Die Selbst- und Fremdwahrnehmung des Aussehens und der Handlungen einer Person klaffen zuweilen weit auseinander. In Daniel Kehlmanns Roman "Ruhm" hat Blogger Mollwitz zum Beispiel eine völlig andere Sichtweise auf sich selbst als sein Abteilungsleiter. Dies zeigt sich hervorragend in den beiden aufeinanderfolgenden Geschichten "Ein Beitrag zur Debatte" und "Wie ich log und starb", welche aus den unterschiedlichen Perspektiven der beiden Figuren geschrieben sind. Für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe bietet die vergleichende Analyse dieser Wahrnehmungen die Chance, Perspektiven auch im eigenen Leben zu erkennen und daraus Betrachtungsweisen zu erschließen. Die vorliegende Unterrichtsstunde stellt ein Konzept zur Analyse markanter Textstellen in Gruppenarbeit vor, wobei die Schülerinnen und Schüler interssensabhängig mit Zitaten, Paraphrasen oder Verbildlichung arbeiten können. Alle Ergebnisse zusammen ergeben ein Gesamtbild, bei dem sich die Frage stellt, wodurch weit auseinander liegende Wahrnehmungen und Deutungen begründet sein könnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Analyse der Lernbedingungen
1.1 Allgemeine Beobachtungen und überfachliche Kompetenzen
1.2 Lernausgangslage in Bezug auf Lesekompetenz
1.3 Lernstand
2. Sachanalyse
3. Didaktische Überlegungen
3.1 Didaktische Begründung der Reihe
3.2 Didaktische Begründung der Stunde
4. Überlegungen zu Methoden und Medien
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, anhand von Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zur Analyse von Literatur zu stärken. Zentral ist dabei die Untersuchung, inwieweit Selbst- und Fremdwahrnehmung des Protagonisten Mollwitz in Bezug auf seine äußere Erscheinung und sein Wirken auseinanderklaffen.
- Analyse der Divergenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.
- Vertiefung der literarischen Analysekompetenz anhand von ausgewählten Kurzgeschichten.
- Reflexion über Identitätskonstruktionen im Kontext moderner Kommunikation.
- Anwendung des Johari-Fensters zur Visualisierung von Persönlichkeitsanteilen.
Auszug aus dem Buch
2. Sachanalyse
Bei den ausgewählten Textstellen handelt es sich um zwei Geschichten aus Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“. Die Kurzgeschichten „Ein Beitrag zur Debatte“ und „Wie ich log und starb“ handeln von einem Angestellten (Mollwitz) und einem Abteilungsleiter (Name wird nicht genannt) einer Kommunikationsfirma. In beiden Geschichten ist die Selbst- bzw. Fremdwahrnehmung des Mitarbeiters Mollwitz ein zentrales Element. Mollwitz, dessen Geschichte von ihm als Ich-Erzähler in rudimentärer Sprache mit vielen Anglizismen und Ellipsen, gespickt mit Internetsprache und Wortneuschöpfungen dargelegt wird, stellt seine Leistungen und Handlungen als begründet, nachvollziehbar und logisch dar, flüchtet dabei immer weiter aus der Realität in eine Scheinwelt: Dass er Menschen im Internet beleidigt, habe z.B. den Grund, dass er „Reason reinbr[inge]“ (S. 137 Z. 18), gibt er an. Seine Strategien, die er sich zum Verbergen seiner Faulheit angeeignet hat, stellt er als besondere Schlauheit dar. (Er verbringt z.B. einen großen Teil der Arbeitszeit im Internet, kann allerdings ganz schnell die Bildschirme wechseln S. 135 Z. 3).
Auch seine Verehrung der allgemeinen Lebensweisheiten des Schriftstellers Miguel Auristos Blancos „große Thoughts erkenn ich, wenn ich sie sehe“ S. 140 – Z.12) zeugt von seiner einfachen Denkweise. Immer weiter flieht Mollwitz in die Virtualität des Internets und der Literatur, im wahren Leben macht er Notizen für Foren, erkennt Grenzen der Mitmenschen nicht, interpretiert das ablehnende Verhalten anderer nicht als Hinweis sondern nur als Selbstoffenbarung. Fortwährend überschreitet er die persönlichen Grenzen seiner Mitmenschen. Zuletzt bricht er sogar in ein Hotelzimmer ein, das er verwüstet. Sein Ziel ist es, in eine Geschichte zu kommen, dadurch Ruhm zu erlangen und mit seiner Traumfrau, der fiktiven Lara Gaspard in Kontakt zu kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Analyse der Lernbedingungen: Darstellung der Ausgangslage des Kurses hinsichtlich fachlicher Kompetenzen, Motivation und persönlicher Voraussetzungen der Lernenden.
2. Sachanalyse: Untersuchung der Kurzgeschichten „Ein Beitrag zur Debatte“ und „Wie ich log und starb“ unter Fokus auf die Wahrnehmungsproblematik des Charakters Mollwitz.
3. Didaktische Überlegungen: Darlegung der fachlichen Begründung für die Themenwahl und die unterrichtliche Einbettung der Romananalyse im Kontext der E-Phase.
4. Überlegungen zu Methoden und Medien: Reflexion über den Einsatz von Gruppenarbeit, Visualisierungstechniken wie dem Johari-Fenster und der Zielsetzung eigenverantwortlichen Handelns.
Schlüsselwörter
Daniel Kehlmann, Ruhm, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Identität, Literaturanalyse, E-Phase, Johari-Fenster, Digitale Kommunikation, Sprachanalyse, Medienkompetenz, Deutschunterricht, Identitätskonstruktion, Textverständnis, Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die didaktische Planung und Vorbereitung einer Examenslehrprobe im Fach Deutsch zur Analyse des Romans „Ruhm“ von Daniel Kehlmann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Unterrichtsreihe?
Die Schwerpunkte liegen auf Identitätsfragen, dem Spannungsfeld zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie der Rolle moderner Kommunikationstechnologien.
Was ist das primäre Ziel der Examensstunde?
Die Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, dass die Selbstwahrnehmung des Charakters Mollwitz in krassem Widerspruch zur Fremdwahrnehmung durch sein Umfeld steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es werden literaturwissenschaftliche Analyseansätze mit sozialpsychologischen Modellen, wie dem Johari-Fenster, kombiniert, um Persönlichkeitsanteile der Romanfiguren zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Sachanalyse der ausgewählten Textstellen sowie eine didaktische Herleitung der geplanten Unterrichtsstunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Wesentliche Begriffe sind Selbstwahrnehmung, Identität, Literaturanalyse, Medienkompetenz und die didaktische Reduktion im Deutschunterricht.
Warum ist die Analyse von Mollwitz für die Schüler relevant?
Mollwitz fungiert als Spiegel für Identitätsprobleme in einer digitalisierten Welt, was den Schülern ermöglicht, eigene Lebensweltbezüge kritisch zu reflektieren.
Wie wird das Johari-Fenster im Unterricht genutzt?
Es dient als Visualisierungshilfe, um den Schülern die Diskrepanz zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und dem „blinden Fleck“ der eigenen Wahrnehmung zu verdeutlichen.
- Citation du texte
- Mareike Hachemer (Auteur), 2011, Selbst- und Fremdwahrnehmung erkennen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198637