1. Einleitung
"Man kauert sich in seinen Kinosessel bei jedem Knirschen der Gelenke, man schnappt zischend nach Luft, wenn sich die immer nervöser werdende Nina die Fingernägel bis aufs Blut herunterschneidet oder ihren grün und blau getanzten Zeh belastet. Aranofskys Kino ist immer auch Kino der psychischen Beklemmung und der körperlichen Grenzerfahrung […]."
Dieser Auszug aus einer Filmbesprechung zu Black Swan von Andreas Borcholte trifft mit seiner taktilen Sprache, die während des Lesens fast eine körperliche Dimension anzunehmen scheint, genau den Punkt der mich nach Black Swan an diesem Film nachhaltig faszinierte. Um Borcholtes Worte an dieser Stelle zu übernehmen - „psychische Beklemmung“ oder auch „körperliche Grenzerfahrung“ findet und das könnte als eine Art Eigenheit des Films herausgearbeitet werden, sowohl auf der Leinwand auf visueller, aber auch narrativer Ebene statt und darüber hinaus auf der anderen Seite spürbar in den Körpern der Zuschauer_innen. Während Black Swan, so meine These die ich in dieser Arbeit zur Diskussion stelle, stoßen unterschiedliche Ebenen oder auch Formen von Körpern und Körperlichkeit aufeinander. Diese, zu einer gewissen Einheit „verdichtete Körperlichkeit“, stellt im Grunde die ganz eigene Spezifik der Erfahrung von Black Swan dar, zumindest und davon kann ich letztlich nur ausgehen, in der Dimension meiner eigenen, persönlichen Erfahrung. Ich möchte im Laufe dieser Arbeit jener „verdichteten Körperlichkeit“ mittels der dargestellten und verhandelten Positionen, eine klarere, theoretische Kontur geben. Genau darin soll der experimentelle Charakter dieser Arbeit liegen: Wie kann etwas auf der sprachlichen Ebene theoretisch gefasst werden, das so Unsagbar scheint wie eine Erfahrung von „komprimierter Körperlichkeit“, motiviert sicher durch die Thematisierung von Körpern auf der Leinwand, erfahren auf der Ebene eigener körperlicher Reaktionen.
Mein Argumentationsgang wird stetig zwischen der Seite der Leinwand und der Seite der Zuschauer_innen wechseln und damit inszenatorische und dramaturgische Konstruktionen von Körperlichkeit auf der einen und deren Wahrnehmung auf der anderen Seite in den Blick nehmen. Die angeführten Positionen und filmtheoretischen Konzepte werde ich dabei lediglich in Hinsicht der zu diskutierenden These befragen. Meine Argumentation orientiert sich entsprechend stetig am Film bzw. meiner Filmerfahrung während Black Swan.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Während Black Swan
2.1 Im Kinosessel
2.2 Fouetté en tournant
3. Zur filmischen Konjunktur des Körpers
4. Kino-Erfahrung
5. Sehen und Verstehen
6. Dazwischen
7. Schwarz und Weiß – Eine Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die spezifische filmische Erfahrung von Körperlichkeit im Film "Black Swan" (2010) von Darren Aronofsky. Ziel ist es, das Phänomen einer „verdichteten“ Körperlichkeit zu theoretisieren, die zwischen der Leinwanddarstellung und der körperlich-affektiven Reaktion der Zuschauer entsteht, und dabei filmtheoretische Positionen zur Involviertheit und Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen.
- Phänomenologie der Filmerfahrung und somatische Reaktionen
- Wechselwirkung zwischen filmischer Inszenierung und Zuschauerwahrnehmung
- Konzept des "cinaesthetic subject" nach Vivian Sobchack
- Theorie der "filmischen Leihkörperschaft" nach Christiane Voss
- Analyse von Körperlichkeit als affektive, multisensorische Erfahrung
Auszug aus dem Buch
2.2 Fouetté en tournant
00:15:52 – 00:16:58
“Oh sweetheart, will you tell me about it?“
Der Blick fällt in ein geräumiges Zimmer einer Altbauwohnung. Das Licht der Stehlampe ist gedimmt und gibt der Atmosphäre des Raumes mit seinem stilvoll, bürgerlichem Interieur, dem dunklen Flügel, der dunkelgrün gemusterten Tapete und dem triptychonartigen Spiegel, der die Szenerie zu dominieren scheint, eine unbehagliche Schwere. Den Spiegel im Rücken, der Kamera seitlich zugewendet, am unteren Bildrand der Eingangseinstellung in der Totalen, sitzt Nina Sayer (Natalie Portman) und bindet ihren Spitzenschuh.
Das folgende Close-Up zeigt im Detail ihren in den Schuh gehüllten Fuß und rückt mit dem Blick auch das Ohr näher ans Geschehen. Man hört förmlich das Halt bietende Gummiband auf den Spann des Fußes schnipsen und die Finger über den seidenartigen Stoff des Bandes gleiten. Parallel eröffnet die Tonspur eine zweite Ebene, ein Telefonat der Mutter (Barbara Hershey) – unverständlich und dumpf, womöglich aus dem Nebenzimmer.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die These einer „verdichteten“ Körperlichkeit auf und erläutert den experimentellen Ansatz, diese taktile Filmerfahrung theoretisch zu konturieren.
2. Während Black Swan: Dieses Kapitel führt anhand persönlicher Beobachtungen und einer detaillierten Szenenanalyse in die physische Intensität des Filmerlebnisses ein.
3. Zur filmischen Konjunktur des Körpers: Hier wird der Film in den Diskurs der Körperdarstellung und der Dualität von Geist und Leib eingeordnet, unter Einbeziehung theoretischer Positionen zur körperlichen Inszenierung.
4. Kino-Erfahrung: Der Fokus liegt auf der filmtheoretischen Diskussion der somatischen Dimension der Filmerfahrung, insbesondere unter Verwendung von Vivian Sobchacks Konzept des „cinaesthetic subject“.
5. Sehen und Verstehen: Dieses Kapitel kritisiert eine einseitig somatische Sichtweise und ergänzt die Perspektive durch Joachim Paechs Theorie des Kinos als „Anordnung des Sehens“.
6. Dazwischen: Christiane Voss’ Konzept der filmischen Leihkörperschaft wird vorgestellt, um den oszillierenden Raum zwischen Leinwand und Zuschauer theoretisch zu fassen.
7. Schwarz und Weiß – Eine Schlussbetrachtung: Das Fazit bindet die theoretischen Überlegungen zurück an die konkrete Filmerfahrung und reflektiert die Einmaligkeit der Rezeption von "Black Swan".
Schlüsselwörter
Black Swan, Körperlichkeit, Filmtheorie, Filmerfahrung, cinaesthetic subject, Leihkörperschaft, somatische Reaktionen, Vivian Sobchack, Christiane Voss, Kinosituation, Affekt, Inszenierung, Wahrnehmung, Phänomenologie, Ballett.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die spezifische Art und Weise, wie der Film "Black Swan" körperliche Reaktionen beim Publikum hervorruft und wie sich diese taktile Erfahrung theoretisch beschreiben lässt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Filmphänomenologie, das Verhältnis von Zuschauer zu Leinwand, Körperdarstellungen im Kino sowie die Begriffe der affektiven Verstrickung und der Leihkörperschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, dem unsagbaren, intensiven Erleben von "verdichteter Körperlichkeit" während des Filmkonsums durch eine theoretische Auseinandersetzung eine klare Kontur zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird eine filmtheoretische Analyse angewandt, die phänomenologische Konzepte mit detaillierter Szenenanalyse verknüpft, um das Zusammenspiel von filmischer Inszenierung und persönlicher Rezeption zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Grundlegung durch Ansätze von Vivian Sobchack, Joachim Paech und Christiane Voss, wobei die Arbeit zwischen der Analyse der Leinwandereignisse und der somatischen Erfahrung der Zuschauer_innen wechselt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören das "cinaesthetic subject" (Somatische Erfahrung), die "filmische Leihkörperschaft" (oszillierender Zwischenraum) und das Konzept des Filmes als "Anordnung des Sehens".
Warum spielt das Konzept der "Leihkörperschaft" von Christiane Voss eine so zentrale Rolle?
Das Konzept hilft dabei, das Pendeln der Wahrnehmung zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und dem eigenen Körper des Zuschauers zu erklären, ohne sich einseitig auf eine der beiden Seiten festzulegen.
Wie verändert sich die Wahrnehmung des Films bei unterschiedlichen Betrachtungsweisen?
Die Autorin stellt fest, dass die emotionale und körperliche Einlassung bei der ersten, klassischen Kinoerfahrung dominant war, während beim zweiten, analytischen Betrachten das filmische Handwerk in den Vordergrund rückte.
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- Katharina Schmidt (Author), 2011, Die Ballerina als erbarmungsloses Filmerlebnis , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201244