Begriff, Funktion und Praxis des interkulturellen Lesergesprächs zwischen Leseerfahrung, wissenschaftlicher Interpretationspraxis und interkultureller Didaktik

Eine Analyse am Beispiel von Aphorismen über die Deutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Leseerfahrungen im Kontext der interkulturellen Germanistik

2. Das interkulturelle Lesergesprach
2.1 Der Leseprozess und die literarische „Wirklichkeit“
2.2 Definitorische Unterscheidung von Rezeption und Interpretation
2.3 Interkulturelle Rezeption und Interpretation
2.3.1 Leserpositionen im Kontext kultureller Fremdheit und Distanz
2.3.2 Funktion des Lesergesprachs: interkulturelle Hermeneutik und Dialog

3. Praxis: Aphorismen uber die Deutschen
3.1 Definition und Bestimmung des Aphorismus‘
3.1.1 Literarisch und philosophisch
3.1.2 Sprachlich und grammatikalisch
3.2 Analyse des Untersuchungsgegenstands
3.3 Aphorismen im interkulturellen Lesergesprach

4. Resumee und Ausblick: Das interkulturelle Lesergesprach und

Aphorismen in seinem Kontext

Literaturverzeichnis

1. Leseerfahrungen im Kontext der interkulturellen Germanistik

„Lesen offnet den Zugang zum kulturellen Gedachtnis der fremden (wie der eigenen) Kultur und ist eine entscheidende Voraussetzung fur die Rezeption unserer ganz uberwiegend schriftlich fixierten Literatur. “

(Esselbom 2003:287)

Esselbom, Wierlacher, Krusche und viele andere haben den Blick auf die deutsche Literatur in den letzten 25 Jahren durch die ,,interkulturelle Germanistik“maBgeblich gepragt. Sie thematisierten deutsche Literatur als fremdkulturelle Literatur und betonten, dass die fremdsprachlichen und -kulturellen Perspektiven der Leser den Verstehens- und Rezeptionsprozess dieser unabdingbar beeinflussen. Durch diese Differenzierung wird deutlich, wie Fremdverstehen und interkulturelles Verstehen ermoglicht werden kann. (Vgl. Ahn 2010:92) So versuche die fremdsprachliche Literaturdidaktik eine Annaherung an das Fremde zu erreichen, indem die eigene Identitat durch eine bewusste Unterscheidung von Innen- und Aufiensperspektive sowie einer Perspektivenubernahme hinterfragt werde. (Siehe Nunning 2005:45)

Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit stellt sich zunachst die Frage, wie ein Muttersprachler deutsche Texte rezipiert und interpretiert. Daraus resultierend soll untersucht werden, in welchem Mafie sich die Rezeption und Interpretation beim Deutsch-als-Fremdsprache-Lerner unterscheidet, da die interkulturelle Germanistik davon ausgeht, dass Angehorige verschiedener Kulturen auch verschiedene Wahrnehmungen und Wirklichkeitsauffassungen haben. An diese These soll in vorliegender Arbeit angeknupft werden, indem auf das Thema „Aphorismen“naher eingegangen wird. Denn diese Form der Kurz-Prosa wird haufig als pragnanter Satz, der die Wahrheit sagt, bezeichnet. Deswegen sollen Aphorismen sowohl literarisch und sprachlich als auch funktional im Kontext des interkulturellen Lesergesprachs untersucht werden. Zunachst ist es jedoch notwendig, das interkulturelle Lesergesprach theoretisch und auf Basis wissenschaftlicher Quellen vorzustellen, bevor dann eine Analyse am Beispiel von „Aphorismen uber die Deutschen“erfolgt. Die Arbeit gliedert sich in folgende Teile: Nach einer Ausfuhrung des Leseprozesses und einer Definition der Begriffe „Rezeption“und „Interpretation“, sollen diese drei Aspekte bezuglich kultureller Fremdheit und interkultureller Hermeneutik veranschaulicht werden. Danach werden Aphorismen im Allgemeinen erklart, um anschliefiend den uberschaubaren Korpus an „Aphorismen uber die Deutschen“zunachst generell und dann im Kontext des interkulturellen Lesergesprachs zu analysieren. Abschliefiend soll ein Resumee erfolgen. Ziel der Arbeit ist es, herauszufinden, welchen Einfluss der fremde Blick auf die Interpretation deutscher Literatur hat und ob sich ,,Aphorismen uber die Deutschen“als didaktische Umsetzung fur den interkulturellen DaF-Unterricht eignen.

2. Das interkulturelle Lesergesprach

Gewohnlich hat ein Literaturgesprach das Ziel der Konsensusbildung (vgl. Krusche 1985, nach dem Seminarreader, S.67). Im interkulturellen Lesergesprach sindjedoch weitaus mehr Aspekte zu beachten, als die „klassischen“. Die kulturelle Distanz, die Unkenntnis des kulturellen und historischen Kontextes, andere Lese-Traditionen sowie Gattungen und Genres und ein anderer Referenz- und Verstehensrahmen verlangen vom fremdkulturellen Leser eine besondere Verstehensleistung. (Vgl. Esselborn 2003:291) Welches Ziel das interkulturelle Lesergesprach verfolgt, soll in folgenden Kapiteln erarbeitet werden. Dabei wird zunachst eine Verstandnisbasis zu Lese-Prozess sowie Rezeption und Interpretation geschaffen, um diese darauf folgend im interkulturellen Kontext zu analysieren.

2.1 Der Leseprozess und die literarische „Wirklichkeit“

Was tut man, wenn man liest? Dieser Frage geht Horst Steinmetz (1997) in ,,Moderne Literatur lesen“nach. Er beschreibt den Lesevorgang als Prozess, in dessen Verlauf der Leser Buchstaben und Worter mit Bedeutungen verbinde und diese so miteinander verknupfe, um einen gesamten Sinn daraus zu erhalten (vgl. Steinmetz 1997:31).

Im Gegensatz zur Alltagssprache hat man hierbei mit Texten zu tun, die mit keiner bestimmten Verstandigungssituation verbunden sind. Steinmetz betont dies- bezuglich: ,,Literarische Werke reprasentieren sich unabhangig von festgelegten Kommunikationssituationen.“(Steinmetz 1997:39) Deswegen fehlen bei einer Lekture Verstandnishilfen, die in der situationsabhangigen Alltagskommunikation normalerweise vorhanden sind. Die literarische Sprache ist folglich nicht auf Eindeutigkeit festgelegt, sondern bietet dem Leser eine Vielfalt an (Be)Deutungen und Entscheidungen; zumal man in der Literatur eher selten erwartet, dass sie Alltagsrealitat darstellt. Deswegen versucht der Leser, sich eine Art Ersatzsituation zu schaffen, in deren Rahmen die Textbedeutungen leichter zu verstehen sind. Zum Einen bietet die Literatur selbst gewisse sprachliche wiedererkennbare Konventionen und Formeln. Zum Anderen kann sich der Leser dem Werk durch die Perspektive der alltagssprachlichen Erfahrungen nahern, da literarische Werke logischerweise nicht vollstandig von den sprachlichen Wirklichkeiten des Alltags gelost sind, da Wirklichkeitselemente in die Literatur ubernommen werden. Sinn und Zweck davon ist, den Eindruck von Realitat zu vermitteln und die Glaubwurdigkeit der Darstellung zu festigen. (Vgl. Steinmetz 1997:37ff)

2.2 Definitorische Unterscheidung von Rezeption und Interpretation

Texte verlangen vom Leser eine geistige und imaginative Aktivitat, welche man Textverarbeitung nennt. Dabei muss er die Worter und Satze, wie bereits erwahnt, so verarbeiten, dass er die dortige Bedeutung versteht. Voraussetzung dabei sind sein Leserverstandnis und seine Leseerfahrungen. Dabei muss jedoch zwischen zwei Begriffen unterschieden werden, die in der Literaturwissenschaft definitorisch haufig nicht getrennt werden: die Rezeption und die Interpretation.

Auf Basis des bereits erklarten Leseprozesses lasst sich die Rezeption als unreflektierte, spontane, subjektive und willkurliche Textverarbeitung eines nichtwissenschaftlichen Lesers verstehen. Die Verstehensperspektive ergibt sich aus personlichen Erfahrungen und Wissen, individuellen Lebensauffassungen und auch aus allgemeinen gesellschaftlichen Erwartungen gegenuber Kunst sowie der Wirklichkeit. Rezeption neigt durch eine gewisse Deliterarisierung oder auch Depoetisierung also dazu, den Text zunormalisieren. (Vgl. Steinmetz 2003:461f)

Auch die Interpretation ist kontextabhangig. Jedoch wird sie unter anderen Voraussetzungen und professionelleren Bedingungen als die Rezeption ausgefuhrt. Sie ist der Ausdruck des Ziels, eine fur andere gedachte appellierende Aussage uber ein Werk zu machen und somit nicht unreflektiert oder spontan. Die Interpretation verlangt eine bewusste Uberlegung. Zwar kann das Ergebnis subjektiv sein, die Fragestellung sollte jedoch rational begrundet werden, sei es durch gewahlte Kontexte wie Gattung, Periode, Stil oder Gesamtwerk des Autors. Letztlich sollte man sich als Interpret jedoch immer bewusst sein, dass die daraus resultierende Gesamtbedeutung kontextabhangig ist, da die Kontexte subjektiv gewahlt und vorgegeben werden und somit lediglich Teilbedeutungen erschlossen werden konnen. Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Interpretation von der Rezeption abgrenzt, ist der Umgang mit dem Fremden. Die Normalisierung bzw. Deliterarisierung des Textes bei der Rezeption fuhrt zu einer Aufhebung des Fremden, zu einer Vereindeutigung von Mehrdeutigkeit. Bei der Interpretation dagegen sollte man die Unbestimmtheit nicht normalisieren, wenn man nicht Gefahr laufen will, lediglich eine rationalisierte Rezeption auszufuhren. Die kennzeichnenden Eigenschaften des Textes mussen erhalten und herausgearbeitet werden. Der Fokus liegt hierbei auf der Beschreibung und Auswertung der Unbestimmtheit und auch Bestimmtheit von Bedeutungen und ihrer Funktionen, also auf der Kunst dazwischen. (Vgl. Steinmetz 2003:462ff)

2.3 Interkulturelle Rezeption und Interpretation

Jeder Text evoziert fur den Leser einen aus fruheren Texten vertrauten Horizont von Erwartungen und Spielregeln und setzt so einen Erfahrungskontext der asthetischen Wahrnehmung voraus (vgl. Jaufi 1970:175f). Dieser Erwartungshorizont bezeichnet die Vertrautheit mit dem Themen-, Gattungs- und Formenkanon. Vorwissen gilt also als wesentliche Voraussetzung, um einen Text verstehen zu konnen. Es handelt sich dabei nicht nur um den Bekanntheitsgrad von Textarten, sondern auch um Sprach- und Weltwissen sowie literaturhistorisches Wissen. Zudem findet sich die literaturhistorische Komponente aufgrund potenzieller Realitatsverweise aufier- sprachlicher Zusammenhange in literarischen Texten in modifizierter Form als landeskundliche Relevanz wieder. (Vgl. Schrader 1996:54f) Wenn der Text - z.B. ein fremdsprachlicher - keine dieser Erwartungen des Lesers erfullt, so handelt es sich um einen Erwartungsbruch und Unverstandlichkeit ist vorprogrammiert (vgl. Schrader 1996:136).

2.3.1 Leserpositionen im Kontext kultureller Fremdheit und Distanz

In der Literatur trifft der Leser mehrfach auf Fremdheit: Er erlebt eine fremde Lebenswirklichkeit, wahrgenommen und geschildert durch einen Fremden in der fremden Sprache der Literatur (vgl. Schrader 1996:135).

Bei der interkulturellen Rezeption und Interpretation spielt dieser Aspekt eine herausragende Rolle. Die Konstellation zwischen Fremdheit sowie Unbestimmtheit und Unbestimmtheit sowie Kontext werden komplizierter, wenn der Rezipient bzw. Interpret und der Text nicht derselben Kultur angehoren. Es handelt sich nun nicht mehr nur um eine literarische Fremdheit, sondern zusatzlich um eine kulturelle. (Vgl. Steinmetz 2003:465) Beim Lesen unter fremdsprachlichen Bedingungen liegen bei Text und Leser folglich verschiedene kulturelle Schemata vor. Diese kulturelle Differenz kann dazu fuhren, dass der Leser versucht, seine eigenkulturellen Schemata anzuwenden und den Text auf jener Basis zu erschliefien. (Vgl. Ahn 2010:61)

Nach Krusche (1985, zitiert nach dem Seminarreader, S.67) lassen sich folgende sechs Differenzen bei Lesern verschiedener Kulturzugehorigekeiten erkennen:

- Kulturhistorisches, literaturhistorisches Vorwissen
- Pragung durch Sprachstrukturen
- Pragung durch gesellschaftsgeschichtliche Entwicklungen und daraus resultierende sozio-politische Problemlagen
- Pragung durch verschiedene Kulturtraditionen
- Pragung durch Primarerfahrungen aus Klima, Landschaft und „Natur“und deren Folgen fur das Vorstellungsrepertoire
- Der Begriff der Kontinuitat der eigenen Geschichte sowie dem Bewusstsein durch die eigenkulturelle Identitat (Zugehorigkeits-/Nichtzugehorigkeits- gefuhl zu Grofikulturen)

Je mehr die Kulturschemata voneinander abweichen, kann dies dann die Rezeption stark verzerren (vgl. Ahn 2010:61). Da dem Leser in diesem Moment keine anderen als die ihm bewahrten Textverarbeitungsmethoden zur Verfugung stehen, wird er haufig nicht nur das kulturell Fremde missverstehen, sondern vieles wird auch unverarbeitet bleiben. Dies muss aber nicht negativ gesehen werden. Ersten ist Steinmetz der Ansicht, dass es notwendig ist, zunachst eine Art eigenkulturelle Interpretation zu erstellen (vgl. Steinmetz 2003:465f). Zweitens, so Schrader, darf Fremdes nicht schon vorbeugend ausgeblendet oder erklart, aber auch nicht bewusst verfremdet werden (vgl. Schrader 1996:136).

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Details

Titel
Begriff, Funktion und Praxis des interkulturellen Lesergesprächs zwischen Leseerfahrung, wissenschaftlicher Interpretationspraxis und interkultureller Didaktik
Untertitel
Eine Analyse am Beispiel von Aphorismen über die Deutschen
Hochschule
Universität Bayreuth  (Interkulturelle Germanistik)
Veranstaltung
Lektüre und kulturelle Differenz
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V205084
ISBN (eBook)
9783656315179
ISBN (Buch)
9783656316626
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle Germanistik, DaF, Deutsch als Fremdsprache, interkulturelle Literaturwissenschaft, Literatur, Literaturwissenschaft, Lesergespräch, interkulturelle Hermeneutik, interkulturelle Didaktik, Interpretation, Rezeption, Rezeptionsästhetik, Leseerfahrung, Leseprozess, Aphorismen, Aphorismen über die Deutschen, Krusche, Aphorismus, Esselborn, Wierlacher, kulturelle Fremdheit
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Ida Blick (Autor), 2012, Begriff, Funktion und Praxis des interkulturellen Lesergesprächs zwischen Leseerfahrung, wissenschaftlicher Interpretationspraxis und interkultureller Didaktik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205084

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