Die Problematik des Themas wird anschaulich an folgendem, real in Deutschland verhandelten Fall, der dem Verwaltungsgericht (VG) Darmstadt 2004 zur Entscheidung vorlag:
Dabei klagte eine Lehrerin auf Verbeamtung. Diese hatte die zuständige Schulbehörde versagt wegen eines hohen Risikos der Referendarin, an Chorea Huntington zu erkranken. Die Klägerin gab nämlich bei der amtsärztlichen Untersuchung an, ihr Vater leide an dieser Krankheit. Die Verbeamtung wurde daraufhin abgelehnt, da eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestehe, dass in den nächsten zehn Jahren bei ihr die Huntingtonsche Krankheit ausbreche. Die einstellende Schulbehörde befürchtete daraufhin häufige Dienstunfähigkeitszeiten bis hin zur vorzeitigen Dienstunfähigkeit der Klägerin.
Inhaltsverzeichnis
A. Einführungsfall
B. Fragestellung
C. Ethische Beurteilung
D. Rechtliche Grundlagen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethischen und rechtlichen Spannungsfelder, die sich durch den Einsatz genetischer Diagnostik im Rahmen von Arbeitsverhältnissen ergeben, insbesondere im Hinblick auf das Spannungsverhältnis zwischen Arbeitgeberinteressen und dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Arbeitnehmer.
- Analyse der genetischen Diagnostik bei der Personalauswahl
- Ethische Abwägung von Arbeitgeberinteressen und Arbeitnehmerrechten
- Rechtliche Situation und Regelungsbedarf in Europa, Österreich, der Schweiz und Deutschland
- Diskussion des Begriffs der "Freiwilligkeit" bei Einwilligungserklärungen
- Abgrenzung zwischen prädiktiven Informationen und aktueller gesundheitlicher Eignung
Auszug aus dem Buch
C. Ethische Beurteilung
Um die Frage vom ethischen Standpunkt beurteilen zu können, empfiehlt es sich, sich über den Weg zu diesem Standpunkt klar zu werden. Damit sollen auch gleichzeitig die Nachvollziehbarkeit und die Transparenz des Standpunktes gewährleistet werden. Dazu werden folgende sechs Schritte benutzt:
1. Feststellung des Sachverhalts: Zum Sachverhalt gehört in diesem Zusammenhang eine Feststellung des Begriffs der „Gendiagnostik“: Dabei handelt es sich um die Untersuchung von dem Körper entnommenen Substanzen, um mit Hilfe genetischer Analysen (zytogenetische oder Chromosomenanalyse, Analyse der DNA bzw. der RNA) Aufschluss über die genetische Ausstattung eines Menschen zu bekommen. Ansonsten geht es um Sachverhalte, die für Bewerber von Arbeitsstellen dem Einführungsfall vergleichbar sind.
2. Welche Kriterien spielen für die ethische Beurteilung der Fragestellung eine Rolle? Im Rahmen eines Rekrutierungsprozesses eines Mitarbeiters kann man von folgenden Gesichtspunkten ausgehen:
• Das Interesse des Arbeitgebers, einen geworbenen Arbeitnehmer nicht durch Krankheit zu entbehren: Die Arbeitgeber werden durch Lohnfortzahlung am Erkrankungsrisiko ihrer Arbeitnehmer beteiligt, d. h. die Zulassung einer genetischer Auswahl würde diese Risikominimierung an den Beginn des Arbeitsverhältnisses legen. Allerdings ist zu beachten, dass der Voraussagewert derartiger prädiktiver Informationen, je weiter die Prognose reicht, doch sehr begrenzt sein kann.
• Bedarf des Arbeitnehmers an Erwerbsarbeit: Arbeitnehmer haben strukturell einen geringeren Handlungsspielraum als Arbeitgeber und sind auf Erwerbsarbeit als Daseinsvorsorge angewiesen
• Gefahr der „genetischen“ Diskriminierung? Nicht jede ungleiche Behandlung ist diskriminierend. Prädiktive Informationen werden auch auf anderem als auf gendiagnostischem Weg beschafft werden (s. Einführungsfall). Aber: Genetische Daten haben ein größeres Gewicht bzgl. der Präzision und Nachhaltigkeit derartiger Aussagen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einführungsfall: Anhand eines realen Fallbeispiels einer Lehrkraft wird die Problematik der Verweigerung einer Verbeamtung aufgrund genetischer Risikoprognosen illustriert.
B. Fragestellung: Es wird die zentrale ethische und rechtliche Frage aufgeworfen, inwiefern Arbeitnehmer verpflichtet werden können, genetische Informationen über sich offenzulegen.
C. Ethische Beurteilung: In sechs methodischen Schritten werden die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gegeneinander abgewogen, wobei das Recht auf Nichtwissen und die Problematik der "freiwilligen" Einwilligung im Vordergrund stehen.
D. Rechtliche Grundlagen: Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die EU-Richtlinie 95/46/EG sowie spezifische nationale Gesetze in Österreich, der Schweiz und den laufenden Gesetzgebungsprozess in Deutschland.
Schlüsselwörter
Genetische Diagnostik, Arbeitsverhältnis, Gendiagnostikgesetz, informationelle Selbstbestimmung, Recht auf Nichtwissen, genetische Diskriminierung, Personalauswahl, prädiktive Medizin, Arbeitgeberinteresse, Arbeitnehmerrechte, Einwilligung, Gentechnik-Gesetz, gesundheitliche Eignung, Krankheitsrisiko, Arbeitsrecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den ethischen und rechtlichen Herausforderungen, die entstehen, wenn Arbeitgeber im Rahmen von Einstellungen oder Arbeitsverhältnissen genetische Informationen über ihre Mitarbeiter oder Bewerber erheben oder verwerten wollen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Konflikt zwischen dem wirtschaftlichen Interesse des Arbeitgebers an Risikominimierung und dem Schutz der Privatsphäre sowie der informationellen Selbstbestimmung der Arbeitnehmer.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, ob und unter welchen Bedingungen eine genetische Untersuchung von Arbeitnehmern ethisch und rechtlich vertretbar ist, insbesondere wenn die Freiwilligkeit der Einwilligung durch das Abhängigkeitsverhältnis im Bewerbungsprozess infrage gestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt durch eine ethische Beurteilung in sechs strukturierten Schritten, kombiniert mit einer Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen auf EU-Ebene und in ausgewählten nationalen Rechtsordnungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kriterien für eine ethische Bewertung, diskutiert das Konzept der Einwilligung unter dem Druck der Bewerbungssituation und stellt die aktuelle Gesetzeslage sowie geplante Gesetzgebungsverfahren dar.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind genetische Diagnostik, Gendiagnostikgesetz, informationelle Selbstbestimmung, Arbeitnehmerrechte, Diskriminierungsschutz und die Abwägung von Risikofaktoren.
Welche Rolle spielt die "Freiwilligkeit" bei der genetischen Untersuchung?
Der Autor argumentiert, dass eine Einwilligung in genetische Tests im Bewerbungskontext oft nicht als "wirklich freiwillig" angesehen werden kann, da Bewerber aus Angst um ihre Einstellungschancen ihr Einverständnis geben, um nicht negativ aufzufallen.
Gibt es Ausnahmen, in denen genetische Diagnostik zulässig sein könnte?
Ja, der Autor deutet an, dass der Einsatz der Gendiagnostik in Ausnahmefällen vertretbar sein könnte, etwa wenn dadurch konkrete Risiken für Leib und Leben Dritter, wie beispielsweise bei bestimmten sicherheitsrelevanten Berufen, minimiert werden können.
- Citation du texte
- Prof. Dr. Gerrit Horstmeier (Auteur), 2007, Genetischen Diagnostik: Ethische und rechtliche Aspekte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210046