Lehrkräfte im Widerstand während des Nationalsozialismus - Das Berliner Fallbeispiel Kurt Steffelbauer


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Motivation

Schule und Lehrkräfte im Nationalsozialismus

Definition Widerstand und oppositionelles Lehrerverhalten

Der Berliner Lehrer Kurt Steffelbauer

Fazit

Literaturnachweis

Motivation

Innerhalb des Seminares „Berlin im Nationalsozialismus“ eröffnete sich mir die Möglichkeit mich eingehend mit dem Berliner Schulsystem mit Fokus auf die ehemalige Reichshauptstadt vor und während des Nationalsozialismus´ auseinanderzusetzen. Als Lehramtsanwärter im aktuellen Kombinationsbachelorstudiengang fiel mein Interesse dabei besonders auf die Lehrerschaft und ihr Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus. Hierbei sollten vor allem die oppositionellen Lehrer-Handlungen in das Zentrum meiner Betrachtung rücken. Deutschlandweit gab es in der Tat widerständische Verhaltensweisen seitens der Lehrkräfte, wovon in der folgenden Darstellung ein konkretes Fallbeispiel - der Berliner Lehrer Kurt Steffelbauer - expliziter vorgestellt werden wird.

Ehe die Person Kurt Steffelbauer näher betrachtet und das Charakteristikum seines widerständischen Wirkens gegen das nationalsozialistische Regime auf der Schulebene und darüber hinaus erarbeitet werden können, muss zunächst Klarheit herrschen, was unter dem Begriff „Widerstand“ verstanden werden soll. Dies wird im Anschluss an eine knappe Übersicht der gegebenen Umstände kurz vor und während der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland sowie ausgewählter markanter Momente der Machtübernahme der Nationalsozialisten auf Schulebene geschehen. Ferner werden an gegebener Stelle der weiteren Ausführungen Einzelheiten aus dem Schulalltag der Berliner Lehrkräfte und Schülerschaft in die Darstellung einfließen, sodass das Verhalten und die Bedeutung des konkreten Handelns Kurt Steffelbauers erfasst kann. Der betrachtete Zeitraum wird sich fortwährend in den dreißiger sowie Anfang vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts bewegen. Dieses Vorgehen ergibt sich aus der persönlichen Biografie Kurt Steffelbauers, dessen widerständisches Wirken im Berliner Raum sinnlogisch in den genannten Zeitraum fällt und im Jahr 1942 gewaltsam beendet wurde.

Schule und Lehrkräfte im Nationalsozialismus

Die Schule stand während Nationalsozialismus im besonderen Interesse der herrschenden Kräfte, denn „[w]er die Jugend hat, hat die Zukunft.“1 Um dieses Ziel zu erreichen erfuhr die Schule einschneidende Umstrukturierungsmaßnahmen. Die grundlegendste Orientierung sollte dabei das Moment der Gleichschaltung darstellen. In diesem Zuge wurden die Lehrpläne inhaltlich an das nazistische Gedankengut angepasst, wie im Verlauf der Ausführungen präziser dargestellt werden wird, sowie das Lehrpersonal entsprechend umerzogen bzw. der Personalbestand gesäubert.2

Nach dem 1. Weltkrieg und der Revolution 1918/19 erfolgte auf schulischer Ebene keine Reform der Schule. Trotz einiger Anstrengungen konnten Ansätze wie die einheitliche Ausbildung nach dem Reichsrahmengesetz oder eine einheitliche achtjährige Schulpflicht in der Weimarer Republik bis 1933 nicht oder nur teilweise durchgesetzt werden, was vor allem darin begründet liegt, dass die reformnahen Volksschulehrer in politisch mittigen und linken Vereinen wie dem Lehrerverband Berlin zusammentraten, viele der entscheidungstragenden Studienräte hingegen im konservativen Preußischen Philologenverbund oder dem rechten Deutsch-Nationalen Lehrerbund organisiert waren. Die Reformprojekte sahen zudem beispielsweise einen zweiten Bildungsweg wie an der Karls- Marx-Schule sowie die Errichtung von Lebens- und Gemeinschaftsschulen vor.3 Rechte Lehrervereine und insbesondere der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) gewannen für die Lehrerschaft im Zuge der Weltwirtschaftskrise und schließlich der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 immer stärker an Attraktivität und politischer Relevanz. Dies liegt in einer Vielzahl von Aspekten begründet, wie zum Beispiel die überaus schlechten Einstellungsbedingungen für Junglehrer, dem Einstellungsstopp seit 1930, Gehaltskürzungen und Entlassungen für tätige Lehrer, die in Konsequenz des Lehrermangels durch die Etatkürzungen beständig steigenden Klassenfrequenzen oder der steten Forderungen nach Wiederherstellung des Berufsbeamtentums sowie der Entlassung von Juden und Kommunisten durch das Lager des NSLB.4 Der Berliner Stadtschulrat Jens Nydhal, welcher sich vergebens gegen diese Kürzungsmaßnahmen zur Wehr zu setzen versuchte, wurde selbst vom KPD-nahen Sozialistischen Schülerbund direkt bekämpft, was die Pluralität der Streitigkeiten offenbart. Am 20. Juli 1932 wurde im Zuge des Preußenschlages das Republikschutzgesetz vom 25. Juli 1930 aufgehoben, was „ein Berufsverbot für nationalsozialistische und kommunistische Beamte vorsah“5, sodass in Zukunft entsprechend radikale Lager eine erneute legale Einstellung im Schuldienst finden konnten, wovon in Kombination mit den oben genannten Umständen besonders der NSLB profitieren sollte. Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfuhr der NSLB im Januar 1933 einen entsprechend hohen Mitgliederzuwachs. Andere und vor allem nicht nationalsozialistisch orientierte Lehrerbünde, wie die Allgemeine Freie Lehrergewerkschaft Deutschlands (AFLD), die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer (AsL), die Interessengemeinschaft oppositioneller Lehrer (IOL), der Sozialistisch -dissidente Lehrer- Kampfverbund oder der internationale-sozialistischen Kampfverbund (ISK) wurden bereits zu Beginn der 30er von rechten Kräften zunehmend unterlaufen und schließlich nach der Machtergreifung verboten, insofern diese sich nicht der neuen Regierung anbiederten oder es vorzogen sich selbst aufzulösen.6 Diese Entwicklungen brachten dem NSLB nun eine absolute Monopolstellung bezüglich der Lehrerverbände ein, dessen Mitgliederzahlen von ca. 6.000 am Ende des Jahres 1932 auf rund 220.000 im 1933 sprunghaft anstiegen.

Innerhalb dieses Prozesses bewegte sich die Lehrerschaft zwischen Faschisierung und Antifaschismus. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde diese Situation deutlich verschärft, sodass sich einige Lehrerverbände gezwungen sahen Position zu beziehen, woraufhin beispielsweise der Bund Entschiedener Schulreformer (BESch), trotz antifaschistischer Einstellung eine opportunistische Stellung zu Gunsten der regierenden Rechten bezog. Konsequenter hielt diese Position beispielsweise die AFLD durch, wenngleich ihre Mitglieder direkt von Entlassungen und weiterführenden Sanktionen unmittelbar bedroht waren, was den Handlungsrahmen beschränkte und den Mitgliederschwund beschleunigte.7

Nach der Machtergreifung konnten die Nationalsozialisten zwar keine neuen Lehrerstellen schaffen, doch gab es in Folge des Gesetzes zur Wiederherstellung der Berufsbeamtentums, welches im Rahmen der angestrebten Gleichschaltung bereits im April 1933 in Kraft trat, zumindest viele neue Lehrposten neu zu besetzen, da nun u.a. aus rassischen, politischen oder aus pädagogischen Gründen viele Lehrkräfte aus dem Schuldienst entlassen wurden. Von dieser Säuberungsaktion waren der Stadtschulrat Jens Nydhal selbst sowie ca. 16% aller Studienräte betroffen, was den Handlungsspielraum der neuen politischen Kräfte deutlich erweitern sollte.8 Mit der Machtübernahme hielten Inhalte, wie die am 13.9.1933 eingeführte Rassenkunde9, das Umdenken in den „Gesinnungsfächern“ Deutsch, Geschichte und Biologie10 oder die Vermittlung der Volk ohne Raum- Ideologie Einzug in das Unterrichtsgeschehen. Darüber hinaus sollten von nun an die Verherrlichung des Krieges und das Führerprinzip an den Schulen umgesetzt werden.11 Zusätzlich waren nun auch Rituale wie der Hitler-Gruß oder der Fahnenappell im Alltag stets präsent. Noch dazu wurden den Lehrern ab Mai 1933 Formblätter vorgelegt, in denen sie ihre arische Abstammung nachzuweisen hatten. Dies sollte die Entjudung der Lehrerschaft zusätzlich beschleunigen.12 Zudem setzte sich auf Schulebene der für den Nationalsozialismus typische Utilitarismus durch, von dem Sonderschulen in hohem Maße betroffen und im Zuge dessen nahezu vollständig aufgelöst wurden. Die Kinder jüdischer Konfession waren von all den Maßnahmen am heftigsten von Ausgrenzung und Gewalt betroffen, wie die Ausführungen von Benjamin Ortmeyer13 eindrucksvoll zeigen.

Insgesamt lässt sich für die Schulentwicklung in den 30er Jahren festhalten, dass „die deutsche Schule von Jahr zu Jahr, die einst die bestqualifizierteste kulturelle Institution in der bürgerlichen Welt war [verkümmerte]. Zudem hat „das III. Reich […] es dahin gebracht, da[ss] niemand mehr Lehrer werden will“.14 Zudem gibt der NSLB im weiteren Verlauf am 1. Mai 1936 an, dass „97 Prozent der gesamten deutschen Erzieher Mitglied im NSLB sind“. Darüber hinaus wären sogar „32,2 Prozent der Volksschullehrer Mitglied in der NSDAP“15. Diese Tendenz zeigt, dass gerade in der Lehrerschaft ein hohes Potential an fakultativer Unterstützung bestand, was widersetzliches Handeln umso bemerkenswerter erscheinen lässt.

Geeignete Darstellungen der angeführten Ereignisse und Umstände lassen sich in Ergänzung zu den bereits herangezogenen Titeln weiterführend unter anderem in den Lektüren von Reinhard Dithmar16, Hermann Giesecke17, Marion Klewitz18 und Ulrich Herrmann/Jürgen Oelkers19 finden, sodass die getätigten Ausführungen in diesem Rahmen ihre Begrenzung finden sollen.

Allerdings waren nicht alle Lehrkräfte mit diesen Entwicklungen zufrieden oder gar einverstanden. So gab es zahlreiche Aktionen, mit denen man sich im Kleinen wir im Großen diesen Prozessen zu erwehren versuchte. So kehrte Beispielsweise ein anspruchsvoller Deutschlehrer die Kernbotschaft des „Horst-Wessel-Liedes“ um, indem er die Grammatik des Liedtextes mit seinen SchülerInnen untersuchte20 oder solidarisierten sich die Eltern- und Schülerschaft der Karl-Marx-Schule in Berlin mit ihrem entlassenem Klassenlehrer Fritz Carsen, was schwerwiegende Folgen für die sich Solidarisierenden haben sollte. Auch erlangten die Stimmen des Volkes im Oldenburger Kreuzkampf, bei welchem es um die Ersetzung des Kruzifixes durch das Konterfei Adolf Hitlers in bestimmten Bundesländern ging und Eltern sowie SchülerInnen massiv protestieren, Gehör, woraufhin die Forderungen des Volkes durchgesetzt konnten.21 Diese Aktionen zeigen nicht nur auf, dass es auch Handlungen entgegen dem neuen System gab, sondern auch, welche Macht und Auswirkungen ge- und entschlossenes Handeln haben konnte. Desweiteren berichtet die Nationale Erziehung von weiteren Widerstandsakten an Berliner Schulen, was aber ausgehend vom NS-Standpunkt der Quelle mit Vorsicht zu genießen ist, da es sich hierbei ebenso gut um den Versuch der Denunziation und der Abschreckung gehandelt haben könnte.22 Insgesamt gibt es an dieser Stelle eindrucksvolle Beispiele für den von Ernst Bloch eingeführten Begriff des aufrechten Gangs, welcher nach van Dick als das „Gegenteil des Wegsehens bzw. des bloß stillen Beobachtens, wie es charakteristisch für die überwiegende Mehrheit der damaligen Lehrerschaft war“23 verstanden wird.

Wie sich die Begrifflichkeiten des Widerstandes und des oppositionellen Lehrerverhaltens inhaltlich füllen lassen, welche Handlungstypen in der Zeit des Nationalsozialismus auszumachen sind und wie zudem die ausgeführten Begriffe für die Betrachtung Kurt Steffelbauers Wirken zu verstehen sein werden, soll nun Legitimation der Betrachtung des nun folgenden Abschnittes sein.

[...]


1 Kurt-Ingo Flessau, Schule in der Diktatur. Lehrpläne und Schulbücher des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1979. S. 12.

2 Vgl. Flessau, Schule in der Diktatur, S.19.

3 Vgl. Hans-Norbert Burkert u.a., Machtergreifung Berlin 1933.Stätten der Geschichte Berlins, Berlin 1984. S. 224.

4 Vgl. Burkert, Machtergreifung Berlin 1933, S. 226.

5 Vgl. Burkert, Machtergreifung Berlin 1933, S. 233.

6 Vgl. Hermann Schorbach (Hg.), Lehrer und Schule unterm Hakenkreuz. Dokumente des Widerstands von 1930 bis 1945, 2. Auflage Königsstein 1983, 2. Auflage, S. 24.

7 Vgl. Wolfgang Keim, Erziehung unter der Nazi-Diktatur - Antidemokratische Potentiale, Machtantritt und Machtdurchsetzung, Darmstadt 1995, S. 60f.

8 Vgl. Burkert, Machtergreifung Berlin 1933, S. 227f.

9 Vgl. Burkert, Machtergreifung Berlin 1933, S. 236. 10 Vgl. Burkert, Machtergreifung Berlin 1933, S. 239.

11 Vgl. Keim, Erziehung unter der Nazi-Diktatur, S. 235.

12 Vgl. Burkert, Machtergreifung Berlin 1933, S. 237.

13 Benjamin Ortmeyer, Schicksale jüdischer SchülerInnen und Schüler in der NS-Zeit - Leerstellen deutscher Erziehungswissenschaft - Bundesrepublikanische Erziehungswissenschaften (1945/49 - 1995) und die Erforschung der nazistischen Schule, Bonn 1998.

14 Vgl. Schnorbach, Lehrer und Schule unterm Hakenkreuz, S. 135.

15 Ortmeyer, Schicksale jüdischer SchülerInnen und Schüler in der NS-Zeit, S. 122.

16 Reinhard Dithmar (Hg.), Schule und Unterricht in der Endphase der Weimarer Republik, Neuwiedt, Kriftel, Berlin 1993.

17 Hermann Giesecke, Hitlers Pädagogen. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung, Weinheim und München 1993.

18 Marion Klewitz, Lehrersein im Dritten Reich - Analysen lebensgeschichtlicher Erzählungen zum beruflichen Selbstverständis,Weinheim und München, München 1987.

19 Ulrich Herrmann u. Jürgen Oelkers (Hg.), Pädagogik und Nationalsozialismus. Weinheim und Basel 1989.

20 Vgl. Schnorbach, Lehrer und Schule unterm Hakenkreuz,S. 22.

21 Vgl. Keim, Erziehung unter der Nazi-Diktatur, S. 113.

22 Vgl. Burkert, Machtergreifung Berlin 1933, S. 230f.

23 Lutz van Dick, Oppositionelles Lehrerverhalten 1933 - 1945 - Biografische Berichte über den aufrechten Gang von Lehrerinnen und Lehrern, Weinheim und München 1988, S. 15.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Lehrkräfte im Widerstand während des Nationalsozialismus - Das Berliner Fallbeispiel Kurt Steffelbauer
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Berlin im Nationalsozialismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V207633
ISBN (eBook)
9783656352662
ISBN (Buch)
9783656353027
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lehrkräfte, widerstand, nationalsozialismus, berliner, fallbeispiel, kurt, steffelbauer
Arbeit zitieren
Paul Beilke (Autor), 2012, Lehrkräfte im Widerstand während des Nationalsozialismus - Das Berliner Fallbeispiel Kurt Steffelbauer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207633

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