Die Selbstreflexion des Demos in der klassischen attischen Tragödie


Hausarbeit, 2010

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Aischylos Die Perser
2.1.1 Historischer Überblick: Athen und die Perserzüge
2.1.2 Die Bedeutung von Die Perser für den Demos: Erklärungsansätze für den Sieg und ein Versuch der gesellschaftliche Selbstfindung
2.2 Sophokles Antigone
2.2.1 Historischer Überblick: Athen in der Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus
2.2.2 Die Bedeutung von Antigone für den Demos: Die Frage nach dem rechten Handeln und der Moral im politischen und gesellschaftlichen Leben

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturangaben

1 Einleitung

Im 5. Jahrhundert vor Christus sind die klassischen attischen Tragödien entstanden. Zu jener Zeit lebten die Menschen in Attika in einer performance culture[1] mit einer äußerst lebendigen Theaterkultur,[2] wodurch dem Theater ein ganz anderer Stellenwert zukam als heute. Die Tragödienaufführungen waren stets in den Tragödienagon eingebettet, der im Rahmen der alljährlichen Großen Dionysien veranstaltet wurde, so dass die Aufführungen auch eine kultische Dimension hatten und für die Bürger in der Polis weitaus mehr als lediglich ein unterhaltsamer Zeitvertreib waren.[3] Der Dionysoskult betraf den gesamten Demos, weshalb in den Tragödien stets Themen durchgespielt wurden, die für die ganze Gesellschaft von Interesse waren.[4] Allerdings erfreuen sich die Werke, sofern sie uns überliefert sind, auch heute noch recht großer Beliebtheit und Bekanntheit, da darin nach heutiger Auffassung Grundfragen des rechten menschlichen Handelns thematisiert werden. Im folgenden Text soll nun aber nicht die zeitlose Aktualität der klassischen attischen Tragödien erörtert, sondern auf die konkrete Widerspiegelung des Demos mit seinen Fragen und Problemen in den Tragödien eingegangen werden. Das 5. Jahrhundert gilt einerseits als Blütezeit der griechischen Kultur, ist aber andererseits auch ein Jahrhundert, welches geprägt ist von heftigen Umbrüchen, Einschnitten und Veränderungen, die die ganze Gesellschaft erfassten.[5] Im Hinblick auf den einzigartigen Tragödienkult[6] jener Zeit stellt sich daher die Frage, in wie weit das alles Eingang fand in die zeitgenössischen Tragödien und somit den Menschen bei der Verarbeitung und Neuorientierung in der Welt geholfen hat. Im Folgenden wird anhand der Werke Die Perser von Aischylos und Antigone von Sophokles exemplarisch zu klären sein, auf welche Art und Weise bestimmte Themen und Konflikte in den Werken verarbeitet wurden, in wie weit politische und gesellschaftliche Bezüge zu bedeutenden zeitgenössischen Ereignissen tatsächlich erkennbar sind und wo genau sich diese Bezugspunkte lokalisieren lassen. Dazu werde ich zuerst jeweils einen kurzen geschichtlichen Überblick über zentrale Ereignisse, die sich vor der Ausarbeitung der jeweiligen Tragödie ereignet hatten, geben und

2 Hauptteil

2.1 Aischylos Die Perser

2.1.1 Historischer Überblick: Athen und die Perserzüge

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus war Persien eine Großmacht und zugleich das letzte altorientalische Weltreich.[7] Im Gegensatz dazu war Athens weltgeschichtliche Rolle bis dato recht unbedeutend.[8] Im Jahre 500 vor Christus brach in den ionischen Städten unter Führung des miletischen Tyrannen Aristagoras der Ionische Aufstand aus.[9] Die Athener unterstützten den Aufstand mit 20 Kriegsschiffen, was zu Empörung auf persischer Seite führte und daher auch mit ein Grund für die Perserzüge war.[10] Von diesem Zeitpunkt an war Athen maßgeblich in die Weltpolitik involviert.[11] 494 vor Christus konnte Persien den Ionischen Aufstand erfolgreich niedergeschlagen und versuchte daraufhin auch die übrigen Teile Griechenlands unter seine Herrschaft zu bekommen um seinen Machtbereich zu erweitern. Vor allem Athen und Sparta waren nicht bereit sich den Persern zu unterwerfen und kämpften gegen diese. Der erste Perserzug endete 490 vor Christus mit dem Sieg der Athener in der der Schlacht von Marathon.[12] Da die Bedrohung durch die Perser jedoch anhielt, rüsteten die Athener auf Themistokles‘ Initiative ihre Flotte auf[13] und schlossen im Jahre 481 vor Christus mit jenen griechischen Poleis, die ebenfalls nicht zur Unterwerfung bereit waren, ein Verteidigungsbündnis unter der Führung Spartas: den Hellenenbund. 480 vor Christus begann unter der Führung des Perserkönigs Xerxes der zweite Perserzug. Die Perser waren zahlenmäßig überlegen und es gelange ihnen Athen einzunehmen. Jedoch gelang es schließlich den Griechen, die nach einigen strategischen Auseinandersetzungen letzten Endes unter der Führung Themistokles‘ operierten, die persische Flotte bei Salamis zu besiegen. Im darauffolgenden Jahr wurde das persische Landheer besiegt. Damit waren die Perser geschlagen[14] und die Athener stiegen in der Ägäis zur wichtigsten Großmacht neben Sparta auf.[15] Der Sieg eröffnete den Athenern eine Vielzahl an neuen Handlungs- und Erwartungshorizonte, so dass Athen nach 480 vor Christus eine neue und mächtige Rolle im Mittelmeerraum einnahm.[16]

2.1.2 Die Bedeutung von Die Perser für den Demos: Erklärungsansätze für den Sieg und ein Versuch der gesellschaftliche Selbstfindung

Im Jahre 472 vor Christus war die Erstaufführung von Aischylos‘(525-456 vor Christus)[17] Die Perser.[18] In der Tragödie wird aus persischer Sicht die Niederlage der Perser bei Salamis thematisiert.[19] Aischylos‘ Die Perser ist das dritte Drama,[20] das sich mit den Perser beschäftigt.[21] Dieser Umstand ist bemerkenswert, weil in den attischen Tragödien ansonsten überwiegend Mythen verarbeitet und ausgestaltet wurden. Historische Stoffe wurden lediglich dann aufgegriffen, wenn es sich dabei um besonders wichtige und einschneidende Ereignisse handelte.[22] Der Sieg der zahlenmäßig unterlegenen Griechen über die scheinbar übermächtigen Perser war definitiv ein unerwartetes Ereignis, das im kollektiven Bewusstsein der Polis wohl erst nach und nach wirklich begriffen wurde und daher sicherlich einer allgemeinen Aufarbeitung und Erklärung bedurfte.[23] Zweifellos mussten die Athener erst einmal den überraschenden Sieg verarbeiten und sich an ihre neue Rolle und die daraus resultierende Macht und Verantwortung gewöhnen.[24] Genau an diesem Punkt setzte Aischylos an. Er versuchte in Die Perser Antworten auf die Fragen, die den Demos in diesem Zusammenhang noch immer bewegten, zu geben. Dabei hält er sich zwar an die historischen Fakten,[25] löst aber ansonsten den Perserzug aus dem historischen Kontext heraus; der Ionischen Aufstand und die damit verbunden Vorgeschichte der Perserzüge werden nicht erwähnt.[26] Stattdessen werden mehrere Gründe für die persische Niederlage genannt: Zum einen wird ein Daimon erwähnt, der das Glück im Kampf ungerecht verteilte und somit Attika begünstigte (Aischyl. Pers. 724.).[27] Hinzu kommt der bis zur Hybris gesteigerte jugendliche Übermut (Aischyl. Pers. 742.) des Xerxes, der jenem zum Verhängnis wurde, als er den Hellespont überbrückte (Aischyl. Pers. 746-750.). Diese Tat kommt dem Versuch Poseidon zu „bemeistern“ (Aischyl. Pers. 750.) gleich und zielt darauf ab die Trennung von Europa und Asien aufzuheben.[28] Tatsächlich wird dadurch aber die natürliche und göttliche Weltordnung gestört beziehungsweise in Frage gestellt. Folglich resultiert Xerxes Niederlage aus der Überschreitung der göttlichen und natürlichen Grenze, die sowohl Griechen und Barbaren als auch Land- und Seemacht trennte. Aischylos verdeutlicht damit, dass der Mensch gewisse festgesetzte Grenzen achten müsse und erweist den historischen Verlauf der Dinge als gerecht, da Xerxes jene Grenzen in seiner Verblendung missachtete.[29] Als weitere günstige Umstände für Attika werden der Reichtum der Polis dank der Silbermine in Laureion (Aischyl. Pers. 238.), wodurch es möglich war den Flottenbau zu finanzieren, sowie die Tatsache, dass „Die Götter wachen über der Göttin Pallas Stadt“ (Aischyl. Pers.347.) genannt. Im Endeffekt wird also ein Teil der Schuld auf Xerxes übertragen um zu verdeutlichen, dass eine Tat, die die Ordnung der Welt übertritt, in der Katastrophe enden müsse.[30] Jedoch wird zugleich auch gezeigt, dass der überraschende griechische Sieg nicht ausschließlich auf das Handeln der Menschen zurückgeführt werden könne. Die Erklärung für den Sieg wird somit in weiten Teilen in die göttlich-religiöse Sphäre verlagert.[31] Auffallend ist, dass weder Themistokles noch andere Griechen, die maßgeblich an dem Sieg und der dafür erforderlichen Strategie beteilig waren, namentlich erwähnt werden, da die Polis es ablehnte Individuen zu verherrlichen. Gemäß dem damaligen Selbstverständnis der Polis musste der Einzelne hinter dem Kollektiv der Polis zurücktreten.[32]

Zweifellos beschäftigte den Demos in seiner noch ungewohnten, verantwortungsvollen und zugleich mächtigen politischen Rolle nicht nur die Suche nach einer Erklärung für den überraschenden Sieg Attikas über die Perser, sondern auch die Suche nach der neuen an die veränderten Umstände angepassten Identität und Legitimität des Demos. Aischylos versucht auch auf diese Fragen Antworten zu finden: Das Selbstverständnis Athens in seiner Freiheit, so dass seine Bürger „keines Mannes Knecht oder Untertanen heißen“ (Aischyl. Pers. 242.) wird mit dem gottgewollten Sieg als Teil der Weltordnung erwiesen. [33] Allerdings will Aischylos damit nicht in erster Linie hochpatriotisch den glorreichen attischen Sieg feiern, sondern die Athener vor Überhebung und Verblendung warnen.[34]

[...]


[1] Rehm 1992, S. 8: Damit ist gemeint, dass das Theater und die (Selbst-) Inszenierung zum alltäglichen Leben der Menschen gehörte, was auch in den Reden vor Gericht, dem Reden auf der Agora, den Hochzeits- und Begräbnisriten zum Ausdruck kam.

[2] Rehm 1992, S. 24.

[3] Rehm 1992, S. 19.

[4] Rehm 1992, S. 19. Und Treu, Kurt 1983, S. 158.

[5] Schuller 2008, S. 30-33. und Meier 1988, S. 14.

[6] Vgl. Schuller, Dreher 2000, S. 533., Vgl. auch Rehm 1992, S. 20ff: Da der Tragödienagon im Rahmen des Dionysoskultes stattfand, war der Rahmen, in dem die Aufführungen stattfanden, sowie der Ablauf der Inszenierungen, bereits vorgegeben. Ebenso waren die Finanzierung und Organisation der Aufführungen klar geregelt. anschließend darauf eingehen, in wie weit sich mögliche Bezüge zum Demos herstellen lassen.

[7] Schuller 2008, S.30.

[8] Meier 1988, S. 14.

[9] Schuller 2008, S. 30.

[10] Meier 2004, S. 226.

[11] Meier 1988, S. 17.

[12] Schuller 2008, S. 30.

[13] Meier 1988, S. 18.

[14] Schuller 2008, S. 30.

[15] Meier 1988, S. 19.

[16] Meier 1988, S. 8.

[17] Schadewalt 1991, S. 70f.

[18] Zimmermann 1992, S. 35.

[19] Latacz 1993, S. 135.

[20] Kuch 1983,a, S. 33f: Vor Aischylos‘ Die Perser (472 vor Christus) entstanden bereits Phrynichos‘ Die Eroberung Milets (492 vor Christus) und Phrynichos Phoinissen (476 vor Christus).

[21] Rehm 1992, S. 22.

[22] Meier 1988, S. 76.

[23] Meier 1988, S. 82.

[24] Meier 1988, S. 8.

[25] Latacz 1993, S. 136.

[26] Meier 1988, S. 86-88.

[27] Meier 1988, S. 85.

[28] Meier 1988, S. 88., Schadewalt 1991, S. 81.

[29] Meier 1988, S. 91.

[30] Meier 1988, S. 88.

[31] Schadewalt 1991, S. 78.

[32] Kuch 1983, a, S. 34f. und Kuch 1983, b, S. 66.

[33] Meier 1988, S. 91f.

[34] Latacz 1993, S. 136.

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Details

Titel
Die Selbstreflexion des Demos in der klassischen attischen Tragödie
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Seminar für Alte Geschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V205466
ISBN (eBook)
9783656330295
ISBN (Buch)
9783656329916
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstreflexion, demos, tragödie
Arbeit zitieren
Verena Caroline Wernet (Autor:in), 2010, Die Selbstreflexion des Demos in der klassischen attischen Tragödie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205466

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