Perspektivenvielfalt in der politischen Bildung


Hausarbeit, 2012

24 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Mehrperspektivität als Prinzip der Allgemeinen Didaktik

3. Perspektivenvielfalt in der politischen Bildung
3.1 Konsens in der Perspektivenvielfalt
3.2 Grenzen der Perspektivenvielfalt
3.3 Politische Bildung als Anstiftung zur Freiheit

4. Entwurf einer multiperspektivischen Unterrichtsstunde
4.1 Fachwissenschaftlicher Kommentar
4.2 Didaktische und methodische Überlegungen

5. Fazit

6. Literaturangaben

7. Anhang

1. Einleitung

„Politische Bildung ist heute […] ohne Perspektivenvielfalt […] konzeptionell nicht mehr vorstellbar“ (Sander 2005, S. 21). Kontroversität als das Synonym für Perspektivenvielfalt in der politischen Bildung ist zum einen Grundprinzip des Fachs, welches in der Breite der Fachkultur der politischen Bildung anerkannt wird (vgl. ebd. 2005, S. 22ff.) und zum anderen ein fachliches wie fachübergreifendes, didaktisches Prinzip zur Auswahl und Strukturierung von Lerngegenständen im Unterricht (vgl. ebd. 2008, S. 196).

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich daher mit der Frage, welche Bedeutung das didaktische Prinzip der Perspektivenvielfalt für die politische Bildung besitzt. Zunächst wird diese Mehrperspektivität als didaktisches Prinzip der Allgemeinen Didaktik erläutert und seine fachübergreifende Funktion aus bildungstheoretischer, philosophischer, sozialpsychologischer sowie soziokultureller und unterrichtstheoretischer Sicht erschlossen. Im Anschluss folgt eine theoretische Darstellung der Perspektivenvielfalt als Grundprinzip sowie didaktisches Prinzip der politischen Bildung. Dabei wird auf dessen grundlegende Bedeutung, die Grenzen von Multiperspektivität und das Kompetenzmodell der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) eingegangen. Nach diesem theoretischen Überblick wird ein möglicher Unterrichtsentwurf zum Thema „Hartz 4 – eine kontrovers diskutierte Gesetzgebung“ vorgestellt, der durch das didaktische Prinzip der Perspektivenvielfalt strukturiert ist. Er besteht aus einem fachwissenschaftlichen Kommentar und didaktisch-methodischen Überlegungen. Im Anhang befinden sich die zugehörigen Unterrichtsmaterialien. Zum Schluss folgt ein Fazit, welches die grundlegenden Aspekte der Arbeit noch einmal zusammenfasst und einen kritischen Ausblick gibt.

2. Mehrperspektivität als Prinzip der Allgemeinen Didaktik

Mehrperspektivität als allgemeines, didaktisches Prinzip soll aufzeigen, dass es zum Verständnis einer Sache notwendig ist, diese aus verschiedenen Sichtweisen zu betrachten (vgl. Duncker, Sander, Surkamp 2005, S. 7). Die bei den Schülern vorhandenen, unterschiedlichen Deutungen der Wirklichkeit sollten mit den verschiedenen Perspektiven aus Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft und Politik „in ein produktives Spannungsverhältnis gesetzt werden…“ (Duncker 2005, S. 9). Daraus entstehen wiederum Lernprozesse bei den Schülern. Dieser Vorgang benötigt allerdings angemessene Verfahren (vgl. ebd., S. 9). Die Bedeutung der Mehrperspektivität für den Unterricht soll nun aus vier Perspektiven – bildungstheoretisch, philosophisch, sozialpsychologisch/ soziokulturell und unterrichtstheoretisch – aufgezeigt werden.

Aus bildungstheoretischer Sicht soll Unterricht Bildungsprozesse initiieren. Vor allem das didaktische Prinzip der Perspektivenvielfalt kann bei den Schülern eine Haltung des Fragens und der Neugier, problemorientiertes Denken sowie Fertigkeiten des Dialogs und der Verständigung hervorbringen. Als besonders wichtig erscheint dabei folgender Lernprozess: Die Schüler erkennen durch die Betrachtung eines Lerngegenstandes aus verschiedenen Blickrichtungen, dass das Urteil, welches man darüber fällt, davon abhängt, welche Perspektive man einnimmt. Ein weiterer daraus resultierender Schritt ist es, die Fähigkeit zu erlangen, Situationen oder Gegenstände allgemein aus einer weiteren Entfernung und aus verschiedenen Richtungen zu betrachten, als einseitig die eigenen Interessen zu berücksichtigen. Erst daraus erwächst die Fähigkeit, Aspekte der Wirklichkeit angemessen beurteilen zu können. Dieser Prozess ist wiederum eine wesentliche Aufgabe von Erziehung und Unterricht und sollte sich in einer multiperspektivischen Didaktik wieder finden, die ebendiese Lernprozesse provoziert. Wichtig ist zudem, dass die eigenen Perspektiven der Schüler nicht durch die Erkenntnis der Vielfalt der Positionen relativiert werden. Vielmehr sollen diese hinterfragt und reflektiert werden, so dass sie nicht als universell angesehen werden. Bildung kann so als Entwicklung verstanden werden, die immer wieder Grenzen überschreitet und dadurch neues Wissen und Erfahrung hervorbringt (vgl. Duncker 2005, S. 10f.).

In Bezug auf die philosophische Perspektive werden vier Dimensionen angesprochen. Der erkenntnistheoretische Ansatz geht davon aus, dass Erkenntnisse über die Wirklichkeit niemals eindeutig oder absolut sein können. Daher gilt auch für den Unterricht, dass dieser nur ein Bild der Welt und nicht eine objektive Wahrheit aufzeigen kann. Um den modernen Ansätzen der Erkenntnistheorie gerecht zu werden, sollte die Didaktik sowohl auf Nähe als auch auf Distanz setzen. Letzteres käme oftmals zu kurz, so dass die distanzierte Reflexion sowie Verfremdung der Gegenstände stärker miteinbezogen werden muss, um den konstruktiven Charakter von Erkenntnis hervorzuheben (vgl. ebd., S. 11f.).

Die kulturphilosophische Argumentation bestätigt diese Aussagen. Die Philosophie der Kultur versucht herauszufinden, welche wichtigen Bezugspunkte den Menschen definieren. Die menschlichen Bereiche sind nicht auf eine Einheit zurückzuführen, sondern zeigen sich in der Fähigkeit zur Spontaneität, Produktivität und Ausdrucksfähigkeit auf. Mit diesen Eigenschaften erzeugt der Mensch sein eigenes Universum, in dem er sich und seine Erfahrungen deutet. Dieses Universum ist symbolisch und stellt eine Zwischenwelt zwischen Mensch und Wirklichkeit dar. Darin erschafft der Mensch selbst Zeichen und Bilder, die im Alltag fälschlicherweise als harte Fakten beschrieben werden. Die Kultur der Menschen ist also ebenso wenig eindeutig, als vielmehr fortschreitend und beweglich (vgl. ebd., S. 12f.).

Strukturalistisch gesehen ist die Tätigkeit der Entdeckung der Wirklichkeit ein Prozess, bei dem einzelne Elemente dessen herausgesucht, isoliert und dann zu einem neuen Zusammenhang zusammengelegt werden. Der Ursprung muss dabei nicht mehr erkennbar sein. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass es bei der Konstruktion der Elemente unterschiedliche Möglichkeiten gibt und eben nicht nur eine. Weniger technisch kann von einer strukturalen Hermeneutik gesprochen werden. Die Tätigkeit des Zerlegens und Zusammensetzens kann als kreatives Finden und Erzeugen von Beziehungsnetzen beschrieben werden, was die Realität lesbar macht (vgl. ebd., S. 13).

Zuletzt muss aus philosophischer Sicht noch die Perspektive der politischen Philosophie angesprochen werden. Vielfalt ist ein Merkmal offener Gesellschaft. Die Pluralität von Meinungen oder Lebensformen wird durch fundamentalistische Einstellungen gefährdet. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist es wichtig, im Unterricht keine der verschiedenen Weltanschauungen als richtig und verbindlich zu propagieren. Vielmehr sollten die unterschiedlichen Perspektiven gleichberechtigt thematisiert werden, so dass deren „Uneindeutigkeit und Relativität“ (ebd. S. 13) zum Ausdruck kommt (vgl. ebd. S. 13f.).

Die sozialpsychologischen und soziokulturellen Bedeutungen werden im Folgenden beschrieben. Perspektivenvielfalt im Unterricht dient aus sozialpsychologischer Sicht der Entwicklung von Empathie, Ambiguitätstoleranz und Fremdverstehen. Um sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, benötigt es die Fähigkeiten, von sich selbst absehen zu können und unterschiedliche Aspekte aus der Perspektive anderer sehen zu können. Das sind Kompetenzen, die in mehrperspektivischen Unterrichtsformen erlernt werden können. Dies steht auch im Einklang mit denen beiden anderen Punkten. Durch die Übernahme anderer Sichtweisen entstehen Gegensätze zu der eigenen Perspektive. Diese Konfrontation fördert die Ambiguitätstoleranz, da dadurch die Unterschiede nicht verwischt, sondern reflektiert werden. Die Ausbildung des Fremdverstehens steht damit in direktem Bezug, da innerhalb dieser Lernprozesse das Verstehen anderer Sichtweisen unumgänglich ist. Gesprächskompetenz und Dialogfähigkeit werden außerdem durch Perspektivenübernahme gefördert (vgl. ebd., S. 14).

Zudem gibt es einige weitere Aspekte, die sowohl die sozialpsychologische als auch die soziokulturelle Dimension berühren, bei der die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme notwendig ist. Der frühkindliche Egozentrismus ist eine Phase, die in den ersten Lebensjahren überwunden werden muss. Diese Einsicht über die Begrenzung der eigenen Machtsphäre ist notwendig, um später keine negativen, psychologischen Folgen wie zwanghafter Egoismus mit sich zu tragen. Erstmals wird Rollenübernahme im Kindergarten und vor allem in der Schule – Rolle des Schülers – durchgeführt. Damit beginnt die sekundäre Sozialisation, also die Erweiterung der primären Sozialisation in der Familie.

In Bezug auf die geschlechtsspezifische Dimension ist die Rollenübernahme dahingehend von Bedeutung, dass der Wechsel der Geschlechtsperspektive zur Verständigung zwischen den Geschlechtern führen kann, ohne jedoch die eigene Geschlechtlichkeit austauschen zu können. Menschen lernen mit wachsendem Alter auch die Aspekte von Schichtzugehörigkeiten kennen, was eine Herausforderung für Schüler sein kann. Daher ist die Auseinandersetzung damit und Verarbeitung dieser zugehörigen Gesichtspunkte wie arm und reich oder bevorzugt und benachteiligt durch Perspektivenübernahme im Unterricht besonders wichtig. Außerdem sind hierbei auch interkulturelle Aspekte zu benennen. Schule und Unterricht haben die Aufgabe, die durch Migrationsbewegungen hervorgerufene Heterogenität als Chance zu begreifen und Verständigung zwischen den unterschiedlichen Weltbildern herbeizuführen. Dies kann durch Perspektivenvielfalt gelingen (vgl. ebd., S.14f.).

Zuletzt können auch unterrichtstheoretische Aspekte die Bedeutung von Perspektivenvielfalt im Unterricht unterstreichen. „Mehrperspektivität ist zunächst ein Prinzip des Zeigens“ (ebd., S. 15). Die Vielfältigkeit der Realität wird durch Zeigen sichtbar gemacht. Die Schule dient dabei als Bühne. An dieser Stelle ist es wichtig, dass auch Blickwinkel miteinbezogen werden, die mit sekundären Ordnungen verknüpft sind. Es müssen also Aspekte herangezogen werden, die nicht nur primär subjektiv wichtig sind, sondern erst durch wissenschaftliche oder öffentlich-politische Kategorien durchschaubar werden. Die Beschäftigung mit einem Hallenbad führt bspw. zu Aspekten wie Subventionen, Kontrolle etc., also zu Merkmalen aus Politik, Verwaltung, Ökonomie, Recht usw. Somit ist diese Thematik sehr geeignet, da verschiedene Perspektiven darin einfließen.

Dennoch kann niemals von einer festgelegten Anzahl richtiger Perspektiven innerhalb eines Themas gesprochen werden. Vielmehr gilt die Anzahl als offen und diskutierbar, was eine Komplexitätszunahme mit sich bringt. Die didaktische Reduktion wird hierdurch erschwert und eine Auswahl der Perspektiven muss nach festen Kriterien wie Bildungstheorien oder auch der Erfahrung mit der vorliegenden Adressatengruppe durchgeführt werden. Schüler sollten bei der Auswahl der Perspektiven aber unbedingt miteinbezogen werden.

Letzten Endes soll das multiperspektivische Prinzip „den hypothetischen Charakter von Aussagen durchsichtig machen“ und ist außerdem ein „Prinzip des Zeigens, dass sich selbst thematisiert“ (ebd. S. 17). Es soll also zum einen zeigen, dass Aussagen nicht eindeutig sein müssen bzw. von der jeweiligen Perspektive abhängig sind und zum anderen kann damit das Prinzip selbst auch diskutiert werden, da auch dieses nur ein Konstrukt ausgewählter Perspektiven darstellt (vgl. ebd., S. 15ff.).

Durch Mehrperspektivität geraten auch Perspektiven außerhalb der Wirklichkeit wie Utopien in den Bereich der thematisierten Materie. Duncker spricht hier von der „spielerischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit“ (S. 17) und meint damit den spielerischen Umgang mit Gegenständen, also die distanzierte Behandlung eines Themas ohne Vereinnahmung durch dieses.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Perspektivenvielfalt in der politischen Bildung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
15
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V205380
ISBN (eBook)
9783656323945
ISBN (Buch)
9783656324751
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
perspektivenvielfalt, bildung
Arbeit zitieren
Johannes Kolb (Autor), 2012, Perspektivenvielfalt in der politischen Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205380

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