Aufgaben des Integrationsfachdienstes bei der stufenweisen Wiedereingliederung nach § 28 SGB IX i. V. m. § 74 SGB V bei Menschen mit Depression


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

44 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung und Problemaufriss

2 Arbeitswelt
2.1 Die aktuelle Arbeitsmarktsituation
2.2 Bedeutung von Arbeit für Menschen mit Depression

3 Krankheitsbild der Depression
3.1 Symptome
3.2 Ursachen
3.3 Betriebliche Risikofaktoren zur Entstehung einer Depression
3.4 Therapiemöglichkeiten

4 Stufenweise Wiedereingliederung nach § 28 SGB IX i. V. m. § 74 SGB V

5 Der Integrationsfachdienst (IFD)
5.1 Entstehung des IFD
5.2 Rechtliche Grundlagen
5.3 Zielgruppen und Aufgaben

6 Angewandte Methoden des IFD zur stufenweisen WE des Beschäftigten
6.1 Anwendung des Case- Management- Regelkreis
6.1.1 Identifikation / Erstberatung / Arbeitsbündnis herstellen / Intaking
6.1.2 Assessment / Bedarfserhebung
6.1.3 Zielvereinbarung mit Klienten über stufenweise Wiedereingliederung
6.1.4 Implementierung des stufenweisen Wiedereingliederungsplanes
6.1.5 Monitoring und Re- Assessment der Leistungserbringung
6.1.6 Evaluation der Leistungserbringung
6.2 Angewandte Beratungsmethoden in der stufenweisen WE
6.2.1 Verhaltensorientierte Beratung
6.2.2 Sozialpsychiatrische Beratung
6.2.3 Klientenzentrierte Beratung
6.2.4 Aufklärung der Vorgesetzten und Kollegen des Beschäftigten über Depression und angemessene Umgangsweisen

7 Datenschutz

8 Fazit, Reflexion, Ausblick

9 Abkürzungsverzeichnis

10 Literatur

1 Einleitung und Problemaufriss

Die verbreitetsten psychischen Störungen in der Europäischen Union sind Angst und Depression. Man rechnet damit, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen in den Industriestaaten die zweithäufigste Ursache von Erkrankungen sein werden. Untersuchungen zeigen darüber hinaus, dass ca. 40 % der psychischen Störungen chronisch verlaufen. Die Kosten psychischer Erkrankungen betragen schätzungsweise 3 – 4 % des Bruttoinlandsprodukts, hauptsächlich als Folge von Produktivitätsverlusten. Arbeitnehmer nennen zunehmend arbeitsbedingten Stress und psychische Probleme als Grund für den vorzeitigen Austritt aus dem Erwerbsleben. Vorzeitige Berentungen auf Grund von arbeitsbedingtem Stress und psychischen Problemen nehmen zu. Psychische Erkrankungen, insbesondere die Depressionen werden relativ spät diagnostiziert und ziehen lange AU – Zeiten nach sich (BKK Gesundheitsreport, 2008). Die stufenweise Wiedereingliederung ist eine gesetzliche Maßnahme, die es den Arbeitnehmern ermöglicht, nach langer AU – Dauer wieder langsam in den Arbeitsprozess integriert zu werden. Der Integrationsfachdienst (IFD) ist ein Dienstleister, der im Auftrag Dritter in einem beruflichen Wiedereingliederungsprozesss nach längerer psychischer Erkrankung als Berater und Begleiter der Beschäftigten[1] als Unterstützung von zuständigen Rehabilitationsträgern beauftragt werden kann. Der IFD wird in der Praxis relativ wenig eingesetzt, da er in der Regel hauptsächlich für Menschen mit Schwerbehinderung im Auftrag von IGA und AA tätig wird. Die Einbeziehung des IFD im Rahmen einer stufenweisen WE nach langer psychischer / depressiver Erkrankung ist bei den Reha Trägern (KK, DRV, DUV) wenig bekannt und wird daher nur selten in Anspruch genommen. Insgesamt wurden bundesweit nur ca. 7000 Aufträge an den IFD von Rehabilitationsträgern vergeben. Wobei in dieser Auftragszahl alle Zielgruppen von Behinderungen enthalten sind und keine Differenzierung zwischen seelischen und anderen Behinderungsarten vorgenommen wurde (vgl. BIH 2010 S. 26).

Die Fallzahlen des IFD sind in dem Zeitraum von 2005 bis 2009 um 29 Prozent – von etwa 77.600 auf rund 100.000 gestiegen. Der Anteil der Menschen mit einer seelischen Behinderung ist mit fast 25 Prozent der größte Anteil der Klienten des IFD. Der IFD wurde hauptsächlich durch AA und IGA im Jahre 2010 in 16.439 Fällen mit seelischen Behinderungen zur beruflichen Teilhabe bezogen auf das Bundesgebiet beauftragt. Dies ist mit Abstand der größte Anteil dieser Zielgruppe des IFD (vgl. BIH 2010 S. 26). Aufgrund der zunehmenden Fallzahl bei Menschen mit seelischen Erkrankungen besteht daher Handlungsbedarf hinsichtlich einer Spezialisierung der IFD für die Zielgruppe der Menschen mit seelischer Behinderung. Insbesondere ist es wichtig, den auf der Grundlage des § 109 Abs. 4 SGB IX präventivem Ansatz des Einsatzes des IFD nicht erst nach Eintritt der Behinderung, sondern schon bei Beginn einer psychischen Erkrankung (Depression) umzusetzen, um Chronifizierungen und den damit verbundenen Ausschluss von der beruflichen Teilhabe und somit der gesellschaftlichen Ausgrenzung zu vermeiden. Die vorliegende Arbeit beschreibt daher konkret die Aufgaben und Vorgehensweisen die der IFD im Rahmen einer stufenweisen Wiedereingliederung (WE) bei der Zielgruppe der Menschen mit Depression nach längerer Erkrankung gemäß § 109 Abs. 4 SGB IX übernehmen kann.

Gliederung der Arbeit

Zunächst wird unter Punkt 2 die Arbeitswelt kurz definiert und in der aktuellen Arbeitsmarktsituation mit ihren Auswirkungen auf Menschen mit Depression beschrieben. Unter Punkt 2.3 wird die Bedeutung von Arbeit und explizit die Faktoren, die für die psychische Gesundheit der Beschäftigten förderlich sind, hervorgehoben. Punkt 3 stellt das Krankheitsbild der Depression mit seinen Symptomen, Ursachen und speziell den betrieblichen Risikofaktoren, welche eine Depression (mit) auslösen können, dar. Die möglichen therapeutischen Interventionen schließen den Punkt 3 ab. Der Punkt 4 stellt detailliert die rechtlichen Grundlagen der stufenweisen WE nach dem SGB IX und SGB V dar. Weiter werden hier bereits Ziele und Interventionsmöglichkeiten des IFD dargestellt, die im Vorfeld für ein Gelingen der WE notwendig sind. Unter Punkt 5 wird der IFD mit seiner Entstehungsgeschichte, seinen rechtlichen Grundlagen und davon abgleitet mit seinen spezifischen Aufgaben und Zielgruppen skizziert. Die komplexe Aufgabenerfüllung des IFD im Rahmen der Planung, Zielsetzung und Durchführung der stufenweisen WE des depressiven Beschäftigten erfordert bestimmte Anforderungen an die Methodenauswahl. Zum einen benötigt er eine Prozessmethode, um das WE – Verfahren gezielt steuern und koordinieren zu können, zum anderen gilt es eine spezifische reflektierte psychiatrische Grundhaltung und geeignete Beratungsmethoden im Verfahren anzuwenden. Punkt 6 gliedert daher die angewandten Methoden des IFD in zwei Teile:

1. Das Case Management mit dem Case Management – Regelkreis und
2. den Beratungsmethoden, die in diesem Prozess Anwendung finden

In den Beratungsmethoden integriert ist ein ressourcenorientiertes Gesundheitsmodell nach dem Konzept der Salutogenese. Dieses Modell nutzt der IFD auch in der Methode der Aufklärung / Information von Betriebsangehörigen über psychische (depressive) Erkrankungen, um angemessene Umgangs,- und Verhaltensweisen bei den Vorgesetzten und Kollegen gegenüber dem Beschäftigten zu entwickeln. Punkt 7 behandelt die relevanten rechtlichen Aspekte des Datenschutzes, die der IFD im Rahmen seiner Tätigkeit einhalten muss. Unter Punkt 7 zieht der Autor ein Fazit, reflektiert seine Erkenntnisse und gibt einen Ausblick.

2 Arbeitswelt

Der Begriff der Arbeit wird als zielorientierte, bewusst geplante Tätigkeit von Menschen angesehen, die unter Einsatz von körperlichen, geistigen und psychischen Ressourcen ausgeführt wird. Die menschliche Arbeit ist betriebswirtschaftlich gesehen, neben Betriebsmittel und Werkstoffen, ein Produktionsfaktor, den man in ausführende und dispositive Arbeit unterteilen kann. In einem Schreinermeisterbetrieb übernimmt z. B. die dispositive Arbeit der Meister und die Sekretärin, die ausführenden Arbeiten übernehmen die angestellten Schreiner (Domschke & Scholl 2002). Die Arbeits(um)welt bedingt im wesentlichen Maße die gesundheitliche Lage der erwerbstätigen Bevölkerung. Es bestehen wichtige Wechselwirkungen zwischen der Beziehung der beruflichen Tätigkeit und dem Gesundheitszustand der dort Beschäftigten. Die realen beruflichen Belastungskonstellationen können sehr vielfältig sein. Sie müssen immer im ganzheitlichen Kontext (individuelles Gesundheitsverhalten, Copingfaktoren usw.) des Beschäftigten gesehen werden. Die Arbeits(um)welt ist geprägt von der Arbeitsmarktsituation (vgl. BKK- Gesundheitsreport 2006 S.52). Eine Beschreibung der aktuellen Arbeitsmarktsituation wird unter Punkt 2.1 dargestellt.

2.1 Die aktuelle Arbeitsmarktsituation

Die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt sind durch Ökonomie und Globalisierung einem steigenden Leistungs- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Sie bedingen betriebliche Umstrukturierungs- und Outsourcingmaßnahmen und gehen mit Personalabbau einher. Diese Faktoren machen sich mittlerweile durch die wachsenden Belastungen, wie ständig steigende Leistungsanforderungen und – Verdichtungen bei unsicheren Arbeitsverhältnissen auch in technischen, wissenschaftlichen oder sonstigen spezialisierten Berufsgruppen bemerkbar. Diese Unternehmensumweltbedingungen stellen an den AN gesteigerte Anforderungen an Flexibilität, Mobilität und Anpassungsfähigkeit. Der Leistungsanspruch an Arbeitnehmer ist geprägt von wiederkehrend hohen sich anhaltend veränderten beruflichen Anforderungen. Hieraus entsteht für die Arbeitnehmer ein kontinuierlicher Lern- und Qualifikationsdruck (lebenslanges Lernen), den sie sich neben ihrer eigentlichen Tätigkeit stellen müssen. Die oben beschriebenen Faktoren sind gepaart mit einem diktatorischen Führungsstil und mangelnder Wertschätzung ein Nährboden für steigende Rivalität und Konkurrenzdruck der Beschäftigten untereinander. Das Steigen des Durchschnittsalters betrifft nahezu sämtliche Beschäftigtengruppen. Als äußere Stressoren können berufliche Fehlbelastungen, soziale Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Armut wie auch Vereinsamung oder familiäre Belastungen eine Rolle spielen (vgl. Siegris 2010; BKK Gesundheitsreport 2010 S. 9 und 11).

2.2 Bedeutung von Arbeit für Menschen mit Depression

Der Faktor Arbeit hat viele Aspekte, die Menschen als sinnvoll erleben und sie gesund erhalten. Der Mensch braucht eine sinnvolle Tätigkeit, die ihm Selbstbestätigung, Wertschätzung und Anerkennung gibt. Sie ist wichtig für die Erhaltung der psychischen Gesundheit. Arbeit erhält und schafft soziale Kontakte. Arbeit ist Grundlage für die eigene finanzielle Versorgung, die den Menschen ein Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit vermittelt. Arbeit strukturiert den Tagesablauf und hilft dem Menschen einen eigenen Lebensrhythmus zu finden, der im Idealfall Arbeit und arbeitsfreie Zeit in ein Gleichgewicht bringt (sog. Worklife - Balance). Arbeit gibt Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl und ermöglicht Beziehungen zu anderen Menschen (z.B. zu Kollegen oder Kunden, Zulieferer usw.) aufzubauen und zu entwickeln.

An der Arbeit kann der Beschäftigte bestimmte soziale Rollen und verschiedene Aufgaben und Ämter einnehmen, die ihm Anerkennung und einen gesellschaftlichen Status ermöglichen. Arbeit dient somit der Persönlichkeitsentwicklung und Erweiterung der fachlichen und sozialen Kompetenzen (vgl. betapharm 2008; IGA Ansbach 2003). Arbeitslosigkeit ist hingegen von Perspektivlosigkeit und zunehmender psychischer Erkrankung geprägt. Die „Arbeitslosen weisen gerade in Bezug auf psychische Störungen, die bei weitem höchsten Krankheitswerte auf“ (BKK – Gesundheitsreport 2008 S. 54).

3 Krankheitsbild der Depression

Depressionen sind psychische Störungen, die Stimmung und Antrieb vermindern, zu körperlicher und psychischer Erschöpfung führen und mit somatischen Störungen einhergehen. Laut International Classification of Diseases in der Version 10 (ICD-10) gehört die Depression zu den affektiven Störungen, sie finden sich im ICD-10 im Bereich der F-Diagnosen und werden entsprechend ihrem Verlauf und Ausprägung (z.B. somatisch oder psychotisch) dort klassifiziert. Die Schweregrade werden unterteilt in Depressive Episoden. Wobei man drei Grade unterscheidet:

Die leichte Episode (F32.0),

die mittelgradige Episode (F32.1) und

die schwere (F32.2 und F32.3) Episode

3.1 Symptome

Die Symptome bei der Depression kommen sehr weitläufig und heterogen auf unterschiedlichen Ebenen vor. Charakteristisch ist, dass körperliche und psychische Symptome gleichzeitig auftreten (Hautzinger 2003 S.2):

Somatische Beschwerden: z.B. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Druck und Engegefühl in der Brust (Herzgegend), Schmerzen im Kopf und Darm, Morgentief, Schweißausbrüche

Emotionale Beschwerden: z.B. gedrückte Stimmung, Angst, Verzweiflung, Leere, Grübeln

Motivationale Beschwerden: z.B. Verminderung von Antrieb und Aktivität, mangelnde Fähigkeit zur
Freude, Interessen sind vermindert, Entschlußunfähigkeit und
Selbsttötungsabsichten, rasche Erschöpfung schon bei einfachen
Tätigkeiten

motorische Beschwerden: z.B. Verlangsamung, Agitiertheit, Hemmungen

Interaktive Beschwerden: z.B. sozialer Rückzug, leise Stimme, geringer Blickkontakt, Einengung
kommunikativer und sozialer Fertigkeiten

Kognitive Beschwerden: z.B. Gedächtnisschwäche, Konzentrationsmangel, Selbstvorwürfe, Pessimismus

Die Symptome der Depression wirken sich nicht bei jedem Menschen gleich aus. Oftmals spiegeln sich die Symptome lange bevor die Depression diagnostisch erkannt wird in körperlichen Symptomen wieder: Kopfschmerzen, Migräne, Hautauschläge, Magen – Darm-Problemen und Rückenschmerzen. Diese werden auch als sogenannte Somatisierungsstörungen bezeichnet. Die Depression tritt ebenfalls als Begleiterkrankung bei chronischen Erkrankungen wie zum Beispiel bei Morbus Crohn, chronischen Schmerzen oder bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson auf. Meist tritt die Depression als Folge der chronischen Erkrankung auf. Nach Hautzinger (2003 S. 4) spricht man in diesen Fällen von sekundären affektiven Störungen.

3.2 Ursachen

Als Ursachen der Depression bezeichnet man heute eine allgemeine Verletzlichkeit oder Anfälligkeit (Vulnerabilität), d.h. das Auftreten von Belastungen kann zur depressiven Erkrankung führen. Die Anfälligkeit kann sich auf genetische und hormonelle (Botenstoffen im Gehirn) Ursachen beziehen. Als Belastungsfaktoren kommen Stresserlebnisse wie Verlust eines nahestehenden Menschen, eine tiefgreifende Beziehungskrise oder lang andauernde Belastungen durch Krankheit oder Überforderung am Arbeitsplatz in Frage. Weitere Faktoren können sein (Schaub & Roth & Goldmann 2006):

- Veränderungen in der Familiensituation
- Auszug der Kinder, Heirat, Verlust des Partners
- Stress am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit
- Umzug in eine neue Stadt
- Chronische Überforderung, Dauerkonflikte
- Wenig Sozialkontakte oder positive Erfahrungen

3.3 Betriebliche Risikofaktoren zur Entstehung einer Depression

Nachfolgende betriebliche Risikofaktoren stellen eine Gefahr für Menschen, die bereits eine erhöhte Disposition, eine sogenannte Verletzlichkeit oder Vulnerabilität, für eine depressive Erkrankung in sich tragen, dar (vgl. IGA Ansbach 2003; betapharm 2008):

- Arbeiten unter einem schlechten Betriebsklima
- Dauerhafte Konflikte zwischen Beschäftigten und Vorgesetzten
- Diktatorischer Führungsstil, der nur wenig Raum zur Mitbestimmung der Beschäftigten zulässt
- Ausführen von „sinnlosen Tätigkeiten“ und dadurch bedingte Unterforderung der Beschäftigten
- Arbeiten unter Lärmbelastung
- Arbeiten unter permanentem Zeitdruck
- Keine regelmäßigen Pausen oder Pausen mit ständiger Unterbrechung
- Dauerhaft hohes Arbeitsaufkommen und permanente Arbeitsverdichtung in den Arbeitsprozessen, die zur chronischen Überforderung der Beschäftigten führen
- Übernahme von hoher sozialer Verantwortung für Menschen oder wertvolle Sachgüter
- Abhängigkeit von Vorgesetzen und anderen betrieblichen Akteuren
- Ständige arbeitsbezogene Verfügbarkeit durch Bereitschaftdienste nach Arbeitsende und am Wochenende

In der Regel erkranken Menschen, die an einer Depression leiden im Durchschnitt weitere 4 x im Leben an einer Depression (Glomm 2009 S. 157f).

3.4 Therapiemöglichkeiten

Als grundsätzliche Behandlungsmöglichkeiten kommen zwei wichtige Ansätze in Betracht, die auch in der Beratung / Begleitung der Beschäftigten berücksichtigt werden (Schaub & Roth & Goldmann 2006):

Der medizinisch/ ärztliche und der psychologisch / soziale Ansatz. Der Einsatz von Psychopharmaka (insbesondere Antidepressiva) hat sich als wirksam erwiesen. Eine medizinische Maßnahme ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Durch Magnetfelder wird Einfluss auf die Hirnaktivität genommen, welches zu einer Besserung der depressiven Symptome führen kann. Ein bedeutsamer Punkt ist die Aktivierung des Beschäftigten durch die Motivation zu einer sinnvollen, kreativen Beschäftigung und somit zur aktiven Tagesstrukturierung. Ferner sind die psychotherapeutischen Ansätze besonders aus dem verhaltenstherapeutischen Bereich zu nennen. Daneben gibt es andere psychoanalytisch orientierte Psychotherapien. Hier besteht die Annahme, dass unbewusste Konflikte, die ein Mensch im Laufe seines Lebens nicht verarbeiten kann, zu psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen führen. Es werden verdrängte Konflikte bearbeitet, die in der Kindheit entstanden sind und sich auf die gegenwärtigen Beziehungen störend auswirken. Ein weiterer psychotherapeutischer Behandlungsweg ist die interpersonelle Psychotherapie (IPT). Die IPT geht davon aus, dass Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich entstehen, etwa durch Trennung von nahestehenden Menschen durch Scheidung oder Tod, durch Rollenveränderungen innerhalb der Familie: ein Ehemann muss z. B. akut die Haushalts- und Kinderbetreuungsaufgaben übernehmen, da seine Frau an Multipler Sklerose erkrankt ist. Ziele sind die Optimierung zwischenmenschlicher Kommunikation, Erarbeitung von neuen Lösungsstrategien. Die systemische Therapie legt das Augenmerk auf die Gruppe, das sogenannte System (Familie, Freundeskreis, Verein, Arbeitsteam). Es liegt die Annahme zugrunde, dass der Mensch mit Depressionen lediglich ein Symptomträger ist, die wirkliche Ursache seiner Probleme aber im System zu suchen ist. Die Behandlung besteht in der Veränderung der Interaktionsmuster innerhalb des Systems. Eine systemische Therapie wird in Gruppen durchgeführt, kann aber auch in Einzeltherapie stattfinden.

4 Stufenweise Wiedereingliederung nach § 28 SGB IX i. V. m. § 74 SGB V

Die stufenweise Wiedereingliederung ist eine Form der medizinischen Rehabilitation. Sie gibt dem arbeitsunfähigen Beschäftigten die Möglichkeit, bei noch nicht ganz erreichter Arbeitsfähigkeit seine Belastungsfähigkeit am Arbeitsplatz zu erproben. Der Beschäftigte kann diese Leistung durch verschiedene Rehabilitationsträger erhalten: Im Anschluss an eine medizinische Rehabilitation durch die Deutsche Rentenversicherung oder durch die gesetzliche deutsche Unfallversicherung nach einem Arbeitsunfall oder bei Berufskrankheit. Die Beschäftigten erhalten dann während der WE Übergangsgeld bzw. Verletztengeld. Spezialgesetzlich ist sie im SGB V im § 74 geregelt. Nach § 28 SGB IX in Verbindung mit § 74 SGB V besteht die Möglichkeit, die Beschäftigten über eine stufenweise Wiedereingliederung wieder in den betrieblichen Leistungsprozess zu integrieren. Stufenweise Wiedereingliederung heißt, dass der Beschäftigte mit einer zeitlich gestaffelten täglichen Arbeitszeit schonend an die Arbeitsbelastungen herangeführt werden soll. Die tägliche Arbeitszeit wird im Laufe des Wiedereingliederungsplanes sukzessive erhöht. Dies setzt voraus, dass der Beschäftigte seine Tätigkeit schon teilweise wieder verrichten kann. Der Hausarzt kann dann auf der Verordnung zur beruflichen WE die Fähigkeiten und die Leistungseinschränkungen des Beschäftigten aufführen, so dass er behutsam wieder in den Arbeitsalltag eingegliedert werden kann. Der Hausarzt des Beschäftigten sollte dabei eng mit dem Betriebsarzt zusammenarbeiten. Der Arzt kann in geeigneten Fällen mit schriftlicher Zustimmung des Beschäftigten und der KK eine gutachterliche Stellungnahme des Medizinischen Dienstes (MDK) einholen. Der § 74 SGB V regelt die stufenweise Wiedereingliederung für die Krankenkasse:

Können arbeitsunfähige Versicherte nach ärztlicher Feststellung ihre bisherige Tätigkeit teilweise verrichten und können sie durch eine stufenweise Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit voraussichtlich besser wieder in das Erwerbsleben eingegliedert werden, soll der Arzt auf der Bescheinigung über die Arbeitsunfähigkeit Art und Umfang der möglichen Tätigkeiten angeben und dabei in geeigneten Fällen die Stellungnahme des Betriebsarztes oder mit Zustimmung der Krankenkasse die Stellungnahme des Medizinischen Dienstes (§ 275) einholen.

Der Beschäftigte ist im Sinne des Krankenversicherungsrechts weiter arbeitsunfähig, er erhält während der stufenweisen Wiedereingliederung weiter Krankengeldzahlungen. Die Voraussetzung für die stufenweise Wiedereingliederung ist daher der bestehende Anspruch für die Zeit der stufenweisen Wiedereingliederung des Beschäftigten auf Krankengeld nach §§ 44 – 51 SGB V.

Der Verordnung zur beruflichen Wiedereingliederung muss von allen Parteien zugestimmt werden: des Beschäftigten, der die Maßnahme mit seinem Hausarzt umsetzen will, dem Arbeitgeber, der mit den Rahmenbedingungen und der Dauer der stufenweisen Wiedereingliederung einverstanden ist, ggf. nach Rücksprache mit dem Betriebsarzt. Die Krankenkasse zahlt Krankengeld während der stufenweisen WE, ihre Zustimmung ist nicht erforderlich. Der Versicherte kann auch unabhängig von Hausarzt und KK eine Vereinbarung mit dem AG über eine stufenweise WE festlegen. Er kann eine Vereinbarung über eine teilweise Erfüllung des Arbeitsverhältnisses oder die zeitweise Übernahme von leichteren Arbeiten im Betrieb mit dem AG einvernehmlich beschließen. Grundlegend ist, dass schon im Vorfeld der WE AN und AG sich über den Ablauf der WE einigen. Der IFD kann bereits in dieser Phase miteinbezogen werden, den AN und AG über Möglichkeiten der Gestaltung der WE zu beraten und auf weitergehende Unterstützungsmöglichkeiten wie sozialrechtliche Leistungs, - und Beratungs, - und Koordinierungsstellen (z. B. die Gemeinsamen Reha – Service Stellen nach §§ 22 – 25 SGB IX) hinzuweisen. Ziel ist es, eine Win – Win Situation für beide Parteien herzustellen. D. H. eine Planung der WE zu schaffen, die von beiden Seiten klar akzeptiert und für beide Seiten gut umsetzbar ist. Entscheidend ist die vorherige Abklärung der wechselseitigen Erwartungen der beiden Parteien und die Aushandlung eines beiderseitig getragenen Konsensus (vgl. Gagel 2006; Adloch et al 2011 S. 268; BAR 2004; § 74 SGB V). Dies ist die Grundlage für eine erfolgreich berufliche WE des Beschäftigten. Nach Gagel (2006) ist die enge Kooperation von Hausarzt, Betriebsarzt, Krankenkasse, Arbeitgeber und dem Beschäftigten die beste Voraussetzung für das Gelingen einer stufenweisen beruflichen Eingliederung.

Bei der Vorbereitung des Beschäftigten zur Maßnahmen einer stufenweisen WE ist es wichtig, dass eine aktuelle Einschätzung seiner Leistungsfähigkeit vorliegt. Daneben ist es sinnvoll, dass der IFD den BA kontaktiert, um ggf. eine aktuelle Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG vorliegen zu haben. Diese Beurteilung kann als Fundament für die Prüfung der Passung des Anforderungsprofils des aktuellen Arbeitslatzes (unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Gefährdungsbelastung) mit dem aktuellen Leistungsprofil des Beschäftigten dienen (vgl. Nebe 2010). Dieses differenzierte Assessment kann bei der Umsetzung der konkreten stufenweisen Wiedereingliederung als Basis für weitere unterstützende Adaptionsmaßnahmen (spezifische fachliche Begleitung / Beratung) während der stufenweisen WE fungieren. Es ist somit Aufgabe des IFD als Vorstufe einer stufenweisen Wiedereingliederung nach oben beschriebenen Maßnahmen eine berufliche Belastungserprobung und Arbeitstherapie nach § 26 Abs. 2 Nr. 7 SGB IX einzuleiten. Diese Maßnahme kann im Rahmen einer medizinischen Rehabilitation in einer Rehabilitationsklinik zum Ende einer Rehabilitationsmaßnahme erfolgen. Unter diesen Umständen sollte der IFD Kontakt mit der Klinik und dem Reha – Team aufnehmen. Sollte der Beschäftigte arbeitsunfähig zu Hause sein, kann der IFD die berufliche Belastungs- und Arbeitserprobung in einem Berufsförderwerk oder ambulant bei einem niedergelassenem Ergotherapeuten initiieren und begleiten. Dies ist notwendig, um beispielsweise Hinweise auf die passenden Einsatzmöglichkeiten des Beschäftigten an seinem alten Arbeitsplatz zu finden (vgl. Mehrhoff & Schian 2009 S. 18 – 19; Adloch 2011 S. 88; IGA Ansbach 2003 S. 33). Die Maßnahme kann bei der DRV oder der AA durch den IFD in Kooperation mit dem BFW beantragt werden. Die Maßnahme kann aber auch über die KK (§ 42 SGB V Belastungserprobung und Arbeitstherapie) finanziert werden, wenn sie kein anderer Träger finanziert.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird der besseren Lesbarkeit halber nur die männliche Form verwendet, gemeint sind ausdrücklich immer beide Geschlechter

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Aufgaben des Integrationsfachdienstes bei der stufenweisen Wiedereingliederung nach § 28 SGB IX i. V. m. § 74 SGB V bei Menschen mit Depression
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main  (Fachbereich 4)
Veranstaltung
Case Management und Organisationsberatung
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
44
Katalognummer
V202708
ISBN (eBook)
9783656291039
ISBN (Buch)
9783656293033
Dateigröße
905 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integrationsfachdienst, seelische Behinderung, Depression, Case Management, Disability Management
Arbeit zitieren
Axel Eierdanz (Autor:in), 2011, Aufgaben des Integrationsfachdienstes bei der stufenweisen Wiedereingliederung nach § 28 SGB IX i. V. m. § 74 SGB V bei Menschen mit Depression, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202708

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