In den 60er und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts untersuchte der Soziologe Pierre Bourdieu in zwei umfangreich angelegten empirischen Studien die Gesellschaft und das Bildungssystem Frankreichs. Daraus resultierende Konzepte und theoretische Grundlagen werden bis in die Gegenwart, trotz systemischer Unterschiede der Bildungssysteme, auch in der deutschen Bildungssoziologie und Bildungsforschung rezipiert und das obwohl die Untersuchungen bereits relativ lange zurückliegen, dem verwendeten Datenmaterial es also an Aktualität mangelt.
In Deutschland, lange bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2008 Deutschland zur „Bildungsrepublik Deutschland“ erklärte und Ergebnisse verschiedener Bildungsstudien Anlass zu breiten Diskussionen über das deutsche Bildungssystem gaben, stand das Thema „Bildung“ im Blickpunkt sowohl wissenschaftlicher wie allgemein-gesellschaftlicher Diskurse. Von den in zahlreichen Reden bis heute hochgehaltenen Humboldt'schen Bildungsidealen aus dem 19. Jahrhundert bis zur „Bildungskatastrophe“ in den 1960er-Jahren mit anschließender Bildungsexpansion bis in die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, immer war Bildung ein Thema das breite Gesellschaftsschichten bewegte. Ein Paradoxum und gleichzeitig Erschwernis für Bildungsforschung in Deutschland stellt dabei die föderale Struktur des Bildungswesen hierzulande dar, die es jedem Bundesland erlaubt, sein „eigenes“ Bildungssystem zu etablieren.
Die vorliegende Hausarbeit ist wie folgt gegliedert: Nach der Darstellung einiger Thesen Bourdieus zur Bildungssoziologie, wird die Rezeption der oben in aller Kürze dargestellten Kapital- und Habitustheorien Bourdieus an verschiedenen Beispielen gezeigt, wobei im ersten Unterkapitel der Schwerpunkt auf dem Bildungssystem als Reproduktionsort sozialer Ungleichheit liegt, während im zweiten Unterkapitel die Rezeption im Rahmen der einflussreichen PISA-Studie belegt wird.
Im darauffolgenden Kapitel 4 wird anhand weiterer Beispiele beschrieben, wie sich unter dem Einfluss der Theorien Bourdieus Forschungsansätze und Methodologien in der Bildungsforschung herausgebildet haben.
Im abschließenden Resümee soll die Rezeption Bourdieus in der deutschen Bildungssoziologie kritisch gewürdigt und eine wertende Bilanz gezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Vorstellung einiger Thesen Bourdieus zur Bildung
3. Theoretische Rezeption von Bourdieu in Studien und Aufsätzen
3.1 Das Bildungssystem als Reproduktionsort sozialer Ungleichheit
3.2. Rezeptionen im Rahmen der PISA-Studie
4. Anwendung der Theorien Bourdieus auf die Forschungspraxis
5. Resümee
6. Literaturliste
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption der Kapital- und Habitustheorien von Pierre Bourdieu innerhalb der deutschen Bildungssoziologie. Das primäre Ziel ist es, anhand neuerer Aufsätze und empirischer Studien aufzuzeigen, wie diese theoretischen Ansätze in der aktuellen Bildungsforschung Anwendung finden und welche Erkenntnisse sie hinsichtlich der sozialen Ungleichheit im Bildungssystem liefern.
- Grundlagen der Kapital- und Habitustheorien Pierre Bourdieus
- Soziale Ungleichheit und Reproduktionsmechanismen im Bildungswesen
- Rezeption Bourdieus im Kontext der PISA-Studien
- Methodologische Anwendung von Bourdieu-Konzepten in der Forschungspraxis
- Kritische Bilanz zur Wirksamkeit bildungspolitischer Reformen
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Bildungssystem als Reproduktionsort sozialer Ungleichheit
Dieses Kapitel stellt einige bildungssoziologische Veröffentlichungen vor, die sich mit sozialer Ungleichheit im Bildungswesen beschäftigen und dabei Bezug auf die Theorien Bourdieus nehmen.
Beispiel 1:
Rahel Jünger rezipiert in ihrer 2008 erschienen Dissertation nicht nur einige Theorien Pierre Bourdieus, sondern prüft darüber hinaus mit Hilfe einer umfangreichen empirisch-qualitativen Methodologie, ob zentrale Ergebnisse der in Bourdieus Buch „Die feinen Unterschiede“ beschriebenen Habitusformen fast vierzig Jahre nach dessen Veröffentlichung noch gültig sind. Ihre qualitative Studie stellt die Frage, warum nichtprivilegierte Kinder Schwierigkeiten beim Kompetenzerwerb in der Schule haben (Jünger 2008: 20) und formuliert dies in folgender Forschungsfrage: „Inwiefern sind die Metastrukturen der in den 1960er-Jahren von Bourdieu für die Klassen Frankreichs gefundenen Habitusformen [...] auch heute [...] noch auffindbar?“ (Jünger 2008: 65). Der theoretische Rahmen ihrer Arbeit bezieht sich auf „das Ungleichheitskonzept Bourdieus mit den drei verschiedenen Formen von Kapitalien, [...] das Modell des sozialen Raumes, und der Raum der Lebensstile mit dem Konzept des ressourcenbedingten Habitus“(Jünger 2008: 21. Hervorhebung im Original).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Es wird die Relevanz der Theorien Bourdieus für die moderne deutsche Bildungssoziologie dargelegt und die föderale Struktur sowie soziale Ungleichheit als zentrale Herausforderungen des deutschen Bildungssystems identifiziert.
2. Vorstellung einiger Thesen Bourdieus zur Bildung: Dieses Kapitel arbeitet zehn zentrale Thesen aus der Untersuchung „Die Illusion der Chancengleichheit“ heraus, die den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, kulturellem Kapital und Bildungserfolg verdeutlichen.
3. Theoretische Rezeption von Bourdieu in Studien und Aufsätzen: Anhand verschiedener Beispiele wird gezeigt, wie Autoren aktuelle Bildungsfragen unter Rückgriff auf Bourdieu analysieren, wobei der Fokus auf dem Bildungssystem als Reproduktionsort sowie auf der PISA-Studie liegt.
4. Anwendung der Theorien Bourdieus auf die Forschungspraxis: Dieses Kapitel erläutert, wie Forscher die Konzepte Bourdieus methodologisch in ihre Studien integrieren, etwa bei der Untersuchung von Habitusstrukturen auf Mikro- und Makroebenen.
5. Resümee: Die Arbeit zieht eine kritische Bilanz und kommt zu dem Ergebnis, dass trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bildungsungleichheit in Deutschland seit den Zeiten Bourdieus kaum abgenommen hat.
6. Literaturliste: Hier sind sämtliche im Text verwendeten Quellen sowie die konsultierte Sekundärliteratur aufgeführt.
Schlüsselwörter
Pierre Bourdieu, Bildungssoziologie, Soziale Ungleichheit, Habitus, Kulturelles Kapital, Soziales Kapital, Bildungsforschung, Bildungsexpansion, PISA-Studie, Reproduktion, Soziale Herkunft, Institutioneneffekt, Bildungszertifikate, Meritokratie, Bildungssystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Theorien des Soziologen Pierre Bourdieu zur Kapitalstruktur und zum Habitus in der deutschen Bildungssoziologie und Bildungsforschung rezipiert und angewendet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Ungleichheit im Bildungssystem, die Reproduktion von Klassenbedingungen durch kulturelles Kapital sowie die Analyse von Bildungschancen in Abhängigkeit von der sozialen Herkunft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, anhand einer Auswahl neuerer Studien und Aufsätze aufzuzeigen, inwieweit Bourdieu'sche Konzepte zur theoretischen und empirischen Analyse des deutschen Bildungswesens herangezogen werden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literatur- und Inhaltsanalyse, bei der eine Vielzahl aktueller bildungssoziologischer Studien und Aufsätze ausgewertet und auf ihre theoretische Bezugnahme zu Bourdieu geprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung zentraler Thesen Bourdieus, eine Analyse ihrer Rezeption in Fachartikeln sowie die Darstellung ihrer methodischen Anwendung in aktuellen Forschungsprojekten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Bourdieu, Bildungssoziologie, Kapitalformen, Habitus, Reproduktion, soziale Ungleichheit und PISA-Studie.
Welche Rolle spielt die PISA-Studie in der Arbeit?
Die PISA-Studie wird als ein zentrales Beispiel dafür herangezogen, wie empirische Bildungsforschung versucht, soziologische Konzepte Bourdieus, insbesondere das kulturelle Kapital, zu operationalisieren.
Welches Fazit zieht der Autor zur Bildungsgerechtigkeit?
Der Autor zieht ein ernüchterndes Resümee: Trotz langjähriger Forschung und Bildungsexpansion hat sich die bildungsbezogene Ungleichheit in Deutschland seit den Untersuchungen Bourdieus in den 60er Jahren nur geringfügig verändert.
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- Bachelor of Arts Andreas Scheytt (Autor), 2010, Die Rezeption der Kapital- und Habitustheorien Pierre Bourdieus in der deutschen Bildungssoziologie dargestellt an neueren Aufsätzen und empirischen Studien, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202888