Neurokognitive und entwicklungspsychologische Überlegungen zum Thema Zweitsprachenerwerb


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Spracherwerb: Die Muttersprache
1.1 Forschungshintergrund
1.2 Die Entwicklung des Sprechens und Lesens
1.3 (Neuro-)kognitive Befunde zur Lokalisation von Sprache im Gehirn
1.4 Organisation: Das mentale Lexikon

2 Bilingualismus – neurolinguistische Betrachtungen
2.1 Simultaner Früh-Bilingualismus
2.2 Konsekutiver Bilingualismus

3 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sprachareal im linken Gyrus angularis bei einem Säugling (Blakemore, 2006, S. 61)

Abbildung 2: Das Lesesystem des Gehirns (Blakemore, 2006, S. 111)

Abbildung 3: Verortung verschiedener Sprachfunktionen durch elektrische Stimulation in vivo (Mayer, 2010)

Abbildung 4: Modell der Sprachverarbeitung nach Friederici (1995)

Abbildung 5: Übertragung von PET-Daten auf Hirnregionen. Urheber: Schmierer, veröffentlicht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation unter der URL http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d3/PET2HEMI.jpg

Abbildung 6: später bilingualer Sprecher (Kim, 1997)

Abbildung 7: sprachliche Komponenten bei verschiedenen Typen von Bilingualismus (Fabbro, 1999, S. 194)

Einleitung

Das Sprechen und damit die Sprache stellen zweifelsohne einen elementaren Bestandteil des menschlichen Daseins dar. Daher rührt auch das starke Interesse an der Aneignung dieser Zeichensysteme, und Spracherwerbstheorien sind seit jeher ein beliebter Forschungsschwerpunkt. Jedoch nehmen die Sichtweisen hierzu noch immer nahezu alle Punkte auf dem Kontinuum „angeboren“ bis „kulturell erlernt“ ein. Über diese allgemeinen Überlegungen hinaus spielt natürlich die historische Einzelsprache eine wichtige Rolle, denn spätestens seit Humboldts These, dass „mehrere Sprachen in der That mehrere Weltansichten sind“ (Humboldt, 1959, S. 75), wird uns die Reichweite der verschiedenen Sprachen immer bewusster und Sapir und Whorf weiteten diese Überlegungen schließlich auf das gesamte Weltbild und die Lebensweise der Menschen aus (cf. „Language is a particular how of thought“ (Sapir, 1970/1921, S. 218)). Sprache ist demnach eindeutig ein wichtiges identitätsstiftendes Element, ohne welches unser soziales Miteinander nicht denkbar wäre.

Wie erlernen wir nun dieses System? Und wie funktioniert es schließlich? – Das sind die Fragen, die trotz regen Forschens noch nahezu unbeantwortet sind. Die meisten Herangehensweisen sind auch eher philosophischer Natur und daher schwer verifizierbar oder falsifizierbar. Aus diesem Grunde liegt es nahe, sich über den neurokognitiven Weg an dieses Thema heranzutasten, um objektivierbare Kenntnisse um bestimmte Funktionsweisen zu erlangen. Unterstützt wird diese Vorgehensweise im Folgenden durch Arbeiten der (kognitiven) Entwicklungspsychologie. Da der Gegenstand der Linguistik im Zentrum steht, werden natürlich die Grundlagen aus dieser Disziplin als Basis verwendet.

Nach der Betrachtung der Muttersprache soll der Bogen zu weiteren Sprachen gespannt werden, wobei differenziert wird, ob jene simultan oder konsekutiv erlernt werden. Diese Ausweitung der Thematik ist unverzichtbar, weil es heutzutage immer unwahrscheinlicher ist, im mentalen Lexikon nur eine Einzelsprache gespeichert vorzufinden. Daher werden diese Überlegungen auch für andere Wissenschaftsbereiche, wie z. B. die Fremdsprachendidaktik, immer relevanter, denn sobald man über die Wirkungsweise des Spracherwerbs genauer Bescheid weiß, lässt sich dieser evtl. auch nachvollziehen, beeinflussen und optimieren.

1 Spracherwerb: Die Muttersprache

Die Muttersprache bezeichnet diejenige Sprache, die als erstes ohne formalen Unterricht erlernt wird. Meist ist sie deckungsgleich mit der Erstsprache, die in der Kindheit hauptsächlich verwendet wird.

Dieses Konzept von einer Muttersprache hat weiterhin Gültigkeit, da auch bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, eine Sprache als Muttersprache erfahren wird und einen besonderen Stellenwert genießt. Die Muttersprache wird immer in denselben linkshemisphärischen Hirnregionen verarbeitet, während für weitere Sprachen auch andere Areale herangezogen werden. (Blakemore, 2006, S. 65f)

Das Gehirn bilingualer Kinder reagiert im EEG auch stärker auf eine bestimmte Sprache, was das Konzept einer einzigen Muttersprache stützt (dapd, 2011). Außerdem ist bei der Verwendung der Muttersprache eine unterschiedlich starke bioelektrische Aktivität der Nervenzellen, insbes. eine stärkere Beteiligung der linken hinteren Gehirnhälfte, zu beobachten (pte, 2008).

Im Folgenden sollen sowohl das Lernen der Sprech- als auch der Schriftsprache betrachtet werden, da in der heutigen Zeit beides kaum mehr längerfristig isoliert denkbar ist. Hinweisen möchte ich jedoch kurz auf den beachtlichen rückwirkenden Einfluss der schriftsprachlichen Kenntnisse auf die Kognition: ein Gehirn, das lesen kann, denkt nie wieder wie zuvor. Dies wurde in einem Experiment mit Nachsprechen von Fantasiewörtern von Martin Ingvar und Kollegen nachgewiesen, selbst wenn die Omnipräsenz der lautlichen Seite unbestritten bleibt (Blakemore, 2006, S. 109f). Die bestimmten Anforderungen der Einzelsprachen spielen natürlich auch eine Rolle. Ich möchte in dieser Arbeit der Exemplarität halber das Sprachsystem nur in Semantik und Grammatik unterteilen, sodass Phonologie, Morphologie und Syntax unter letztere subsummiert werden und Semantik als Konglomerat aus Lexikologie, Pragmatik und Varietäten- bzw. landeskundlichem Wissen verstanden werden kann. Diese Einteilung ist weit entfernt von einem Anspruch auf Vollständigkeit, umfasst jedoch die für eine neuropsychologische Untersuchung relevanten Bereiche.

1.1 Forschungshintergrund

Da die Muttersprache für alle Menschen etwas ist, über das sie unbewusst verfügen und dessen Erwerb ungesteuert und jenseits der Erinnerungsfähigkeit stattfindet, ist es umso schwieriger, Erkenntnisse über diesen Vorgang zu erlangen. Grundlage für jegliche Überlegung in dieser Hinsicht ist die Frage nach angeborenen und erlernten Teilbereichen, denn im Gegensatz zu zahlreichen anderen Lerninhalten liegt hier die Annahme angeborener Bereiche oder zumindest Prinzipien durchaus nahe, da es (von aus sozialen Strukturen gänzlich ausgeklammerten Individuen oder Menschen mit Behinderungen bzw. Gehirnverletzungen abgesehen) niemandem gibt, dem das Lernen der Muttersprache nicht gelingt oder große Schwierigkeiten bereitet. Auch ist für das Lernen weder große Anstrengung noch außerordentliche Motivation von Nöten, was auch im Gegensatz zu vielen anderen Gebieten steht.

Diese Überlegungen beschäftigen verschiedene Disziplinen, da sowohl Ärzte, als auch Psychologen, Pädagogen und Didaktiker direkt von diesen Fragestellungen betroffen sind. Doch selbst in der Linguistik divergieren die Meinungen zum Spracherwerb erheblich. Eine berühmte Ansicht ist die eines ungesteuerten Spracherwerbs anhand einer angeborenen Universalgrammatik. Selbige wird durch die Anhänger der Generativen Grammatik, allen voran Noam Chomsky, vertreten und hat trotz zahlreicher Kontroversen die Idee des operanten Lernens ergänzt. Chomskys Studien lassen sich sogar neurologisch stützen: In einer Kernspinresonanztomographie-Studie wurden falsche und echte Grammatikregeln von Versuchspersonen in einer ihnen unbekannten Sprache erlernt und daraufhin beobachtet, dass das Broca-Areal, ein wichtiges Sprachareal, nur bei der Verwendung „echter“ Grammatikregeln benutzt wurde (Musso, 2003). Neue Studien beweisen jedoch auch den hohen Stellenwert einer anregenden Umwelt, sozialen Lernens und der Theory-of-mind -Fähigkeit.

1.2 Die Entwicklung des Sprechens und Lesens

Der linke Gyrus angularis, ein weiteres Sprachareal, wird bereits bei Säuglingen im Alter von zwei bis drei Monaten aktiviert, wenn ihm Wörter vorgesprochen werden. Bereits Neugeborene reagieren also auf Sprache. Das Sprechenlernen selbst folgt schließlich auf vorsprachliches Brabbeln und beginnt in etwa im Alter von 2 Jahren. (Blakemore, 2006, S. 60f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf das Brabbeln folgen Einwortstadium, Zweiwortstadium, Telegrammstil und schließlich die Fähigkeit, vollständige Sätze zu bilden (Myers, 2008, S. 450). Kinder können Silben und Anlaut-Reim-Strukturen bemerkenswert erfassen und es gibt eine sensible Phase für die Unterscheidung von Lauten (Blakemore, 2006, S. 62). Dies wird durch ERP-Ergebnisse von erwachsenen Japanern bewiesen, die deutlich machen, dass diese die Laute [r] und [l] nicht mehr unterscheiden können (Obler, 1998, S. 125). Außerdem lassen besondere Schwierigkeiten im Hinblick auf fremde Laute oder der Akzent darauf schließen, dass es solche Phasen auch bzgl. der eigenen Lautproduktion gibt.

Zahlreiche Studien stützen auch die Annahme, dass Kinder während einer kritischen Phase bis ungefähr zum 7. Lebensjahr Grammatik besser und einfacher lernen können (Myers, 2008, S. 452f). Doch gilt dies möglicherweise nicht für die Semantik und den Wortschatz, die in jedem Alter erlernt werden können (Blakemore, 2006, S. 66). Dieser Befund widerspricht früher Thesen zum fast mapping. Die Unterschiede zwischen ungesteuertem Erwerb (ca. 4000 Wörter pro Jahr) und Unterricht (ca. 200 lexikalische Einheiten pro Jahr in der Schule) sind jedoch gravierend (Myers, 2008, S. 448).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Neurokognitive und entwicklungspsychologische Überlegungen zum Thema Zweitsprachenerwerb
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Neurokognitive Grundlagen von Lernen und Entwicklung
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V202346
ISBN (eBook)
9783656288848
ISBN (Buch)
9783656289517
Dateigröße
1384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungspsychologie, klinische Psychologie, Neuropsychologie, Zweitsprachenerwerb, kognitive Grundlagen, Spracherwerb
Arbeit zitieren
Sandra Ilg (Autor), 2011, Neurokognitive und entwicklungspsychologische Überlegungen zum Thema Zweitsprachenerwerb, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202346

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