Die Pädagogik Hugo Gaudigs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

18 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Person Hugo Gaudigs

3. Zur Pädagogik
3.1 Erziehungsziel
3.2 Freie geistige Tätigkeit
3.3 Selbsttätigkeit
3.4 Methode des Schülers
3.5 Lehrerfrage
3.6 Schülerfrage
3.7 Gespräche
3.8 Verfahren einer Erziehung zu freier geistiger Arbeit
3.9 Stufen des Arbeitsvorgangs

4. Ursprung von Gaudigs Pädagogik

5. Karsens Kritik an der Methode Gaudigs

6. Einige Zeilen zu Unterrichtsbeispielen

7. Literaturliste

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich in groben Zügen mit der Person und der Pädagogik Hugo Gaudigs befassen. Zunächst soll der Begriff Arbeitsschule näher erläutert bzw. ein kurzer Vergleich mit Kerschensteiner gezogen werden. Danach beschäftige ich mich mit den Erziehungszielen von Gaudig, mit den Erklärungen der Begriffe „freie geistige Tätigkeit“, „Selbsttätigkeit“, „Methode des Schülers“, „Schülerfrage“, „Lehrerfrage“, „Stufen des Arbeitsvorgangs“, analysiere Unterrichtssituationen aus den Schriften Gaudigs u.a.m.

Für viele ist noch heute die Arbeitsschulbewegung gleichbedeutend mit der Reformpädagogik. Sie war damals die Leitvorstellung für die Schule. Auf die Arbeitsschule wurde in der Weimarer Verfassung hingewiesen, und sie wurde ein Hauptthema der großen Reichsschulkonferenz (Scheibe, 1994, S.171). Daraus entstand dann das Fach Werken. Bis heute wird der Begriff Arbeitsschule verwendet, allerdings ist er oft sehr verwirrend, weil verschiedene Dinge damit gemeint sind. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon, je nachdem welchen pädagogischen Ansätzen die Arbeitsschule sich verbunden fühlt. Ihre zwei Hautvertreter sind Georg Kerschensteiner und Hugo Gaudig.

Die Arbeitsschule hat sich hohe Ziele gesetzt. Ihre umfassende Zielstellung lautet: Der Schüler soll selbsttätige Arbeit auf manuellem und geistigem Gebiet leisten. Daher kann man Arbeitsschule so definieren: Arbeitsschule ist selbständige geistige Arbeit des Schülers und selbsttätige Erarbeitung des Lerninhalts unter Einbeziehung der manuellen Tätigkeit- sofern notwendig und möglich (Dietrich, 1975, S.219).

Gaudig begründete eine eigene Richtung der Arbeitsschule, die zwar einiges mit Kerschensteiner gemein hat, aber sich auch in wichtigen Punkten von ihr unterscheidet. Sie befanden sich in einer gewissen Rivalität und es gibt einige Kommentare übereinander zu diesem Thema, ihr Streit erreichte 1911 auf dem Kongreß des „Bundes für Schulreform“ in Dresden seinen Höhepunkt. Im historischen Vergleich erscheint Kerschensteiner als die umfassendere und bedeutendere pädagogische Persönlichkeit, doch hat Gaudig in der Frage der unterrichtsmethodischen Gestaltung im arbeitsschulmäßigen Sinne den Vorrang gehabt (Scheibe, 1994, S.188). Da er lebenslang im Schuldienst war, wurde er auch der wirkungsreichere für die unterrichtliche Praxis der Reformpädagogik.

Während Kerschensteiner mehr Wert auf die manuelle Tätigkeit legt, die „die alte Pestallozische Trias von Kopf, Herz und Hand“ (Geißler, 1994, S.14) wieder zur Geltung bringt, verschiebt sich der Akzent bei Gaudig auf die „rein denkerische Produktivität“ (Dietrich, 1975, S.223). Kerschensteiner unterschätzt die Selbsttätigkeit auf geistigem Gebiet keineswegs (a.a.o., S.223), er bekennt sogar: „Die selbständige geistige Arbeit ist noch mehr ein Kennzeichen der Arbeitsschule wie die selbständige manuelle Arbeit“ (a.a.o., S.223), aber er zweifelt an der Durchführung Gaudigs Methode in der Volksschule, und da er Anhänger der statischen Begabungstheorie (Schüler der Oberstufe der Volksschule seien „praktisch begabt“) war, erkannte er nicht die Möglichkeiten von Gaudigs System.

Das Bildungsziel bei Gaudig war die Persönlichkeitsbildung, während Kerschensteiner die Erziehung zum brauchbaren Staatsbürger am wichtigsten nahm. Der erstere nimmt – wie oben gesagt – die Arbeit nicht nur als eine neue Methode an, sondern als einen neuen Inhalt des Unterrichts. Der letztere setzt die Priorität auf das Erlernen von Methoden, um eine fruchtbare Selbsttätigkeit zu gewährleisten (doch dazu später mehr).

Bevor ich näher auf die Selbsttätigkeit und andere Erziehungsziele Hugo Gaudigs eingehe, beschäftige ich mich in wenigen Worten mit seiner Person.

2. Zur Person Hugo Gaudigs

Hugo Gaudig wurde 1860 als Sohn eines Landpfarrers und Schulinspektors in Stöckey im Harz geboren. Er besuchte zunächst die Dorfschule, dann das Gymnasium, er studierte an der Universität Halle/ Saale Philologie und Theologie. Nach dem Staatsexamen promovierte er, danach war er Lehrer am Realgymnasium in Gera, in der Folge wurde er Direktor der Höheren Mädchenschule und des Lehrerinnenseminars an den Franckeschen Stiftungen in Halle/ Saale und von 1900 an Leiter mehrerer später nach ihm benannter städtischer Schulen in Leipzig, einer Höheren Mädchenschule, eines Lehrerinnenseminars und der angegliederten Übungsschule (Volksschule). 1911 erreichte die Kontroverse mit Kerschensteiner ihren Höhepunkt auf dem Kongreß des „Bundes für Schulreform“ in Dresden. 1917 schrieb er sein Hauptwerk „Die Schule im Dienste der werdenden Persönlichkeit“, 1923 starb er in Leipzig.

Er lehnte viele Angebote für schulpolitische und wissenschaftliche Tätigkeiten ab, da er seine Schule, die sich als sein bedeutenstes Werk darstellte (sein literarisches Werk sei nur ein schwacher Widerschein davon), nicht verlassen wollte. Zahlreiche Besucher aus der ganzen Welt interessierten sich für sein Konzept. Seine wichtigsten Veröffentlichungen sind: „Didaktische Ketzereien“ (1904), „Didaktische Präludien“ (1909), „Die Schule im Dienste der werdenden Persönlichkeit“ Bd. I und II (1917), „Freie geistige Schularbeit in Theorie und Praxis“ (1922), „Die Idee der Persönlichkeit“ (1923).

Hugo Gaudig hatte einige Mitarbeiter, die seine Gedanken praktizierten und forttrugen. Einer davon war Otto Scheibner, der 1901 Lehrer an Gaudigs Schule war, bis er 1923 Professor und Direktor des Pädagogischen Instituts an der Universität Jena wurde und 1929 auch Professor für Pädagogik an der Pädagogischen Akademie Frankfurt. Er hielt etliche Vorträge, schrieb einige Artikel über Gaudig uns sein Sammelband „Zwanzig Jahre Arbeitsschule in Idee und Gestaltung“ (1927) ist zu einem Standardwerk der Arbeitsschulbewegung geworden. Eine weitere wichtige Mitarbeiterin war Lotte Müller, die „Die Schule der Selbsttätigkeit“ (1969 in der zweiten Auflage) herausgab, in dem eine Auswahl aus Gaudigs Schriften abgedruckt war, daneben schrieb sie „Umstellung auf freie geistige Schularbeit“ (zuerst 1924). In dem Buch „Freie geistige Schularbeit in Theorie und Praxis“ (1922) sind einige ihrer Schulstunden vertreten. Wir werden später darauf eingehen.

3. Zur Pädagogik

3.1 Erziehungsziel

Für Gaudig stellte sich das Herausbilden der Persönlichkeit als höchstes Ziel der Erziehung dar, wobei für ihn „Persönlichkeit“ ein Idealbegriff war.

Der junge Mensch trägt das Bild dessen, was er werden will und soll, in sich, als das „Ich seiner Sehnsucht“, als das „Ideale Ich“, das höhere Ich, das sich an das sittliche Gesetz gebunden weiß und im Dienste der Natur steht (nach Scheibe, 1994, S.190).

Im Rahmen der Pädagogischen Bewegung war Gaudig der eigentliche Vertreter einer „Persönlichkeitspädagogik“. Er hat damit Gedanken des deutschen Idealismus neu aufgeworfen, ohne daß sie in der Allgemeinheit ihrer Formulierungen recht zum Tragen kommen und repräsentativ für die Pädagogische Bewegung werden konnten (a.a.o., S.190)

Einerseits war „Persönlichkeit“ für Gaudig individuell, jeder sollte sich auf seine eigene Art entwickeln, genügend Freiräume erhalten, andererseits stellte sich ihm das sich Einfügen in die Gemeinschaft als wichtige soziale Aufgabe für seine Schüler dar.

Jeder Schüler muß sich mit den herrschenden Normen auseinander setzen, aber sich gleichzeitig an das Ideal seiner Individualität annähern.

Es ergeben sich für die methodische Arbeit in der Schule folgende Aufgaben:

1. „In der Arbeit und durch die Arbeit“ muß und kann die Persönlichkeit immer weiter ausreifen, wenn das Bemühen „nicht auf ein Wissen als Wissen, auch nicht auf ein Können als Können, sondern auf einen Gesamtzustand, auf die bleibende Disposition gerichtet (ist), die sich als die Gesinnung, Kraft und Technik der Selbsttätigung offenbart.“ (Die Schule..., S.88)
2. An konkretem Stoff sind Kräfte zu entwickeln, „die zur Bewältigung formalwissenschftlich gleichartigen Stoffes befähigen.“ (a.a.o., S.90) (nach Potthoff, 1992, S.82)

3.2 Freie geistige Tätigkeit

Das Prinzip der freien geistigen Tätigkeit ist im Grunde ein Natur-Prinzip. Aus dem im Leben stehenden Eigenwesen, das sich selbst behauptet und sich selbst entwickelt, bricht die freie geistige Tätigkeit von selbst hervor. Aber es bedarf planmäßiger Arbeit und keiner geringen Kunst, wenn der Geist zur vollen Freiheit in seiner Kraftbetätigung entfaltet werden soll. Entscheidend ist hier, daß der Begriff des Arbeitsvorgangs in seiner vollen Bedeutung erkannt wird (Gaudig, 1922, S.36).

Für Gaudig ist es sehr wichtig, dieses entdeckte Prinzip in den Unterricht, in die Schule, zu integrieren, er glaubt, daß es für die Zukunft des gesamten Schul- und Kulturlebens von größter Bedeutung ist. Schließlich bedeutet das auch eine revolutionäre Verschiebung vom Lehrerzentrierten Unterricht der Vergangenheit (der Lehrer steht im Mittelpunkt) zu einer Schülerzentrierung (Lehrer sollen nicht alles dozieren, Schüler sollen das Wichtige selbst erarbeiten).

„Frei“ sollte die Schule sein, so wie es dem Ideal der Persönlichkeit entsprechen soll. „Geistig“ sollte den Gegensatz zur einseitig manuellen Bildung darstellen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Pädagogik Hugo Gaudigs
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Veranstaltung
Unterrichtsmethoden - Anregungen aus der Reformpädagogik
Note
1,5
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V204229
ISBN (eBook)
9783656302483
ISBN (Buch)
9783656302926
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Reformpädagogik, Hugo Gaudig, Kerschensteiner, Pädagogik, Arbeitsschule, Karsen
Arbeit zitieren
Diplom-Pädagoge Jannis Plastargias (Autor), 2000, Die Pädagogik Hugo Gaudigs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204229

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