.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Desinteresse an Frauen(-Liebe) über Jahrtausende
Nachforschungen über vergangene Frauenbeziehungen haben ergeben, dass in den Geschichtsbüchern so gut wie nichts zu diesem Thema zu finden ist. Barbara Gissrau begründet den Mangel damit, dass diese Freundschaften den „meist männlichen Autoren (…) offenbar nicht erwähnenswert“4 waren. Der Begriff „Homo-Sexualität“ wurde erstmalig von Karl Maria Benkert im Jahr 1869 gebraucht,5 in dieser Arbeit soll er nun als gängige Beschreibung für den sexuellen Kontakt zwischen Frauen verwendet werden. Die Bezeichnung einer „Lesbierin“ oder einer „Lesbe“ findet ihren Ursprung bereits in der Antike. Ungefähr 600 vor Christus lebte die Dichterin Sappho auf der Insel Lesbos und in Anlehnung an ihre Gedichte, welche die Liebe zwischen Frauen thematisieren, wurden lange Zeit „‛Lesbische’ und ‛sapphische’ Liebe (…) synonym benutzt.“6 Sapphos eigene sexuelle Orientierung ist jedoch bis heute umstritten.7 Der aus dem Römischen stammende Begriff „Tribadie“, der bis heute noch gebraucht wird, wurde auch schon in der Antike verwendet.8
Die erste Frau, die nachweislich eine Tribade sein soll und auf der Insel Lesbos lebt, ist eine fiktive Figur aus dem 2. Jahrhundert vor Christus.9 In seinem Werk „Hetärengespräche“ (Έταιρικοì διάλογοι) schreibt der Sophist und Satiriker Lukian von Samosata „about a woman married to another woman.“10
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Unsichtbarkeit von weiblicher Homosexualität: Die Einleitung thematisiert die geringe wissenschaftliche und öffentliche Präsenz weiblicher Homosexualität und stellt die Hypothese auf, dass diese Lücke zu stereotyper filmischer Inszenierung führt.
2. Reaktionen der westlichen Gesellschaft auf weibliche Homosexualität: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss von der Antike bis in die Moderne, der aufzeigt, wie weibliche Homosexualität erst ignoriert, dann pathologisiert und schließlich in Randgruppen gedrängt wurde.
3. Erscheinungsbild und Auftreten einer homosexuellen Frau: Hier werden gängige Vorurteile und wissenschaftliche Ansätze zu Rollenbildern analysiert, insbesondere die Tendenz zur binären Aufteilung in maskuline und feminine Rollen.
4. Beziehungsverhalten unter homosexuellen Frauen: Das Kapitel untersucht psychologische Konzepte wie Symbiose und analysiert, wie diese in Filmbeispielen dargestellt werden, wobei der Mann häufig als destruktiver Konkurrent auftritt.
5. Homogene Inszenierungsmethoden als Folge einer defizitären Präsenz in der Öffentlichkeit: Das Fazit fasst zusammen, dass die filmische Homogenität direkt mit dem Mangel an fundierter Theorie und öffentlicher Sichtbarkeit korreliert.
Schlüsselwörter
Weibliche Homosexualität, Filmwissenschaft, Stereotype, Femme fatale, Inszenierungsmethoden, Lesbenbewegung, Geschlechterrollen, Pathologisierung, Weiblichkeit, Männlichkeit, Identitätsfindung, Symbiose, Film Noir, Diskriminierung, Unsichtbarkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die filmische Darstellung weiblicher Homosexualität und prüft, ob und wie stereotype Schemata genutzt werden, um das Fehlen von fundierten Informationen und historischer Sichtbarkeit auszugleichen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen historische Diskurse, die mediale Konstruktion von Geschlechtlichkeit, das Phänomen der Femme fatale im Film Noir sowie psychologische Konzepte symbiotischer Beziehungen unter lesbischen Frauen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Homogenität der Inszenierungsmethoden von weiblicher Homosexualität im Spielfilm als Konsequenz einer defizitären Präsenz in der realen Öffentlichkeit nachzuweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literatur- und filmwissenschaftliche Analyse, bei der historische Theorien und eine Vielzahl von Spielfilmbeispielen herangezogen werden, um wiederkehrende dramaturgische Strukturen aufzudecken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse gesellschaftlicher Reaktionen, die Untersuchung der medialen Typisierung (z. B. Butch/Femme-Rollen) und eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den Inszenierungsmethoden von Liebesbeziehungen im Film.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Weibliche Homosexualität, Stereotype, Inszenierungsmethoden, Film Noir, Geschlechterrollen und gesellschaftliche Randgruppen charakterisieren.
Welche Rolle spielt der "Mann als Konkurrent" in dieser Arbeit?
Die Arbeit zeigt auf, dass in nahezu allen analysierten Filmen ein Mann als Störfaktor oder Rivale in eine lesbische Liebesgeschichte integriert wird, um die heterosexuelle Ordnung zu bekräftigen.
Was besagt die These zum "radikalen Abbruch"?
Die Arbeit stellt fest, dass lesbische Paare am Ende eines Films oft nur dann ein Happy End erfahren oder zusammenbleiben dürfen, wenn sie einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben vollziehen oder ihr altes Umfeld verlassen.
- Citar trabajo
- Stefanie von Rossek (Autor), 2012, Femmes fatales und Kesse Väter: Über weibliche Homosexualität im Spielfilm, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198395