In der vorliegenden Magisterarbeit wird eine Analogie zwischen Karl Kraus’ satirisch-polemischen Begriff der ›Phrase‹ und Roland Barthes essayistischen Begriff des ›Mythos‹ gezogen. Mehr noch: die Medienkritik in der ›Fackel‹ wird zum Anlaß eines kritischen Vergleichs genommen, um nicht nur Ähnlichkeiten herauszuarbeiten, sondern darüber hinaus diese Medienkritik in den Kontext einer Systematisierung der Pressekritik zu stellen und diese dann auf den Mythos-Begriff von Roland Barthes anzuwenden.
Um den gesellschaftlichen Erfahrungsgehalt der Phrase deutlich werden zu lassen, werden auf den Seiten 10–18 gesellschaftliche Hintergründe genannt, die die Pressekritik der ›Fackel‹ überhaupt erst möglich gemacht haben. Dies wird angesichts des knappen Raums für ein so komplexes Thema überzeugend und theoretisch reflektiert und anhand der einschlägigen Literatur abgehandelt. Zugleich wird, wie auch schon in der Einleitung, das Kraus und Barthes vereinende Thema genannt: die Kritik der Ideologie einer Gesellschaft. (aus dem Prüfergutachten)
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Hintergründe der Pressekritik von Karl Kraus
1.1 Gesellschaftliche Verhältnisse Österreich-Ungarns und Wiens
1.2 Das Pressewesen in Wien
2 Roland Barthes Mythen des Alltags
2.1 Einführung in das Werk
2.2 Semiotik als Wissenschaft
2.2.1 Beispiel einer semiotischen Analyse
2.3 Zeichentheoretische Grundlagen
2.4 Zum Begriff des Mythos
2.4.1 Der Mythos ist eine Aussage
2.4.2 Der Mythos als semiologisches System
2.4.3 Die Form, der Begriff, die Bedeutung
2.5 Mythen der französischen Gesellschaft
2.5.1 Einsteins Gehirn
2.5.2 Zwei Mythen des Jungen Theaters
2.5.3 Der Mythos des besessenen Schauspielers
2.5.4 Die große Familie der Menschen
3 Anwendung des Begriffs des Mythos auf Karl Kraus` Satire
3.1 Analyse einzelner Glossen
3.1.1 Die Phrase aus linguistischer Perspektive
3.1.2 Lanzen für die Marine
3.1.3 Das ist so allgemein bekannt ...
Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Pressekritik von Karl Kraus in der Zeitschrift "Die Fackel" (1899-1914) durch eine systematische Anwendung des Mythos-Begriffs von Roland Barthes, um die ideologiekritische Funktion der krausschen Sprachkritik wissenschaftlich zu präzisieren.
- Analyse des gesellschaftlichen und publizistischen Kontextes im Wien der Jahrhundertwende.
- Theoretische Fundierung der semiotischen Mythos-Analyse nach Roland Barthes.
- Untersuchung der "Phrase" als zentrales Instrument der krausschen Ideologiekritik.
- Systematische Übertragung semiotischer Kategorien auf ausgewählte satirische Glossen von Karl Kraus.
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Der Mythos ist eine Aussage
Der Mythos ist (wie die Phrase) eine besondere sprachliche Form kollektiver Vorstellungen, „eine spezielle Kommunikationsform in der Gesellschaft“, eine „kollektive Verständigungsform“; eine Art und Weise, wie Dinge in einer Gesellschaft etwas bedeuten. Er ist ein „Mitteilungssystem“, als solches transportiert der Mythos bestimmte Inhalte und Botschaften, „verborgene Ideologische Zusatzbedeutungen“, also bestimmte Vorstellungen von Dingen oder Verhältnissen und was sie bedeuten. Diese Vorstellungen transportiert er in einer Weise, die den Anschein erweckt, als handele es sich um die ‚natürliche‘ Bedeutung dessen, was Gegenstand des Mythos ist; „die Funktionsweise des Mythos zielt [...] auf eine Umwandlung von Geschichte in Natur“, der Mythos ist einer der Mechanismen, „mit deren Hilfe die bürgerliche Gesellschaft im Nachkriegsfrankreich ihre partikularen Interessen [...] universalisiert und naturalisiert, d.h. jeder sozialhistorischen Bedingtheit zu entziehen sucht.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der krausschen Pressekritik und die theoretische Verknüpfung mit dem Mythos-Begriff von Roland Barthes.
1 Hintergründe der Pressekritik von Karl Kraus: Darstellung des widersprüchlichen gesellschaftlichen Kontextes im Österreich-Ungarn der Jahrhundertwende und der Rolle des Pressewesens als politisches Instrument.
2 Roland Barthes Mythen des Alltags: Theoretische Einführung in das Werk von Barthes sowie Erläuterung der semiotischen Methode und des Mythos-Begriffs anhand von Beispielen aus der französischen Gesellschaft.
3 Anwendung des Begriffs des Mythos auf Karl Kraus` Satire: Praktische Anwendung der entwickelten semiotischen Analyse auf spezifische Glossen von Karl Kraus zur Untersuchung seiner Kritik an der zeitgenössischen Presse.
Fazit: Zusammenfassende Reflexion über die Komplexität der krausschen Sprach- und Pressekritik und die Anwendbarkeit der semiotischen Methodik.
Schlüsselwörter
Karl Kraus, Die Fackel, Roland Barthes, Mythen des Alltags, Pressekritik, Sprachkritik, Ideologiekritik, Semiotik, Phrase, Medienkritik, Österreich-Ungarn, Satire, kollektive Vorstellungen, Zeichen, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Medien- und Sprachkritik von Karl Kraus anhand seiner Zeitschrift "Die Fackel" unter Zuhilfenahme der semiotischen Analyse-Methoden von Roland Barthes.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Gesellschaftsstruktur des alten Österreich, das Pressewesen dieser Zeit, semiotische Theoriebildung und die satirische Auseinandersetzung von Kraus mit journalistischen Phrasen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die kraussche Satire, die oft als unsystematisch wahrgenommen wird, durch eine systematische semiotische Analyse (Mythos-Begriff) ideologiekritisch zu erschließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine semiotische Analyse nach Roland Barthes verwendet, um "Mythen" als Bedeutungssysteme zu dekonstruieren und auf sprachliche Phänomene bei Kraus zu übertragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Kontextualisierung, eine theoretische Ausarbeitung des Mythos-Begriffs und die konkrete Analyse ausgewählter Glossen von Kraus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Karl Kraus, Die Fackel, Ideologiekritik, Semiotik, Mythos und Sprachkritik.
Warum wird der Mythos-Begriff von Barthes auf Kraus angewendet?
Da Kraus selbst keine geschlossene wissenschaftliche Theorie hinterließ, bietet Barthes’ semiotischer Ansatz ein valides Instrumentarium, um die "unsichtbaren" ideologischen Strukturen in der Sprache der Presse aufzudecken.
Wie definiert der Autor das Verhältnis zwischen "Phrase" und "Mythos"?
Beide werden als Instrumente betrachtet, die kollektive Vorstellungen transportieren und durch die Naturalisierung von historischen Sachverhalten ideologische Funktionen erfüllen.
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- Christoph Eyring (Autor), 2012, Der Satiriker und der Theoretiker: Karl Kraus und Roland Barthes als Ideologiekritiker, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201061