Stets war nicht nur die Bedeutung der Quelle für den Geschichtsunterricht, sondern auch die Bedeutung des Begriffs "Quelle" einem Wandel unterworfen. Der Kernlehrplan Geschichte bezieht jedoch eindeutig Stellung, indem er als ein Ziel des Geschichtsunterrichts definiert, dass Schüler "wissen,
dass und wie eine Kenntnis der Vergangenheit über die Interpretation
von Quellen und die Analyse von Darstellungen gewonnen werden kann."
Eine besondere Bedeutung kommt im Geschichtsunterricht auch der Schaffung von Multiperspektivität und der Ermöglichung von Alteritätserfahrungen durch die Schüler zu. Dieses Ziel hängt jedoch sehr stark ab vom Einsatz entsprechender Quellen, die diese Perspektiven und Erfahrungen ermöglichen. Eine ernsthafte und authentische Erfahrung dieser Andersartigkeit kann aber durch die oftmals in Geschichtsbüchern enthaltenen Übersetzungen von fremdsprachlichen Quellen nur sehr schwer oder gar nicht erreicht werden, da eben die Sprache die Grundlage dieser Quellen
darstellt.
Die Möglichkeiten des Einsatzes authentischer, fremdsprachiger Quellen im monoligualen (deutschen) Geschichtsunterricht werden in dieser Arbeit beispielhaft untersucht und ein entsprechendes Konzept vorgeschlagen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen
2.1 Begriffserklärungen
2.2 Begründung des Themas
2.3 Grenzen dieses Konzepts
3 Lehrerfunktionen
4 Aufbau der Unterrichtssequenz
4.1 Analyse der Lerngruppe
4.2 Anbindung an den Kernlehrplan
4.3 Analyse des Materials und methodische Anregungen
5 Durchführung der Unterrichtssequenz
5.1 Erste Stunde: Einführung Plakatanalyse
5.2 Zweite Stunde: Nutzung von Wörterbüchern
5.3 Dritte Stunde: Historische Zusammenhänge
5.4 Vierte und Fünfte Stunde: Plakatanalyse und Darstellung
5.5 Sechste Stunde: Präsentation und Zusammenfassung
5.6 Siebte Stunde: Ergebnisse Kreativaufgaben und Evaluation
6 Evaluation der Unterrichtssequenz
7 Schlussbemerkungen
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Entwicklung und Evaluation eines fachübergreifenden Unterrichtskonzepts, das US-amerikanische Propagandaplakate des Zweiten Weltkriegs als authentische Quellen nutzt, um bei Schülern der neunten Klasse Perspektivwechsel, Fremdverstehen und Alteritätserfahrungen zu initiieren.
- Einsatz authentischer, fremdsprachlicher Quellen im Geschichtsunterricht
- Vermittlung der Methode der Plakatanalyse
- Förderung von Fremdverstehen und historischer Urteilskompetenz
- Fächerübergreifende Verknüpfung von Geschichte und Englisch
- Einbindung von digitalem Quellenmaterial aus US-Archiven
- Binnendifferenzierung durch kreative Aufgabenstellungen
Auszug aus dem Buch
2.1 Begriffserklärungen
Bereits in der Einleitung ist deutlich geworden, dass der Begriff der Quelle aufgrund der Bedeutungsänderung im Lauf etlicher Jahrzehnte einer genauen Erklärung und Definition bedarf. Daneben eröffnen sich weitere mit dem Quellenbegriff in engem Zusammenhang stehende Definitionsfragen, die im Hinblick auf das Thema dieser Arbeit von Bedeutung sind. Für den Geschichtsunterricht, aber auch für den Historiker, stellen Quellen die „ursprünglichste Information“ dar. Eine Forderung an eine Quelle ist die größtmögliche zeitliche Nähe der Quelle zum Ereignis, denn die Quelle dient Historikern und Schülern als notwendige historische Erinnerung, die erst historische Erkenntnisprozesse ermöglicht. Die Quelle ist das Mittel, das Schülern erlaubt, das Denken und Handeln von Menschen in der Vergangenheit zu erkennen und zu verstehen. Oftmals werden Quellen mit Hilfe der Formulierung des Historikers Paul Kirn definiert: er beschreibt Quellen als „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.“ Dieser Definition folgend dienen für das vorliegende Konzept US-amerikanische Propagandaplakate aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs als Quellen und somit Schlüssel zur Vergangenheit.
Bei diesem Konzept handelt es sich um didaktische Überlegungen, die im Rahmen der Vermittlung fachlicher Inhalte den Schülern einen Zugang zur emotionalen Geschichte der Bürger der USA in der Zeit des Zweiten Weltkriegs eröffnen. Die Fachliteratur bezeichnet diesen emotionalen und empathischen Zugang zur Geschichte oft als Fremdverstehen. So ordnet auch die Redaktion von Brockhaus-Warig den Begriff des „Fremdverstehens“ in der Ausgabe von 1981 der Psychologie zu und definiert ihn als „Verstehen einer anderen Person durch Einfühlen, Analogiebildung und die Vorstellung, diese Handlung selbst durchzuführen.“ Heute wird dieser Begriff oftmals weiter definiert und steht in engem Zusammenhang mit modernen Fremdsprachen. Dies beruht vor allem auf der hermeneutischen Auffassung, dass wir uns nicht deshalb verstehen, „weil wir ein identisches Wesen besitzen, sondern weil wir mit dem Anderen in einen Dialog treten können.“ Dieser Dialog jedoch bedarf fundierter Kenntnisse, nicht nur der fremden Sprache, sondern auch der fremden Kultur und deren Wertvorstellungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung diskutiert den Stellenwert von Quellen im Geschichtsunterricht und begründet die Notwendigkeit, durch den Einsatz authentischer Quellen Multiperspektivität und Alteritätserfahrungen bei Schülern zu ermöglichen.
2 Grundlagen: Das Kapitel definiert den Quellenbegriff, begründet die Wahl des Themas vor dem Hintergrund der Forderung nach Authentizität und setzt sich kritisch mit den Grenzen des Konzepts sowie der Rolle der Wertvermittlung auseinander.
3 Lehrerfunktionen: Hier wird dargelegt, dass der Lehrer primär in den Funktionen Erziehen und Unterrichten gefordert ist, um durch die Arbeit mit fremden Wertvorstellungen Kompetenzen zur Welterschließung zu fördern.
4 Aufbau der Unterrichtssequenz: Dieses Kapitel erläutert die methodische Anlage des Vorhabens, die Lerngruppe, die Anbindung an den Kernlehrplan sowie die Auswahl der Materialien und methodische Anregungen für den Unterricht.
5 Durchführung der Unterrichtssequenz: Es erfolgt eine detaillierte Darstellung und Reflexion der sieben Unterrichtsstunden, die von der Einführung der Plakatanalyse bis zur Ergebnispräsentation und Evaluation reichen.
6 Evaluation der Unterrichtssequenz: Das Kapitel reflektiert die erreichten Lernziele, die Selbsteinschätzung der Schüler und zieht Schlüsse über die Wirksamkeit der fächerübergreifenden Methode und das Potenzial für zukünftige Vorhaben.
7 Schlussbemerkungen: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz, die den Mehrwert authentischer Quellen hervorhebt, aber auch die Herausforderungen bei der Umsetzung unter G8-Bedingungen benennt.
Schlüsselwörter
Geschichtsunterricht, Authentische Quellen, Propagandaplakate, Zweiter Weltkrieg, Fremdverstehen, Alterität, Plakatanalyse, Fächerübergreifender Unterricht, Interkulturelles Lernen, Medienkompetenz, Urteilskompetenz, Binnendifferenzierung, USA, Patriotismus, Geschichtsdidaktik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit entwickelt und evaluiert ein Unterrichtskonzept für die neunte Jahrgangsstufe, das US-amerikanische Propagandaplakate des Zweiten Weltkriegs als authentische Quellen nutzt, um historisches Lernen und interkulturelle Kompetenz zu fördern.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Hausarbeit?
Neben der historischen Analyse von Propagandamaterial stehen die Themen Fremdverstehen, Alteritätserfahrung, der fachübergreifende Bezug zum Englischunterricht und der Umgang mit authentischen Quellen im Fokus.
Was ist das primäre Ziel der Unterrichtssequenz?
Das Hauptziel ist es, Schülern durch die gezielte Analyse fremdsprachlicher Quellen einen Perspektivwechsel zu ermöglichen und sie zu befähigen, historische Phänomene sowie fremde Wertvorstellungen empathisch zu verstehen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer unterrichtspraktischen Konzepterstellung, die durch didaktische Reflexion und die Evaluation mittels Schülerfragebögen ergänzt wird, wobei Ansätze der geschichtsdidaktischen Forschung (z.B. nach Pandel oder Meyer-Hamme) einfließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen, die Beschreibung der Lehrerfunktionen, den konkreten Aufbau der Unterrichtseinheit und eine detaillierte, stundenweise durchgeführte Reflexion der Durchführung sowie deren Evaluation.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Fremdverstehen, Authentizität, Plakatanalyse, Alteritätserfahrung und fachübergreifendes Lernen geprägt.
Warum spielt die Fächerverbindung Englisch-Geschichte eine so wichtige Rolle?
Die Verknüpfung ermöglicht es, Sprachbarrieren als Lernchance zu nutzen, authentische fremdsprachliche Quellen ohne entfremdende Übersetzungen zu bearbeiten und Synergieeffekte zwischen den Fachbereichen für die Kompetenzentwicklung zu erzielen.
Welche Rolle spielt die Evaluation im Konzept?
Die Evaluation dient dazu, Rückschlüsse auf die erreichten Lernziele zu ziehen, wobei der Fokus sowohl auf der kriteriengeleiteten Selbsteinschätzung der Schüler als auch auf der reflektierenden Analyse der Lehrkraft liegt.
Wie geht die Arbeit mit der Heterogenität der Lerngruppe um?
Das Konzept sieht eine Binnendifferenzierung vor, bei der sowohl die Zuteilung der Plakate nach Schwierigkeitsgrad als auch die Wahlfreiheit bei der kreativen Abschlussaufgabe an die unterschiedlichen Leistungsstände angepasst werden.
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- Oliver Kraatz (Autor), 2012, Fächerübergreifender Geschichtsunterricht am Gymnasium, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201057