Die Welt als Spiegel - Annäherungen an Werthers Leiden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Der Briefroman als ein Medium literarischer Seelenschau
2.2 Annäherungen an Werthers Leiden

3. Textanalyse
3.1 Das verhinderte Genie
3.2 Werthers regressive Abwehrmechanismen
3.3 Der Lotte-Mutterkomplex

4. Die Psycho-Logik des Freitods Werthers – ein Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

„Und nun habe ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen,

und so macht’s ein wunderbares Ganze“[1]

(Goethe an Johann Caspar Lavater, 26. April 1774)

Mit „seiner Geschichte“ referiert Goethe auf seinen Studienfreund Jerusalem, der sich am 30. Oktober 1772 nach einer unglücklichen Liebe das Leben nahm und dessen Todesbericht der Autor intensiv studierte. Zudem haben noch weitere Personen und Personenkonstellationen aus Goethes eigenem privatem Umfeld Eingang in seinen Werther gefunden. In einem Brief vom 26. April 1774 fasst Goethe den Inhalt des Romans in einem langen Satz zusammen:

Eine Geschichte […], darin ich einen jungen Menschen darstelle, der, mit einer tiefen reinen Empfindung und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich durch Speculation untergräbt, bis er zuletzt durch dazutretende unglückliche Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor den Kopf schießt.[2] (Goethe an Gottlieb Friedrich Ernst Schönborn, 1. Juni 1774)

Der erstmals im Jahr 1774 von Goethe bei Weygand in Leipzig anonym veröffentlichte Roman Die Leiden des jungen Werthers avancierte ad hoc zu einem heftig debattierten Bestseller. Im Jahre 1787 legte Goethe eine zweite Fassung des Werthers vor, die wesentliche Textänderungen und elf weitere Briefe enthielt. In seiner zwischen 1803 und 1831 erschienenen Autobiografie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit distanzierte sich Goethe schließlich von seinem Jugendwerk,[3] das noch immer als „komplexes literaturgeschichtliches Dokument für die Rebellion des Sturm und Drang“[4] gilt, da in ihm die Problematik der Individualität des Subjekts im Zentrum steht. Die Frage nach Werther Leiden und Scheitern ist oft gestellt und in der Forschungsliteratur auf unterschiedliche Weisen beantwortet worden.[5] Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der psychologischen Deutung, was angesichts des begrenzten Rahmens die vorhandenen gesellschafts- und religionskritischen Aspekte des Romans in den Hintergrund treten lässt. Ziel dieser Arbeit ist es, neben dem „Symptomkomplex, der die ‚Krankheit zum Tode‘ als Summe verschiedener Krankheitsbilder ausweist“[6] , anhand ausgewählter Textstellen auch jene Faktoren aufzuzeigen, die Werthers psychische Dispositionen wahrscheinlich begünstigt haben.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Der Briefroman als ein Medium literarischer Seelenschau

Im Zuge der Aufklärung im 18. Jahrhundert erfreuen sich in ganz Europa Werke mit didaktisch-dokumentarischem Charakter großer Beliebtheit.[7] Es faszinieren Kriminalfälle, vermeintlich wahre Augenzeugenberichte und Krankenberichte aus Irrenanstalten. Neben dem Nervenkitzel am Sonderbaren gilt das Interesse aber auch den Hintergründen von devianten Verhaltensweisen sowie das Sichtbarmachen psychologischer Prozesse überhaupt. Für die literarische Darstellung seelischer Empfindsamkeiten ist der Briefroman das Medium des 18. Jahrhunderts. Statt des üblichen heterodiegetischen Erzählers, der das Geschehen aus auktorialer oder personaler Sicht wiedergibt, konstituiert sich der Briefroman durch mindestens einen fiktiven Verfasser der Briefe, die aus der homodiegetischen Ich-Perspektive geschrieben sind. Der Erzähler wird durch einen peripher wirkenden Herausgeber ersetzt, der für den Leser die vermeintliche Echtheit der im Buch abgedruckten Briefe bezeugen soll.

Europaweite Popularität erlangten etwa die Briefromane Pamela (1740) und Clarissa (1748) von Samuel Richardson und Gefährliche Liebschaften (1782) von Choderlos de Laclos. In Deutschland fand der didaktisch-empfindsame Briefroman Juli oder Die neue Heloise (1761) von Jean-Jaques Rousseau viele Leser und inspirierte unter anderen Autoren wie Sophie von La Roche zur Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) und Ludwig Tieck zu William Lovell (1793-96). Arnold Hauser konstatiert, dass „[d]ie Verringerung des Abstandes zwischen dem Subjekt und dem Objekt […] von nun an zum Hauptziel jeder literarischen Bemühung [wird]“[8] und spricht davon, dass der Autor den Leser mittels der intimen Briefe zum Vertrauten mache.

Als Höhepunkt der Gattung gilt Goethes Romandebut Die Leiden des jungen Werther (1774), dessen monosubjektivistische Perspektive zu Goethes Zeiten ein literarisches Novum darstellt. Erstmals werden ausschließlich die Briefe einer Figur widergegeben, denn bis auf einen von Goethe fingierten Herausgeber, der den Briefen drei Sätze voranstellt und einem Herausgeberbericht nach dem Brief vom 17. Dezember 1772[9] findet sich der Leser allein mit der Korrespondenz Werthers konfrontiert. Durch diese Beschränkung wird die Distanz zwischen Leser und Werther extrem verkürzt, so dass es einiger Anstrengung bedarf, die subtilen ironischen Brechungen des Autors zu registrieren. Lediglich der anschließende Herausgeberbericht lässt auch andere Figuren zu Wort kommen, die das Bild, das Werther den Lesern bis dahin von ihnen gezeichnet hat, relativieren.

2.2 Annäherungen an Werthers Leiden

Von dem Umstand, dass Werther schon leidet, bevor er auf Lotte trifft, legen die expositorischen Maibriefe Zeugnis ab. Diese führen Werther einerseits als empfindsamen, intelligenten jungen Mann ein, verraten ihn aber andererseits auch als notorischen Grübler, als selbstfixierten Schwärmer, als Melancholiker, dem seine manisch-depressiven Stimmungsschwankungen vertraut sind[10] , als infantilen Narzisst, verhinderten Künstler und romantisches Möchtegern-Genie. Er ist sich seines labilen psychischen Zustandes sehr wohl bewusst, doch greifen an vielen Stellen Abwehrmechanismen wie Realitätsverleugnung, Verdrängung, Projektion und infantile Verhaltens- und Denkweisen, was von Goethe gleichzeitig als distanzierendes Mittel eingesetzt wird.

Im ersten Brief erfährt man den offiziellen Hintergrund für Werthers Landaufenthalt: eine Erbschaftsangelegenheit, die er für seine alleinstehende Mutter klären soll. Dass dem gutsituierten Bürgerssohn diese Reise gerade recht gekommen ist, verrät der vielzitierte Briefanfang „Wie froh ich bin, daß ich weg bin!“[11] . Es scheint, als habe Werther in einer Frau namens Leonore vergebens Hoffnungen auf eine Liaison geweckt und sich der prekär gewordenen Situation fluchtartig entzogen. Gerhard Sasse, der Goethes Werther ausdrücklich als „Roman einer merkwürdig gespaltenen Liebe“[12] liest, deutet den einleitenden Seufzer der Erleichterung, Leonores Avancen entkommen zu sein, als Hinweis auf den wunden Punkt Werthers: seine Sexualität. Dieser flieht, weil er sein Konzept von ideeller Liebe nicht mit profaner Sinnlichkeit beschmutzen will.[13] Werthers Verhältnis zu Frauen sieht Sasse geprägt von dem „Zwiespalt zwischen idealistischer Schwärmerei und sinnlichem Begehren“[14] – ein philosophisches Grundproblem, das sich auf Werthers Psyche überträgt und seine Sexualität bestimmt. Bekräftigt wird diese Annahme durch einen Auszug aus Werthers Brief vom 17. Mai 1771, in dem dieser sich an eine verstorbene Freundin erinnert, die ihm trotz des Altersunterschieds, oder vielmehr gerade deswegen, sehr nahe gestanden haben muss:

Aber ich habe sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu seyn als ich war, weil ich alles war was ich seyn konnte. Guter Gott, blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt, konnt ich nicht vor ihr all das wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem mein Herz die Natur umfaßt, war unser Umgang nicht ein ewiges Weben von feinster Empfindung, schärfstem Witze, dessen Modifikationen bis zur Unart alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren?[15]

Was Werther hier beschreibt, sind die Erinnerungen an ein platonisches Freundschaftsideal, in dem Sexualität keine Rolle gespielt hat – auf psychischer Ebene ein Verweis auf Werthers infantile Disposition. Die Passage lenkt den Blick zudem auf Werthers narzisstisches Potential, da dieser mehr sein durch den Verlust verlorenes Gefühl von Größe zu betrauern scheint als den Tod seiner Freundin. Den narzisstischen Aspekt Werthers unterstreicht Goethe in der zweiten Auflage durch eine zusätzliche Passage, die das Wesen der oben geschilderten Jugendfreundschaft zu wiederholen scheint: „Mich liebt! – Und wie werth ich mir selbst werde, […] wie ich mich selbst anbethe, seitdem sie mich liebt!“[16] . Um die kindlichen Verhaltensweisen Werthers herausarbeiten zu können, folgt eine inhaltliche Bestimmung des Begriffs der Infantilität nach Holger Bertrand Flöttmann:

Infantile Menschen verhalten sich wie Kinder oder Pubertierende, obwohl sie vom biologischen Alter her zur Welt der Erwachsenen gehören. […] Häufig ist eine infantile Haltung bereits am träumerischen Blick zu erkennen, an der Kleidung, an der Frisur oder am egozentrischen, ungezügelten Benehmen. Infantile haben den zentralen Konflikt eines jeden Menschen, nämlich die Ablösung von den Eltern und von der Kindheit nicht ausreichend bewältigt. Entweder sind sie an Vater oder Mutter zu stark gebunden oder ihre Eltern haben sie vernachlässigt. Der Infantile lehnt die Welt der Erwachsenen mehr oder weniger ab, er ist in der Welt des Kindes steckengeblieben. Der Infantile hat Schwierigkeiten, das Realitätsprinzip anzuerkennen. Es fällt ihm schwer, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Die Realität ist ihm ein Greuel. Er gibt Anderen gern die Schuld. Deswegen schimpft er auf diese Welt. Er verdreht sie nach seinen Harmonie- und Allmachtsvorstellungen. Er projiziert seine ihm gänzlich unbewußten Konflikte, seine tiefe Abhängigkeit vom mütterlichen oder väterlichen Objekt auf die Prüfer, auf die vermeintlichen Gegner. Männliche, feste Strukturen lehnt er eher ab.[17]

Wie sich noch zeigen wird, werden alle genannten Punkte durch die Wertherfigur verkörpert. Infantilität bei Erwachsenen wirkt sich nach Flöttmann zudem sowohl auf das Handeln, das Gewissen als auch das Denken und die Gefühle der betroffenen Person aus. Als weitere Symptome nennt er eine übertriebene Äußerung von Gefühlen, das Fehlen von Zielen und Strukturen und ein Mangel an Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Von besonderer Bedeutung für die Wertherfigur ist Flöttmanns Verweis auf die unzureichende Beziehungsfähigkeit bei Menschen mit infantiler Prägung:

Entweder ist er unfähig, feste Bindungen einzugehen, oder er gibt sich suchend-anklammernd. Infantile bevorzugen ein phantasiegetragenes Weltverständnis mit mangelndem Wirklichkeitsbezug. Sie leben weitgehend unbewußt, ihre symbiotisch-infantile Problematik betreffend. Infantile verdrängen ihre Sexualität oder erleben diese übersteigert. Die Ich-Bezogenheit des Infantilen ist ungezügelt wie die eines Kindes.[18]

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998 (Suhrkamp BasisBibliothek; 5). S. 164. Fortan: Goethe (1998).

[2] Ebd.

[3] Vgl. Martin, Ariane: Die kranke Jugend. J. M. R. Lenz und Goethes Werther in der Rezeption des Sturm und Drang bis zum Naturalismus. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002. S. 15. Fortan: Martin (2002).

[4] Ebd. S. 27.

[5] So etwa bei Georg Lukács oder Niklas Luhmann.

[6] Martin (2002): S. 34.

[7] Vgl.: Clauss, Elke-Maria: Briefroman. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Hg. v. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff. Stuttgart/Weimar: Metzler, 32007. S. 99.

[8] Hauser, Arnold: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur (1953). Ungek. Sonderausg. in 1 Bd. München: Beck, 1969. S. 585.

[9] In der zweiten Fassung nach dem Brief vom 6. Dezember 1772.

[10] Vgl. Goethe (1998): 4. Mai 1771, S. 7.: „Ich will […] mich bessern, will nicht mehr das Bisgen Uebel, das das Schicksal uns vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer getan habe“.

[11] Ebd.

[12] Sasse, Günter: Woran leidet Werther? Zum Zwiespalt zwischen idealistischer Schwärmerei und sinnlichem Begehren. In: Goethe-Jahrbuch 116 (1999), S. 245-258. Hier S. 246.

[13] Vgl. Ebd. S. 249f.

[14] Ebd.

[15] Goethe (1998): 17. Mai 1771, S. 12f.

[16] Ebd., 13. Juli 1771, S. 131.

[17] Flöttmann, Holger Bertrand: Angst. Ursprung und Überwindung. Angst – Ursprung und Überwindung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2001, 6., überarb. u. erw. Aufl., S. 100.

[18] Ebd. S. 101f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Welt als Spiegel - Annäherungen an Werthers Leiden
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V201241
ISBN (eBook)
9783656273417
ISBN (Buch)
9783656274582
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welt, spiegel, annäherungen, werthers, leiden
Arbeit zitieren
Kristin Freter (Autor), 2012, Die Welt als Spiegel - Annäherungen an Werthers Leiden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201241

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