Intersektionale Analyse von Bildungswegentscheidungen - "Welchen Einfluss haben Eltern auf den Bildungsweg ihrer Kinder?"


Seminararbeit, 2012
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Intersektionalität

3. Ethnizität

4. Ethnisierung und Rassismus

5. Reproduktion schichtspezifischer Ungleichheiten

6. Sozialschichtzugehörigkeit und Bildungsbeteiligung

7. Forschungsablauf

8. Analyse
8.1 Kurzbiografie
8.2 Vier Schritte einer intersektionalen Mehrebenenanalyse
8.2.1 Differenzierungskategorien herausarbeiten
8.2.2 Werte, Normen, Ideologien explizit machen
8.2.3 Zuordnung struktureller Gegebenheiten (zu den auf der Strukturebene vorgegeben 4 Kategorien)
8.2.4 Wechselwirkung zentraler Kategorien

9. Interpretation

10. Resümee

11. Literaturverzeichnis

12. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit der intersektionalen Analyse von Bildungswegen bzw. Bildungswegentscheidungen.

Das in Österreich und vielen weiteren Ländern (Europas) existente Bildungssystem lässt sich heute beinahe mit einem Kastenwesen vergleichen. Die Kinder „erben“, wenn nicht den Beruf, häufig zumindest den Bildungsstand ihrer Eltern. Dieser hat schon früh einen großen Einfluss auf den zukünftigen Bildungsverlauf der Kinder.

Aber auch andere Faktoren (Geschlecht, Herkunft, sozialer Status), welche sich überwiegend klar benennen lasse, spielen eine erhebliche Rollein der Entwicklung. Der Frage, wie Eltern das erfolgreiche Vorankommen ihrer Nachkommen unterstützen oder aber auch behindern soll nachgegangen werden.

Die Wirkung verschiedener Einzelursachen aufeinander sowie deren Einfluss auf den Bildungsverlauf bilden die Basis für diese Arbeit.

Nach einem einführenden theoretischen Teil wird das zur Verfügung stehende Material, einem Interview mit der Mutter eines schulpflichtigen Kindes, welche selbst einen „wenig erfolgreichen Bildungsverlauf“ aufweist, mittels einer intersektionalen Auswertung nach Degele Winker näherbetrachtet. Es handelt sich hierbei um ein leitfadengestützes Interview, welches unter Berücksichtigung der ersten vier Punkte der „Acht Schritte einer intersektionalen Mehrebenenanalyse“ aus dem Buch Intersektionalität, Winker G., Degele N. aus dem Jahr 2009, untersucht wird.

Die Arbeit greift im gesamten Verlauf auf unterschiedliche Theorien und Ansätze zurück, welche sich auf die Weitervererbung und Sozialisierung von Bildungsabschlüssen sowie den positiven als auch negativen Auswirkungen auf folgende Generationen im Rahmen des Konzepts der Intersektionalität beziehen.

2. Intersektionalität

Intersektionalität ist ein Begriff welcher überwiegend bei der Erforschung und Diskussion sozialer Ungleichheiten Verwendung findet. Der Begriff stammt aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum und greiftspezifische Merkmale, anhand derer Diskriminierung stattfindet auf (Gender, Race, Class) und betrachtet bzw. verdeutlicht die durch die Schnittpunkte (intersection) dieser Kategorien entstehenden Auswirkungen [Vgl. Kubisch,S. (2008) S.42]

Dies gewährt der Forschung einenintegrativeren Zugang innerhalb der Ungleichheitsforschung, da, wie Klinger undKnapp reflektieren, im soziologischen Ungleichheitsdiskurs die Kategorie Geschlechtimmer wieder vernachlässigt wird sowie im feministischen Diskurs die Klasse häufig zu wenigRaum findet. Die Perspektiven der Ungleichheit bewegen sich nicht nurzwischen oben und unten, sondern auch zwischen innen und außen.Intersektionalitätstheorie geht auch von der Gleichzeitigkeit der Wirksamkeit von „Geschlecht, Ethnie und Klasse“ aus, respektive deren Wechselwirkungen. Diese Gleichzeitigkeit gilt auch für die Ebenen des Individuums und der Interaktion: „Race, gender and class are salient characteristics of each individual that accompany the individual into every interaction or experience“ [Landry, B. (2006) S.11]. Zwarberuht dieser Forschungszweig stark auf den spezifischen gesellschaftlichenEntwicklungen des angloamerikanischen Raumes, kann jedoch mit entsprechenderSensibilität auch im europäischen Raum Anwendung finden [vgl. Klinger, C.; Knapp,G.A. (2007) S.119f].

Die Kategorien Geschlecht und Ethnie haben in ihrer wissenschaftstheoretischen Historie in den letzten Jahren eine Entnaturalisierung erlebt, sodass sie im intersektionalen Diskurs mit der Kategorie Klasse überhaupt erst verglichen werden können: „Nur indem >Rasse< und Geschlecht den Anschein von Naturgegebenheit abstreifen, können sie als gesellschaftlich Strukturgeber statt >Schicksal< aufgefasst werden. Die Kehrseite der Entnaturalisierung ist jedoch auch einen Verlust von Evidenz. Dies erschwert das Erkennen und Differenzieren dieser Kategorien. Ebenso vermissen zumindest Klinger und Knapp einen durchgängigen Entnaturalisierungsansatz aller Kategorien miteinander [vgl. Klinger, C.; Knapp, G.A. (2007) S.121f] Auf der Makroebene wird Intersektionalität als „matrix of domination“ begriffen, während sie auf der Mikroebene als „complex social location“ aufgefasst wird, als spezifischer Ort, der sich aus der Übereinstimmung der Kategorien ergibt. Individuen können in Bezug auf die verschiedenen Kategorien gleichzeitig dominant und unterdrückt sein. [vgl. Kubisch, S. (2008) S.36]

Bezogen auf die Situation der Migrantinnenist anzumerken, dass diese besonders häufig von allen Aspekten betroffen sind [vgl. Greve, D. (2007) S.97],d.h. die Aspekte Geschlecht, Ethnizität und Klasse wirken hier mit- und aufeinander,die Migrantinnen sind auf all diesen Ebenen machtschwächer.

„[…] als Frauen in einer patriarchal organisierten Gesellschaft, als Beschäftige in Niedriglohnsektoren in einer kapitalistischen organisierten Gesellschaft, als Beschäftigte in Niedriglohnsektoren in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft und als Fremde in einer Gesellschaft, die Rechte und Privilegien entlang der Kriterien ethnischer und,nationaler Herkunft ungleich verteilt. In allen Bereichen werden sei als Personen mit,eigener Geschichte und Qualifikation tendenziell unsichtbar gemacht.“[Greve, D. (2007) S.105]

Durch rassistisch-sexistische Praktiken wird auch eine dichotome Hierarchie unter den Werktätigen geschaffen. Frauen bekommen weniger bezahlt als Männer, „Ausländerinnen“ weniger als „Inländerinnen“, „Schwarze“ weniger als „Weiße“. Sozioökonomische Machtverhältnissezwischen Männern und Frauen oder zwischen als „Rasse“ konstruierten Menschengruppen werden auf deren physiologische Beschaffenheit zurückgeführt und es kommt zu einer einseitigen Bewertung sowie zu einer Hierarchisierung deretablierten Unterschiede. [vgl. Kronsteiner, R. (2008) S.27]Beide Ideologien, Rassismus, wie Sexismus, schließen also Menschen aufgrund von scheinbaren physiologischen Gegebenheiten aus. Diese soziale Ausgrenzung wiederum bewirkt, dass diese Menschen leichter auszubeuten sind und trotzdem sie am Rande der Gesellschaft stehen oder in prekären Verhältnissen leben, als Arbeitskräfte leicht einsetzbar sind, wobei an dieser Stelle darauf hingewiesen sein soll, dass die ausschließliche Viktimisierung von MigrantInnen als Opfer rassistischer und sexistischer Diskurse in der Mehrheitsgesellschaft zu kurz gegriffen und zu einseitig ist. Dies wiedrum kann zu paternalistischen Perspektiven auf Migrantinnen und/oder zu einer Reproduktion einer Marginalisierung von Migrantinnen in öffentlichen Diskursen führen.

3. Ethnizität

Martin Sökefeld beschreibt in seiner Arbeit zu den Begriffen von „Ethnizität, Rasse, Kultur und Minderheit Ethnizität als eine mögliche Abbildung von Differenz, da sie durch die Differenz von Menschen untereinander definiert wird, wobei er diese als von Menschen gemacht interpretiert, also die Aktivitätbei der Etablierung von Unterscheidungen betont. „Rasse, Nation und Kultur sindKategorien, die diese Unterscheidung möglich machen und erfassen“.

[vgl. Sökefeld. M.(2007) S.18]

Sökefeld begreift Ethnizität

„[…] als ein weites, generelles Konzept, das diesen Kategorien übergeordnet ist, „[…]des Weiteren betont er auch die schwere Abgrenzung dieser Kategorien untereinander.“ [Sökefeld, M. (2007) S.32]

Feischmidt hingegen beschreibt

„[…] Ethnizität als Erfahrung von Gemeinsamkeiten und im Zusammenhang mit sozialen Verhältnissen und Interaktionen [...]“ [Feischmidt, M. (2007) S.52]

Ethnizität ist somit ein wichtiges Strukturmerkmal sozialer Ungleichheit und nutzt der Politik in neoliberalen Staatsgefügen zunehmend als zentrales Kriterium der Abgrenzung zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Dazugehörenden (Wir-Identität) und Ausgrenzten.

„Ethnizität bezeichnet heute innerhalb von Österreich das Verhältnis zwischen „unmarkierter“ (deutschsprachiger und primär katholisch geprägter) Mehrheit, so genannten alteingesessenen Minderheiten (slowenisch-, kroatisch-, ungarisch-, tschechischsprachigen, jüdischen Minderheiten, Roma), und so genannten neuen Minderheiten (MigrantInnen der ersten Generation)“

[Gingrich, A. (1998) S.102;In Kronsteiner, R. (2008) S.18]

Die Ausgegrenzten wiederum entwickeln mit der Zeit eine eigene Wir- Identität bzw. Gruppensolidarität, die sich in Abgrenzung von den Zuschreibungen der Mächtigen entwickelt.

Die Gesetzgebung nützt ihrerseits ethnische Begründungen zur Definition eines Regelwerkes der Migration - erlaubte und unerlaubte Migration [vgl. Greve, D. (2007) S.63f]. Der Zugang zu Ressourcen, zum Arbeitsmarkt, zu Bildung etc. wird gesetzlich geregeltund bestimmt damit die Partizipationsmöglichkeiten von Migrantinnen. DieRegulierung und Illegalisierung von Migrantinnen bewirkt, wenn man die intersektionale Trias miteinbezieht, eine zusätzliche Verschiebung auf der Achseder Klasse. Es entsteht eine eigene „Schicht“ in der Gesellschaft, Menschen die flexibel sind, unter prekärsten Bedingungen leben, über wenig Rechte undRessourcen verfügen und wenig Zugang zu Bildung haben. Diese können in wenigangesehenen, schlechtest bezahlten und ungeschützten Bereichen eingesetztwerden [Vgl. Greve, D. (2007) S.65]. „Es kommt zu politischen Konstruktionen von Ethnizität, die nicht bzw. nur partiell auf Herkunft sich gründen, vielmehr primär ausder Konkurrenz um gleiche Lebenschancen entstehen“ [Beck-Gernsheim, E.(1999) S.52f; In: Kronsteiner, R. (2008) S.19].

Nationalstaaten sind also Gebilde, sie sich durch Ausgrenzung „Anderer“ und „Fremder“ definieren. Wer drinnen und wer draußen ist, bestimmen nationalstaatliche Grenzen. Die Exklusion der Anderen führt im Zusammenhang mit Migration zu einem grundlegenden Konflikt, da der Mensch, der einen Fuß über die Grenze eines Landessetzt, diese Exklusion geografisch überwindet und doch nicht Teil des Gefüges derNation sein kann und soll. Sökefeld beschreibt das Konzept der Ethnizität als in derReaktion auf die gescheiterte (in den USA prolongierte) Annahme, dassEinwanderinnen mit der Zeit assimiliert werden und ihre „kulturellen“ Eigenarten ablegen. Ethnizität, bezeichnet in diesem Zusammenhang das Festhalten an vormodernen und nicht-rationalen (oder gar irrationalen) Orientierungen: >ethnische Gruppen< sind in diesem Verständnis Gruppen deren Zusammenhalt sich auf >Tradition< und >Abstammung< stützt, Gruppen welche die Moderne, „[…] einen modernen Nationalstaat, der sich von vormodernen politischen Formationen unterscheidet, indem er an Territorien und nicht an Personen gebunden ist.“, und auch wesentlich auf Bildung gründet, noch nicht erreicht hatten.

[vgl. Sökefeld, M. (2007) S.40f].

4. Ethnisierung und Rassismus

Die Nutzung der Kategorie Ethnizität zur Ab- und Ausgrenzung von anderen erfolgt wie bereits erwähnt durch die Zuschreibung von kulturellen oder persönlichen Eigenschaften. Die Zuschreibung kann einerseits von außen erfolgen (Fremdethnisierung) oder durch die jeweiligen Personen selbst (Selbstethnisierung).

Selbstethnisierung meint die Benutzung speziellen kulturellen Materials wie Sprache, Religion für die eigene kollektive Identität. Sie kann genutzt werden, um Vorteile im Wettbewerb um knappe Güter zu erlangen, oder eine Reaktion auf erfahrene Diskriminierung darstellen. Andererseits ist die Konstruktion ethnischer Zugehörigkeit niemals beliebig, sondern muss an ein bereits vorhandenes Reservoir kultureller Deutungen in der Gesellschaft geknüpft werden, um überhaupt verstanden zu werden und Akzeptanz zu finden.

Analog zum Konzept des „Doing Gender“ ist davon auszugehen, dass es ein „Doing Ethnicity“ gibt, das heißt, dass ethnische Zugehörigkeit und Differenzieung in Interaktionen hergestellt werden. Ein „Doing Ethinicity“ ist dabei einerseits über die direkte Thematisierung ethnischer Zugehörigkeit in der Interaktion zu identifizieren, drückt sich andererseits aber auch in habitualisierten und institutionalisierten Formen von Grenzmarkierungen aus, die Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit anzeigen.

Margarete Jäger unterscheidet zwei unterschiedliche Konzepte der Ethnisierung und differenziert zwischen politisch-rassistischen und ethnozentrischen. Das politischrassistische Konzept definiert sie als „statische“ Ethnisierung. Hier würden Menschen oder Menschengruppen natürliche Eigenschaften zugeschrieben. Das ethnozentristische Konzept schreibt jedoch kulturelle Eigenarten zu und wird von Jäger als „dynamische“Ethnisierung bezeichnet. Kulturelle Merkmale sind solche, die wandelbar sind. Darunter liegt wiederum die Forderung nach Integration, also nach der Veränderung der eigenen, von außen zugeschriebenen Eigenschaften, die in einem ethnozentristischen Konzept sehr wohl als veränderbar charakterisiert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Intersektionale Analyse von Bildungswegentscheidungen - "Welchen Einfluss haben Eltern auf den Bildungsweg ihrer Kinder?"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Veranstaltung
Intersektionalität und Differenz
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
28
Katalognummer
V204146
ISBN (eBook)
9783656303183
ISBN (Buch)
9783656303510
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intersektinoalität, Bildungslaufbahn, Bildungsweg, Bildungsverlauf, soziale Schicht, Klassengesellschaft, Laufbahnentscheidung
Arbeit zitieren
Thomas Lechleitner (Autor), 2012, Intersektionale Analyse von Bildungswegentscheidungen - "Welchen Einfluss haben Eltern auf den Bildungsweg ihrer Kinder?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204146

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Intersektionale Analyse von Bildungswegentscheidungen - "Welchen Einfluss haben Eltern auf den Bildungsweg ihrer Kinder?"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden