Zum sprachlichen Kompetenzerwerb durch fächerübergreifende Diskussionen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema und Rahmenbedingungen der Untersuchung

2. Bezüge zu bestehenden Modellen: Martin Seels Kunst der Entzweiung

3. Die Untersuchung
3.1 Picasso
3.2 Kagel
3.3 Ligeti

4. Fazit
4.1 Fachinterne Teilnehmer
4.2 Fachfremde Teilnehmer
4.3 Schlüsse

1. Thema und Rahmenbedingungen der Untersuchung

Die Ausgangsfragestellung der vorliegenden Arbeit war, ob signifikante Unterschiede bestehen in der Ausdrucksfähigkeit und Argumentationsweise beim Sprechen über ästhetische Gegenstände zwischen Studenten, die ein künstlerisch-musisches Fach studieren oder aus einem anderen Fachbereich kommen. Die Zielsetzung der Untersuchung war recht offen gehalten, da ihre Möglichkeiten sehr stark von dem Material abhingen, das während des Interviews entstehen würde. Folgende Aspekte sollten untersucht werden:

- Vokabular
- Bildlichkeit
- Emotionale Anteile der Aussagen
- Mögliche Einordnung der Aussagen in die Kategorien nach Martin Seel

Die Untersuchung wurde in Form eines qualitativen Interviews durchgefuhrt. Es handelt sich dabei konkret um eine Mischung aus fokussiertem und narrativem Interview, denn es besteht sowohl „die Fokussierung auf einen vorab bestimmten Gesprachsgegenstand", namlich die vom Moderator vorab bestimmten Kunstwerke und Musikstucke, als auch die Bestrebung, dass „die Fragen [...] moglichst offen formuliert werden und die Befragten zu weiteren Erzahlungen anregen"[1] Diese beiden Kriterien nennt Hopf als zentrale Charakteristika der beiden Interviewformen in seinem Überblick. (Die Thematik ist allerdings natürlich nicht die für das narrative Interview typische lebensgeschichtliche.)

Der Moderator sollte sich während der Durchführung des Interviews möglichst stark zurückhalten, wodurch dann zeitweise eher die Form einer Gruppendiskussion entstehen konnte. Seine Aufgabe bestand darin, die Diskussionsmaterialien zu verteilen und den Ablauf der Untersuchung zu erläutern. Für den Fall, dass das Gespräch ins Stocken geraten würde, sollte der Moderator Impulsfragen verwenden. Diese waren an den Fragestellungen Michael J. Parsons orientiert, die dieser für die Interviews in seinem Werk How we understand Art verwendete:

1. Wie gefällt euch das Werk?
2. Welche Gefühle werden für euch durch das Werk vermittelt?
3. Was ist mit der Form des Werkes? Ist das ein schwieriges Werk? Warum?
4. Du hast X gesagt. Was meinst du damit?/Kannst du das weiter ausführen?
5. Ist dieses Werk für euch aussagekräftig? Warum?

Die Wahl des zur Besprechung stehenden Materials wurde deswegen nicht den Teilnehmern überlassen, damit gewährleistet sein konnte, dass diese keine Recherche im Voraus betreiben würden, was die Ergebnisse verfälscht hätte.

Alle Teilnehmer wurden darauf hingewiesen, dass sie in der Transkription anonymisiert und dass ihnen, wenn sie möchten, die Ergebnisse der Untersuchung zugänglich gemacht werden würden. Die Dauer des Interviews war aufgrund des großen Materialangebots zeitlich nicht begrenzt, um jedoch den Aufwand des Transkribierens überschaubar zu halten, umfasst die Aufnahme eineinhalb Stunden der Diskussion. Diese dauerte nach Ende der Aufnahme noch länger an.

Bei den Teilnehmenden handelte es sich um zwei Studenten der bildenden Kunst, zwei Studenten der Musik , sowie zwei Studenten anderer Fachschaften.

2. Bezüge zu bestehenden Modellen: Martin Seels Kunst der Entzweiung

Die vorliegende Untersuchung bezieht sich auf einen Text zu ästhetischer Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit: Auf Martin Seels Kunst der Entzweiung. Die für diese Untersuchung relevanten Inhalte des Werks sollen im Folgenden aufs Knappste zusammengefasst werden.

Seel formuliert im dritten Teil seines Buches mit dem Titel Ä sthetische Erfahrung in dem Kapitelpunkt 1 e) folgende drei möglichen Kategorien, nach denen sich Aussagen über ästhetische Gegenstände einordnen lassen: Den Kommentar, die Konfrontation und die Kritik. Der Kommentar macht nach Seels Definition

Aussagen zur materialen Relevanz und über die historische , kunsthistorische und biographische Signifikanz seines Gegenstandes, soweit diese für die ästhetische Phänomenalität eines Werks von Bedeutung ist.[2]

Der Kommentar leistet keine ästhetische Wertung eines Gegenstandes, sondern ist die reine Beschreibung seiner Eigenschaften. In der Literatur wäre dies beispielsweise die Rekonstruktion der Handlung, bei einem Musikstück die Charakterisierung der äußeren Anlage oder seine Besetzung. Diese Kategorie ist nicht zuschreibend, auch nicht unterschwellig. Bereits die Aussagen, ein Musiksatz sei „verhalten" oder eine filmische Sequenz „rasant", sieht Seel als nicht mehr sachlich neutral an[3]

Die Kategorie der Konfrontation beinhaltet hingegen subjektive, unmittelbare Reaktionen auf das ästhetische Material. Da diese in der Regel primär emotional sind, lassen sie sich als solche nicht logisch begründen. Seel weist darauf hin, dass die Äußerungen der Konfrontation häufig einen direkten Vorschlag zum Wert des ästhetischen Ganzen geben. Aufgrund dessen bilden sie die notwendige Voraussetzung für eine gelungene Kritik, stellen jedoch nicht zwingenderweise bereits das letzte Urteil dar. Der Anteil an Aussagen, die der Kategorie Konfrontation zuzuordnen sind, ist in der mündlichen Kommunikation größer als in schriftlichen Äußerungsformen: Expressive und wertende Anteile haben im Gespräch einen wesentlich höheren Stellenwert als in Schriftstücken, in denen ± vielleicht abgesehen vom Brief ± in der Regel eine objektive Haltung anstrebt wird.

Die Kritik ist schließlich die Synthese aus Kommentar und Konfrontation. Sie bezeichnet Aussagen, mit denen eine ästhetisch-funktionale Interpretation ausdrücklich geleistet wird. Das idealtypische Zusammenspiel der drei Kategorien in der Kategorie der Kritik formuliert Seel folgendermaßen:

Hinreichend begründet ist ein ästhetisches Urteil, das durch eine interpretative Behauptung zugleich erläutert und gestützt werden kann, die die Wertungen der Konfrontation so formuliert, daß darin die Bestimmungen des Kommentars aufgenommen werden.[4]

Als Schaubild ließe sich diese gegenseitige Abhängigkeit folgendermaßen darstellen: [Hinreichende Kritik: (Konfrontation (Kommentar))]

Die Kritik kann das Korrigieren der subjektiven Reaktion in der Kategorie der Konfrontation beinhalten. Ziel der Vereinigung aller drei Bereiche ist die Vergegenwärtigung der Erfahrung und deren intersubjektive Vermittelbarkeit. Diese kann sich nach Seel jedoch immer nur auf eine Teilgruppe beziehen, das intersubjektive Urteil als solches sieht er im Bezug auf ästhetische Gegenstände als Utopie an. Dieses Urteil ist nachvollziehbar, berücksichtigt man die zahlreichen unterschiedlichen persönlichen Prägungen, aber auch fachwissenschaftlichen Kenntnisse aller Rezipienten.

3. Der Untersuchungsverlauf

Von den zur Auswahl stehenden sechs Musikstücken und fünf Kunstwerken wählten die Teilnehmer insgesamt fünf Diskussionsgegenstände aus: Picassos Gemälde Guernica, Liszts Klavierstück La campagnella, Kagels experimentelle Komposition Two man orchestra, Ligetis Chorwerk Lux aeterna und Mondrains Gemälde No. 9. Da bereits die Transkription dieser Beiträge den Umfang dieser Arbeit sprengen würde, beschränke ich mich auf einige Aussagen zu Picasso, Kagel und Ligeti, die bereits sehr aufschlussreich sind. Bei den Bezeichnungen ergibt sich natürlich die Problematik, dass GLH (LQWHLOXQJ IDFKLQWHUQµ XQG IDFKIUHPGµ vom jeweiligen künstlerischen Gegenstand abhängig ist. Die Bezeichnungen werden jedoch aufgrund der besseren Nachvollziehbarkeit nicht verändert: Ein Kunststudent, der bei der Besprechung eines Musikstückes beispielsweise fachfremd ist, wird weiterhin mit dem Kürzel für Kunststudent bezeichnet; dass er in diesem Abschnitt fachfremd ist, versteht sich von selbst. Ausschließlich die Teilnehmer, die weder Kunst noch Musik studieren, werden im Kürzel als fachfremde Teilnehmer ausgewiesen.

Abkürzungen:

Moderator: Mod

Musikstudent = MS Kunststudent = KS

Fachfremder Teilnehmer = FT

3.1 Picasso

a) [01:00]

KS 1 : Meiner Meinung nach sollten wir zuerst Picasso verrei ß en. Moderator: Alles klar, dann fangen wir doch mal mit Picasso an. [Pause, Geräusche] Wir haben zwei Exemplare, damit die « FT 1 : Da ist das!

MS 2 : Ah, super, ja.

KS 2 : Kennt ihr die kunsthistorische Geschichte zu dem Bild?

MS 1 : Nein.

FT 2 : Nein.

KS 1 : Nein, da musst du uns aufklären. [Alle reden kurz durcheinander]

KS 2 : Also, es war ja so: Im zweiten Weltkrieg hat, glaube ich, General Franco mit Hitler « nicht so richtig kooperiert, aber das waren ja beides Diktatoren. Und auf jeden Fall hat Franco Hitler erlaubt, dass die Legion Condor, das war ein deutsches Angriffsgeschwader, praktisch einen Militärangriffüber der Stadt Gernica ausüben darf; und zwar wusste die Zivilbevölkerung davon vorher nix; es war ein ganz normaler Markttag, die Sonne hat geschienen und dann kam eben die Legion Condor und das Grauen istüber diese Stadt hereingebrochen. Ich glaub, die haben so ziemlich alles nieder- und kleingemacht, was es da gab und ± ja, es muss ein unglaubliches Grauen gewesen sein in dieser Stadt. Und Picasso hat davon in der Zeitung gelesen, also er war niemals richtig vor Ort, aber er hat das halt gelesen und hat dann aufgrund von diesen Zeitungsberichten eben sein Bild Guernica gemalt. Und es durfte ganz lange, durfte das Bild nicht in Spanien sein, also Picasso hat das nach Amerika gegeben, aber mit der Prämisse, dass, wenn er tot ist und Franco nicht mehr lebt, dass es dann wieder nach Spanien zurückkehrt und jetzt ist es glaub ich seit 15 Jahren, 20 Jahren hängt das Bild jetzt im Museum Reina Sofia in Madrid.

KS 1: Nicht schlecht!

MS 2: Danke. (lacht)

b) [03:55]

Moderator: Welche Gefühle werden für euch mit dem Bild vermittelt? Ist das ein schwieriges Werk?

MS 2 : Also, ich würd sagen Chaos. Das ist jetzt so ein Gefühl, was ich hätte. Chaos, Verwirrung.

FT 1 : Und auch so Flucht, Flucht nach vorne, alles geht so in dieselbe Richtung. Manche gehen auch auf dem Weg dahin verloren, also wie der da rechts unten im Bild. KS 1: « der aufgefressen wird?

FT 1 : Ja, so was.

[...]


[1] Hopf, Christel: Qualitative Interviews ± ein Überblick. In: Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Hg. v. Uwe Flick; Ernst von Kardorff; Ines Steinke. Reinbek bei Hamburg 2007. S. 353 f.

[2] Seel, Martin: Die Kunst der Entzweiung. Frankfurt 1985. S. 237.

[3] Vgl. ebd., S. 240.

[4] Seel, Martin: Die Kunst der Entzweiung. Frankfurt 1985. S. 255.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zum sprachlichen Kompetenzerwerb durch fächerübergreifende Diskussionen
Hochschule
Hochschule für Musik Saar Saarbrücken
Veranstaltung
HS Sprechen über Musik
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V205424
ISBN (eBook)
9783656327479
ISBN (Buch)
9783656328070
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kompetenzerwerb, diskussionen
Arbeit zitieren
Britta Baier (Autor:in), 2012, Zum sprachlichen Kompetenzerwerb durch fächerübergreifende Diskussionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205424

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