„Mill ist [...] nicht etwa der krasse Individualist, der die Gemeinschaftsfor-
derungen mißachtete. Im Gegenteil, die Schrift ist durchwirkt von gerech-
tester Abwägung der beiden sich entgegenstehenden und doch wieder eng
miteinander verflochtenen Faktoren: Individualität und Kollektivität. Es
zeugt von der Größe Mills, daß er in einer liberalistischen Zeit sehr genau
auch die kollektivistischen Notwendigkeiten erkennt.“ (Grabowsky 1973:
12)
In seiner Einleitung zu John Stuart Mills Klassiker On Liberty macht Adolf Grabowsky deutlich, dass John Stuart Mill keineswegs nur als Liberalist angesehen werden muss. Vielmehr könne man John Stuart Mill in der Diskussion zwischen Individuum und Kollektiv beziehungsweise zwischen Liberalismus und Kommunitarismus ziemlich in der Mitte einordnen.
John Stuart Mill gilt als ein Klassiker und Begründer des Liberalismus. Das überrascht nicht, beachtet man, was für umfangreiche Rechte er dem Individuum zuspricht. Dennoch äußert Mill Gedanken, die Individuum und Gesellschaft in ein Verhältnis ziemlichen Gleichgewichts setzen, das für die Zeit sicherlich besonders ist.
Erst ein gutes Jahrhundert später kommt – angestoßen durch John Rawls neuartige Gerechtigkeitstheorie A Theory of Justice – harsche Kritik am Liberalismus auf. Sie fordert eine Abschwächung des individuellen Rechte zum Wohle der Gemeinschaft. Das ist der Konflikt zwischen Liberalismus und Kommunitarismus.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aufzuzeigen, wo John Stuart Mill zwischen dem Liberalismus und dem Kommunitarismus einzuordnen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Konzeption der Freiheit bei John Stuart Mill
3. Begriffsbestimmungen
3.1 Definition des Liberalismus
3.2 Definition des Kommunitarismus
4. Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Millschen Konzeption mit dem Liberalismus und dem Kommunitarismus
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Einordnung von John Stuart Mill in das Spannungsfeld zwischen Liberalismus und Kommunitarismus, um aufzuzeigen, inwieweit Mill Elemente beider Strömungen in seiner Freiheitskonzeption vereint.
- Analyse des Freiheitsbegriffs bei John Stuart Mill
- Definition und Gegenüberstellung von Liberalismus und Kommunitarismus
- Vergleichende Untersuchung von John Stuart Mills Gedanken mit liberalen und kommunitaristischen Positionen
- Evaluierung der Einordnung Mills in den Kontext des liberalen Kommunitarismus
Auszug aus dem Buch
Soziale Tyrannei
Der Liberalismus stellt sich gegen die gesellschaftlichen Normen der Religion und absolutistischen Herrschaft. Damit widersprach er in seiner Gründungszeit der allgemeinen Sittlichkeit und berief sich stattdessen auf die menschliche Vernunft und die individuelle Freiheit (Jaeger 2001: 59). John Stuart Mill geht es bei seiner Konzeption der individuellen Freiheit ebenso darum, die Macht der Gesellschaft auf die Lebensweise des Individuums einzuschränken. Er spricht dabei von sozialer Tyrannei: „[E]s bedarf des Schutzes auch gegen die Tyrannei der vorherrschenden Meinung und des vorherrschenden Gefühls; gegen die Tendenz der Gesellschaft, [...] ihre eigenen Ideen und Praktiken als Verhaltensregeln denen aufzuzwingen, die von ihnen abweichen“ (Mill 1969: 11). Motivation für die liberale Konzeption des Individuums dürfte er dabei besonders durch seine Beziehung zu Harriet Taylor erhalten haben. Die Beziehung der beiden war stets von viel Tratsch und gesellschaftlicher Ächtung begleitet, da sie zu Mill zog, während sie mit John Taylor verheiratet war. Eine Scheidung war zu diesem Zeitpunkt undenkbar (Rinderle 2000: 28-29). Mill stellt sich also gegen die „wachsende [globale] Tendenz zur ungebührlichen Ausweitung der Macht der Gesellschaft über das Individuum, sowohl durch den Zwang der Öffentlichen Meinung wie sogar durch den der Gesetzgebung“ (Mill 1969: 21). Die Gesellschaft würde die Individualität unterdrücken. Davon will Mill das Individuum befreien und entspricht damit den Leitlinien zur individuellen Freiheit des Liberalismus (Mill 1969: 10, 69, 74, 80).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und erläutert die Forschungsfrage, ob John Stuart Mill eher dem Liberalismus oder dem Kommunitarismus zuzuordnen ist.
2. Die Konzeption der Freiheit bei John Stuart Mill: Hier wird Mills utilitaristisches Verständnis von Freiheit sowie sein Konzept der Meinungsfreiheit und das Harm principle detailliert dargestellt.
3. Begriffsbestimmungen: Dieses Kapitel liefert die theoretischen Grundlagen durch Definitionen des Liberalismus und des Kommunitarismus als politische Strömungen.
3.1 Definition des Liberalismus: Es wird die historische und ideologische Basis des Liberalismus mit Fokus auf die Freiheit des Individuums und den Rechtsstaat beschrieben.
3.2 Definition des Kommunitarismus: Dieses Unterkapitel erläutert den Kommunitarismus als Gegenbewegung zum Liberalismus mit Fokus auf die Bedeutung gemeinschaftlicher Werte und die soziale Einbettung des Individuums.
4. Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Millschen Konzeption mit dem Liberalismus und dem Kommunitarismus: Dies ist der Hauptteil der Arbeit, in dem Mills Thesen anhand verschiedener Aspekte wie Fortschritt, Menschenbild und sozialer Verantwortlichkeit mit den beiden Strömungen verglichen werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Mill aufgrund seiner Synthese aus individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung als Vertreter eines liberalen Kommunitarismus gesehen werden kann.
Schlüsselwörter
John Stuart Mill, Liberalismus, Kommunitarismus, Individuum, Kollektivität, Freiheit, Harm principle, soziale Tyrannei, gesellschaftlicher Fortschritt, Menschenbild, soziale Verantwortlichkeit, politische Partizipation, Gruppenrechte, Zensuswahlrecht, liberaler Kommunitarismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Einordnung von John Stuart Mill in das Spektrum zwischen den politischen Strömungen des Liberalismus und des Kommunitarismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind das Konzept der Freiheit, das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit sowie die Rolle der Gemeinschaft bei der Entwicklung von Werten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob und an welchen Stellen John Stuart Mill eher liberalistische oder eher kommunitaristische Ansätze verfolgt, um seine Position in diesem theoretischen Spannungsfeld zu bestimmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturbasierte Begriffsanalyse und ein vergleichender Vergleich (Komparationsanalyse) von Mills Schriften und deren Bezug zu den Definitionen von Liberalismus und Kommunitarismus durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine vergleichende Analyse anhand spezifischer Kriterien wie soziale Tyrannei, Menschenbild, Fortschrittsgedanke, soziale Verantwortung und Bildungsfragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind John Stuart Mill, Liberalismus, Kommunitarismus, Freiheit, soziale Tyrannei und gesellschaftliche Verantwortung.
Warum ist eine eindeutige Einordnung Mills laut der Arbeit so schwierig?
Mill zeigt in seiner Theorie zahlreiche Parallelen zu beiden Strömungen; während er in Fragen der individuellen Entfaltung liberal argumentiert, weist sein Menschenbild und sein Fokus auf die soziale Verantwortung kommunitaristische Züge auf.
Welches Fazit zieht der Autor zur Positionierung Mills?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Mill als Vertreter eines liberalen Kommunitarismus eingeordnet werden kann, da er die Freiheit des Individuums stets im Kontext einer funktionierenden Gesellschaft betrachtet.
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- Manuel Fontana (Author), 2012, Individuum und Kollektiv: John Stuart Mill zwischen Liberalismus und dem Kommunitarismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210907