Sprachbewusstsein, Sprachbewusstheit, Sprachaufmerksamkeit

Der Versuch einer terminologischen Abgrenzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
15 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachbewusstsein und Sprachbewusstheit
2.1 Terminologie von Sprachbewusstheit
2.2 Terminologie von Sprachbewusstsein
2.3 Language awarness

3 Sprachaufmerksamkeit
3.1 Aufmerksamkeit
3.2 Terminologie von Sprachaufmerksamkeit

4 Sprachreflexion
4.1 Begriff der Reflexion
4.2 Der Reflexionsbegriff bezogen auf Sprache
4.3 Formen der Sprachreflexion

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Oftmals wird Sprache nur als ein abstraktes Zeichensystem, das es in logisch-analytischer Weise zu verstehen gilt, gesehen. Sprache ist jedoch mehr als eine kommunikative Handlung zwischen Menschen. Sprache denken, Sprache schreiben, Sprache sprechen. Sprache ist seit langer Zeit in vieler Hinsicht Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung und versucht von dort aus, aus vielen verschiedenen Standpunkten und Ansichten verstanden zu werden. Die Vielfalt dieser Betrachtungsweisen, die zur Annäherung dienen könnten, scheint schier unerschöpflich. Sprachphilosophie, Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik sind hierbei einige wichtige Begriffe.

Gerade aus der Möglichkeit sich der abstrakten Thematik aus vielen verschiedenen Richtungen zu nähern, resultieren eine Vielzahl an Begrifflichkeiten, die als Grundlage für die folgende Arbeit dienen sollen bzw. auch eine Abgrenzung möglich machen könnten.

Vor allem anderen ist hierbei die Sprachdidaktik und die empirische Erforschung des Spracherwerbs zu nennen, da hier in den letzten Jahren eine große Menge an Termini und Konzeptionen Einzug gehalten haben.

Die Deutschdidaktik prägt die Begriffe Sprachbewusstheit und Sprachbewusstsein „ ein Leitbegriff […], der alle Arbeitsbereiche durchzieht“[1]. Die wissenschaftlichen Konzeptionen um diese beiden Begriffe sollen der Forschung Erkenntnisse darüber geben, was die Voraussetzungen sind, um Sprache bewusst denken und anwenden zu können.

Der zweite Abschnitt dieser Ausführung wird sich genau diesen beiden Begriffen widmen. Die Zusammenfassung in ein Kapitel erscheint passend, da sich die beiden Begriffe in ihrem Wortlaut sehr ähnlich sind, was während des Diskurses oftmals zu Verwirrung führt. Für jeden Begriff werden Autoren und Autorinnen mit ähnlichen Sichtweisen zusammengengefasst um eine klare Bedeutung der Termini zu schaffen, andererseits aber die Begriffe scharf voneinander abzutrennen.

Im dritten Kapitel werden die Bedingungen für das Denken, Sprechen und Schreiben von Sprache in den Mittelpunkt rücken und somit der Begriff Sprachaufmerksamkeit aufgegriffen.

Kapitel vier behandelt zum Schluss die Sprachreflexion. Dieser Terminus findet in der Sprachdidaktik neben dem des Sprachbewusstseins Platz.

Anwendungsmöglichkeiten werden notfalls nur am Rande erwähnt, da diese Ausführung eine rein terminologische Abgrenzung der vier verschiedenen Begrifflichkeiten darstellen soll. Trotz des Versuches einer formalen Trennung, wird an bestimmten Punkten der Bearbeitung eine Zusammenführung der Begrifflichkeiten angestrebt.

2 Sprachbewusstsein und Sprachbewusstheit

In der sprachdidaktischen Diskussion unterscheiden viele verschiedene Autoren und Autorinnen zwischen Sprachbewusstheit und Sprachbewusstsein. Seit Anfang der siebziger Jahre stellen die beiden Bestimmungen ein eigenes Forschungsgebiet dar. Seit mehreren Jahrzehnten Forschung besteht heute noch immer eine konzeptionelle und terminologische Vielförmig- und Unstimmigkeit.[2]

Im folgenden Abschnitt sollen die wichtigsten Ergebnisse zu den Konzeptionen zusammengetragen werden.

2.1 Terminologie von Sprachbewusstheit

Zur Klärung des Begriffs sollen wegen der „große[n] begrifflich[en] und terminologisch[en] Heterogenität“[3] des Gegenstandes mehrere Autoren mit ähnlichen Sichtweisen zur Eingrenzung der Bedeutung von Sprachbewusstheit herangezogen werden.

Zunächst kann Sprachbewusstheit im Allgemeinen „ als konkrete metasprachliche Handlung“[4] beschrieben werden. Unter einer metasprachlichen Handlung fasst man alle konkreten sprachlichen Handlungen zusammen, die Sprache selbst als Gegenstand haben. Der Satz :“ Herr Mustermann ist Maler“ ist rein objektsprachlich. Es steht die inhaltliche Orientierung des Lesers im Vordergrund. Das heißt also, dass die Inhaltsseite des Satzes den Fokus einnimmt. Betrachtet man diesen Satz jedoch metasprachlich, ergeben sich Aussagen wie zum Beispiel:“ Der Satz, Herr Mustermann ist Maler ist ein Aussagesatz mit Prädikatsnomen“. Das sprachliche Phänomen als solches steht im Mittelpunkt. Diese Äußerung kann in Bezug auf ihre kommunikative Funktion und ihren Inhalt als metasprachlich eingestuft werden. Denn laut Andresen/Funke ist Sprachbewusstheit dann erreicht, wenn sich der Sprachbetrachter aus der inhaltlichen Orientierung lösen kann und sich dem sprachlichen Aspekt widmet.

„Als Sprachbewusstheit wird die Bereitschaft und Fähigkeit bezeichnet, sich aus der mit dem Sprachgebrauch in der Regel verbundenen inhaltlichen Sichtweise zu lösen und die Aufmerksamkeit auf die sprachliche Erscheinung als solche zu richten.“ (Andresen/Funke 2006, 439)

In diesem Zusammenhang unterstreichen Andresen und Funke besonders deutlich, dass es vor allem Kindern schwer fäll,t sich von der inhaltlichen Seite loszulösen. Zur Veranschaulichung dieser Problematik soll folgendes Beispiel dienen:

Auf die Frage, woher denn die Wortform „fällt“ komme, antwortet ein Zweitklässler „ Wenn man zu schnell läuft“[5] Andresen differenziert in ihrer Veröffentlichung „Schriftspracherwerb und die Entstehung von Sprachbewußtheit“ (1985) sprachliche Bewusstheit noch weiter. Der Begriff der Bewusstwerdung von Sprache wird aufgegriffen und in eigentliche und aktuelle Bewusstwerdung unterteilt. Hier wird der Bezug zum Entwicklungspsychologen Wygotski deutlich. Bewusstwerdung meint hierbei in Analogie zu der obigen Ausführung, einen Prozess bei dem Sprache gezielt und willentlich bewusst wird. Wygotski beschreibt diesen Prozess als „Bewußtseinsakt, dessen Gegenstand die Bewußtseinstätigkeit selbst ist“[6]. Somit ist die eigene Bewusstseinstätigkeit steuerbar. Sprache kann gezielt Inhalt der eigenen Aufmerksamkeit werden. Bewusstwerdung, respektive sprachliche Bewusstheit, setzt bei Wygotski voraus, dass „Sprache aus der Komplexität der Sprechsituation herausgelöst und unabhängig von den Bedingungen der aktuellen Handlungssituation nach bestimmten Kriterien zum Gegenstand des Denkens werden kann“[7]. Genau hier deckt sich bei Andresen der Begriff der eigentlichen Bewusstwerdung von Sprache mit dem der Bewusstwerdung bei Wygotski. Jedoch meint die aktuelle Bewusstwerdung die Beschreibung von Sprache ohne die selbige „ gezielt und situationsübergreifend zum Reflexionsobjekt „[8] zu machen. Das tritt besonders bei Sprachkommentaren von Kindern im Vorschulalter auf. In diesem Zusammenhang kann also von einer spontanen Form der Sprachreflexion gesprochen werden.

Die Autorin Oomen-Welke definiert Sprachbewusstheit als „den bewussten Zugriff auf Sprachliches und die Beschäftigung mit de-kontextualisierten, aus dem Handlungszusammenhang gelösten sprachlichen Einheiten“.[9] Ähnlich wie Andresen/Funke beschreibt sie eine Abkehr von der rein inhaltlichen Orientierung von Sprachlichem als Voraussetzung für Sprachbewusstheit.

2.2 Terminologie von Sprachbewusstsein

Naturwissenschaft, Medizin, Psychologie, Neuro- Kognitionswissenschaft und die Geisteswissenschaft. In all diesen Disziplinen begegnet uns der Begriff Bewusstsein. Lange ist dieser Begriff fester Bestandteil der Forschung. Durch all diese verschiedenen Betrachtungsweisen ist eine gültige Definition des Begriffes nicht möglich.

Geht man jedoch vom naturwissenschaftlichen Verständnis aus, Bewusstsein sei die „Gesamtheit aller jener psychischen Vorgänge, durch die sich der Mensch der Außenwelt und seiner selbst bewusst wird“[10], meint Sprachbewusstheit die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, durch die sich eine Person ihrer Sprache bewusst wird. Jedoch beschäftigt sich die Sprachwissenschaft mit einem weitaus enger gefassten Terminus.

Wegen der Vielzahl an Theorien zum Bewusstsein, auch innerhalb einer Teildisziplin der Wissenschaft, ist eine strengere Differenzierung nötig. Eine sehr verbreitete Definition ist die von „[…] Sprachbewusstsein als das sprachliche Wissen, das [ konkreten metasprachlichen] Handlungen zu Grunde liegt“[11]. Dabei meint sprachliches Wissen zunächst „die Kenntnis über die eigene Sprache“[12].Kenntnis meint in diesem Zusammenhang, das Durchdringen der Gesetzmäßigkeiten, bzw. der Grammatik dieser Sprache. Eine metasprachliche Handlung ist als eine sprachliche Handlung, „zur Verständigung über Sprache“[13]. Sie macht Sprache selbst zum Gegenstand der sprachlichen Handlung. Ähnlich beschreibt Paul Sprachbewusstsein als das „Wissen um den Charakter [Regeln, Wortschatz] einer Sprache“[14]

Nun stellt sich die Frage, ob diese Definition von Sprachbewusstsein allgemein geltend gemacht werden kann. Stellt man nämlich einen Vergleich verschiedener Autoren der letzten Jahre an, kann man die erwähnten terminologischen Unstimmigkeiten erkennen.

Zum Beispiel „[scheint sich] [d]er Ausdruck Sprachbewußtsein für metasprachliches Verhalten […] durchzusetzen“[15]. Das ist jedoch nicht das, was diesem Verhalten vorausgeht und es bedingt. An diesem Punkt wird es klar. Eine einheitliche Auffassung des Begriffs lässt sich nicht, bzw. nur schwierig festlegen, denn einerseits decken sich die Meinungen einiger Theoretiker, andererseits werden gegensätzliche Erklärungsversuche angestellt.

2.3 Language awarness

Das Konzept der language-awarness weist eine inhaltliche Nähe zu den Konzepten der Sprachbewusstheit und des Sprachbewusstseins auf. Oft greifen auch deutsche Autoren die englischen Begriffe in ihren Diskussionen über Sprachbewusstheit und Sprachbewusstsein auf. Aus diesem Grund möchte ich im folgenden Abschnitt auf dieses, dem anglo-sächsischem Raum entsprungenem Konzept, eingehen.

Linguistic awareness (Bewusstheit) und linguistic consciousness (Bewusstsein) sind die beiden entsprechenden Begrifflichkeiten, „wobei die englischen Begriffe oft synonym verwendet werden“[16]. In beiden Sprachräumen wird dennoch der Begriff language-awarness in diesem Zusammenhang gebraucht. Jedoch fordert dieses Konzept, die Entwicklung metasprachlicher Kompetenz durch gezielte Lenkung des Interesses.

Hier zeigen sich auch gleich die Probleme, die die Übertragung von englischen Begrifflichkeiten ins Deutsche mit sich bringen können. Betrachtet man nun die in diesem Kapitel behandelten Probleme bei der deutschen Begriffsbestimmung, erscheint es wenig sinnvoll, einen zusätzlichen Terminus einzuführen um das Forschungsfeld zu erweitern. Zum einen steigern Erweiterungen des sprachwissenschaftlichen Wortschatzes die terminologische Verwirrung und zum anderen ist das Spektrum der Übersetzungsmöglichkeiten, die mit diesem Begriff einhergehen uneinheitlich.

Language-awarness Konzeptionen kommen den deutschen Konzeptionen zwar nahe, „sind ihnen jedoch im Allgemeinen nicht gleichzusetzen“.[17]

[...]


[1] Ossner, Jakob (2008)

[2] Vgl. Andresen/Funke 2003

[3] Andresen,Helga; Funke, Reinhold (2003)

[4] Hug, Michael 2007, 10

[5] Bosch 1937/1984,82; zitiert von Andresen/Funke 2006

[6] Wygotski 1977, zitiert von Andresen/Funke 2006, S444

[7] Andresen/Funke 2006, S445

[8] Andresen7Funke 2006, S.445

[9] Oomen-Welke 2006, S.453

[10] Duden Universalwörterbuch

[11] Hug 2007, S.10

[12] Homberger 2003,S.507

[13] Homberger 2003,S.332

[14] Paul 1992,S.828,zitiert von Oomen-Welke 2006, S.453

[15] Ossner 1989,S.25

[16] Hug 2007,S.10

[17] Luchtenberg 2001,S.88

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Sprachbewusstsein, Sprachbewusstheit, Sprachaufmerksamkeit
Untertitel
Der Versuch einer terminologischen Abgrenzung
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V200835
ISBN (eBook)
9783656277958
ISBN (Buch)
9783656279280
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, PH Heidelberg, language awarness, Terminilogie;, Sprachreflexion, Sprachliche Normierung
Arbeit zitieren
Alexander Eisen (Autor), 2011, Sprachbewusstsein, Sprachbewusstheit, Sprachaufmerksamkeit , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200835

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