Neustart mit Hindernissen: Wege zum beruflichen Wiedereinstieg für geringqualifizierte Frauen


Bachelorarbeit, 2012

55 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Arbeitswelt und Familienleben
2.1 Gering qualifizierte Frauen im Erwerbsleben
2.2 Aufgabenteilung in Haushalt und Kinderbetreuung

3 Weiterbildung nach der Familienphase
3.1 Gründe für die Weiterbildung
3.2 Weiterbildungsbarrieren
3.2.1 Probleme beim Zugang zu Bildungsmaßnahmen
3.2.2 Vereinbarkeit von Beruf, Weiterbildung und Familie
3.2.3 Persönliche Barrieren

4 Kompetenzentwicklung
4.1 Lernen für Wiedereinsteigerinnen
4.1.1 Lernmotivation
4.1.2 Selbstbestimmung und Selbstvertrauen als Voraussetzungen für das Lernen
4.1.3 Anknüpfungspunkte der Weiterbildung
4.2 Funktionen der Erwachsenenbildung
4.3 Für Wiedereinsteigerinnen nutzbare Ansätze der Erwachsenenbildung
4.3.1 Konzeptdes Lebenslangen Lernens
4.3.2 Biografietheoretische Ansätze
4.3.3 Konstruktivistische Ansätze
4.3.4 Kohärenzorientierte Lernkultur
4.3.4.1 Verstehbarkeit
4.3.4.2 Bewältigbarkeit
4.3.4.3 Bedeutsamkeit
4.4 Gendergerechte Erwachsenenbildung
4.5 Kompetenzen aus der Familienphase

5 Berufliche Weiterbildung für Wiedereinsteigerinnen
5.1 Berufsorientierung
5.2 Aufbau von Orientierungsmaßnahmen am Beispiel „Wiedereinstieg mit Zukunft“

6 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Gegenstand dieser Bachelorarbeit sind Frauen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, die den Wunsch haben, nach einer Familienphase erstmals oder wieder in ein Beschäftigungsverhältnis einzutreten. Es wird nach Möglichkeiten geforscht, die es diesen Frauen erleichtern, durch Weiterbildungs­oder auch Persönlichkeitsbildungsmaßnahmen zu einem selbstbestimmten Leben zu gelangen und auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können.

Um die weitere berufliche Entwicklung der Frauen in den Blick nehmen zu können, erfolgt zuerst eine Betrachtung der gesellschaftlichen Bedingungen, die gering qualifizierte Frauen vorfinden. Es wird darauf eingegangen, welche Möglichkeiten der Arbeitsmarkt diesen Frauen bietet und wie diese Möglichkeiten in der Realität genutzt werden können, wenn auch Haushalt und Kinder zu betreuen sind. In einem weiteren Punkt geht es um die Gründe für einen beruflichen Wiedereinstieg und die Barrieren, die diesem entgegenstehen können.

Die weitere Arbeit beschäftigt sich mit der Weiterentwicklung von Frauen ohne abgeschlossene Berufsausbildung in beruflicher, aber auch in persönlicher Hinsicht. Es wird auf die Entwicklung von Kompetenzen und Voraussetzungen für die Beteiligung an Bildungsmaßnahmen, auf die Möglichkeiten in der Erwachsenenbildung und das Lernen nach einer längeren Lernabstinenz sowie eine gendergerechte Erwachsenenbildung eingegangen. Behandelt werden auch die während der Familienphase gewonnenen Kompetenzen.

Eine Voraussetzung für die Frauen, um sich ein Bild von ihren Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt verschaffen zu können, ist ein Berufsorientierungskurs, also eine Erhebung der persönlichen Voraussetzungen und die Möglichkeit, einen Überblick über Ausbildungs- und Beschäftigungskriterien und -Chancen zu gewinnen. Es folgt die kritische Betrachtung einer derartigen Bildungsmaßnahme mit einem Blick auf die Möglichkeiten von Wiedereinsteigerinnen in technischen Berufen.

Vielfach ist das Vertrauen der Frauen in ihre eigene Lernfähigkeit und die vorhandenen eventuell aus der Familienphase stammenden Kompetenzen gering ausgeprägt, sei es durch das soziale Umfeld oder durch negative Lernerfahrungen aus der Vergangenheit. Als Frage lässt sich hier formulieren, wie ein Kurs zur

Berufsorientierung beschaffen sein muss, um Frauen, die bisher keinen Berufsabschluss haben, Weiterbildung in einerWeise nahe zu bringen, dass sie es als eigenes Ziel betrachten, ihre Fähigkeiten und Qualifikationen zu erweitern, um bessere Chancen nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch auf ein zufriedenstellendes Leben zu erreichen. Zentrale These der vorliegenden Arbeit ist, dass der Aufbau des Selbstvertrauens der Wiedereinsteigerinnen und auch das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, das Leben zu bewältigen, den Einstieg in Berufsorientierungsmaßnahmen bilden müssen, ehe tatsächliche berufliche Qualifizierungsmaßnahmen in Angriff genommen werden können.

Es ist den Frauen, die an einem Berufsorientierungskurs teilnehmen, in ihrer Jugend nicht gelungen oder sie hatten nicht den Wunsch, sich durch eine zertifizierte berufliche Ausbildung in ihrer sozialen Umwelt zu verorten. Ihre Position in derWelt ist von persönlichen Zugehörigkeiten, etwa zu Familie, Partner oder Kindern geprägt. Es ist nun die Aufgabe von Berufsorientierungskursen, gemeinsam mit den Teilnehmerinnen einen Platz - und auch einen Platzanspruch - auf dem Erwerbsarbeitssektor zu erarbeiten.

2 Arbeitswelt und Familienleben

2.1 Gering qualifizierte Frauen im Erwerbsleben

Die Erwerbsquote von Frauen ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig angestiegen. Tendenziell ist eine Annäherung der Frauenerwerbsquote an die von Männern zu erkennen, „was im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass die Erwerbsunterbrechungszeiten von Frauen aufgrund familiärer Verpflichtungen kürzer geworden sind (Haidacher, 2007, S. 53). In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil von gering qualifizierten Arbeitnehmerinnen an den Erwerbstätigen insgesamt zurück gegangen. In Österreich sank der Anteil der Arbeitnehmerinnen mit dem Pflichtschulabschluss als höchstem Abschluss in den Jahren 1991 bis 2001 von 29% auf 23%, für das Jahr 2010 weist die Mikrozensus Arbeitskräfteerhebung einen Anteil von unselbstständig Beschäftigten mit höchstens Pflichtschulabschluss von 15% aus (Statisik Austria, 2011a, S. 27). 2008 waren es laut Krenn (2010, S. 6) noch 17%.

Der österreichische Arbeitsmarkt ist stark an formalen Abschlüssen orientiert, was für Wiedereinsteigerinnen ohne abgeschlossene Berufsausbildung eine besonders schwierige Situation schafft. Frauen mit geringen Qualifikationen haben in der

Regel ein geringes Einkommen und instabile Berufslaufbahnen, weshalb sie nach der Familienpause seltener in ein aufrechtes Dienstverhältnis zurückkehren können als besser ausgebildete Frauen (vgl. Wroblewski, Latcheva, Leitner, 2009, S. 4 f.). Der Begriff „gering Qualifizierte“ bezieht sich auf die erzielen formalen Abschlüsse beruflicher Qualifikationsmaßnahmen und bezeichnet in der Regel Menschen ohne einen formalen beruflichen Ausbildungsabschluss (vgl. Krenn, 2010, S. 3).

Die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich an ihrer überproportionalen Beschäftigung in minder anspruchsvollen Tätigkeiten, dem hohen Anteil an Beschäftigungslosen sowie im hohen Frauenanteil „an befristeten und ungeschützten Arbeitsverhältnissen und umgekehrt an ihrem geringen Anteil an Führungspositionen“ (Haidacher, 2007, S. 53). Außerdem stellen Frauen im Teilzeitarbeitsmarkt die bei weitem überwiegende Mehrheit. Laut Brüning (2002, S. 45) sind es 97 Prozent. In einem speziellen Spannungsfeld finden sich Frauen mit Migrationshintergrund, bei denen geringe oder in Österreich nicht anerkannte Qualifikation zusammen mit den rechtlichen Regelungen über Aufenthalt oder Arbeitsmarktzugang zu einer Vervielfachung der Wiedereinstiegshemmnisse führen.

Für Puhlmann (2006b, S. 29) zeigt sich bei der Betrachtung von Arbeitswelt und Arbeitsmarkt, dass Männer die „gewerblich-technischen und die IT-Berufe, Führungspositionen und Vollzeitarbeit“ dominieren. Frauen stellen hingegen in „personenbezogenen Dienstleistungsberufen, untergeordneten Positionen und Teilzeitarbeit“ die Mehrheit.

Sowohl junge Frauen wie auch junge Männer finden sich innerhalb der dualen Berufsausbildung, also einer Ausbildung, die zum Teil in einem Betrieb, zum Teil in einer Berufsschule absolviert wird, hauptsächlich in je zehn „typisch weiblichen“ bzw. „typisch männlichen“ Berufen wieder - bei insgesamt rund 360 anerkannten Ausbildungsberufen (vgl. Brüning 2002, S. 45, Schemme 2006, S. 14 f., Puhlmann 2006b, S. 29). Auch Schmidt und Spree (2005, S. 134) kommen in ihren Studien zu Gender und Lebenslauf in der New Economy zu der Feststellung, dass „der Technikbereich überwiegend bis ausschließlich von Männern besetzt ist“.

2.2 Aufgabenteilung in Haushalt und Kinderbetreuung

Puhlmann (2006b, S. 29) zeigt auf, dass Frauen nicht nur in untergeordneten Positionen und bei der Teilzeitarbeit die Mehrheit stellen, sondern auch den größeren Teil der Familien- und Hausarbeit leisten. Der „eigentliche geschlechtsspezifische Unterschied“ in der Weiterbildungsteilnahme liegt für Haidacher (2007, S. 53) in der zweifachen Orientierung von Frauen zum einen zum Beruf und zum anderen zur Familie hin. Auch Zeuner und Faulstich (2009, S. 128) konstatieren „besondere Belastungen“, denen Frauen in ihren „häufig typischen Doppelrollen als Mütter/Betreuerinnen älterer Angehöriger und Berufstätige“ ausgesetzt sind und die ihre Weiterbildungsmöglichkeiten einschränken.

Frauen sind sowohl beim Einstieg in eine Weiterbildung wie auch beim Berufseintritt von der Mitarbeit der Familienmitglieder abhängig. Kinder und Partner müssen - oft erstmals - in die Hausarbeit miteinbezogen werden. Es ist wiederum die Aufgabe der Frauen, die Familie zur Mitarbeit zu motivieren, was „vielfach auf erheblichen Widerstand der Familienmitglieder“ (Schwarzmayer, 2001, S. 26 f.) stößt und von den Frauen einen großen Energieaufwand bei der Durchsetzung verlangt. Haushaltsarbeit von Männern findet in den beruflichen Anforderungen ihre Grenzen. Zwar übernehmen Männer, deren Partnerinnen berufstätig sind, mehr an Familienarbeit als die Partner von Hausfrauen, „doch steigt diese Mithilfe nicht proportional“ (Kirschner, 1997, S. 53).

Die positive Einstellung des Partners zur neuen Betätigung der Partnerin und seine Mitarbeit im Haushalt sind aber für Wiedereinsteigerinnen von herausragender Bedeutung. Oftmals entsteht allerdings eine Diskrepanz zwischen der geäußerten Unterstützungswilligkeit der Partner und der praktischen Hilfe, wodurch ein Großteil der Hausarbeit von den Frauen zu bewältigen bleibt. Besonders bei Wiedereinsteigerinnen führt die Doppelbelastung aus Familien- und Erwerbstätigkeit oftmals zu „Überforderung und Frustration“ (Schwarzmayer, 2001, S. 28), zumal ihnen auch der Raum und die Zeit zur Regeneration fehlen.

Schwarzmayer (2001, S. 24) formuliert:

„Frauen, die Familie und Beruf vereinbaren wollen, sind mit gesellschaftlichen Bedingungen konfrontiert, die der Frau die alleinige Verantwortung für Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege von Familienangehörigen überlassen. Die Mehrzahl der Frauen versucht diesen gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen gerecht zu werden.“

Die Notwendigkeit einer kontinuierlichen und auch in besonderen Situationen tragfähigen Kinderbetreuung stellt Frauen wie Kinder vor erhebliche Anforderungen bezüglich ihrer Organisationsfähigkeit und Disziplin. Schließzeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen, Verspätung von Betreuungspersonen oder Krankheiten von Kindern stellen Mütter vor große organisatorische Probleme, die vor einer gewünschten Berufstätigkeit bzw. Weiterbildung jedoch gelöst werden müssen, weil nicht von einer Toleranz von Arbeitgebern gegenüber kinderbedingten Fehlzeiten ausgegangen werden kann (vgl. Schwarzmayer, 2001, S. 24 f.).

3 Weiterbildung nach der Familienphase

3.1 Gründefürdie Weiterbildung

Die Entscheidung für oder gegen eine Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen hängt von Faktoren auf verschiedenen Ebenen ab. Zuvorderst steht die Erwartung auf eine „Korrektur von Benachteiligungen im (Erstaus)Bildungssystem“ (Krenn, 2010, S. 11). Brüning (2002, S. 23) unterscheidet zwischen subjektiven und soziodemografischen Faktoren auf der Mikroebene. Auf der Mesoebene sind die „finanziellen und inhaltlichen Rahmenbedingungen der Lernangebote, der Bildungseinrichtungen, der Förderprogramme und Projekte und der Supportstrukturen“ von Bedeutung sowie - auf der Makroebene - die Struktur des Bildungssystems und die gesetzlichen Grundlagen für Weiterbildung.

Zu den subjektiven Faktoren sind Lerninteresse und Verwertungsinteresse ebenso zu zählen wie die Lernsozialisation, die Bildungsbiographie und die persönliche Einstellung zu Weiterbildung. Wenn bei der Weiterbildung auch grundsätzlich von Freiwilligkeit ausgegangen werden kann, so erzeugen doch Forderungen von Arbeitgebern oder einer staatlichen Institution (Arbeitsamt) einen gewissen Druck. Eine Nichtteilnahme kann negative berufliche oder finanzielle Folgen haben (vgl. Brüning, 2002, S. 24). Die Bedeutung des finanziellen Aspekts sieht auch Schwarzmayer (2001, S. 39) in zentraler Position.

Ein Verwertungsinteresse wird durch eine individuelle Kosten-Nutzen-Rechnung abgewogen. Die Überlegungen sind dahingehend, ob der Aufwand, der durch die Teilnahme an einer Weiterbildungsmaßnahme zu erwarten ist, durch bessere Berufsaussichten aufgewogen wird oder ob bei Verweigerung von Weiterbildung negative Konsequenzen zu erwarten sind. Die Studie von Wroblewski, Latcheva und Leitner (2009, S. 23) ergibt eine hohe Qualifizierungs- und Weiterbildungsbereitschaft auch bei gering qualifizierten Frauen, um bessere Chancen für einen erfolgreichen beruflichen Wiedereinstieg zu erhalten. Die Motivation ist allerdings stark abhängig von den persönlichen und institutioneilen Rahmenbedingungen.

Als Gründe für den Wiedereinstieg in Lernprozesse und den späten Bildungserwerb zeigten sich in einer Erhebung von Kurth (2008, S. 173) eine Erstausbildung in einem Beruf, in dem die Frauen nicht mehr tätig sein wollen, eine abgebrochene Aus- oder Schulbildung, die frühere Verweigerung des Schulbesuchs, Migrationshintergrund und fehlende Anerkennung des in einem anderen Land erworbenen Abschlusses.

In ihrer Studie erhob Schwarzmayer (2001, S. 38) bei der überwiegenden Zahl der an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmenden Frauen als wichtiges „oder gar wichtigstes“ Teilnahmemotiv inhaltliches Interesse. Die Wiedereinsteigerinnen erwarten durch die Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen die Erweiterung ihrer Handlungskompetenz. Für Frauen, die vor einer beruflichen Neuorientierung stehen, ist die Abklärung von „undifferenzierten Berufsvorstellungen“ ein herausragendes Teilnahmemotiv. Auch sind Frauen gegenwärtig mehr auf Berufstätigkeit als auf eine traditionelle Rolle als Hausfrau orientiert. Die weiblichen Vorstellungen richten sich nach den eigenen Wünschen und Wertesystemen und nicht mehr nach von Männern vorgegebenen Parametern (vgl. Budde, Venth, 2010, S. 133).

Lern- und Weiterbildungsinteresse werden durch Faktoren, die nicht in direktem Zusammenhang mit Weiterbildung stehen, zu einer Motivationsstruktur ergänzt. Dazu zählen laut Brüning (2002, S. 24) unter anderem soziale Akzeptanz, Kennenlernen von Menschen, Verbesserung von Beziehungen, Abwechslung im Alltag und zu anderen Pflichten.

3.2 Weiterbildungsbarrieren

3.2.1 Probleme beim Zugang zu Bildungsmaßnahmen

Nach Brüning (2002, S. 37) zählen Berufsrückkehrerinnen zu den Benachteiligten auf dem (Weiter-)Bildungssektor. Weitere Gruppen, die sich Benachteiligungen ausgesetzt sehen, sind unter anderem Alleinerziehende, An- und Ungelernte, Arbeitslose (hier besonders Langzeitarbeitslose), Sozialhilfe-Empfängerinnen, Ausländerinnen, Erwachsene mit Lernproblemen, Erwachsene unter 25 Jahren ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung, Personen in ländlichen Regionen und Behinderte.

Da bei Wiedereinsteigerinnen durchaus meherere Faktoren zutreffen können, ergeben sich Veränderungen in der Quantität der Benachteiligung. Für Wroblewski, Latcheva und Leitner (2009, S. 24 ff.) zählen eingeschränkter Zugang zu neuen Medien, schlechte Deutschkenntnisse und eine mangelnde Anerkennung oder Verwertbarkeit der im Heimatland absolvierten Ausbildung zu den Qualifikationsbarrieren für Wiedereinsteigerinnen.

Während besser ausgebildete Frauen Familienplanung mit Berufslaufbahn koppeln und beides rational planen, sehen gering qualifizierte Frauen diese beiden Lebensschienen separat. Entsprechend wird auch bei der Rückkehr zur Erwerbstätigkeit sowohl in Bezug auf den Zeitpunkt als auch auf die Organisation wenig geplant. Es besteht zwar der Wunsch nach Betätigung außer Haus wie auch der Bedarf an eigenem Einkommen und somit eine hohe Erwerbsorientierung, allerdings weniger verbunden mit „Selbstverwirklichungs- und Karriereambitionen“ (Wroblewski, Latcheva, Leitner, 2009 S. 5).

Nicht zielführend ist es laut Grotlüschen (2006, S. 113 ff.), das Problem, dass negative Schulerfahrungen bildungsferne Gruppen von instutionalisierter Weiterbildung eher abhalten, mittels einer De-Institutionalisierung des Lernens - also einer Verlagerung des Lernens weg von Lernformen, die von Institutionen angeboten werden - lösen zu wollen, da eine solche Vorgangsweise die Selektivität von Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen noch verstärkt. Non­Formelles Lernen, das absichtsvolle Lernen außerhalb von Bildungsinstitutionen, und informelles Lernen, das ebenfalls außerinstitutionell, aber beiläufig und nicht geplant geschieht, erreicht eher diejenigen, die ohnehin an Weiterbildung interessiert sind. Informelles Lernen und vor allem das selbstständige Lernen mit

Hilfe von digitalen Medien hängen von der Vorbildung und vom Zugang zu Informationstechnologie ab und benachteiligen bildungsferne Gruppen oder schließen Einzelne sogar aus. (Grotlüschen, 2006, S. 113 ff.).

Schwarzmayer (2001, S. 41) erhob in ihrer Befragung von Frauen in Weiterbildungsmaßnahmen als am häufigsten genannte Teilnahmebarriere den Mangel an Information über Förderangebote, gefolgt von fehlender Kinderbetreuung, zu geringer finanzieller Unterstützung, zu langen Wartezeiten, Ablehnung durch den Partner und Terminprobleme. Auch Kapeller und Stiftinger (2010, S. 09-7) sehen die fehlende Finanzierung von Weiterbildungen als Teilnahmebarriere. Immer wieder können Frauen wegen der Kosten für Kinderbetreuung oder Anreise nicht an Bildungsveranstaltungen teilnehmen.

Prinzipielle Bedenken über die Sinnhaftigkeit von Weiterbildungsmaßnahmen für Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen äußert Arnold „angesichts der Krise der Arbeitsgesellschaft“ (Arnold, 2001, S. 244). Er kritisiert, dass Bildungsmaßnahmen für Erwachsene unter Umständen der „Zwischenlagerung“ von Arbeitslosen dienen und das vorrangige Ziel haben, die Arbeitslosenstatistik zu entlasten. Die Erwachsenenbildung muss unter dem Druck, Werkzeug eines „staatlichen Krisenmanagements“ zu sein, ihre Ansprüche bezüglich der Bildung zu Mündigkeit, Kritik- und Reflexionsfähigkeit hinanstellen und den Vorgaben von Arbeitsmarkt und Wirtschaft Vorrang einräumen (Arnold, 2001, S. 245).

3.2.2 Vereinbarkeit von Beruf, Weiterbildung und Familie

Wroblewski, Latcheva und Leitner (2009, S. 24 ff.) nennen als Hürden für eine Teilnahme an Weiterbildungveranstaltungen zeitliche Auslastung und Überforderung von Frauen, die mangelnde oder fehlende Unterstützung durch den Partner, die Tatsache, dass zu Hause möglicherweise keine geeigneten Lernbedingungen vorzufinden sind, ein traditionelles Rollenverständnis, mangelnde Unterstützung durch Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sowie das Fehlen von geeigneter Kinderbetreuung.

Zum gleichen Schluss gelangt auch Schwarzmayer (2001, S. 42): Nicht nur eine mangelnde Unterstützung durch den Partner kann Frauen von der Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen abhalten, sondern auch eine negative Einstellung aus dem sozialen oder familiären Umfeld, besonders dann „wenn die Frage der Kinderbetreuung noch nicht ausreichend geklärt ist“. Bei einer Teilnehmerinnenbefragung zur Evaluierung einer Weiterbildungsmaßnahme des Arbeitsmarkservice Österreichs (AMS) hatten 40 Prozent der Befragten ablehnende Ratschläge aus dem Bekanntenkreise erhalten.

Die eminente Bedeutung von Kinderbetreuung ist ebenfalls eine Erkenntnis von Haidacher (2007, S. 41 ff.) nach Betrachtung der erforderlichen Rahmenbedingungen für eine Beteiligung von Frauen an Weiterbildung. Sie bezeichnet Weiterbildungsmaßnahmen für Wiedereinsteigerinnen dann als optimal, wenn Kurse über einen längeren Zeitraum regelmäßig stattfinden und mit Kinderbetreuung gekoppelt sind. Sollten Veranstaltungen an Wochenenden stattfinden, muss die Kinderbetreuung miteinbezogen werden.

In einer Untersuchung von Schiersmann (1993, S. 176) zeigte sich, dass die befragten Frauen nicht Qualifikationsmängel als unüberwindbares Hindernis betrachten, sondern vielmehr die Vorurteile von Arbeitgebern gegenüber Frauen mit Betreuungspflichten. Es wird befürchtet, dass außergewöhnlich hohe Leistungen erbracht werden müssen, „um die gleiche berufliche Anerkennung wie männliche Beschäftigte zu erlangen“.

3.2.3 Persönliche Barrieren

Auch persönliche Hürden können einer Weiterqualifizierung von Wiedereinsteigerinnen im Wege stehen. Wroblewski, Latcheva und Leitner (2009, S. 41 ff.) nennen hier schlechtes Gewissen bei einer Kleinkinderbetreuung außer Haus durch die stark internalisierte Mutterrolle. Die gleiche Schlussfolgerung ergibt sich auch aus den Untersuchungen Schwarzmayers (2001, S. 28 f.). Die Tatsache, nicht allen Ansprüchen in Arbeitswelt und Familie gerecht werden zu können, erzeugt schlechtes Gewissen gegenüber den Kindern; es mangelt an der Zeit für „intensive Freizeiterfahrungen“ und die Beziehungspflege.

Die Unsicherheit, ob das neue Tätigkeitsfeld bewältigbar sein wird und man sich wird bewähren können, negative Lernerfahrungen, unsichere Verwertungschancen des Gelernten aus der Qualifizierungsmaßnahme, finanzielle Probleme und Informationsdefizite bezüglich rechtlicher Ansprüche, Förderungsmaßnahmen und finanzieller Unterstützung hindern Frauen ebenfalls an der Teilnahme an Bildungsmaßnahmen (vgl. Wroblewski, Latcheva, Leitner, 2001, S. 41 ff.).

Unsicherheiten bezüglich der eigenen Fähigkeiten und einen Abbau des Selbstbewusstseins wegen der isolierenden Wirkung von und der geringen Anerkennung für Haus- und Familienarbeit konstatiert auch Schwarzmayer (2001, S. 28).

Kapeller und Stiftinger (2010, S. 09-7 f.) erhoben in ihrer Studie Versagensängste als Barrieren für eine Weiterbildung. Die lange Abwesenheit von formeller Bildung, zum Teil verstärkt durch frühere negative Lernerfahrungen erzeugen Ängste, in einem Kurs nicht mitkommen zu können. Vielschichtige Gründe wie das Fehlen geeigneter Lernangebote, mangelnde Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, negative Lernerfahrungen und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung tragen dazu bei, dass Frauen in einer Weiterbildung wenig Nutzen sehen.

Mangelnde finanzielle Unterstützung wurde auch von den Frauen in der Studie Schwarzmayers (2001, S. 42) erwähnt. Ein größeres Hindernis für ein Engagement für die persönliche Weiterbildung ist allerdings das gering ausgebildete „Autonomie- und Individualisierungspotential“ der Frauen nach einer längeren Zeit der Zurücknahme und des Daseins für Andere. Zusammen mit der Scheu vor der neuen, unbekannten Situation und eventuellen negativen Lernerfahrungen aus der Vergangenheit stellt dieses eine ausgeprägte Hürde dar. Weiters zeigte sich in dieser Studie, dass auch das Alter der Frauen - sowohl in der subjektiven Wahrnehmung als auch vom Arbeitsmarkt suggeriert - eine hemmende Rolle für die Teilnahme an Weiterbildungen spielt.

Haidacher (2007, S. 50) sieht nicht nur in „äußeren“ Bedingungen ein Hemmnis für die Weiterbildungsbeteiligung von Frauen, sondern auch in der Sorge der Frauen, dass Fremdbetreuung „schlecht für ihr Kind sei“. Frauen geraten auch durch ihre eigenen Ansprüche, sowohl im Berufsleben wie auch in ihren Haushalts- und Familientätigkeiten allen Anforderungen gerecht zu werden, in eine Zwickmühle und bewegen sich in Richtung Überforderung und Selbstaufgabe (vgl. Schwarzmayer, 2001, S. 27). „Organisatorische Widrigkeiten in der Abstimmung von Arbeits- und Betreuungszeiten“ (Kirschner, 1997, S. 55) erschweren oder verunmöglichen Frauen die Hinwendung zur Erwerbstätigkeit.

Berufliche Neuorientierung ist keine einmalige Entscheidung, sondern ein längerfristiger Prozess, in dessen Verlauf wiederholt die eigenen Pläne und Wünsche mit den Vorgefundenen Bedingungen in Einklang gebracht werden müssen. Im Spannungsfeld zwischen realen oder vermuteten Anforderungen hinsichtlich des Familienlebens und des Arbeitsmarktes schieben Frauen ihre Wünsche nach einer Neuorientierung und Neuausbildung häufig auf und suchen nach „überschaubareren“ Lösungen, (vgl. Schiersmann, 1993, S. 177).

Krenn ortet in den vergangenen 30 Jahren einen Veränderung der Bedeutung des Begriffes „gering qualifiziert“. Geringe formale Bildung „ist zu einem sozialen Stigma geworden“ (Krenn, 2010, S. 1). Den betroffenen Menschen werde in einer Defizitsichtweise begegnet mit der Annahme, dass „ihnen die entscheidenden, ja die grundlegenden Voraussetzungen für die Teilnahme an dieser 'Wissensgesellschaft' fehlen“. Das mache besonders für diese Menschen die Forderung nach Lebenslangem Lernen am „eindringlichsten und zugleich drohendsten“ (Krenn, 2010, S. 1).

4 Kompetenzentwicklung

4.1 Lernen fürWiedereinsteigerinnen

4.1.1 Lernmotivation

Für die einzelne Wiedereinsteigerin kann Weiterbildung diverse Funktionen erfüllen. Sie kann als Ersatz für eine Erwerbstätigkeit ebenso dienen wie als Vorbereitung oder Orientierung für eine spätere Tätigkeit im vor der Familienphase ausgeübten oder einem anderen Beruf. Auch der Wunsch nach einem Ausgleich persönlich empfundener Bildungsdefizite oder einem Wissenserwerb, die Weiterentwicklung der Persönlichkeit oder eine Neuorientierung können eine Rolle spielen.

Zentrales Moment für die Lernmotivation in der Weiterbildung für Wiedereinsteigerinnen ist die Selbstbestimmtheit. Nach Zeiten des Fremdbestimmtseins durch die Familienarbeit kann sich die Frau wieder auf eigene Wünsche und Bedürfnisse konzentrieren und für sich selbst lernen, um mehr Entscheidungsfreiheit über ihre weitere Berufslaufbahn zu erlangen. Für die Frauen ergibt sich eine Erweiterung und Entwicklung ihrer Handlungsmöglichkeiten und damit die Möglichkeit, die eigenen Lebensbedingungen zu gestalten (vgl. Faulstich, Zeuner, 2006, S. 31).

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Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Neustart mit Hindernissen: Wege zum beruflichen Wiedereinstieg für geringqualifizierte Frauen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Bildungswissenschaften)
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
55
Katalognummer
V202194
ISBN (eBook)
9783656312123
ISBN (Buch)
9783656313465
Dateigröße
925 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Frauen, Wiedereinstieg
Arbeit zitieren
Isolde Grabner (Autor), 2012, Neustart mit Hindernissen: Wege zum beruflichen Wiedereinstieg für geringqualifizierte Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202194

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