Da der Wertbegriff recht diffus ist, lassen sich verschiedene Anliegen unterbringen. Zunächst widmet sich die Arbeit den ästhetischen Wertvorstellungen, die einerseits anhand der Gestaltung des Romans und andererseits durch Werther zum Ausdruck kommen. Anschließend stehen Werthers Wertkonflikte in Bezug auf die zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse im Vordergrund. Bezug genommen wird hier auf die Luhmann’sche Systemtheorie und auf Werthers und Alberts gegensätzliche Ökonomien. Ebenso wird die unterschiedliche Bewertung des Wertes der individuellen Freiheit herausgestellt. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit Werthers Auffassungen von einem lebenswerten Leben. Zuletzt folgt die Untersuchung von Lottes Wert und ihrer Auswirkung auf Werthers Wertvorstellungen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ästhetische Wertvorstellungen
2.1 Der neue moralisch-ästhetische Wert des Werthers
2.2 Werthers ästhetische Werte
2.2.1 Gefühl und Herz als wertbestimmende ästhetische Faktoren
2.2.2 Der Wert und die Abwertung des Buchstabens
3 Werthers Wertekonflikte im sozialgeschichtlichen Kontext
3.1 Werthers Verweigerung der funktionalen Eingliederung
3.1.1 Werthers Verweigerung systemeigener Leitwerte
3.1.2 Das funktionsdifferenzierte Verhalten des Ministers und des Grafens
3.2 Ökonomie und ökonomische Lebenskonzepte
3.2.1 Werther über den Wert der Arbeit und seine Anti-Ökonomie
3.2.2 Wertvolle Gesellschaftsmitglieder und die bürgerliche Beziehungsökonomie
3.3 Der (Un)Wert der Freiheit
3.3.1 Einschränkung und Entgrenzung
3.3.2 Der Freitod als Ausdruck von und Weg zur Freiheit
4 Werthers lebenswerte Gegenentwürfe zur Moderne
4.1 Idealisierung der kindlichen Lebensführung
4.2 Das Glück der einfachen Leute und des primitiven Lebens
5 Der besondere Wert Lottes
5.1 Lotte als liebesökonomisches Gut
5.2 Lotte als wertsteigernde Instanz
5.2.1 Werthers dingliche Fetischisierungen
5.2.2 Die Erhöhung von Werthers Selbstwert
5.2.3 Ideeller, materieller und symbolischer Wert der Geburtstagspräsente
5.3 Werthers libidinöser Wertewandel und der Wert der Freundschaft
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wertethematik in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" unter besonderer Berücksichtigung ästhetischer und ökonomischer Aspekte im sozialgeschichtlichen Kontext. Im Zentrum steht die Frage, wie Werthers individuelle Wertvorstellungen mit den gesellschaftlichen Normen seiner Zeit kollidieren und wie er versucht, eigene, lebenswerte Gegenentwürfe zur Moderne zu etablieren.
- Analyse der ästhetischen Wertvorstellungen und deren Abgrenzung zur zeitgenössischen Moral.
- Untersuchung von Werthers Wertekonflikten im Rahmen der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft.
- Gegenüberstellung von Werthers Anti-Ökonomie und Alberts bürgerlichem ökonomischen Lebenskonzept.
- Bewertung von Lottes Rolle als liebesökonomisches Gut und wertsteigernde Instanz für Werthers Selbstverständnis.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Werther über den Wert der Arbeit und seine Anti-Ökonomie
Werther, der sich lediglich aufgrund der finanziellen Absicherung durch seine Mutter ein Leben als Müßiggänger erlauben kann, vertritt die naive Ansicht, dass Sinn und Zweck von Arbeit nicht das Verdienen von Geld sei, sondern das Frönen der eigenen Leidenschaft: „Ein Kerl, der um anderer willen, ohne daß es seine eigene Leidenschaft ist, sich um Geld, oder Ehre, oder sonst was, abarbeitet, ist immer ein Tor.“ (228) Für Werther stehen als Stürmer und Dränger anstelle von ökonomischen Nützlichkeitsdenken die Selbstverwirklichung und Individualisierung im Vordergrund. Trotz seiner Ablehnung gegenüber einer Tätigkeit, die keine Muße mit sich bringt, übt Werther als Gesandtschaftssekretär einen Beruf aus, der für ihn keine Berufung darstellt: Ihm ist die „Subordination“ (228) zuwider. Jedoch steht hier nicht Geld oder Ehre im Vordergrund, sondern die Arbeit dient ihm zur Ablenkung von seinem Liebeskummer.
Da Freiheit für Werther einen hohen Wert darstellt, passt er sich nicht den funktionalen Verhältnissen an. Diesbezüglich stellt sich die Frage, ob Werther vor seinem Selbstmord bewahrt worden wäre, wenn er dauerhaft einer Arbeit nachgegangen wäre, die den Kontrollverlust über seine Leidenschaft hätte verhindern können. Womöglich wäre er trotzdem gescheitert, wie das Schicksal eines jungen Mädchens zeigt, „das in dem engen Kreise häuslicher Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmter Arbeit herangewachsen war“ (235) und sich dennoch aufgrund einer unerwiderten Liebe das Leben nahm. Wie wertlos Werther ein gemäßigtes Leben erscheint, zeigt seine spöttische Ausmalung, was ein „Philister“ einem Verliebten raten würde: Teilet Eure Stunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmet Eurem Mädchen, berechnet euer Vermögen, und was euch von Eurer Notdurft übrig bleibt, davon verwehr ich euch nicht ihr ein Geschenk, nur nicht zu oft, zu machen. Etwa zu ihrem Geburts- und Namenstage etc. – Folgt der Mensch, so gibts einen brauchbaren jungen Menschen [...]; nur mit seiner Liebe ist's am Ende und, wenn er ein Künstler ist, mit seiner Kunst. (205f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Wertethematik des Romans ein, erläutert die Bedeutung der "telling names" und umreißt den Untersuchungsrahmen der Arbeit.
2 Ästhetische Wertvorstellungen: Das Kapitel befasst sich mit dem moralisch-ästhetischen Wandel im Werther und der Bedeutung von Gefühl und Herz als zentrale ästhetische Faktoren sowie der Abwertung der abstrakten Sprache.
3 Werthers Wertekonflikte im sozialgeschichtlichen Kontext: Hier werden Werthers Schwierigkeiten mit der gesellschaftlichen Funktionalisierung, seine Ablehnung ökonomischer Lebenskonzepte und seine Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung analysiert.
4 Werthers lebenswerte Gegenentwürfe zur Moderne: Dieses Kapitel untersucht Werthers Idealisierung der Kindheit und des einfachen Lebens als Zufluchtsorte vor der als einschränkend empfundenen modernen Gesellschaft.
5 Der besondere Wert Lottes: Der Fokus liegt auf der ökonomischen Logik, die in die Liebesbeziehung einfließt, sowie auf der Rolle Lottes als zentraler Bezugspunkt für Werthers Identitätsbildung und seine Fetischisierungen.
6 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet Werthers Rolle als Reflexionsfigur im Spannungsfeld zwischen traditionellen und modernen Werten.
Schlüsselwörter
Goethe, Werther, Wertethematik, Ästhetik, Ökonomie, Individualisierung, Wertekonflikte, soziale Differenzierung, Sturm und Drang, Aufklärung, Lotte, Freiheit, Selbstmord, Freundschaft, Systemtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifische Wertethematik in Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" und untersucht, wie der Protagonist durch seine subjektiven Wertmaßstäbe in Konflikt mit den ökonomischen und sozialen Strukturen der Moderne gerät.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen ästhetische Wertvorstellungen, das Spannungsfeld zwischen individuellem Empfinden und gesellschaftlicher Funktionalisierung, die gegensätzlichen ökonomischen Lebenskonzepte sowie die Bedeutung von Liebe und Freundschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Werthers Identitätsstreben und seine Versuche, der zunehmenden Funktionalisierung durch eigene "Gegenentwürfe" zu entkommen, sowie sein Scheitern an diesen Ansprüchen systematisch herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die vor allem systemtheoretische Ansätze, insbesondere nach Niklas Luhmann, auf die Romanthematik anwendet, um Werthers Konflikte im Kontext der Moderne zu deuten.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Werthers ästhetischem Kunstverständnis, die soziologische Analyse seiner Konflikte mit dem Bürgertum, seine ökonomische Anti-Haltung gegenüber Albert und die symbolische Überhöhung von Lotte als zentrales Wertobjekt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Wertekonflikt, Ökonomie der Verschwendung, ästhetische Autonomie, soziale Inklusion, Individualisierung und Funktionssysteme.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Kopf" und "Herz" eine solche Rolle bei Werther?
Für Werther fungiert das "Herz" als einziger individueller Wertindikator, der gegen die leistungsabhängige und rational-kühle Bewertung der modernen Gesellschaft, die er dem "Verstand" zuordnet, rebelliert.
Wie deutet die Arbeit den Freitod des Protagonisten?
Der Freitod wird nicht primär als Flucht vor der Liebe gewertet, sondern als verzweifelter Versuch, die letzte verbliebene Freiheit des Menschen – die Selbstbestimmung über das eigene Ende – in einer Welt zu behaupten, in der er sich zunehmend fremdgesteuert fühlt.
- Citation du texte
- B.A. Saskia Guckenburg (Auteur), 2012, Die Wertethematik in Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210689