Funktionen von »Imagotypen« im Œuvre Max Frischs, untersucht an ausgewählten Werken


Examensarbeit, 2006
109 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theorie und Modellentwicklung
1.1. Prolegomena
1.1.1. Problemstellung
1.1.2. Korpus und Thema
1.1.3. Quellen- und Literaturlage
1.1.4. Aufbau der Arbeit
1.2. Theoretische Ansätze
1.2.1. Abgrenzung
1.2.2. Begriffsbildung
1.2.3. Stephan Zoll
1.3. Mein Imagotypbegriff: Résumé

2. Analyse
2.1. Jürg Reinhart (1934)
2.1.1. Imagotypen
2.1.2. Funktionen der Imagotypen in »Jürg Reinhart«
2.2. Frisch als kleinbürgerlicher Heimatdichter
2.2.1. Frisch als a-politischer Zeitgenosse
2.2.2. Beginnende Politisierung
2.2.3. Der a-politische Ästhet
2.3. Als der Krieg zu Ende war (1949)
2.3.1. Sechs Imagotypen
2.3.2. Imagotypen als Mittel und Thema
2.3.3. Der Künstler als Zeitgenosse
2.4. Andorra (1961)
2.4.1. Drei Arten Imagotypen
2.4.2. Andris Wandel
2.4.3. Ausgrenzung durch positive und negative Bilder
2.4.4. Fragen zu »Andorra«
2.4.5. Politisierung und Parabel

3. Von Stambul nach Andorra

A. Bibliographie
A.1. Werkausgaben
A.2. Interviews und Briefwechsel mit Max Frisch
A.3. Forschungsliteratur und Lexika

1.Theorie und Modellentwicklung

1.1. Prolegomena

1.1.1. Problemstellung

1955 hat Frisch zwei ehrgeizige Ziele erreicht: Er ist ein international bewunderter Schriftsteller und ein national bekannter Architekt und Architekturtheoretiker geworden. Er hat einen großen Weg vom kleinbürgerlichen Heimatdichter zum europäischen Intellektuellen zurückgelegt.1

So lautet Urs Birchers These in seiner aktuellen Biographie zu Max Frisch. Bir- chers These vom Wandel voraussetzend untersuche ich eine Epoche in Frischs Schaffen auf einen besonderen Aspekt hin: den Funktionswandel von »Imago- typen«. Ich versuche zu zeigen, daß der Wandel des Schriftstellers Frisch vom »kleinbürgerlichen Heimatdichter« zum »europäischen Intellektuellen« mit ei- nem künstlerischen Wandel einherging, der auch an der veränderten Funkti- on von Stereotypen und Clichés in Frischs Werk nachweisbar ist. Bircher ex- egiert Frischs Œuvre in seiner Biographie, um durch die Lektüre der Werke et- was über das Leben des Autors zu erfahren. Im Gegensatz dazu nehme ich die sich verändernde Ästhetik Frischs in den Blick und greife dabei nur partiell auf Frischs Biographie zurück. Natürlich kann die Biographie eines Schriftstellers - insbesondere eines Schriftstellers, der selbst lebenslang sein Thema war - nur unter ausführlichem Bezug auf seine Werke geschrieben werden. Genauso liefert umgekehrt jede Untersuchung der Werke immer auch neue Erkenntnisse über die Person des Autors. Der entscheidende Unterschied besteht aber darin, daß Bircher für seine Biographie die Person Frisch fokussiert, ich hingegen für einen historischen Abriß der sich verändernden Ästhetik Frischs einige ausgesuchte Werke in den Mittelpunkt meiner Arbeit rücke.

Ich will folgenden Gegensatz aufzeigen: Für das Werk des kleinbürgerlichen Hei- matdichters Frisch ist eine unkritische und unreflektierte Verwendung nationaler und ethnischer Stereotypen und Clichés kennzeichnend. Dagegen thematisieren im Werk des europäischen Intellektuellen bestimmte Figuren nationale und eth- nische Stereotypen und Clichés bewußt und absichtsvoll, um sie begründet ab- zulehnen.2 Zur Beschreibung nationaler und ethnischer Bilder und Vorurteile in Frischs Werk übernehme ich den Begriff »Imagotyp« von Heinrich Olschowsky. Olschowsky unterscheidet zwischen dem »Imagotypen«, d. h. dem Bild der anderen Nation, das als Element der ästhetischen Struktur eines literarischen Werkes fungiert, und dem nationalen »Stereotyp« als [. . . ] Be- standteil des gesellschaftlichen Bewußtseins und Untersuchungsobjekts der Sozi- alwissenschaften.3

Im theoretischen Teil meiner Arbeit erfolgt eine Begriffsklärung und Modifikation des Imagotypbegriffs für den Beleg meiner These. Die Modifikation ergibt sich aus methodischen Schwächen der vorliegenden Analysemodelle und der Notwen- digkeit, den Imagotypbegriff zur Beschreibung der Imagotypen an Frischs Werk anzupassen.

1.1.2. Korpus und Thema

Meine Wahl der zu untersuchenden Werke Frischs ergibt sich erstens aus dem Zeitraum, innerhalb dessen Bircher Frischs Wandel nachzeichnet. Der erste Band der Biographie Frischs umfaßt die Jahre 1911 - 1955. Zweitens ist der Funktionswandel von Imagotypen anhand der ausgewählten drei Werke besonders augenfällig. Es handelt sich um den Roman Jürg Reinhart von 1934 und die Dramen Als der Krieg zu Ende war von 1949 und Andorra von 1961.4 Drittens untersuche ich sowohl Dramen als auch Romane Frischs, weil die untersuchungsrelevanten Phänomene in Werken beider Gattungen nachweisbar sind.

Thematisch halte ich den Nachweis des Funktionswandels von Imagotypen als In- diz der Wandlung Frischs auf der künstlerischen Ebene für heuristisch fruchtbar: Ich zeige, daß Frischs Wandlung vom kleinbürgerlichen Heimatdichter zum euro- päischen Intellektuellen 5 auch in einem stark veränderten Kunstverständnis nach- weisbar ist. Nach Bircher begann Frisch seine literarische Karriere alsüberzeugter bürgerlicher und apolitischer Dichter. 6 Er habe sich im Lauf eines Vierteljahr- hunderts zum Schriftsteller gewandelt, der in seinen fiktionalen Werken dezidiert politische Aussagen traf; zum Beispiel in Als der Krieg zu Ende war, Biedermann und die Brandstifter, Andorra und der Kritik an der Schweizer Architekturpo- litik in Stiller. Ich will belegen, daß die künstlerische Wandlung Frischs auch mit der veränderten Verwendung ästhetischer Mittel in seinen fiktionalen Werken einherging.7 Für den untersuchungsrelevanten Zeitraum gliedere ich Frischs Entwicklung grob in drei Phasen:

1. 1931 - 1939; Von 1931 bis 1939 einschließlich bezeichne ich Frisch als kleinbürgerlichen Heimatdichter. Der Zeitraum beginnt mit der ersten Pu- blikation Mimische Partitur? in der Neuen Züricher Zeitung 8 am 27. 5. 1931 und endet mit den Notizen Aus dem Taschenbuch eines Soldaten 9 im De- zember 1939.

2. 1939 - 1949; Den Zeitraum von 1939 - 1949 nehme ich als Zeit des Übergangs an. Er beginnt mit Frischs aktivem Wehrdienst nach der Generalmobilmachung am 1. 9. 1939 und endet mit der Uraufführung seines Stücks Als derKrieg zu Ende war am 8. 1. 1949.10

3. Ab 1949 kann man Frisch mit Als der Krieg zu Ende war und seinem 1950 erschienenen Tagebuch 1946 - 1949 als europäischen Intellektuellen bezeich- nen, der sowohl unter Verwendung einiger immer wiederkehrender Motive und Themen literarisch Stellung zu Fragen der Zeit nahm, als sich auch außerliterarisch politisch klar positionierte.

1.1.3. Quellen- und Literaturlage

In der jüngsten, zweibändigen Biographie über Frisch von Urs Bircher werden die Entwicklung und Entfaltung des Œuvres Frischs und seine Stellung in der deutschsprachigen Literatur ausführlich behandelt. Im ersten Band Vom lang-samen Wachsen eines Zorns. Max Frisch 1911 - 1955 beschreibt Bircher Frischs Weg vom einen Rand der Gesellschaft, einer bornierten, konservativen [. . . ] zum anderen Rand [. . . ] durch sein Denken 11 und leistet so einen Beitrag zu einer historisch-soziologisch fundierten Einordnung und Erklärung 12 Frischs und seines Werkes. Einen zweiten Beitrag liefert Bircher, indem er Frischs Texte unter der zentralen Fragestellung interpretiert: Warum schrieb Frisch in dieser Situation diesen Text in dieser Form? 13 Dazu liest er Frischs Texte in erster Linie vor ih-rem historisch-biographischen Hintergrund auf ihre Erfahrungsmuster hin 14 und bezieht so Leben und Werk Frischs aufeinander. Wegen ihrer Aktualität und ihres großen Umfangs in zwei Bänden werde ich mich vorrangig auf das Werk Birchers beziehen. Die gut geschriebene Biographie Volker Hages wird vermutlich auch weiterhin als einführende Lektüre im Deutschunterricht der Oberstufe Verwen- dung finden. Leider geht sie kaum auf Frischs Werke und den Zeithintergrund ein und liefert an Biographischem nur das, was Frisch selbst über sich geschrieben und Hage im Interview berichtet hat. Wie die Biographie Alexander Stephans von 1983 ist Hages Biographie trotz der Überarbeitung 1997 mit dem Erscheinen der zwei Bände Birchers obsolet.

Im Vorwort bedauert Bircher, daß der chronologische Ansatz seiner Arbeit weit- gehend die Darstellung übergreifender Entwicklungen verunmögliche, obwohl the- matische Längsschnitte [. . . ] bei einem Schriftsteller, dessen Themenreservoir le-benslang sehr beschränkt war besonders aufschlußreich seien15. Bircher kündigte darum einen dritten Band an, der Essays verschiedener Autorinnen und Autoren zuübergreifenden Problemen, die in den ersten beiden Bänden zu kurz kommen, versammeln sollte.16 Daß er nicht erschien, liegt zweifellos daran, daß es innerhalb der unüberschaubaren Forschungsliteratur zu Leben und Werk Frischs bereits vorher Längsschnitte zu zentralen Themen seiner Werke gab.17 Die wichtigsten wurden wiederholt gesammelt und sind in drei Bänden greifbar; Über Max Frisch 1971 von Thomas Beckermann, Max Frisch II 1976 sowie eine Auswahl von Beiträgen beider Bände in Max Frisch 1987, beide herausgegeben von Walter Schmitz. Die gesammelten Arbeiten decken ein breites Themenspektrum und die bekannten Werke Frischs seit den vierziger Jahren ab. Neben einzelnen Aufsätzen der drei Bände gibt es zu Andorra Monographien für schulische und wissenschaft- liche Zwecke.

Als Frischs erste Buchveröffentlichung und frühes Dokument der Bilder und Denk-muster [. . . ], auf die Frisch in späteren Jahren immer wieder zurückkommt 18 wird Jürg Reinhart in den Biographien am Rand rezipiert. In seiner linguistischen

1.1. Prolegomena

Arbeit zum Verhältnis von Mundart und Schriftsprache bei Max Frisch nimmt Schenker 1969 den Erstling Jürg Reinhart genauso in den Blick wie knapp 15 Jah- re später Christiane Regenbrecht. Birchers biographischen Ansatz antizipierend interpretierte Regenbrecht 1983 in ihrer Hamburger Magisterarbeit Jürg Rein-hart als Darstellung der eigenen Ich-Schwäche Max Frischs. Sekundärliteratur zu Als der Krieg zu Ende war kann ich außer den Kritiken der Aufführungen nicht nachweisen.

Für die Entwicklung meines Imagotypbegriffs konzentriere ich mich auf literatur- wissenschaftliche [Olschowsky 2002, Zoll 2002] und linguistische Arbeiten [Telus 2002], die neben einer knappen Skizze zum Forschungsstand über Stereotypen [Hahn / Hahn 2002] im Sammelband Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen von Hans Henning Hahn publiziert sind.

1.1.4. Aufbau der Arbeit

Ich entwickle einen Imagotypbegriff, indem ich Imagotypen als literaturwissen- schaftlichen Forschungsgegenstand von Stereotypen als Untersuchungsgegenstand anderer Disziplinen abgrenze. Ich untersuche Frischs Werke in der Reihenfolge ih- res Erscheinens auf die vorkommenden Imagotypen. Mit den Ergebnissen meiner Untersuchung weise ich den Funktionswandel der Imagotypen bei Frisch nach. Die unterschiedliche Funktion von Imagotypen in den Werken Frischs interpre- tiere ich als Indiz für eine Änderung der Ästhetik Frischs. Den Befund der drei Werke stütze ich jeweils mit einer überblicksartigen Darstellung weiterer Arbeiten Frischs aus dem jeweiligen Zeitraum.

Meine These lautet: Während Frisch in Jürg Reinhart unkritisch nationale und ethnische Stereotypen und Clichés verwendet,19 thematisiert er in Als der Kriegzu Ende war nationale und ethnische Stereotypen und Clichés bewußt und absichtsvoll, um sie begründet abzulehnen. Andorra ist neben Als der Krieg zu Endewar das zweite wichtige Werk Frischs in der kritischen Auseinandersetzung mit nationalen und ethnischen Stereotypen und Clichés.

1.2. Theoretische Ansätze

1.2.1. Abgrenzung

Im Aufsatz Die Literatur und das nationale Stereotyp. Tadeusz Różewiczs und die Deutschen 20 stellt der Literaturwissenschaftler Heinrich Olschowsky den Stereotypbegriff als Beschreibungsobjekt verschiedener Wissenschaften dar.21 Ein als »Stereotyp« bezeichneter Untersuchungsgegenstand wird in der Sozio- logie, Psychologie, Geschichtswissenschaft und der Linguistik behandelt. Die zentrale methodologische Frage nach der Abgrenzung des Untersuchungsgegen- standes »Stereotyp« in der Literaturwissenschaft vom Untersuchungsgegenstand der außerliterarischen Disziplinen wurde nach Meinung Olschowskys falsch beantwortet, weil [. . . ] die Kategorie des Stereotyps, wie sie außerhalb der Literatur funktioniert, als voraussetzungslos gegeben und für die eigene Dis-ziplin verwendbar angenommen wurde.22 Weil Olschowsky zwar Stereotypen als literaturwissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand vom Stereotypbegriff außerliterarischer Disziplinen unterscheidet, aber anschließend keinen eigenen, literaturwissenschaftlichen Stereotypbegriff entwickelt, ist die zusätzliche Über- nahme einer linguistischen Begriffsbestimmung nötig.

Im Aufsatz Gruppenspezifisches Stereotyp. Ein textlinguistisches Modell 23 konstatiert die Linguistin Magda Telus dasselbe Problem für die Linguistik:

Ein grundsätzlicher Fehler der bisherigen Stereotypenforschung beruht auf der Vermengung von petrifizierten Denkinhalten wie Vorurteil und soziales Ideal ei- nerseits [. . . ] mit verallgemeinernden Äußerungen über Menschengruppen ande- rerseits.24

Sie widerspricht damit dezidiert Uta Quasthoff, welche die Identität der For- schungsgegenstände der Linguistik und der Sozialwissenschaften postuliert.25 Mit zehn Beispielen verdeutlicht Telus den Unterschied zwischen den Untersuchungs- gegenständen der Linguistik und außerlinguistischen Disziplinen. Sie stellt fünf Ausschnitten (1a) - (5a) aus dem Roman Moskva 2042. Satiričeskaja povest’ 26 fünf Beispiele (1) - (5) gegenüber, die Reduktionen der Ausschnitte darstellen; Reduktionen auf einen Gruppen-, einen Eigenschaftsnamen und eine Relationzwischen ihnen, enthalten in der Prädikation. 27 Praktisch reduziert Telus beispielsweise den Ausschnitt (3a) »Wie ich später erfuhr, war diese ganze Geschichte über das gebrochene Bein eine glatte Lüge. Rudi hat einfach Angst gehabt, mir Geld zu leihen. Millionäre, wie ich gemerkt habe, sind überhaupt geistlose Menschen«28 auf die Prädikation »Millionäre sind geistlos«29. Die Prädikation stelle eine ste- reotype Eigenschaftszuschreibung der Form dar, wie sie oft als konstruiertes Bei- spiel in Arbeiten über soziale Stereotypen und Vorurteile auftauche.30 Ausführlich beschreibt Telus die Belege aus dem Roman als Beispiele, wie Stereotypen tat- sächlich sprachlich realisiert werden, im Unterschied zur verkürzten Prädikation. Mit den Unterschieden zwischen (1) - (5) einerseits und (1a) - (5a) andererseits erklärt Telus ihr Postulat, daß nur Stereotype der Art (1a) - (5a), also nur die realisierten Stereotype, einen genuinen Gegenstand der linguistischen Stereoty-penforschung ausmachen 31.

Um sprachlich realisierte Stereotypen als Untersuchungsgegenstand der lingui- stischen Stereotypenforschung von den Forschungsgegenständen anderer Wis- senschaften abzugrenzen, bezeichnet Telus sie als »gruppenspezifische Stereoty- pen«:32

Ein »gruppenspezifisches Stereotyp« ist eine realisierte Zuordnungsrelation zwischen der Bezeichnung für eine soziale Gruppe und einer oder mehreren Bezeichnungen für kontingente Eigenschaften.33

Ein »gruppenspezifisches Stereotyp« läßt sich zwar logisch als Prädikation einer Eigenschaft über eine Gruppe beschreiben, die grundlegende Prädikation tritt aber immer im Rahmen einer ebenfalls zu analysierenden Kommunikation auf. Das wird bereits bei Telus’ kurzer Beschreibung der Beispiele (1a) - (5a) deutlich, die eine Vielfalt erkennen lassen, die in den»reduzierten«Beispielen nicht zu finden ist. 34

1.2.2. Begriffsbildung

Ich übernehme zwei Eigenschaften »gruppenspezifischer Stereotypen« für meine literaturwissenschaftliche Begriffsbildung:

1. Bei Stereotypen als literaturwissenschaftlichem Untersuchungsgegenstand handelt es sich wie bei gruppenspezifischen Stereotypen nur um die in ei- ner natürlichen Sprache realisierte Zuordnungsrelation 35 [. . . ] zwischen der Bezeichnung für eine soziale Gruppe und einer oder mehreren Bezeichnun- gen für kontingente Eigenschaften. 36

2. Für Stereotypen als literaturwissenschaftlichem Untersuchungsgegenstand gilt wie für gruppenspezifische Stereotypen, daß sie nur innerhalb einer Kommunikationssituation entstehen.

Statt der Entwicklung eines eigenen Imagotypbegriffs, den Olschowsky offenbar als bekannt voraussetzt, referiert er einen Vorschlag Zofia Mitoseks, um das Ver-hältnis zwischen dem literarischen und dem außerliterarischen Bereich genauer zu fassen. Von Mitoseks Vorschlag ausgehend lasse sich die Relation zwischen dem literarischen Image und dem soziologisch definierten nationalen Stereotyp vereinfacht in drei Varianten fassen. 37 Wahlweise stifte die Literatur nationale Stereotypen, bestätige oder destruiere sie.38 Der von Olschowsky vorausgesetzte Imagotypbegriff ist indirekt aus einem seiner Beispiele als Prädikation über eine nationale Gruppe erkennbar: Das Bild vom Deutschen [. . . ] war das des»ewigen Feindes, mit dem jeglicher Kompromißausgeschlossen war« 39. Mit dem Imago- typ wird über die »Deutschen« als nationaler Gruppe die Eigenschaft prädiziert, der »ewige Feind zu sein, mit dem jeglicher Kompromiß ausgeschlossen war«40. Olschowsky trifft nur eine terminologische Unterscheidung zwischen dem »Imagotyp«, d. h. dem Bild der anderen Nation, das als Element der ästhetischen Struktur eines literarischen Werkes fungiert und dem nationalen »Stereotyp« als einem Bestandteil des gesellschaftlichen Bewußtseins und Unter- suchungsobjekts der Sozialwissenschaften [. . . ] Mit dem Eintritt in den literarischen Text verändert das Stereotyp seinen Status. Auf welcher Ebene des ästhetischen Werkganzen es auch aufscheint, seine Bedeutung läßt sich nicht mehr durch unmittelbaren Rückbezug auf die Realität erschließen, es steht unter dem Vorbehalt der Fiktionalität und der ästhetischen Konvention.41

Unter der Annahme, daß es sich bei Imagotypen um die schriftlich ästhetisierte Form von Stereotypen handelt, besitzen Imagotypen und Stereotypen einige gemeinsame Eigenschaften. Die gemeinsamen Eigenschaften lassen sich für die Bildung eines literaturwissenschaftlichen Stereotypbegriffs, als den ich den Begriff Imagotyp nachfolgend verwende, fruchtbar machen:

- Imagotypen zeichnen sich wie Stereotypen durch ihren nur partiellen oder sogar vollkommen fehlenden Realitätsbezug aus. Genau wie Stereotypen ge- ben Imagotypen auf der Bedeutungsebene keine Wirklichkeit oder Realität wieder.42
- Imagotypen enthalten wie Stereotypen Informationen über den Stereotyp- respektive Imagotypbenutzer und keine Informationen über das stereotype respektive imagotype qualifizierte Subjekt. Auch darum ist ein Vergleich des in der Prädikation qualifizierten Subjektes mit etwas anderem nicht hilfreich.

- Analog der Unterscheidung von Auto-Stereotyp und Hetero-Stereotyp nach [Hahn / Hahn 2002] als dem Bild, das man sich von sich selbst macht (samt den Werturteilen, die damit verbunden sind) und dem Bild, das man von den Anderen hat 43, bezeichne ich nachfolgend Imagotypen, mit denen der Sprecher über eine Gruppe prädiziert, der er sich selber zurechnet, als Auto- Imagotypen. Wenn der Pfarrer das Volk der Andorraner - dem er selbst angehört - als friedlich, schwach und fromm bezeichnet, handelt es sich um Auto-Imagotypen [ Andorra 11]. Wenn sich hingegen Horst im Drama Als der Krieg zu Ende war haßerfüllt mit den Verbalinjurien »Russenschweine« und »russische Steppenwölfe« von einer Gruppe abgrenzt, der er sich n i c h t zurechnet, spreche ich von Hetero-Imagotypen.44

Um die Bedeutung von Imagotypen zu bestimmen, können sie wegen ihres Kunst- charakters nicht auf die außerliterarische Realität bezogen werden. Wenn die Be- deutung von Imagotypen nicht [. . . ] durch unmittelbaren Rückbezug auf die au- ßerliterarische Realität zu erschließen ist, fällt auch ein von der literaturwissen- schaftlichen Imagologie vorgeschlagenes Analyseverfahren fort, Imagotypen so-weit als möglich mit der außerliterarischen Realität zu vergleichen, um sie auf einer weiten Urteilsskala zwischen»treffend« [. . . ] »denkbar«und unrealistisch einordnen zu können. 45 Die Bedeutung von Imagotypen ist nur innerhalb eines literarischen Werkes bestimmbar. Dabei sind imagotype Äußerungen des Erzäh- lers von denen der Figuren aus drei Gründen zu unterscheiden:

1. Durch den Erzähler einer fiktionalen Erzählung wird in einer imaginären Kommunikationssituation eine imaginäre Realität geschaffen. Die vom Er- zähler selbst geäußerten Imagotypen konstruieren neben anderen seiner Äu- ßerungen eine Realität, nämlich die Realität seiner Erzählung.46 Die imago- typen Äußerungen des Erzählers können auf die innerliterarische Realität bezogen werden, denn sie sind Teil der konstruierten Realität des literari- schen Werkes, respektive schaffen sie mit.47
2. Unterschiedlich dazu ist die Frage nach dem Realitätsbezug imagotyper Äußerungen einzelner Figuren innerhalb einer Erzählung unergiebig, weil sie analog zu Stereotypen auf der Bedeutungsebene der fiktionalen Erzählung keine wie auch immer geartete Wirklichkeit oder Realität wi e derspiegeln.48
3. Die moderne Stereotypenforschung setzt voraus, daß Stereotypen Informationen über den Stereotypbenutzer und nicht über das mit dem Stereotyp qualifizierte Subjekt enthalten. Das Stereotyp ist [. . . ] Wegweiser [. . . ] zu [. . . ] dem Träger bzw. Benutzer des Stereotyps, zu dessen aktueller Befind-lichkeit und wozu er eigentlich das Stereotyp braucht. 49 Wenn man diese Qualifikation von Stereotypen auch für Imagotypen annimmt, lassen sich zum einen aus den imagotypen Äußerungen des Erzählers Rückschlüsse auf diesen selbst ziehen. Zum anderen charakterisieren sich Figuren innerhalb der Erzählung durch ihre imagotypen Äußerungen, präzise gesprochen cha- rakterisiert sie indirekt der Erzähler, der eine Figur das Imagotyp benutzen läßt.
4. Weil neben anderen Äußerungen auch die Imagotypen des Erzählers die Realität der Erzählung begründen, lassen sich aus den imagotypen Äußerungen des Erzählers nicht nur Schlüsse auf ihn, sondern auch die von ihm geschaffene Realität der Erzählung ziehen. Im Unterschied dazu lassen sich aus den imagotypen Äußerungen der Figuren höchstens Indizien für ihre Sichtweise auf die innerliterarische Realität gewinnen, nicht aber die Realität der Erzählung selbst.

Mit einigen Beispielen wird das theoretische Quartett noch verständlicher. Wenn der »extradiegetisch-heterodiegetische« Erzähler50 in Jürg Reinhart Slawen als von Jugend an besonders untreu und frauenverachtend in ihrem ungezügelten Sexualtrieb darstellt und ihre Geldgier betont, s i n d Slawen im Roman Jürg Reinhart besonders untreu und frauenverachtend in ihrem ungezügelten Sexual- trieb von Jugend an und geldgierig obendrein. Die imagotypen Äußerungen des Erzählers konstruieren die Realität der Erzählung mit.51 So sind die Imagotypen des Erzählers Indizien für die Interpretation, daß Jürg Reinharts Reinheit im Vergleich mit den so dargestellten Slawen umso klarer leuchtet.

Anders ist es hingegen, wenn ein türkischer Teppichhändler Jürg schmeichelt, daß die Schweizer das klügste Volk wären [JR 150]. Um die imagotype Äußerung der Figur zu interpretieren, kann sie erstens nicht in Beziehung zu einem vom Er- zähler als Teil der literarischen Realität des Romans geschaffenen Schweizer-Bild gesetzt und so auf einer Skala zwischen treffend bis unrealistisch eingeordnet wer- den. Zweitens kann die Schmeichelei des türkischen Teppichhändlers aber genau wie imagotype Äußerungen des Erzählers als Wegweiser zum Benutzer des Stereo-typs 52 gebraucht werden. Der Teppichhändler will Jürg Teppiche verkaufen, und um sich Jürg gewogen zu machen, versucht er es neben anderem mit Schmeichelei- en. Daß der realistische Bezug des Imagotyps innerhalb der Erzählung irrelevant ist, wird zum einen angesichts der klar erkennbaren kommunikativen Funktion des Imagotyps im Verkaufsgespräch deutlich.53 Zum anderen charakterisiert der Erzähler, der eine Figur das Imagotyp benutzen läßt, indirekt die Figur so nä- her.54 Die kommunikative Funktion des Imagotyps im Verkaufsgespräch und die kommunikative Funktion zwischen Erzähler und Leser sind zwei Belege dafür, daß die Frage des realistischen Bezugs des Imagotyps innerhalb der Erzählung irrelevant ist. Zusammenfassend ist festzuhalten:

1. Bei Imagotypen geht es um die in einer natürlichen Sprache realisierte Zu- ordnungsrelation 55 [. . . ] zwischen der Bezeichnung für eine soziale Gruppe und einer oder mehreren Bezeichnungen für kontingente Eigenschaften. 56 Mit der in Jürg Reinhart erst von Inge und dann ihrer Mutter geäußerten Phrase »Südländer sind eben anders« [JR 65] werden auf der Textoberfläche die Bezeichnung einer sozialen Gruppe der »Südländer« mit der Zuschrei- bung der »Andersartigkeit« verbunden.
2. Imagotypen entstehen nur innerhalb einer Kommunikationssituation, die interpretativ immer mit einzubeziehen ist. Erst aus der Kommunikations- situation wird nämlich der eigentlich ausgedrückte Imagotyp erkennbar, der als »Südländer sind besonders langsame Faulpelze« paraphrasierbar ist. Aber auch für den Fall, daßdie Schweizer das klügste Volk wären [JR 150], muß die Kommunikationssituation berücksichtigt werden. Nur aus ihr ist feststellbar, daß die auf der Textoberfläche erkennbare Prädikation den Ima- gotyp tatsächlich bereits vollständig ausdrückt und warum ihn der Sprecher benutzt.
3. Die Bedeutung von Imagotypen ist nicht durch Bezug auf die außerliterarische Realität eines Werkes zu bestimmen.
4. Mit seinen imagotypen Äußerungen konstituiert der Erzähler die Realität seiner Erzählung u n d charakterisiert sich selbst.
5. Unterschiedlich dazu enthalten die imagotypen Äußerungen der Figuren keine Informationen über die imagotyp prädizierten Subjekte, sondern nur die Figur selbst, die das Imagotyp benutzt. Mit den imagotypen Äußerun- gen der Figuren charakterisiert der Erzähler die Figuren indirekt näher.

Für eine weitergehende Begriffsbestimmung des Imagotypbegriffs und der Analyse von Imagotypen stelle ich als zweites literaturwissenschaftliches Analysemodell Zolls Klassifikation vor und erkläre dessen methodische Vorzüge und Schwächen. Anschließend entwickle ich ausgehend von den vorgestellten Entwürfen und den Erfordernissen meines Korpus einen eigenen Imagotypbegriff.

1.2.3. Stephan Zoll

Stephan Zoll versteht seinen Aufsatz Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts als Quelle der historischen Stereotypenforschung. Das Beispiel Karl May 57 als menta- litätsgeschichtlichen Beitrag zur Erforschung historischer Stereotypen. Er demon- striert sein Analysemodell anhand eines fünfbändigen Romanzyklus’ Karl Mays, für dessen Werk er eine besonders große Verbreitung annimmt.58 Zoll spricht nur von Stereotypen, ohne sie als literaturwissenschaftlichen Untersuchungsge- genstand vom sozialwissenschaftlichen Stereotypbegriff abzugrenzen. Er bezieht sich nur auf nationale Stereotypen. Ausgehend von Quasthoff 197359 beschreibt Zoll fünf Klassen von Stereotypen in einem literarischen Korpus. Die fünf Klassen graduiert er nach ihrer »Sicherheit«; also wie fest ein Stereotyp im Bewußtsein des Entäußerers verankert ist, wie stark er selber an es glaubt. 60 Praktisch belegt er die »Sicherheit von Stereotypen« damit, wie deutlich ein Stereotyp auf der Textoberfläche erkennbar ist. Das abstufende Kriterium der »Sicherheit von Ste- reotypen« ist also die mehr oder minder deutliche Sichtbarkeit einer Prädikation auf der Textoberfläche. Für meinen Imagotypbegriff verwende ich das Kriteri- um der Sichtbarkeit einer Prädikation auf der Textoberfläche, das Zolls Modell zugrundeliegt.

Zolls Modell selbst verwende ich aus mehreren Gründen nicht: Erstens geht es mir darum, Imagotypen in Frischs Texten nachzuweisen und ihre Funktion zu beschreiben. Dafür trägt eine Klassifikation in Frischs Texten nichts aus. Zweitens unterscheidet Zoll Imagotypen als literaturwissenschaftlichen Unter- suchungsgegenstand nicht vom Stereotypbegriff anderer Wissenschaften. Drit- tens versucht Zoll mit seinem Modell vielmehr historische, mentale Strukturen anhand der Analyse eines Werkes der Trivialliteratur zu belegen. Anders als Zoll bezweifle ich, mit der Differenzierung verschiedener Stereotypen [. . . ] ei-ne Meßlatte für die Sicherheit und Ernsthaftigkeit der stereotypen Vorstellung eines Autor s61 zu haben. 62 Viertens sind bestimmte Imagotypen mit Zolls Klas- sifikation nicht erfaßbar, wie ich am konkreten Beispiel in Jürg Reinhart 65 belege.63 Die »Blindheit« von Zolls Modell gegenüber bestimmten Stereotypen - wie analog bestimmten Imagotypen - rührt daher, daß Zoll den interpretato- rischen Anteil bei der Beschreibung von Stereotypen möglichst gering zu halten sucht.64

1.3. Mein Imagotypbegriff: Résumé

Aus dem Referierten ergibt sich für meinen Imagotypbegriff:

1. Imagotypen sind in einer natürlichen Sprache realisierte Zuordnungsrela- tion en65 [. . . ] zwischen der Bezeichnung für eine soziale Gruppe und einer oder mehreren Bezeichnungen für kontingente Eigenschaften. 66
2. Sie entstehen nur innerhalb einer Kommunikation. Die Kommunikation ist interpretativ mit einzubeziehen.
3. Die Bedeutung von Imagotypen ist n u r durch Bezug auf die innerliterarische Realität eines Werkes zu bestimmen.
4. Analog der Unterscheidung von Auto-Stereotyp und Hetero-Stereotyp kön- nen Imagotypen danach unterschieden werden, ob eine Figur sich imagotyp über eine Gruppe äußert, der sie sich selbst zurechnet oder von der sie sich gerade a b g r e n z t.
5. Imagotypen sind nach ihrer Sichtbarkeit auf der Textoberfläche unterscheid- bar.
6. Mit dem Kriterium der Sichtbarkeit auf der Textoberfläche unterscheide ich zwei Klassen Imagotypen: zum einen die eindeutig auf der Textebene er- kennbaren Imagotypen und zum anderen die interpretativ zu erschließenden Imagotypen. Beide Klassen stelle ich unten vor.

Weil es mir um sprachliche Zuschreibungen von Eigenschaften über Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft oder Abstammung geht und darum, wie die Zu- schreibungen in bestimmten Werken Max Frischs funktionalisiert sind, fallen zwei wesentliche Unterscheidungen weg: Erstens unterscheide ich n i c h t den Nationen- begriff in einen vormodernen und einen modernen. Zweitens unterscheide ich auch nicht zwischen Volk und Nation, sondern verstehe beide Begriffe als Bezeich- nung einer Menschengruppe in Abhängigkeit ihrer Herkunft oder geographischen Lage. Ich verstehe als Imagotypen alle wertenden Eigenschaftszuschreibungen über bestimmte soziale Gruppen innerhalb fiktionaler literarischer Werke. Un- ter meinen Imagotypbegriff fallen sowohl p o s i t i v als auch n e g a t i v wertende Eigenschaftszuschreibungen, also beispielsweise imagotype Äußerungen wie, daß die Schweizer das klügste Volk wären [JR 150] als auch rüde verbale Ausfälle wie Russenschweine [KZE 18]. Die wertende Komponente im Definiens des Imagotyp- begriffs ist notwendig, damit nicht auch beispielsweise rein statistische Angaben darunter fallen wie: »Der Deutsche besaß im Jahr 2000 eine durchschnittliche Lebenserwartung von 65 Jahren«. Die sozialen Gruppen meines Imagotypbegriffs sind Nationen, Völker, als Juden bezeichnete Personen und Vertreter einzelner geographischer Regionen.67 Die Erweiterung des Imagotypbegriffs um als Juden bezeichnete Figuren ist Andorra geschuldet,68 die Erweiterung um Vertreter ein- zelner geographischer Regionen trägt den Zuschreibungen über »Südländer«, Sla- wen und »Balkanmenschen« in Jürg Reinhart Rechnung.

Grammatisch steht das Subjekt einer imagotypen Prädikation entweder im Plural - die Russen, die Slawen - oder der Singular ist syntaktisch - »der Jud schachert« - oder kontextuell als »singularis pro plurali« erkennbar.

Das Kriterium der Sichtbarkeit anwendend ergeben sich mehrere Klassen von Prädikationen. Unter die erste Klasse fallen die auf der Textebene eindeutig er- kennbaren wie daßdie Schweizer das klügste Volk wären [JR 150].

Unter die zweite Klasse fallen interpretativ zu erschließende Imagotypen wie »Südländer sind besonders langsame Faulpelze« die in der Form n i c h t im Text stehen. Im Text taucht lediglich zweimal die ima- gotype Form Südländer sind eben anders [JR 65] auf. Anders als eindeutig auf der Textebene erkennbare Prädikationen sind interpretativ zu erschließende Imago- typen immer z w e i t e i l i g: sie bestehen aus einer Prädikation - in dem Fall Süd- länder sind eben anders - und dem Kontext, der die imagotype Interpretation der Prädikation erst ermöglicht. Das Imagotyp »Südländer sind besonders langsame Faulpelze« besteht aus der eindeutig auf der Textebene erkennbaren Prädikation Südländer sind eben anders und dem Kontext. Weil das ausgedrückte Imagotyp erst im Kontext, in dem es von einer Figur geäußert wird, aussagekräftig wird, betrachte ich den Kontext als zweiten Teil der imagotypen Äußerung.69

Auch die Fälle, in denen e i n z e l n e n Vertretern einer sozialen Gruppe e i n m a l oder m e h r m a l s eine Eigenschaft zugeschrieben wird u n d aus dem Kontext hervorgeht, daß sie nach Meinung des Sprechers aber a l l e n Gruppenmitgliedern zukommt, subsumiere ich unter interpretativ zu erhebende Imagotypen.70 Weil auch solche Imagotypen nur kontextuell erkennbar und interpretierbar sind, be- trachte ich den Kontext ebenfalls als zweiten Teil der imagotypen Äußerung.

Die Prädikationen über türkische Händler, die rauchend oder kaffeenippend [. . . ] aus ihren Buden [. . . ] krabbelten [JR 149] und als schnorrende Menge [ebd.] be- schrieben werden, sind hingegen weder der ersten noch zweiten Klasse zuzuord- nen. Sie sind keine eindeutig auf der Textoberfläche erkennbaren Imagotypen, denn die Prädikationen sind k e i n e Zuschreibungen a l l e r Mitglieder einer Na- tion oder eines Volkes, sondern nur e i n z e l n e r Mitglieder, in diesem Fall eini- ger Händler. Die Prädikationen sind auch k e i n e interpretatorisch erhebbaren, zweiteiligen Imagotypen, denn aus dem Kontext ist nicht ersichtlich, daß die Be- schreibungen nach Meinung des Erzählers allen Türken zukommen.

Schließlich verstehe ich Imagotypen als immer im Rahmen einer ebenfalls zu analysierenden Kommunikation auftretende. In den zu untersuchenden Werken Frischs sind zwei zu analysierende Kommunikationsarten gegeben:

1. Die erste Art umfaßt alle Kommunikationen einzelner Figuren auf der Ebe- ne der Erzählung, beispielsweise in Jürg Reinhart Jürg mit der holländischen Gräfin, Jürg mit Hilde oder das Freifräulein Inge von Woerlach mit ihrer Mutter.
2. Die zweite Kommunikationsart ist narratologisch als imaginäre Kommuni- kationssituation beschreibbar, in der ein Erzähler zum Leser spricht.

Als Kommunikation verstehe ich symbolisches, partnerorientiertes, absichtsvolles Verhalten eines Menschen.71 Die Analyse der Kommunikationssituation erfolgt immer dreischrittig: Im ersten Schritt gehe ich von der Figurenrede als erster Kommunikationsart aus, wie sie im Gespräch zweier Figuren auf der Ebene des Textes beschreibbar ist. Im zweiten Schritt ergänze ich meine Darstellung der ersten Kommunikationsart um die Beschreibung des situativen Umfeldes der Fi- gurenrede. Im dritten Schritt analysiere ich die Kommunikation auf der Figure- nebene im Zusammenhang des Werkes, um Einsichten in die zweite Kommunika- tionsart, also die Kommunikation des Erzählers mit dem Leser, zu gewinnen.

Zur zweiten Kommunikationsart, der Kommunikation des Erzählers mit dem Le- ser, ist festzuhalten, daß ich als Erzähler n i c h t die reale Person des 1991 ver- storbenen Schweizer Autors Max Frisch verstehe.72 Die Trennung des Erzählers in Frischs Texten von der realen Person des Autors Max Frisch ist wichtig, um die in Max Frischs Texten auffindbaren Imagotypen und Meinungen nicht mit den Meinungen des Autors Max Frisch zu verwechseln. So sehr Frischs Schreiben lebenslang stark autobiographisch geprägt war, so verkennte man doch den arti- fiziellen Charakter seiner Werke, läse man sie als unverblümte Darstellungen der Meinungen des Autors Max Frisch selbst. Ich schließe aus den Funktionen dervon den Erzählern der jeweiligen Werke verschieden verwendeten - Imagotypen in Frischs Werken n u r auf die Ästhetik Max Frischs. Meine Schlüsse stütze ich durch den Rückgriff auf weitere literarische und nicht-literarische Publikationen Frischs im jeweiligen Zeitraum73.

2. Analyse

Mit der Annahme des Funktionswandels der Imagotypen in Frischs Werken nehme ich gleichzeitig an, daß die Imagotypen in jedem der Werke bestimmte Funktionen erfüllen. Die Funktionszuschreibungen erfolgen vor dem Hintergrund einer bestimmten Interpretation der Werke.

2.1. Jürg Reinhart (1934)

Jürg, der Titelheld des Romans, ist in jeder Hinsicht der Doppelgänger des jungen Max. 74 »Jürg Reinhart«ist ein Reise- und Künstlerroman im Gewand eines Er- ziehungsromans. 75 Frisch bezeichnete ihn später als »sehr jugendlichen Roman« [. . . ], »der ganz im Autobiographischen stecken bleibt«, und»als Autobiographie einfach nicht ehrlich genug, also von daher nicht interessant« 76 sei. Jürg Reinhart ist ein Schweizer Zeitungsschreiberlein [JR 13] auf der Suche nach der großen, ihn zum Mann machenden Tat. Dazu unternimmt Reinhart eine längere Reise auf dem Balkan, welche er durch Beiträge für Zeitungen finanziert, die er während der Reise schreibt. In einer kleinen deutschen Pension in Ragusa (Dubrovnik) werden Reinhart nacheinander drei Frauen vorgestellt, die ihm die Möglichkeit bieten, seine ihn als Versagen beschämende Jungfräulichkeit endlich loszuwerden.

Während er anfänglich Skepsis empfindet vor dem Intimverkehr mit einer Frau als Mittel der Mannwerdung77 verwandeln sich die Zweifel durch die Erfahrungen mit den drei Frauen in klare Ablehnung, daß er die große männliche Tat wenigstens negativ bestimmen kann: Man wird nicht Mann durch die Frau [JR 123f.]78 Der Roman Jürg Reinhart besteht aus drei Teilen. Im ersten und längsten [JR 6 - 116] begegnet Jürg nacheinander drei Frauen, die als potentielle Partnerinnen in Betracht kommen.

2.1.1. Imagotypen

Südländer sind eben anders

Als das neue Dienstmädchen Hilde, die zweite der drei Frauen, im Hafen Ra- gusas79 eintrifft, wird ein Angestellter des Hauses mit einer Barke zur Anlege- stelle geschickt, um sie abzuholen. Der als »Lohndiener« Bezeichnete wird beim Rudern zur Anlegestelle als braune s Muskelbündel, das die Ruder geradezu ins Wasser peitschte und die Barke vorwärtsriß [JR 24] beschrieben. An der Anle- gestelle erkennt ihn Hilde an seiner Mütze, die den Namen der Pension Solitudo trägt. Allerdings verstand er kein einziges deutsches Wort, dieser Lohnbursche, der ein schneeweißes Grinsen zeigte und schwarze Sammetaugen, die nicht ge-nug bekamen von ihrer Blondheit [JR 25f.] Die erste Charakterisierung als brau- nes Muskelbündel könnte genauso ein Tier beschreiben, und auch in der zwei- ten Passage bekommt der Lohndiener nur andeutungsweise menschliche Züge; immerhin wird indirekt unterstellt, daß er eine Sprache spräche, wenn auch nicht Deutsch. Im übrigen wird er auf die Farbe seiner Zähne und Augen reduziert und als auffallend interessiert an Hildes blondem Haar beschrieben. Die Charakteri- sierung ist eingängig und läßt kaum ein menschliches Individuum erkennen. Um Imagotypen handelt es sich jedoch nicht, sondern nur um die abwertende Charak- terisierung einer einzelnen Person. In einer späteren Szene taucht der Lohndiener wiederum auf, als er die Barke morgens nach einem schweren Sturm ausschöpft:

Gelassen hockte der Lohndiener in der Barke, die einer Badewanne glich, und schöpfte [. . . sie] aus. Mit langsamen Bewegungen und überlegenem Lächeln. Und keine Bitte, kein Schimpfen hätten ihn aus seiner Regelmäßigkeit bringen können [. . . Die] Holländer sollen eine vernichtende Bemerkung zurückgelassen haben, weil sie infolgedessen nicht zum Hafen fahren konnten! Doch hatte sich der Lohndiener niemals eingelassen mit solchen Halbmenschen, die nichts verstanden von Seefahrt.

Achtzehnjährig war der schöne Bengel, schon manchenorts Vater. Und wenn dann die Mutter von Hinauswerfen sprach, weil sich seine geheimnisvolle Familie neulich wieder vergrößert haben sollte, tröstete Inge jedesmal: Südländer sindeben anders! Nun stand Inge [...] am Steg, schimpfte verzweifelt, was zur Folge hatte, daß der Bursch überhaupt aussetzte und mit schneeweißem Grinsen zuhörte, wie man ihn einen langsamen Faulpelz tadelte. Dann lächelte die Mutter: Südländer sind eben anders80, Inge [JR 64f.]

Anders als in der ersten Szene ist die Figur des Lohndieners durch die Zuschrei- bung negativer Eigenschaften hier eindeutig als Mensch erkennbar. Die Darstel- lung der Figur besteht neben der Schilderung rein Äußerlichem in der Zuschrei- bung von Faulheit, Überheblichkeit und sexueller Triebhaftigkeit. Mit langsamen Bewegungen schöpft er die Barke aus u nd keine Bitte, kein Schimpfen hätten ihn aus seiner Regelmäßigkeit bringen können. Im Zusammenhang der Szene wird die »Regelmäßigkeit« als nicht etwa zu lobende Tugend, sondern vielmehr als zu tadelnde Faulheit erkennbar, wenn der Lohndiener angesichts des Schimpfens schließlich ganz aufhört zu schöpfen [JR 64f.] Das wiederholte Grinsen und über- legene Lächeln ist als Überheblichkeit interpretierbar, weil der Lohndiener die Gäste, die er nicht zum Hafen gefahren hatte, als Halbmenschen, die nichts ver-standen von Seefahrt [JR 65f.] verachtet. Der Erzähler betont die Überheblichkeit des Lohndieners noch, indem er dem Lohndiener eine negative Generalisierung über »Halbmenschen« zuschreibt.

Die sexuelle Triebhaftigkeit wird durch seine ständig neuen Vaterschaften an verschiedenen Orten deutlich und paßt auch gut zu seinem deutlichen Interesse an Hildes blondem Haar [JR 26]. Alles bestätigt den negativen Eindruck, den die Beschreibung des Lohndieners in der ersten Szene ansatzweise gab. Weil Faulheit, Überheblichkeit und sexuelle Triebhaftigkeit nur einer Person zugeschrieben werden, handelt es sich nicht um Imagotypen. Erst im Zusammenhang der ima- gotypen Formulierung »Südländer sind eben anders« werden zwei Imagotypen über Vertreter einer geographischen Region erkennbar. Das Partikel »eben« ist ein deutliches Signal der Hervorhebung des Bezugswortes »anders«, wodurch inhaltlich die Andersartigkeit der »Südländer« betont wird.81

1. »Südländer sind besonders untreu und sexuell ungezügelt«

Im ersten Fall tröstet Inge ihre Mutter, Freifrau von Woerlach, mit der Formulie- rung »Südländer sind eben anders«, als die Mutter den Lohndiener nach einer er- neuten, nicht offiziellen Vaterschaft wieder einmal hinauswerfen will. Die Anders- artigkeit der »Südländer« besteht danach in ihrem anderen Umgang mit Frauen. Sie leben ungebremst und mit ständig wechselnden Partnerinnen ihre Sexualität aus. Inge generalisiert so indirekt die Untreue und Geilheit des Lohndieners als für die soziale Gruppe der »Südländer« besonders typisch. Die Bedeutung des so rekonstruierten ersten Imagotyps kann sinngemäß wiedergegeben werden als »Südländer sind besonders untreu und sexuell ungezügelt«. Mit dem Imagotyp versucht Inge ihre Mutter zu trösten, nachdem diese wieder einmal festgestellt hat, daß der von ihr eingestellte Lohnbursche ein skrupelloser Frauenverbraucher ist. Der Trost besteht in der Feststellung, daß hier alle Männer so seien und an- dere Hilfskräfte nicht zu bekommen. Darum sei es nutzlos, wegen deren sexueller Eskapaden betrübt zu sein. Man käme dann wohl aus der Trauer gleich gar nicht mehr heraus.

2. »Südländer sind besonders langsame Faulpelze«

Im anderen Fall äußert Inges Mutter lächelnd dieselbe Formulierung, als Inge den Lohndiener als langsamen Faulpelz tadelt: »Südländer sind eben anders«. Das ausgedrückte Imagotyp läßt sich formulieren als »Südländer sind besonders langsame Faulpelze«. Inges Mutter bestätigt damit spöttisch Inges Urteil über die Südländer und amüsiert sich nachträglich über Inges frühere Gelassenheit, die sie ihrem augenblicklichen Échauffement gegenüberstellt.

Zusammenfassend ist für beide Imagotypen festzuhalten:

- Erst aus dem Kontext der zitierten Szene werden die eigentlich ausgedrück- ten Imagotypen erkennbar, die sich aus zwei Teilen zusammensetzen: er- stens der auf der Textebene erkennbaren imagotypen Zuschreibung einer Eigenschaft einer sozialen Gruppe und zweitens weiteren Eigenschaftszu- schreibungen der Figur des Lohndieners, der für diese Gruppe steht.
- Für die formale Beschreibung der Imagotypen reicht Zolls Analysemodell, basierend auf der Kritik von fünf Arten Stereotypen, nicht aus, weil es solche nicht allein formal beschreibbaren, sondern interpretatorisch zu erhebenden Stereotypen nicht erfaßt.82
- Nur dem zweiten Vorkommnis des Imagotyps kann in der Kommunikation der Figuren eindeutig eine Funktion zugewiesen werden.

Der nächste Abschnitt beginnt: Übrigens war es die Zeit, da die ersten Feigen reiften, und weil Inge aufgebracht war, wie sie oftmals aufgebracht sein konnte über diese frauenverachtenden Balkanmenschen [JR 65]. Die letzten drei Worte »diese frauenverachtenden Balkanmenschen« enthalten zwei weitere Imagotypen.

3. »Balkanmenschen sind frauenverachtend«

Eindeutig ist die Zuschreibung über »Balkanmenschen« als frauenverachtend zu erkennen.

[...]


1.Bircher 1997, 238.

2.Zur Unterscheidung des »kleinbürgerlichen Heimatdichters« vom »europäischen Intellek- tuellen« vgl. die Chronologie auf Seite 7.

3.Olschowsky 2002, 417.

4.Nachfolgend als JR und KZE zitiert. Jürg Reinhart, Als der Krieg zu Ende war und Andorra zitiere ich wie Frischs erstes Tagebuch [TBI] nach dem Erstdruck.

5.Bircher 1997, 238. Bircher 1997, 36.

6.Vgl. Seite 18.

7.Meine Arbeit ist kein Beitrag zur komparatistischen Imagologie. Ich untersuche Frischs Werke nicht daraufhin, ob und wie er generell bestimmte Nationen darstellt. Meine Un- tersuchung ist auch kein kulturwissenschaftlicher Beitrag zur germanistischen Postkolo- nialismustheorie, wie sie zuletzt in den Artikeln des Sammelbandes (Post-) Kolonialismusund Deutsche Literatur. Impulse der angloamerikanischen Literatur- und Kulturtheorie von Axel Dunker skizziert wurde. Mir geht es nicht um die literarische Auseinandersetzung mit fremden »Ethnien« - Juden, Slawen, Russen, Türken -, die Gegenstand der Imagotypen bei Frisch sind, sondern nur darum, wie die Bilder in Frischs Werk funktionalisiert sind.

8.Nachfolgend als N. Z. Z. abgekürzt.

9.Frischs Notizen nach der Generalmobilmachung am 1. 9. 1939 erschienen im Dezember 1939 in der Zeitschrift Atlantis unter dem Titel Aus dem Taschenbuch eines Soldaten und 1940 im Atlantis-Verlag als Blätter aus dem Brotsack; zu den Publikationsdaten vgl. [GW I. 2, 661; 664f.]

10.Die Festlegung von Beginn und Ende des Übergangs ist allein meinem Ziel geschuldet, zwei künstlerische Entwicklungsphasen Frischs deutlich gegeneinander abzugrenzen.

11.So Urs Bircher im Interview mit der Zeitschrift Facts am 14. 8. 1997.

12.Schmitz 1976, 538.

13.Bircher 1997, 9.

14.Bircher 1997, 9.

15.Bircher 1997, 10.

16.Bircher 1997, 10. Der angekündigte 3. Band ist nicht erschienen (wird auch nicht mehrerscheinen). So Walter Obschlager auf Nachfrage in einer e-mail vom 15. 8. 2005.

17.Die Publikation thematisch orientierter Längsschnitte hat seit Erscheinen des zweiten Ban- des [Bircher 2000] auch nicht aufgehört, wie sich bereits mit einem Blick in die Bestände der Institutsbibliothek des Hamburger Instituts für Germanistik II im August 2005 belegen läßt. Es finden sich drei Publikationen und eine Examensarbeit seit 2000 [Steffahn 2000, Heinrich-Korpys 2003, Hoß 2004 und Schmietendorf 2004].

18.Stephan 1983, 24.

19.Obwohl Frisch in Jürg Reinhart bereits ausführlich das Bildnisproblem erörtert, themati- siert er die Bildnisproblematik nicht in ihren politischen Bezügen, sondern bedient sich für bestimmte Wirkungen beim Leser unreflektiert nationaler Bilder und Vorurteile; vgl. dazu exemplarisch die Verwechslungsgeschichte auf den Seiten 132 - 138.

20.Hahn 2002, 415 - 433.

21.Olschowsky 2002, 416.

22.Olschowsky 2002, 416.

23.Hahn 2002, 87 - 124.

24.Telus 2002, 87.

25.In der Linguistik und der Sozialwissenschaft habe man es mit e i n e m Gegenstand zutun [. . . ], der sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt und daher mit denHilfsmitteln verschiedener Wissenschaften untersucht werden muß [Quasthoff 1973, 151]. (Sperrungen im Original kursiv)

26.Vladimir N. Vojnovič: Moskva 2042. Satiričeskaja povest’ 1986. Moskau: Vsja Moskva. 1990.

27.Telus 2002, 89.

28.Telus 2002, 89.

29.Telus 2002, 88.

30.Telus 2002, 87f.

31.Telus 2002, 90f.

32. Der Begriff»gruppenspezifisches Stereotyp«wird eingeführt, um eine Distanz zu dem Be-griff»soziales Stereotyp«zu erreichen und zu unterstreichen, daßes bei diesem Gegenstandnur um diese, in einer natürlichen Sprache realisierte Zuordnungsrelation geht [. . . ] Ein gruppenspezifisches Stereotyp [. . . ] kann nur entstehen [. . . ], wenn eine Kommunikations-situation vorliegt [Telus 2002, 94].

33.Telus 2002, 115.

34.Telus 2002, 90.

35.Telus 2002, 94.

36.Telus 2002, 115.

37.Olschowsky 2002, 418.

38.Der ersichtliche Vorteil von Mitoseks Vorschlag besteht darin, daß hierbei nur noch auf das Verhältnis zwischen Imagotyp und nationalem Stereotyp abgehoben wird, ohne auf irgendeine Realität als Kriterium für das im Stereotyp enthaltene »Körnchen Wahrheit« rückgreifen zu müssen. Leider ist Mitoseks Vorschlag ohne eine klare Beschreibung des Imagotypbegriffs nicht praktizierbar, weil ein Undefiniertes, Imagotypen, nicht mit etwas anderem verglichen werden kann, um so das Verhältnis zwischen dem literarischen und dem außerliterarischen Bereich genauer zu fassen [Olschowsky 2002, 418]. Ohne vorherige Begriffsbestimmung beider Relata ist ein Vergleich nicht möglich. Ebensowenig ist so etwas über eines der beiden Relata, den Imagotypbegriff selbst, in Erfahrung zu bringen.

39.Olschowsky 2002, 421.

40.Olschowsky 2002, 421.

41.Olschowsky 2002, 417.

42.Hans Henning Hahn und Eva Hahn beschreiben die Frage nach dem Realitätsbezug von Stereotypen als heuristisch unergiebig [Hahn / Hahn 2002]. Stereotypen zeichneten sich vielmehr durch ihren partiellen oder sogar vollkommen fehlenden Realitätsbezug aus [Hahn / Hahn 2002, 24f.] Auch die Hillmannsche Definition des Stereotypbegriffs als »längerfristig unveränderte und trotz neuer oder sogar gegenteiliger Erfahrungen starre, verfestigte›Vor-stellung‹« [Hillmann 1994, 842f.] ist ein Hinweis, daßStereotypen auf der Bedeutungsebene keine wie auch immer geartete Wirklichkeit oder Realität wi e derspiegeln [Imhof 2002, 62.]

43.Hahn / Hahn 2002, 28.

44.Vgl. dazu die Interpretationen beider Imagotypen auf den Seiten 54 - 56.

45.Stueben 1995, 52.

46.Für die vorausgesetzten narratologischen Grundlagen verweise ich auf das Kapitel Faktua-les und fiktionales Erzählen in [Martinez / Scheffel32002, 9 - 19]. Für meine nachfolgenden theoretischen Grundlagen verstehe ich als Erzähler die »narrative Instanz« einer Erzäh- lung, als Leser den »narrative Adressaten« [Martinez / Scheffel32002, 84f.] Ich verstehe als Erzähler n i c h t die reale Person des 1991 verstorbenen Schweizer Autors Max Frisch; vgl. dazu die Erläuterungen zur zweiten Kommunikationsart Seite 21.

47.Vor dem Hintergrund der Unterscheidung des »Erzählers« in literarischen Werken einer- seits, von der Person des realen Autors andererseits, wird wiederum deutlich, warum der außerliterarische Realitätsbezug bei der Interpretation von Imagotypen nicht hilfreich ist.

48.Imhof 2002, 62.

49.Hahn 2002, 27.

50.Als »extradiegetisch-heterodiegetischen« Erzählertyp klassifizieren Martinez / Schef- fel den Erzähler, der eine Geschichte erzählt, in der er selbst nicht vorkommt [Martinez / Scheffel32002, 81].

51.Um Mißverständnissen vorzubeugen und die in wissenschaftlichen Arbeiten unabdingbare maximale Explizitheit der Darstellung so weit wie möglich zu realisieren, sei an dieser Stelle doch eine Eule nach Athen getragen: Bei allen die Realität der Erzählung konstru- ierenden imagotypen Äußerungen des Erzählers unterstelle ich natürlich den Modus des eigentlichen Sprechens. Ein ironisch geäußerter Imagotyp des Erzählers kann wahlweise die Distanz des Erzählers zur mit dem Imagotyp behaupteten Realität markieren oder das imagotypisch behauptete Faktum gleich ganz zweifelhaft erscheinen lassen. Schlüsse aus ironisch geäußerten Imagotypen des Erzählers auf die Realität der Erzählung sind mindestens mit wesentlich mehr Vorsicht für die Interpretation in Anschlag zu bringen.

52.Hahn 2002, 27.

53.Der Teppichhändler schmeichelt Jürg, und seine Schmeichelei soll durch die offensichtliche Übertreibung als bloße Schmeichelei erkennbar werden.

54.Zur Interpretation der Szene vgl. Fußnote 87 Seite 30.

55.Telus 2002, 94.

56.Telus 2002, 115.

57.Hahn 2002, 365 - 380.

58.Zoll 2002, 365f.

59.Vgl. dazu 8.3 Versuch einer Klassifikation von Stereotypen nach verschiedenen Beschrei- bungsmethoden in [Quasthoff 1973, 239 - 258].

60.Zoll 2002, 368.

61.Im Original falscher Kasus.

62.Zoll 2002, 371.

64.Vgl. dazu die Interpretation von Imagotypen in Jürg Reinhart auf Seite 26. Wenn man Zolls Beschränkung unter Angabe klarer interpretatorischer Kriterien für nicht auf der Textoberfläche erkennbare und ausschließlich interpretatorisch zu erhebende Ima- gotypen aufgibt, ist der Vorschlag einer »Meßlatte« eine durchaus hilfreiche Klassifikation, um die unterschiedliche Relevanz von Imagotypen in einem Text zu beschreiben. Weil es mir aber nicht um die unterschiedliche Relevanz von Imagotypen in Frischs Texten, son- dern deren unterschiedliche Funktionen geht, entwickle ich Zolls Modell nicht als Meßlatte weiter.

65.Telus 2002, 94.

66.Telus 2002, 115.

67.Die Frage, ob man von einem »jüdischen Volk« oder einer »jüdischen Nation« sprechen sollte, ist für meinen Imagotypbegriff aus zwei Gründen irrelevant. Erstens, weil unter meinen Imagotypbegriff sowohl Nationen als auch Völker fallen und zweitens, noch ent- scheidender, weil die Juden in Andorra nicht als Mitglieder einer »jüdischen Nation« oder eines »jüdischen Volkes« verunglimpft, sondern schlicht abstammungsbedingt als Mitglie- der einer bestimmten sozialen Gruppe imagotyp gekennzeichnet werden.

68.Zur Begründung, die Bilder von Juden in Andorra nicht in antijüdische und antisemitische zu unterscheiden, vgl. den Paragraphen Antijüdische oder antisemitische Bilder? auf Seite 93.

69.Vgl. dazu im Paragraph Südländer sind eben anders das Imagotyp »Südländer sind beson- ders langsame Faulpelze« auf den Seiten 26f.

70.Vgl. dazu die fünfte Klasse der »kontextpragmatischen Stereotypen« Zolls: Wird in einem literarischen Text einer bestimmten Gruppe oder einem einzelnen als Repräsentant der Gruppe wiederholt ein bestimmtes Verhalten, eine Grundstimmung oder Charaktereigen- schaft zugeschrieben, sei ein dahinterstehendes, stereotypes Muster vermutbar [Zoll 2002, 371].

71.Ich übernehme die Definition aus dem Studienbuch Linguistik [Linke31996, 173].

72.Vgl. Fußnote 46.

73.Zu den relevanten Zeiträumen vgl. die Chronologie auf den Seiten 7f. 21

74.Bircher 1997, 47. Ich diskutiere nicht die Frage, inwieweit der Roman autobiographisch ist. Indizien für eine autobiographische Lesart sind erstens die Behauptung, daß der Erzäh- ler Jürg mit eigenen auffälligen körperlichen Eigenschaften ausstattete [JR 20]. Zweitens verweise ich auf die Briefe 22 - 39 [Briefwechsel 67 - 118]; zur Lage der Pension am Hafen besonders auf Fußnote 1 von Brief 21 [Briefwechsel 72]; sowie die Briefe 55 und 56 [Brief- wechsel 148f.] Im Mittelteil des Briefwechsels sind auch zwei Photographien der Pension Solitudo und ein Photo des Schafhirten Ivo enthalten.

75.Bircher 1997, 50.

76.Bircher 1997, 46.

77.Jürg meint: wenn die erste Nacht mit einer Frau nicht ein Erlebnis sein würde, das allenDingen dieser Welt endlich einen sinnvollen Inhalt gibt [. . . ] wenn auch die Frau nicht dasGlück bedeutet: ich weißnicht, wo man das Glück dann noch suchen soll? [JR 107f.]

78.Die Ablehnung der Frau als Mittel zur Mannwerdung kommt bereits im Namen des Helden »Reinhart« selbst zum Ausdruck: Rein, weil er sich»noch mit keinem Weib beschmutzt«hat, hart, weil er trotz gewaltigen Triebstaus und einer Auswahl bereitwilliger Damen hart-näckig seine»Reinheit bewahrt« [Bircher 1997, 47]. Die Lesart des Namens wird durch den Reim von Reinhart und Reinheit noch unterstützt.

79.Zur Lage der Pension Solitudo am Hafen Dubrovniks siehe die in Fußnote 74 angegebenen Quellen.

80.Beide Sperrungen von mir.

81.Helbig / Buscha191999, 481.

82.Vgl. Seite 18.

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Funktionen von »Imagotypen« im Œuvre Max Frischs, untersucht an ausgewählten Werken
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik II)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
109
Katalognummer
V201459
ISBN (eBook)
9783656277460
ISBN (Buch)
9783656278054
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Frisch, Max, Frisch, Funktionen, Als der Krieg zu Ende war, Jürg Reinhart, Jürg, Reinhart, Andorra, Stiller, achtung: die schweiz, Aus dem Taschenbuch eines Soldaten, Tagebuch 1946-1949, Blätter aus dem Brotsack, Vom langsamen Wachsen eines Zornes, Imagotypen, nationale Stereotypen, ethnische Stereotypen, Urs Bircher
Arbeit zitieren
Magister Artium Michael Dahnke (Autor), 2006, Funktionen von »Imagotypen« im Œuvre Max Frischs, untersucht an ausgewählten Werken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201459

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