Bildungsforschung erlebt seit der internationalen Durchführung von empirischen Studien wie PISA einen Wandel, in der sozialwissenschaftliche Bildungszusammenhänge nur noch anhand von Zahlen und Daten erfasst werden. Bisherige Reformbestrebungen werden aufgrund der erfassten Erkenntnisse verworfen und stellen Bildungsdiskurse als lösbare Probleme dar.
Das Erfahrungswissen von Pädagogen und traditionell geisteswissenschaftliche Forschung geraten zunehmend in den Hintergrund und werfen die Grundfrage nach der Wissenschaftlichkeit dieser Disziplinen auf. Bildungsforschung rückt somit immer näher an die Seite positivistischer Lehre. Diese neu formierte „wissenschaftliche Orthodoxie“ soll in der empirischen Bildungsforschung anhand der Analyse von PISA-Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nachgewiesen werden und positivistische Widersprüche aufwerfen, die in den Studien verankert sind und vor deren Überhandnahme renommierte Sozialwissenschaftlicher wie Adorno gewarnt haben.
Hierbei nutzen wir die Erkenntnisse Kenneth R. Howes über die positivistischen Dogmen, versuchen uns jedoch von seiner Analyse auf britische und U.S amerikanische Bildungsforschung zu lösen, sondern übertragen diese auf die heutigen PISA-Studien der OECD. Dazu werden die einzelnen Dogmen erstmals erläutert und die Methodik und Ziele der PISA-Studie dargestellt. Anschließend wird PISA unter dem Gesichtspunkt positivistischer Lehre und den Dogmen Howes analysiert, um mögliche Überschneidungen aufzuzeigen. Dabei soll nachgewiesen werden, dass sich in Deutschland eine neue wissenschaftliche Orthodoxie formen soll und auch tatsächlich bildet. In Anbetracht des enthaltenen Positivismus sollen zuletzt die Auswirkungen der neuen Orthodoxie auf das deutsche Bildungssystem hervorgehoben werden, um zu zeigen, dass der hohe Einfluss von quantitativen Leistungsstudien auf unser Bildungssystem zu einer Implementierung und Reproduktion des Positivismus führt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dogma 1: Inkompatibilität quantitativer und qualitativer Methoden
2.1 Analytische und synthetische Aussagen
2.2 Bedeutungsvolle Aussagen
2.3 Kritik an analytischen Aussagen
2.4 Die Quine-Duhem-These
2.5 Reine, objektive Wissenschaft
2.6 Fazit des ersten Dogmas
3. Dogma 2: Dichotomie von Tatsachen und Werten
4. Dogma 3: Dichotomie von empirischen Wissenschaften und Geisteswissenschaften
5. Die PISA-Studie
5.1 Ziel der PISA-Studie
5.2 Beschreibung der Kompetenzen
5.3 Durchführung der PISA-Studie
6. Kritische Betrachtung des Begriffs der Kompetenz
7. Positivistische Merkmale in der PISA-Studie
7.1 Fragebögen
7.2 Kompetenzmessung
7.3 Aufgaben und deren Auswertung
7.4 Wertfreie empirische Forschung?
7.5 Fazit der positivistischen Merkmale
8.Auswirkungen positivistischer Forschung auf das Bildungssystem
8.1 Neue wissenschaftliche Orthodoxie
8.2 Empirische Aussagen versus Realität im Klassenzimmer
8.3 Machtverschiebung zugunsten der neuen Orthodoxie
9. Ein zirkulärer Prozess
9.1 Outputsteuerung
9.2 Bildungsbegriff
9.3 Kompetenzwandel
10. Indizien für die Stärkung des Positivismus
11. Fazit
12. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die PISA-Studien der OECD kritisch unter dem Gesichtspunkt positivistischer Dogmen. Ziel ist es aufzuzeigen, wie eine neue „wissenschaftliche Orthodoxie“ im deutschen Bildungssystem Einzug hält, die durch eine quantitative und rein empirische Ausrichtung geisteswissenschaftliche Ansätze verdrängt und das Bildungswesen zunehmend ökonomisiert.
- Kritik an positivistischen Grundannahmen (Howe, Quine)
- Analyse der PISA-Studie als Instrument positivistischer Forschung
- Die Implementierung einer neuen „wissenschaftlichen Orthodoxie“
- Wandel des Bildungsbegriffs hin zu Leistungs- und Outputorientierung
- Machtverschiebung zwischen empirischen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen
Auszug aus dem Buch
2.4 Die Quine-Duhem-These
Ebenso entwickelte Quine die sogenannte „Quine-Duhem-These“, die besagt, dass Theorien aus vielen einzelnen Aussagen bestünden und somit eine einzelne empirische Beobachtung oder ein Experiment nicht ausreichend sei, um solche Theorien zu bestätigen oder zu verwerfen. Theorien bauen aufeinander auf und wenn eine Theorie angezweifelt wird, müssen auch alle anderen darauf aufbauenden Theorien überprüft werden. Er kritisiert, dass man Theorien, die angezweifelt oder durch Beobachtungen widerlegt wurden, einfach ändern kann und so die Theorie weiterhin Bestand hat.
Als Beispiel kann man die Beschaffenheit der Erde nehmen. Wenn die bestehende Theorie besagt, dass die Erde eine flache Scheibe ist, kann man selbst am Horizont verschwindende Schiffe damit erklären, dass sich dass Licht, welches dieses Schiff kenntlich macht, sich mit größerer Entfernung weiter beugt und durch die Gravitation angezogen wird. So könnte man die Theorie, oder auch Aussagen beliebig Anpassen, damit man sie nicht verwerfen muss. Je bedeutender Aussagen sind und umso mehr andere Theorien darauf aufbauen, desto geringer ist nach Quine die Wahrscheinlichkeit, dass diese Aussage oder Theorie jemals widerlegt wird. Somit kann man sagen, dass es nach Quine keine Aussage gibt, die wahr ist, da man prinzipiell jede Überzeugung beibehalten kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Wandel der Bildungsforschung durch internationale Studien wie PISA und die kritische Fragestellung nach der zunehmenden Dominanz positivistischer Lehren.
2. Dogma 1: Inkompatibilität quantitativer und qualitativer Methoden: Darstellung des positivistischen Postulats der Trennung beider Methoden, ergänzt durch erkenntnistheoretische Kritik an Reduktionismus und Objektivitätsanspruch.
3. Dogma 2: Dichotomie von Tatsachen und Werten: Untersuchung der Forderung nach wertfreier Wissenschaft und der Unmöglichkeit, soziale Forschung gänzlich von Werten zu entkoppeln.
4. Dogma 3: Dichotomie von empirischen Wissenschaften und Geisteswissenschaften: Analyse der methodischen Abwertung geisteswissenschaftlicher Forschung gegenüber der empirischen Überprüfbarkeit.
5. Die PISA-Studie: Vorstellung der OECD-Studie, ihrer Ziele, der untersuchten Kompetenzbereiche und ihrer praktischen Durchführung.
6. Kritische Betrachtung des Begriffs der Kompetenz: Diskussion der Interdependenz der gemessenen Kompetenzbereiche und der Frage, ob eine strikte Trennung für die Leistungsbewertung zulässig ist.
7. Positivistische Merkmale in der PISA-Studie: Anwendung der positivistischen Kritik auf PISA, insbesondere hinsichtlich standardisierter Fragebögen, technisierter Auswertung und mangelnder Subjektivitätsreflexion.
8.Auswirkungen positivistischer Forschung auf das Bildungssystem: Beschreibung der Entstehung einer „neuen wissenschaftlichen Orthodoxie“ und deren negativer Auswirkungen auf die pädagogische Praxis.
9. Ein zirkulärer Prozess: Aufzeigen des Zusammenhangs zwischen Outputsteuerung, dem ökonomisierten Bildungsbegriff und einem Wandel im Verständnis von Kompetenzen.
10. Indizien für die Stärkung des Positivismus: Zusammenfassung politischer Bestrebungen zur Implementierung empirischer Bildungsstandards als Goldstandard.
11. Fazit: Zusammenfassende Bestätigung der Hypothese, dass PISA einen positivistischen Wandel fördert und ein dringender Bedarf an kritischer Reflexion besteht.
12. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetressourcen.
Schlüsselwörter
Positivismus, PISA-Studie, Bildungsforschung, Empirismus, Quantitative Forschung, Qualitative Forschung, Kompetenzmessung, Wissenschaftstheorie, Bildungsstandards, Outputsteuerung, OECD, Bildungsbegriff, Kritischer Rationalismus, Pädagogik, Reformbestrebungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse der PISA-Studie der OECD. Sie untersucht, inwieweit die PISA-Studie positivistische Forschungsdogmen reproduziert und wie dies zu einer neuen, empirisch geprägten „wissenschaftlichen Orthodoxie“ im deutschen Bildungssystem führt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die erkenntnistheoretische Kritik an positivistischen Dogmen, die methodische Analyse der PISA-Studie sowie die Auswirkungen dieser quantitativen Ausrichtung auf die Bildungspolitik und den Begriff der Bildung selbst.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, nachzuweisen, dass der hohe Einfluss quantitativer Leistungsstudien wie PISA zur Implementierung und Reproduktion des Positivismus im deutschen Bildungssystem führt und dabei wertvolles pädagogisches Erfahrungswissen marginalisiert.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine wissenschaftstheoretische Analyse, basierend auf den Erkenntnissen Kenneth R. Howes, um die PISA-Studie unter dem Gesichtspunkt positivistischer Lehren kritisch zu hinterfragen und deren politische sowie systemische Auswirkungen aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die drei positivistischen Dogmen theoretisch erläutert. Anschließend werden diese auf die PISA-Studie angewandt, die Kompetenzbegriffe kritisch beleuchtet und die negativen Effekte auf die schulische Realität und Bildungspolitik diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind Positivismus, PISA, empirische Bildungsforschung, Outputsteuerung, Kompetenzwandel und wissenschaftliche Orthodoxie.
Inwiefern beeinflusst PISA den deutschen Bildungsbegriff?
Die Arbeit argumentiert, dass PISA den Bildungsbegriff zunehmend auf Nützlichkeit, Effizienz und messbare Ergebnisse reduziert, wodurch ökonomische Zwecke gegenüber der ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung in den Vordergrund rücken.
Was bedeutet in diesem Kontext die „neue wissenschaftliche Orthodoxie“?
Dieser Begriff beschreibt die politische und wissenschaftliche Dominanz des Empirismus, der als einziger Standard für „gute“ Bildungsforschung etabliert wird und somit andere wissenschaftliche Disziplinen, insbesondere Geisteswissenschaften, verdrängt oder abwertet.
- Arbeit zitieren
- Eugen Kuhn (Autor:in), 2013, Eine Analyse der PISA-Studie auf den Positivismus und ihre Auswirkungen auf das deutsche Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211254