Das Ich von David Hume zu Immanuel Kant

Philosophische Grundlagen der Psychologie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Von Religion und Metaphysik zu Psychologie oder: von Gott und der Welt zum Ich

2. Die Bedeutung des Ich bei David Hume
2.1. Methodischer Ansatz
2.2. Argumentation anhand Geist, Wahrnehmen, Denken und Erkenntnis
2.3. Beschreibung des Ich
2.3.1. Persönliche Identität
2.3.2. Bewusstsein
2.4. Verwendung des Ich

3. Die Bedeutung des Ich bei Immanuel Kant
3.1. Methodischer Ansatz
3.2. Beschreibung des Ich
3.2.1 Vereinigendes Prinzip des Denkens
3.2.2 Von Bewusstsein zu Selbstbewusstsein
3.3. Verwendung des Ich

4. Vergleich und Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Von Religion und Metaphysik zu Psychologie oder: von Gott und der Welt zum Ich

Der Weg zur Entstehung einer Wissenschaft der „Psyche“ ist gleichsam ein Weg der Selbstermächtigung über das eigene Denken. Und mit dem Denken veränderte sich notwendigerweise auch das Ich, das die Gedanken formuliert. Zumindest beginnt der Weg damit, das menschliche Denken selbst statt religiöser oder metaphysischer 'Gewissheiten' zum Gegenstand des Denkens zu machen. Im Grunde tat dies zwar bereits René Descartes im 17. Jahrhundert, doch bevor sich im 20. Jahrhundert eine psychologische Wissenschaft etablierte, waren ihre Fragestellungen vor allem Gegenstand der Seelenlehre. David Hume betrat diesen Weg im 18. Jahrhundert, indem er eine systematische Untersuchung des Denkens begann. Hierfür wählte er in seinem Hauptwerk A Treatise of Human Nature (1740) einen radikal empirischen Ansatz zur Betrachtung der menschlichen Natur, der von aller Gewissheit über die Wirklichkeit Abstand nimmt, womit er allerdings erst posthum größere Beachtung fand. Auch wenn sich Immanuel Kant kaum explizit auf David Hume bezieht und in seiner methodischen Anwendung des Verstandes grundlegend von ihm unterscheidet, so dankte er ihm immerhin dafür, aus seinem „dogmatischen Schlummer“ gerissen worden zu sein und widmete sich nun ebenfalls dem menschlichen Denken, forderte gar dessen gesellschaftlich garantierte Freiheit als notwendige Grundlage für die Existenz von Vernunft. Nicht zuletzt die kategorischen Imperative fordern die Menschen zu Mündigkeit und selbständigem Denken auf, ebenso erhebt Kant die volle Entwicklung der eigenen Fähigkeiten zur Pflicht eines jeden Menschen. Nicht wenige sehen in dieser fortschreitenden Selbstermächtigung über das eigene Denken die Grundlage der Aufklärung. Was änderte sich dabei im Selbstverständnis, wie wurde das „Ich“ formuliert und verstanden, das all dies ausfüllen und einfordern sollte? Wie wurde es der Metaphysik und der Religion entrissen? Wie konnte man es verwenden? Was konnte es leisten? Welche Freiheit und welche Begrenzung erlangt es? Eine zentrale Rolle wird bei beiden Philosophen das Bewusstsein einnehmen, über das Thomas Metzinger (1995, S. 18) sagt: „Das Problem des Bewusstseins bildet heute – vielleicht zusammen mit der Frage nach der Entstehung unseres Universums – die äußerste Grenze des menschlichen Strebens nach Erkenntnis.“ Da bei der Frage nach menschlicher Erkenntnis der Erkennende eine zentrale Rolle einnimmt und sich das dazu gewählte Ich aus den jeweiligen Konzepten des Denkens ergibt, werden wir nicht umhin kommen, zunächst jeweils auf Humes und Kants methodische Ansätze und inhaltliche Argumentationen einzugehen, die wir im Rahmen dieser Arbeit aber nur auf das Ich und nahestehende Begriffe hin grob skizzieren können. Darüber hinaus wollen wir so weit möglich versuchen, über die von Hume und Kant gelieferten Beschreibungen hinaus einen Blick auf ihre eigene Verwendung des Ich zu werfen.

2. Die Bedeutung des Ich bei David Hume

Um das Ich in Humes Denken verfolgen zu können, wollen wir es zunächst in Bezug setzen zu Humes methodischem Ansatz und einigen Inhalten seiner Theorie über die menschliche Natur, die wir im Abschnitt Argumentation anhand Geist, Wahrnehmen, Denken und Erkenntnis entlang einiger zentraler Begriffe grob skizzieren. Daraufhin wollen wir die Suche nach der Bedeutung des Ich bei David Hume fortführen. Was hat es zum Beispiel mit den Gedanken, Gefühlen und Willensregungen auf sich, die Hume die „inneren Perzeptionen“ nennt? Wie kommt das allgemeinsprachliche Ich zustande und inwiefern kann man laut Hume wirklich von „ ich denke / will / fühle“ sprechen? Auf diese Frage gehen wir in den zwei Abschnitten Persönliche Identität und Bewusstsein ein. Abschließend wollen wir über die Beschreibung hinaus im Abschnitt Verwendung des Ich der Frage nachgehen, welche Freiheit und welche Begrenzung der Artikulierende darin erfährt.

2.1. Methodischer Ansatz

In einer Zeit, in der sich der Mensch der bis dahin mystischen Natur geistig gegenüber zu stellen wagte und ihr „Naturgesetze“ gab, fragte David Hume nach einer Methode zur Untersuchung der menschlichen Natur. Ganz unbescheiden verglich er sich mit einem Newton der menschlichen Natur und beabsichtigte nicht weniger, als diese Untersuchung zur Grundlage aller Wissenschaft zu machen[1] ;[2]. Hume forderte auch für die Wissenschaft der menschlichen Natur, sich auf beobachtbare und interindividuell vergleichbare Inhalte zu stützen. Im Gegensatz zu früheren Rationalisten wie Descartes, Spinoza und Leibniz, die Erkenntnis unabhängig von den anzweifelbaren Sinneseindrücken suchten, führte David Hume den Sensualismus von John Locke fort, der wiederum alles für Täuschung und wertlose Spekulation hielt, was über sinnliche Erfahrung hinaus gehe und daher nicht überprüfbar sei. David Hume bestreitet nicht, dass es vieles dieser radikalen Empirie Unzugängliches gebe und verweist vielerorts auf deren Begrenztheit, zum Beispiel bei Gegenständen der Naturwissenschaften oder einer zu entwickelnden Psychologie (vgl. S. 18, Teil I, zweiter Abschnitt). Analog zu den seinerzeit florierenden Naturwissenschaften macht Hume die menschliche Natur zum Untersuchungsgegenstand, um anhand der beobachtbaren und vergleichbaren Inhalte des Denkens die Gesetze der menschlichen Natur zu finden. Ebenso fließen zeitgenössische anatomische und medizinische Befunde ein. Jenseits dieser Methode möchte er sich von nicht belegbaren Spekulationen, derer er seine wissenschaftlichen Vorgänger anklagt, fern halten. Hume sieht großen Nutzen für Inner- und Zwischenmenschliches, sowie innerhalb der Wissenschaften darin, zunächst die eigene Wahrnehmung, ihr Zustandekommen und ihre Ausprägung sehr genau zu erforschen, anstatt im Sinne eines „common sense“ vorschnell davon auszugehen, dass die Dinge so sind, wie sie jedem jeweils scheinen, oder mit metaphysischen Theorien zu beginnen.

2.2. Argumentation anhand Geist, Wahrnehmen, Denken und Erkenntnis

Geist

Hume konzipiert den menschlichen Geist als das Wahrnehmen einander folgender und aufeinander bezogener Perzeptionen[3], Denken als das Auffinden und Herstellen von Relationen zwischen ihnen[4]. Perzeptionen sind dabei der Überbegriff für direkte Eindrücke (impressions) und Vorstellungen (ideas), die die unmittelbar verfügbaren Bewusstseinsinhalte darstellen. Die äußeren und inneren Eindrücke von Reizen, sowie Gedanken, Willens- und Gefühlsregungen werden als Vorstellungen repräsentiert, wobei die einfachen Eindrücke und Vorstellungen sich jeweils qualitativ gleichen[5] und lediglich in ihrer Lebhaftigkeit unterscheiden[6].

Wahrnehmen

Durch die Einbildungskraft werden die Perzeptionen anhand von Assoziationsgesetzen (namentlich sieben beschriebene Relationen[7] ) miteinander verknüpft. So werden zum Beispiel Oberfläche, Ausdehnung und Farbe zu einer Vorstellung eines namentlich benennbaren Objektes verbunden. Dieser Verknüpfungsprozess folgt einer natürlichen „sanften Macht“ (S. 21) und geschieht intuitiv durch Gewohnheit: „Die Gewohnheit tritt in Tätigkeit, ehe wir Zeit zum Nachdenken haben“ (S. 142). Als Beispiel: Mehrere Gegenstände, die durch Relationen wie z.B. Ähnlichkeit auf einander beziehbar sind, werden mit dem selben Begriff bezeichnet. Hört man den Begriff, erweckt dieser nicht sämtliche mögliche Vorstellungen von Gegenständen, die mit diesem Begriff verbunden sind, sondern eine bestimmte Vorstellung bzw. eine gewohnheitsmäßige Tendenz des Vorstellens. „Die Einzeldinge sind nicht wirklich und tatsächlich dem Geiste gegenwärtig, sondern nur potentiell; […] Das Wort ruft eine Vorstellung hervor, und mit ihr zugleich eine gewisse gewohnheitsmäßige Tendenz des Vorstellens“ (S. 34). Aus dieser Tendenz folgen weitere Einzelvorstellungen auf einander und werden ebenfalls durch die Einbildungskraft verbunden. Die im „common sense“ als selbstverständlich wahrgenommenen Sichtweisen wie beispielsweise Kausalität oder Identität entlarvt Hume so letztlich als Behauptungen aus Gewohnheit und spricht ihnen somit den Status von den Gegenständen innewohnenden Eigenschaften oder gar eigenständigen Entitäten ab. Im Abschnitt Persönliche Identität werden wir darauf genauer eingehen.

Verbinden von Wahrnehmungen

Um Perzeptionen mit einander zu verbinden, müssen sie notwendigerweise in Beziehung zu einander gebracht werden. Das Verbinden geschieht wie bereits erwähnt in der Einbildungskraft und stellt die Beziehungen unserem Denken zur Verfügung, so dass wir Eindrücke und Vorstellungen auch willkürlich weiter auf einander beziehen können. Diese Willkürlichkeit ist aber nur eine scheinbare, denn sie folgt den Regeln, die Einbildungskraft und Gewohnheit unseren Perzeptionen einschreiben. Insofern ist dem Menschen sowohl ein urteilendes Denken und ein freier Wille anhand der Relationen der Einbildungskraft möglich, als er auch durch diese determiniert ist.

Erkenntnis

Im Bewusstsein, dass in seinem radikal empirischen Ansatz keine absolute Erkenntnis möglich ist, spricht Hume auch von Wahrscheinlichkeitserkenntnis, und auch diese existiert nur im Subjektiven, das sich auf Empfinden statt Erkenntnis berufen kann: „So ist alle Wahrscheinlichkeitserkenntnis nichts als eine Art von subjektiver Empfindung“ (S. 141). Ob die menschlichen Wahrnehmungen dabei richtig oder falsch sind bzw. ob sie die Welt richtig oder falsch für uns darstellen, ist unerheblich für die Schlussfolgerungen, die wir aus ihrem Zusammenhang ziehen, solange sie individuell ein einigermaßen konsistentes Bild der Welt ergeben. (vgl. S. 113)

[...]


[1] Alle Angaben, in denen nur eine Seitenzahl genannt wird, beziehen sich auf Hume, 1989. Alle Angaben, in denen sowohl eine Seitenzahl als auch eine mit A oder B versehe Zahl genannt sind, beziehen sich auf Kant, 1974.

[2] S. 6: „Ich behaupte, es gibt einerseits keine Frage von Belang, deren Antwort nicht in der Wissenschaft über den Menschen enthalten sein dürfte. Andererseits dürfte keine Frage zutreffend beantwortet werden können, bevor diese Wissenschaft nicht bekannt ist. Wenn ich also vorhabe, die Grundlagen der menschlichen Natur offen zu legen, habe ich vor ein komplettes wissenschaftliches Gebäude zu entwerfen, das auf einer fast völlig neuen Basis steht. Die einzige, wie ich annehme, von der aus einigermaßen gesichert geforscht werden kann.“

[3] S. 327: „So kann ich wagen von allen übrigen Menschen zu behaupten, daß sie nichts sind als ein Bündel oder ein Zusammen verschiedener Perzeptionen, die einander mit unbegreiflicher Schnelligkeit folgen und beständig in Fluss und Bewegung sind. … Die einander folgenden Perzeptionen sind allein das, was den Geist ausmacht.“

[4] S. 99: „Alle Arten von Denkvorgängen bestehen lediglich in einer Aufeinanderbeziehung von Vorstellungen und einem Auffinden der entweder veränderlichen oder unveränderlichen Relationen in denen zwei oder mehr Gegenstände zu einander stehen.“

[5] S. 13: „Hier begnügen wir uns damit, den einen allgemeinen Satz festzustellen, daß alle unsere einfachen Vorstellungen bei ihrem ersten Auftreten aus einfachen Eindrücken stammen, welche ihnen entsprechen und diese genau wiedergeben.“

[6] S. 11: „Der erste Umstand der mir hier auffällt, ist die große Ähnlichkeit, die zwischen unseren Eindrücken und unseren Vorstellungen in jedem Punkte außer hinsichtlich des Grades ihrer Stärke und Lebhaftigkeit besteht. Die einen erscheinen in gewisser Art als ein Widerschein der anderen, so daß alle Perzeptionen des menschlichen Geistes doppelt vorhanden sind, d.h. sowohl als Eindrücke wie als Vorstellungen auftreten.“

[7] S. 25 ff. : Ähnlichkeit, Identität, Kontiguität in Raum und Zeit, Quantität, Grade der Eigenschaft, Widerstreit, Ursache und Wirkung

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Details

Titel
Das Ich von David Hume zu Immanuel Kant
Untertitel
Philosophische Grundlagen der Psychologie
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie und Psychologie
Note
1,3
Autoren
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V199445
ISBN (eBook)
9783656256496
ISBN (Buch)
9783656257202
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
-
Schlagworte
Philosophie, Psychologie, Ich, Identität, Bewusstsein, Empirik, Logik, Hume, Kant, Verstand, Vernunft, Denken
Arbeit zitieren
Wanja von der Felsen (Autor)Jasmin Frank (Autor), 2012, Das Ich von David Hume zu Immanuel Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199445

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