Müller/Steiners „Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“

Unter dem Aspekt der Adressatenorientierung und dem Spannungsverhältnis von Bild- und Textebene


Hausarbeit, 2011

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

0. Einführung in die Besonderheiten des vorliegenden Bilderbuches

1. Intertextualität
1.1. Kurzcharakterisierungen der zugrunde liegenden Werke
1.1.1. Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten
1.1.2. Orwell: Farm der Tiere
1.2. Einordnung der Adaption

2. Handlungsrelevante Unterschiede zum Grimm Märchen

3. Binnenkonflikt

4. Autorenintention

5. Fazit

Quellenverzeichnis:

0. Einführung in die Besonderheiten des vorliegenden Bilderbuches

„Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“ ist ein Bilderbuch des Schweizer Autors Jörg Steiner und seinem langjährigen Arbeitspartner Jörg Müller. 1989 erschienen, erhielt es im Folgejahr den deutschen Jugendbuchpreis. Das Werk stellt zunächst eine Adaption dar, ist aber auf den zweiten Blick eine ganz eigene Geschichte und vor allem ein gesellschaftskritisches Werk.

Besonders auffällig ist die Ernsthaftigkeit, welche für ein Bilderbuch und somit ein an Kinder adressiertes Werk, eine Besonderheit darstellt. Ob und in wieweit Kinder diese Ernsthaftigkeit erfassen können, soll in dieser Arbeit zu umreißen versucht werden.

Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Verbindung der Text- und Bildebene, da diese im Bilderbuchgenre ebenfalls eine Besonderheit darstellt. Die beiden Autoren arbeiten bereits seit 1974 zusammen und sind in der Geschichte des Bilderbuches eine einmalige Arbeitsgemeinschaft. Dadurch, dass die Bilderbücher dieses Duetts nicht wie üblich nach dem Schreibprozess illustriert werden, sondern das Ergebnis eines langen, wechselseitigen Prozesses sind, verschiebt sich die Hierarchie der Ebenen innerhalb der Geschichte immer wieder. Mal steht der Text im Vordergrund und wird vom Bild gestärkt, dann wiederum ist das Bild so auffällig, dass der Text fast unscheinbar wirkt. Immer jedoch, kann man Verbindungen zwischen beiden finden und deuten.

Im Folgenden soll zunächst die Adaption in den Blick genommen werden, weshalb die adaptierten Titel kurz charakterisiert werden. Anschließend soll das Werk in den Kontext gebracht und die handlungsrelevanten Unterschiede herausgestellt werden. Einschätzung zur Beantwortung gegeben werden.

Der nachfolgende und größte Teil dieser Ausarbeitung befasst sich dann mit dem Binnenkonflikt von Text und Bild und erörtert dabei die literarischen und bildnerischen Finessen des Bilderbuches. Um die Frage, ob „Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“ wirklich ein Kinderbuch ist, beantworten zu können, soll dann rückblickend die Autorenintention herausgearbeitet und anschließend eine Einschätzung zur Beantwortung gegeben werden.

1. Intertextualität

1.1. Kurzcharakterisierungen der zugrunde liegenden Werke

1.1.1. Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten

Die Bremer Stadtmusikanten stammen aus den bekannten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Innerhalb dieser Märchensammlung lassen sich die Erzählungen in Unterkategorien wie Zauber-, Tier-, Novellen-, oder Schwankmärchen einteilen, wobei die Stadtmusikanten zu Letzterem gezählt werden können. Charakteristisch für das Schwankmärchen sind die Klugheit und der Mut des Helden. Im Gegensatz zum Zaubermärchen benötigt der Held hier jedoch keine Wunder um zu seinem Ziel zu gelangen, denn die Hürden auf dem Weg meistert er stets selbst. In gewisser Weise parodieren die Schwankmärchen also sogar die Zaubermärchen. Trotzdem bewahren auch die Schwankmärchen die Grundzüge eines jeden Märchens:

Sie sind bildhafte Prosaerzählungen, die Ausgangslage der Geschichte ist durch eine Not gekennzeichnet, die Handlung verläuft stark chronologisch nach den Taten des Helden/ der Heldin, die Figuren sind stets stereotyp und das Ende ist immer ein Gutes, denn Märchen sind Hoffnungs- oder Wunscherfüllungsgeschichten, so dass zusammenfassend gesagt werden kann, das Weltbild im Märchen ist von Optimismus geprägt. (vgl. Märchengesellschaft, 27.02.2011: Reiter „Märchen“)

1.1.2. Orwell: Farm der Tiere

Das gesellschaftskritische Werk „Farm der Tiere“ von 1945 zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass es auf den ersten Blick ein Märchen wie im Stil der Brüder Grimm darstellt. Sowohl der Untertitel „Ein Märchen“ als auch viele Einbandgrafiken des Werks lassen die Vermutung zu, es handele sich um ein Tier- oder Schwankmärchen. Die „Farm der Tiere“ ist jedoch genau das nicht. Das Werk ist vielmehr genau das Gegenteil eines Märchens, denn es kann als gesellschaftskritische Parabel verstanden werden.

Inhaltlich ist der Roman oft als Kritik an der Geschichte der Sowjetunion gedeutet worden. Der Aufstand der Tiere gegen ihren ausbeutenden menschlichen Besitzer scheint zunächst eine positive Geschichte über die Revolution zur Freiheit zu sein, entpuppt sich jedoch als eine sich entwickelnde Diktatur der Tiere, welche um ein Vieles schlimmer ist, als der Ausgangszustand, gegen den sie rebellieren wollten. Insgesamt ist „Farm der Tiere“ also ein sehr kritisches Werk und im Vergleich zum Märchen von einem eher realistisch bis pessimistisch geprägten Weltbild bestimmt.

1.2. Einordnung der Adaption

„Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“ lautet der Titel des 1989 veröffentlichten Bilderbuches von Jörg Müller und Jörg Steiner, welche dafür 1990 mit dem deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurden. Schon anhand des Titels lässt sich die Thematik leicht erschließen. Angelehnt ist das Werk offensichtlich an das zuvor thematisierte und bekannte Märchen der Brüder Grimm und an George Orwells Klassiker „Farm der Tiere“. Schon der Bezug zu zwei Werken, welche so unterschiedlich zielgerichtete Handlungsstränge verfolgen, lässt erahnen, dass dieses Bilderbuch relativ komplex gestaltet ist. Während das Schwankmärchen der Grimms einen guten Ausgang und somit eine positive Moral eröffnet, ist „Farm der Tiere“ ein gesellschaftskritisches Werk. Die Intertextualität dieser beiden Vorlagen ist dabei in der Adaption unterschiedlich stark markiert.

Der Bezug zum Grimmschen Märchen ist offensichtlich. Die starke Adaption lässt den Leser aber oft vergessen, dass das Bilderbuch eben eine Adaption zweier Klassiker darstellt. Neben der, fast wortwörtlichen, Übernahme des Titels, stellen Müller und Steiner zu Beginn der Geschichte klar heraus, dass die Handlung dem Schwankmärchen von 1857 folgen wird. Die Eule als Protagonistin des Werkes, weist exakt auf den kommenden Handlungsverlauf hin, indem sie eine Quellenangabe macht. So erfährt der Leser hier, dass sie beschlossen habe fortzulaufen wie in einem Märchen der Brüder Grimm, nachzulesen in „Grimms Märchen, Seite 128, Die Bremer Stadtmusikanten“. (Müller/Steiner, 1989: 3)

Über den Verlauf der Geschichte wird die Anlehnung an den zweiten Titel fast vergessen, da die Orientierung am Grimm Märchen kaum eine handlungsrelevante Abweichung enthält. Und sollte der Leser tatsächlich einmal vergessen, dass es sich um eine Adaption der Bremer Stadtmusikanten handelt, so wird er von Jörg Steiner prompt wieder darauf hingewiesen. Die Protagonisten der Geschichte befragen nämlich in regelmäßigen Abständen das Grimmsche Märchenbuch, um in ihrem Abenteuer stets den richtigen Weg zu wählen. Erst gegen Ende der Erzählung schlägt die Handlung eine Wende ein, welche nicht parallel zum Grimm Märchen vollzogen wird. Der Plan der vier Tiere, wie ihre Vorbilder die Freiheit zu erlangen geht schief, so dass die Tiere sich mit dem genauen Gegenteil zufrieden geben. Sie lassen sich vom Fernsehen anheuern und stärker vermarkten, als sie es zu Beginn ihres Aufstandes je waren. Dieser Ausgang der Geschichte erinnert dann stark an Orwells „Farm der Tiere“. Rückblickend lassen sich auch zu Beginn der erzählten Geschichte Parallelen zu Orwells Werk feststellen, jedoch wird der Fokus dort noch so plakativ auf das Grimm Märchen gelegt, dass die subtileren Anlehnungen leicht übersehen werden. Erst wenn die Handlungsverläufe von Märchen und Adaption schon weit auseinander gelaufen sind, erinnern uns die Autoren an den Titel des Bilderbuchs „Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“.

Insgesamt kann man durchaus sagen, dass das Werk, wie der Titel verspricht, eine Adaption beider Werke darstellt, welche in ihrer Markierung unterschiedlich stark deutlich werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Müller/Steiners „Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“
Untertitel
Unter dem Aspekt der Adressatenorientierung und dem Spannungsverhältnis von Bild- und Textebene
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Kinder- und Jugendliterarische Klassiker und ihre Adaptionen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V198975
ISBN (eBook)
9783656257882
ISBN (Buch)
9783656259473
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtmusikanten, Müller/Steiner, Airbrush, Kinderliteratur, Kinderliteraturpreis, Bilderbuch, Adaption, Märchen
Arbeit zitieren
Luzie Haase (Autor:in), 2011, Müller/Steiners „Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198975

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Müller/Steiners „Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden