Die Futhark-Brakteaten im Lichte des Rúnatals


Seminararbeit, 2010
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit
2.1 Die Brakteatenherstellung
2.2 Zur Identifizierung Odins als zentrale Gestalt der A- und C-Brakteaten
2.3 Die Runeninschriften der Brakteaten
2.4 Zur Funktion der Brakteaten und zu ihren Fundorten

3. Die Futhark-Brakteaten und das Rúnatal
3.1 Die Futhark-Brakteaten
3.2 Das Rúnatal

4. Schlußbemerkung

Literatur

1. Einleitung

Eine der großen Kontroversen der skandinavischen Mediävistik dreht sich um die Frage, wie viel von dem alten heidnischen Glauben und dessen mythischen Vorstellungen in seiner ursprünglichen und unverfälschten Form in der nordischen Literatur des Mittelalters erhalten geblieben ist. Dabei mangelt es nicht an Texten, die von den alten Göttern berichten. Besonders die Snorra-Edda und die sogenannte Lieder-Edda bieten reichlich mythologischen und religiösen Inhalt. Ebenso werden Odin, Thor und weitere Gottheiten, Riesen, Zwerge und andere Wesen der mythischen Welt in den unterschiedlichsten Sagas erwähnt. Gleiches gilt für Schilderungen magischer Handlungen. Auch die Gesta Danorum des Saxo Grammaticus ist reich an derlei Darstellungen. All diesen Beispielen haftet jedoch ein Makel an, der ihre Glaubwürdigkeit immer wieder in Frage stellt: Sie alle stammen in der uns überlieferten Form aus bereits christlicher Zeit, viele erst bis zu dreihundert Jahre nach der Christianisierung zumeist auf Island niedergeschrieben. Auch ihre Autoren waren Christen. Eine Ausnahme bildet hier lediglich die Skaldik, jene speziell nordische Dichtform, die ihre Wurzeln und vor allem ihre kenningar bis in die heidnische Zeit zurückverfolgen kann.1

Trotzdem wäre es falsch, aus einem − wenn auch berechtigten − Zweifel heraus alles, was in den oben genannten Texten über die pagane Religion berichtet wird, als unzutreffend oder höchst unsicher zu bezeichnen. Vielmehr ist es erforderlich, über die Literatur alleine hinauszugehen und sich den Zeugnissen und Quellen zuzuwenden, die nachweislich aus heidnischer Zeit stammen und aller Wahrscheinlichkeit nach Auskunft über religiöse, mythische und magische Vorstellungen geben können. Dazu gehören archäologische Befunde wie die Untersuchungen von Grabfunden, alten mutmaßlichen Kult- und Opferplätzen, die mit ihnen verbundenen zeitlichen Datierungen und Wechselbeziehungen. Ebenso sind die vor allem in Skandinavien anzutreffenden Bilddenkmäler zu nennen, die uns in ihrer Ikonographie Anhaltspunkte über die Vorstellungswelt ihrer Schöpfer liefern können. Nicht zuletzt stellen natürlich auch die Runeninschriften, insbesondere jene im älteren Futhark, eine wichtige Quelle dar. Das dieses Vorgehen keinesfalls fruchtlos ist und eine Bereicherung für alle beteiligten Disziplinen sein kann, hat sich bereits gezeigt.2

Die sogenannten Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit (im folgenden: Brakteaten) erfordern nun zur Ergründung ihrer Bedeutung ohnehin die Erkenntnisse aus den verschiedenen Wissenschaftsbereichen und -unterbereichen. So ist zuerst einmal zu klären, auf welche Vorbilder und Einflüsse sie zurückzuführen sind. Auch ihre Herstellungsart, ihre Hersteller und die Orte, an denen sie entstanden sind, bedürfen der Berücksichtigung. Dann ist ihr Erscheinungsbild, also ihre Ikonographie und ihre Inschriften, zu erörtern. Außerdem muß nach ihrem Gebrauch und ihrer Funktion gefragt werden, und schließlich sind ihre Fundorte und -umstände zu erläutern. Dieser „Lebenslauf“ eines Brakteaten soll im ersten Teil dieser Arbeit dargestellt werden.

Der zweite Teil beschäftigt sich speziell mit den Brakteaten, die eine Futhark-Inschrift tragen − sei es eine komplette, eine abgekürzte, eine möglicherweise entstellte oder umstrittene. Darauf sollen die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse im Kontext des Rúnatals þáttr Óðins (im folgenden: Rúnatal), eines Teilabschnittes der Hávamál der Lieder- Edda betrachtet werden. Dieses Vorgehen ist dadurch zu begründen, daß das Rúnatal von der Erlangung der Runen durch Odin berichtet. Da es durchaus möglich ist, die zentrale Figur vieler Brakteaten als Odin zu identifizieren − und das gilt ausnahmslos für alle Futhark-Brakteaten − und das Futhark selbst eine Darstellung aller Runen ist, gibt es hier zumindest schon zwei Berührungspunkte, die eine solche Untersuchung lohnenswert erscheinen lassen. Zudem ist die göttliche Herkunft der Runen bereits durch die Runensteine von Noleby (um 600) und Sparlösa (um 800) für die heidnische Zeit belegt.3 Grundlegend für diese Arbeit ist das unter der Ägide von Karl Hauck erschienene umfangreiche Katalogwerk Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit (im folgenden: Ikonographischer Katalog).4 Die dort abgebildeten Fotos und Zeichnungen dienen hier als Forschungsobjekte, wobei in der Regel auf die Zeichnungen zurückgegriffen wird, da sie, was die Runeninschriften betrifft, deutlich lesbarer sind. Ebenso finden die dort verwendeten Katalognummern durchweg Verwendung, wie es auch im allgemeinen in der Forschungsliteratur seit Erscheinen dieses Kataloges üblich ist.

2. Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit

Obwohl die ersten Funde von Brakteaten bereits im späten 17. Jahrhundert gemacht wurden und schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die wissenschaftliche Erforschung dieser Artefakte einsetzte5, war es doch der schon oben erwähnte Ikonographische Katalog, der der Forschung neue Impulse gab und zu einer Vielzahl neuer Publikationen zu dieser Thematik inspirierte.6 Gerade die hier angewandte ikonologische Analyse7 emanzipiert die Deutung der Bilddarstellungen zumindest zu einem erheblichen Grad von dem Rückgriff auf die mittelalterlichen Schriftquellen.8 Der Erforschung eben jener Schriftquellen können die so gewonnenen Erkenntnisse nur zum Vorteil gereichen, erlauben diese doch erst, die heidnischen Elemente mittels Vergleich mit Artefakten vor der Christianisierung herauszuarbeiten, ohne sich der ständigen Gefahr eine Zirkelschlusses auszusetzen. Auch die runologische Forschung konnte und kann von dem nun vorliegenden Material insbesondere des Tafelteils aber auch in Wechselwirkung mit den ikonologischen Studien profitieren.9

Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit sind runde, goldene Anhänger, in der Regel von einem Durchmesser von zwei bis drei Zentimetern und einem Gewicht zwischen zwei und sechs Gramm, die eine einseitige Pressung aufweisen.10 Ihre Bezeichnung geht auf das lateinische bractea oder brattea zurück, welches ein dünnes Metall- und besonders Goldblättchen bezeichnet.11 Üblicherweise werden sie in Bezug auf ihre Ikonographie in fünf Hauptgruppen unterteilt: A-Brakteate zeigen ein Männerhaupt im Profil, gelegentlich mit einem oder mehreren Tieren in den Randzonen. B-Brakteaten stellen ein bis drei anthropomorphe Vollgestalten dar. Auch hier können Tiere als Begleiter auftreten. Auf C-Brakteaten ist ein menschliches Haupt im Profil über einem Vierbeiner und gegebenenfalls weitere Tiere und Attribute zu sehen. Auf den D- Brakteaten herrscht die Darstellung eines verschlungenen oder zerstückelten Untieres vor. Auf F-Brakteaten ist ein Vierfüßler ins Zentrum des Bildes gestellt, der dem der C- Brakteaten ähnelt. Diese Gruppe kann auch, da sie ein Tier im Mittelpunkt hat, gelegentlich zu den D-Brakteaten gezählt werden.12 Darüber hinaus sind auch weitergehende Einteilungen innerhalb dieser Gruppen möglich.13 Dazu treten Medaillon- Imitationen, die mit M gekennzeichnet werden. Bis 2007 waren laut Klaus Düwel 964 Exemplare von 601 Modeln bekannt.14 Die größte Gruppe bilden dabei die C-Brakteaten mit 416 Exemplaren von 274 Modeln. Diese Brakteaten werden in dieser Arbeit im Vordergrund stehen, da sich alle Futhark-Inschriften, mit Ausnahme von zwei ungesicherten, möglichen Futhark-Zitaten, auf C-Brakteaten befinden. Insgesamt tragen 233 Brakteaten eine Inschrift15, zirka 170 eine Runeninschrift. Auch hier sind die C- Brakteaten mit 116 Pressungen mit Abstand am häufigsten vertreten.16

Brakteaten wurden nur während eines recht kurzen Zeitraumes hergestellt. Morten Axboe geht von einer Zeit zwischen 450/475 und 525/560 aus.17 Wolfgang Krause schreibt dazu:

„Das Alter dieser Fundgruppe ist archäologisch einigermaßen bestimmbar. (...). Die absolute Chronologie wird durch zwei Fakten abgegrenzt: einerseits ergeben die römischen Goldmedaillons des 4. Jh.s einen Terminus ,post quem´, andererseits hört die Herstellung der Runenbrakteaten bereits vor dem Tierstil II auf. (…). Alles in allem scheinen die Runenbrakteaten der Typen A und C dem Zeitraum von 450 bis 550 oder etwas später zuzugehören, während die später einsetzenden Typen B und F einen nicht ganz so langen Zeitraum überspannen. Im einzelnen ist eine Datierung innerhalb der angegebenen Grenzen meist nicht möglich.“18

2.1 Die Brakteatenherstellung

Neben den Motiven und Inschriften der Brakteaten können bereits die Vorbilder, der Herstellungsprozeß und die Herstellungsorte wichtige Indizien zur Bestimmung der Bedeutung und Funktion der Brakteaten liefern.

Die direkten Vorbilder waren in erster Linie römische Medaillone und Münzen aus der konstantinischen Zeit der Kaiserreiches (3. bis 4. Jahrhundert). Elmar Seebold nennt als „terminus post quem“ das Jahr 325 mit dem Auftreten diademgeschmückter Kaiserbilder und umgrenzt den Zeitraum der für die Gestaltung der Brakteaten relevanten römischen Münzbilder mit dem 4. und 5. Jahrhundert.19 Vielleicht wichtiger als diese Münzbilder sind jedoch die römischen Medaillone, die auf der Vorderseite das Kaiserbild tragen und bereits − möglicherweise − als Amulette um den Hals getragen wurden20 und als Auszeichnungen an Legionäre verliehen wurden.21 Sowohl Münzen als auch Medaillone fanden so entweder als Ehrenzeichen oder auch als Tributzahlungen ihren Weg in den germanisch besiedelten Norden.22 Die römischen Vorbilder waren beidseitig geprägt. Die Vorderseite zeigte in der Regel ein Kaiserbild im Porträt, während die Rückseite verschiedene Motive aufweisen konnte. Sie waren zudem mit lateinischen Kapitalisinschriften versehen. Dasselbe trifft auf die Medaillonimitationen der M-Gruppe zu, wobei sich allerdings die Kombination von Vor- und Rückseitenmotiven nur in seltenen Fällen an die römischen Vorbilder hielt.23 Düwel geht von 17 bislang gefundenen Medaillonimitationen aus24, während Seebold nur 14 gelten läßt.25 Interessanterweise scheint sich der Schwerpunkt der Herstellung von M-Amuletten in Norwegen und Schweden befunden zu haben26, während ein großer Teil der Brakteaten aus Dänemark stammt.27

Anders als bei den Medaillonimitationen handelt es sich bei den echten Brakteaten in den allermeisten Fällen um nur einseitig gepresste Anhänger. Der Herstellungsprozeß umfaßte mehrere Arbeitsschritte, und es muß davon ausgegangen werden, daß an ihm mehrere Personen während der unterschiedlichen Herstellungsphasen beteiligt waren.

„Bei der Untersuchung der Ikonographie und der Inschriften wird offenbar, daß der ganze Entstehungsprozeß über die technische Prozedur hinaus von einer zugrundeliegenden Idee bis zum fertigen Amulett mit Anforderungen vor allem im Bereich der Abstimmung zwischen verschiedenen Konzeptions-, Übermittlungs- und Realisierungsschritten verbunden gewesen sein muß, die alles andere als trivial zu nennen sind.“28

Von diesem Gedanken ausgehend, entwirft Nowak ein Model zur Arbeitsteilung bei der Brakteatenherstellung, dem er zwar einen spekulativen und nicht verifizierbaren Charakter zugesteht, das aber zumindest eine denkbare Möglichkeit darstellt und in sich plausibel ist, so daß es hier vorgestellt werden soll.29 Nowak geht idealtypisch von sechs Entstehungsstadien aus, die durch fünf Arbeitsschritte miteinander verbunden sind. Ebenso benennt er die in diesen Prozeß eingebundenen „Arbeitsplätze“ und „Funktionsträger“, ohne aber ihre historische Belegbarkeit zu behaupten, sondern um die mögliche Komplexität der Herstellung eines Brakteaten zur Diskussion zu stellen. Auch können in der Praxis mehrere Arbeitsschritte von ein und derselben Person ausgeführt werden. Ausgehend von einer prinzipiell kultisch/magischen Funktion von Brakteaten, sieht er als erstes Stadium einen sogenannten „Verkündigungsimpuls“. Hier geht es vor allem darum, mittels einer religiösen Vorstellung den Brakteaten als Medium von kultischer oder magischer Bedeutung zu etablieren. Am ehesten sei dies durch Priester in einem religiösen Zentrum vorstellbar.

Der erste Arbeitsschritt sei nun die Verdichtung und Motivfindung. Hier gelte es, den neuen Verkündigungsimpuls durch bekannte mythische Überlieferungen, tradierte Bilder, sprachliche Äußerungen und Götternamen auf dem Motiv einer geplanten Brakteatenauflage zu verdichten. Die Funktionsträger seien die Mythologen, die durchaus mit den Priestern identisch sein können, die Lokalität sei die „Traditionsverwaltung“. Dies führe zum zweiten Stadium, nämlich dem Vorhandensein eines Konzeptes mit festgelegten Bild- und gegebenenfalls Schriftelementen. Diese werden dann im zweiten Arbeitsschritt auf einem vorläufigen Medium fixiert, das heißt, konkret in Zeichnungen und Schriftsequenzen umgesetzt. Dies geschehe durch Vorlagenmacher in einem Vorlagenatelier, wobei man möglicherweise an eine Trennung von Piktorium und Skriptorium denken könne. Daraus resultiere das dritte Stadium, die Vorlage. Diese werde nun im dritten Arbeitsschritt an eine Werkstatt weitergegeben, wo sie auf ein „intermediäres Objekt“ übertragen werde. Dieses habe wohl in der Regel aus Erz bestanden. Auf Grund ihres Ursprungs aus der Münzimitation sei dieses Objekt zunächst als Negativ entstanden, das bedeutet, daß das, was auf ihm vertieft eingearbeitet wurde, auf dem fertigen Brakteaten erhaben erscheint. Auf diese Weise entstehe in einem Modelatelier durch einen Modelgraveur als viertes Stadium ein sogenanntes „Model“, aus dem im nächsten Arbeitsschritt in einer Werkstatt durch Auflegen und Pressen ein oder mehrere Positive aus Goldblech hergestellt werden. Diese Pressungen stellen das fünfte Stadium dar. Die runden Goldblechscheiben können ab diesem Stadium als Brakteaten bezeichnet werden. Als fünfter Arbeitsschritt werden die Pressungen nun zugeschnitten, mit Verzierungen in den Randzonen, Golddrähten und Ösen versehen. Als Ergebnis erscheine als letztes Stadium das „gebrauchsfertige Amulett“. So weit nun Nowaks Herstellungstheorie. Er selbst räumt ein, daß nicht alle Arbeitsschritte zwingend von unterschiedlichen Personen ausgeführt werden müßten. Auch kann es vorgekommen sein, daß zum Beispiel Goldschmiede ohne priesterliche Autorisierung Brakteaten hätten anfertigen können. Ebenso war wohl auch nicht immer eine eigenständige Vorlage vonnöten, vielmehr konnte es auch zu Kopien bereits bestehender Stücke gekommen sein, und das vor allem in der ersten Phase der Brakteatenzeit, als der Einfluß des römischen Medaillone noch von größerer Relevanz war.30

Wie auch immer man dieses Model bewerten will, so sind doch zwei Punkte entscheidend: 1. konnten von einer Vorlage, dem „Model“, mehrere nahezu identische Brakteaten angefertigt werden, und 2. muß zumindest ein gewisses Maß an Arbeitsteilung vorgelegen haben, da in der Brakteatenherstellung verschiedene Fähigkeiten gefragt waren. Punkt 1 ist auch von nicht unerheblicher Bedeutung für das Verständnis der Funktion(en) der Runeninschriften: „The existence of die duplicates of bracteates with identical inscriptions demonstrates that the inscription was an integral part of the die rather than a later addition to the finished bracteate.“31 Punkt 2 rückt die Brakteatenherstellung in das Umfeld kultureller Zentren, da nur hier die nötigen Voraussetzungen vorhanden waren. Henrik Thrane folgert in Bezug auf Gudme, einem Ort auf Fünen: „I suggest that we regard Gudme as a fully fledged cultural milieu where craftsmen were leading the development of Germanic animal style. Gold and silver was used in quantity and deposited in hoards in houses on the central settlement at Gudme.“32

Diese kulturellen Zentren kann man mit einigem Recht auch als religiöse Zentren begreifen. Ein gutes Indiz dafür bietet, neben grundsätzlichen Überlegungen zur Trennung beziehungsweise Einheit von Kultur und Religion im Norden der Völkerwanderungszeit sowie der Aussagekraft archäologischer Funde, auch die Ortsnamenforschung. Gudme, „Götterheim“, bezeichnet eindeutig einen sakralen Ort33, gleiches gilt für „Othinsvæ” (siehe noch heute Odense auf Fünen)34, über das Hauck schreibt:

„Auch wenn es sich nur um je ein seeländischen, ein fünisches und drei jütländische Othenswi handelt, so war der eigentliche Rang jener Sakralorte dadurch bestimmt, daß sie im Zeitalter der kalendarischen Riten Ziele der öffentlichen Opferfahrten waren. (…). Die Festzeiten verwandelten sie so regelmäßig in Marktorte, zu deren unvergänglichsten Waren die Goldamulette gehörten. Rund 45% aller Goldbrakteaten und mehr als 60% aller Runenbrakteaten stammen ihrer Konzeption nach aus den Zentren Südostskandinaviens von Jütland bis Schonen.“35

2.2. Zur Identifizierung Odins als zentrale Gestalt der A- und C-Brakteaten

Nachdem nun schon bei der Brakteatenherstellung eine Verbindung zu religiösen Vorstellungen und Kultzentren zumindest als möglich, wenn nicht als wahrscheinlich angenommen werden darf, wenden wir uns nun den Motiven der Brakteaten und der Frage zu, inwiefern sie diese Vorstellungen widerspiegeln. Besonderes Augenmerk soll auf die A- und C-Brakteaten gelegt werden, da sie die für diese Arbeit entscheidenden Gruppen sind.36 Besonders wichtig ist natürlich die Identifizierung des auf ihnen dargestellten Männerkopfes.

Eine umfassende ikonologische Untersuchung bezüglich der göttlichen Identifikation des Hauptes anhand der verwendeten Bildchiffren und ihrer Positionierungen auf den Brakteaten hat Hauck in Band 1,1 des Ikonographischen Kataloges unternommen. Auf diese ins Detail einzugehen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.37 Hier soll nur auf einige der wichtigsten Punkte eingegangen werden, die gleichzeitig durch Verweise auf andere Quellen ergänzt werden.

Zuerst ist die zentrale Positionierung des Hauptes nennen und der damit verbundene Herrschaftsanspruch, der sich noch auf die römischen Kaisermedaillone zurückverfolgen läßt.38 Entscheidender in unserem Zusammenhang sind aber die eigenständigen Zusätze, die die Ikonographie als genuines Produkt der heidnisch-germanischen Vorstellungswelt ausweisen. Hier sind zum Beispiel die Atemlinien zu nennen, die auf verschiedenen A- und einigen C-Brakteaten in variierenden Formen auftreten (so etwa bei IK 64 Grumpan- C, IK 156 Sievern-A oder IK 183 (III) Tjurkö-A/Målen).39 Gerade diese Atemchiffren sieht Hauck als Beleg dafür an, daß hier ein Gott dargestellt werden solle und es sich zudem um ein konkretes Identifikationsmerkmal einer bestimmten Gottheit handle, dem er die vorläufige Bezeichnung Er gibt: „Als Haupt des Gottes erkennbar wird das entlehnte Kaiserporträt durch den Zusatz des Atem-Chiffre. Ihre konstante Wiederkehr in den verschiedenen Versionen ist signifikant für Ihn. Dazu erhellen die Atem-Chiffren Seinen modus operandi.“40 Bezüge zu einem „Atem-Gott“ finden sich auch in der Lieder-Edda in dem Mythos um die ersten Menschen: „Önd þau ne átto, /óð þau ne höfðo, /lá né læti / né lito góða: /önd gaf Óðinn, /óð gaf Hœnir, /lá gaf Lóðurr /ok lito góða.”41

Ein weiteres wichtiges Identifikationsmerkmal stellen die sogenannten Geleittiere dar, in erster Linie Schlangen und Vögel, die in unterschiedlichen Positionierungen auf den Brakteaten vorkommen können. Es liegt natürlich nahe, die vogelgestaltigen Begleiter mit Odins Raben Huginn und Muninn in Verbindung zu setzen, gleichwohl können sie aber auch auf die gestaltwandlerischen Fähigkeiten des Gottes referieren, wie sie zum Beispiel bei Odins Raub des Skaldenmets Óðrærir im Skáldskaparmál der Snorra-Edda beschrieben werden, wo er sich sowohl in eine Schlange als auch in einen Adler verwandelt. Noch ausgeprägter stellt sich diese Fähigkeit vielleicht in den eigenartigen, vogelkopfähnlichen Haar- beziehungsweise Helmfortsätzen dar, wie man sie auch auf den C-Brakteaten IK 153 Schonen (II)-C42, IK 260 Grumpan-C43 und IK 392 Gudme II-C44 vorfindet.45

Das wohl wichtigste Tier auf den C-Brakteaten ist das Pferd.46 Die Verbindung Odins gerade zu diesem Tier ist zumindest in der Literatur sehr gut belegt, man denke nur an das ihm zugeordnete Reittier Sleipnir, das achtbeinige Pferd. Auch der Name der Weltenesche Yggdrasill bedeutet letztendlich nichts anderes als „Odins Pferd“, ist doch Yggr, „der Schreckliche“, ein ziemlich häufig anzutreffender heiti des Gottes.47 Das Pferd der C-Brakteaten ist jedoch ein anderes, und doch das vielleicht entscheidende Argument dafür, daß das auf den A- und C-Brakteaten zu sehende Haupt als das Odins aufzufassen sei. Interessanterweise stammt der Schlüssel zu diesem Verständnis nicht aus dem nordischen Bereich. Es handelt sich hierbei um den althochdeutschen Zweiten Merseburger Zauberspruch:

„Phol ende Uuodan uuorun zi holza.

Du uuart demo Balderes uolon sin uuoz birenkit. Thu biguol en Sinthgunt, Sunna era suister, thu biguol en Friia, Uolla era suister, thu biguol en Uudan, so he uuola conda: sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki, ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimida sin!“48

Daß man diesen Zauberspruch den Bilddarstellungen der C-Brakteaten zuordnen kann, hat ikonologisch vor allem folgende Gründe: Zum einen ist das Pferd dem zentral positionierten Haupt in der Regel bildlich direkt untergeordnet, meist füllt es das untere Drittel des Brakteaten aus, manchmal, wie bei IK 392, ist es auch gestürzt an der Seite zu sehen. In jedem Fall ist das ausschlaggebende Kriterium die Verknüpfungsform des Hauptes zu dem Tier.49 Oft ist der Mund der Mähne/dem Nacken des Tieres zugeordnet (IK 260, IK 153), häufig auch dem Ohr (IK 110 Lindkær-C50 oder IK 377,1 Raum Vadstena- C51 ). Auf IK 392 wird dieser Bezug durch eine zusätzliche Atemchiffre gezeigt. Zuweilen findet sich auch eine dem Pferdehals zugewandte Hand samt Arm (so auf IK 153).

[...]


1 Siehe hierzu: Uecker, Heiko: Geschichte der altnordischen Literatur. Stuttgart 2004. S. 233 ff.

2 So bemerkt bspw. der Archäologe Detlev Ellmers: „Auch was wir aus den mittelalterlichen Schriftquellen über das Leben in Walhall mit seiner Ständegesellschaft, den Kampfspielen, Festmählern und der Reise dorthin erschließen können, stimmt mit den Befunden in den Gräbern generell überein. Trotzdem dürfen wir nicht aus den entsprechenden Grabbeigaben auf Walhallvorstellungen schon in der römischen Kaiserzeit oder gar in vorgermanischen Perioden schließen. Eher hat umgekehrt die uralte Beigabensitte die Walhallvorstellungen mitgeprägt.“ (Ellmers, Detlev: „Die archäologischen Quellen zur germanischen Religionsgeschichte“. In: Beck, Heinrich, Detlev Ellmers und Kurt Schier (Hg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 5). Berlin/New York 1992, S.90.)

3 Noleby: rūnō fāhi raginaku(n)dō; Sparlösa: Ok rað runaR þaR ræginkundu þar, svað AlrikR lubu faði Vgl.

Düwel, Klaus: Runenkunde. Stuttgart/Weimar 2008 (4. Auflage), S. 35f. Siehe auch: Simek, Rudolf: Götter und Kulte der Germanen. München 2006 (2. Auflage), S. 69f.

4 Dankenswerterweise sind die Bände 1,1 bis 3,2 über die Bayerische Staatsbibliothek online verfügbar unter www.digitale-sammlungen.de

5 Siehe dazu: Hauck, Karl u.a.: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Band 1,1. München 1985, S. 11f.

6 Siehe auch: Nowak, Sean: Schrift auf den Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Untersuchung zu den Formen der Schriftzeichen und zu formalen und inhaltlichen Aspekten der Inschriften. (Diss.) Göttingen 2003. <webdoc.sub.gwdg.de/diss/2003/nowak/nowak.pdf>, 17.11.2010, S. 11.

7 Siehe hierzu: Hauck, Goldbrakteaten B. 1,1, 1985; insbesondere die Kapitel 3 „Das Schema der Beschreibungen und Übersichtslisten, die ihrer Entlastung dienen“, S. 45ff. und 4 „Der ikonographische Themenkanon der M-, A-, B- und C-Amulette sowie die Variationsbreite der Bildgegenstände“, S.71ff.

8 Siehe dazu: Ebd. S.4. Allerdings verwirft Hauck nicht grundsätzlich die Einbeziehung altnordischer Texte, s. dazu S.6-7, aber auch: Hauck, Karl: „Zur religionsgeschichtlichen Auswertung von Bildchiffren und Runen der völkerwanderungszeitlichen Goldbrakteaten (Zur Ikonologie der Goldbrakteaten, LVI)“. In: Düwel, Klaus (Hg.): Runeninschriften als Quellen interdisziplinärer Forschung (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 15). Berlin/New York 1998, S. 298ff.

9 Siehe dazu: Düwel, Runenkunde, 2008, S.46f. Auch: Nowak, Schrift, 2003, S.15f.

10 Siehe dazu: Düwel, Runenkunde, 2008, S.44.

11 Vgl. Nowak, Schrift, 2003, S.15.

12 Siehe dazu: Hauck, Goldbrakteaten, B.1,1, 1985, S.12f. Auch: Düwel, Runenkunde, 2008, S.45.

13 So z.B. bei: Seebold, Elmar: „Römische Münzbilder und germanische Symbolwelt. Versuch einer Deutung der Bildelemente von C-Brakteaten“. In: Beck, Heinrich, Detlev Ellmers und Kurt Schier (Hg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 5). Berlin/New York 1992, S.271ff.

14 Vgl. Düwel, Runenkunde, 2008, S.45. Allgemein variieren die Zahlenangaben innerhalb der Literatur zu den Brakteaten, da es immer wieder zu Neufunden kommt. Zu Modeln siehe unten.

15 Vgl Nowak, Schrift, 2003, S.16.

16 Vgl. Düwel, Runenkunde, 2008, S.46. Tineke Looijenga nennt aber ein anderes Zahlenverhältnis: „The largest number (95%) of rune-inscribed bracteates are found among the C-type.“ (Looijenga, Tineke: Texts and Contexts of the Oldest Runic Inscriptions. Leiden/Boston 2003, S.191.)

17 Siehe dazu: Axboe, Morten: „Die innere Chronologie der A-C-Brakteaten und ihrer Inschriften“. In: Düwel, Klaus (Hg.): Runeninschriften als Quellen interdisziplinärer Forschung (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 15). Berlin/New York 1998, S.231ff. Dazu kritisch: Looijenga, Texts, 2003, S.41.

18 Krause, Wolfgang und Herbert Jankuhn: Die Runeninschriften im älteren Futhark. Göttingen 1966 (2. Auflage), S.238.

19 Siehe dazu: Seebold, Münzbilder, 1992, S. 270.

20 Siehe dazu: Hauck, Goldbrakteaten, B. 1,1, 1985, S.11.

21 Siehe dazu: Simek, Götter und Kulte, 2006, S.30.

22 Siehe dazu: Düwel, Runenkunde, 2008, S.44.

23 Siehe dazu: Seebold, Münzbilder, 1992, S.272f.

24 Vgl. Düwel, Runenkunde, 2008, S.44.

25 Vgl. Seebold, Münzbilder, 1992, S.273.

26 Ebd. S.273.

27 Vgl. Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. s.v. „Brakteaten“. Stuttgart 2006, S.59f.

28 Nowak, Schrift, 2003, S.23.

29 Vgl. ebd. S.23ff.

30 Vgl ebd. S. 28f.

31 Wicker, Nancy: „Production Areas and Workshops for the Manufacture of Bracteates“. In: Düwel, Klaus (Hg.): Runeninschriften als Quellen interdisziplinärer Forschung (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 15). Berlin/New York 1998, S.253.

32 Thrane, Henrik: „An Archaeologist's View of Runes“. In: Düwel, Klaus (Hg.): Runeninschriften als Quellen interdisziplinärer Forschung (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 15). Berlin/New York 1998, S.223.

33 Vgl. Anderson, Thorsten: „Orts- und Personennamen als Aussagequelle für die altgermanische Religion“. In: Beck, Heinrich, Detlev Ellmers und Kurt Schier (Hg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 5). Berlin/New York 1992, S.525.

34 Vgl. ebd., S.508.

35 Hauck, Goldbrakteaten, B.1,1, 1985, S.6.

36 Diese Festlegung ist im Rahmen dieser Arbeit nötig, aber nicht ganz unproblematisch, liefern doch auch die anderen Gruppen Informationen über die Aussagekraft der Motive der A- u. C-Brakteaten.

37 Zur umfassenden Analyse siehe: Hauck, Goldbrakteaten, B.1,1, Kap. 4, S.71ff.

38 Siehe dazu: Ebd., S.87.

39 Hauck, Karl (Hg.): Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Bd.:1,3 Ikonographischer Katalog (IK 1, Tafeln). München 1985, Tafeln 77, 201 u. 239.

40 Hauck, Goldbrakteaten, B.1,1, 1985, S.75.

41 Völuspá, Str. 18.

42 Hauck, Goldbrakteaten, B.1,3, 1985, Taf. 197.

43 Hauck, Karl (Hg.): Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Bd.:2,2 Ikonographischer Katalog (IK 2, Tafeln). München 1986, Taf. 47.

44 Hauck, Karl (Hg.): Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Bd.:3,2 Ikonographischer Katalog (IK 3 , Tafeln). München 1989, Taf. 134.

45 Siehe auch: Hauck, Goldbrakteaten, B.1,1, 1985, S.103ff.

46 Zur Identifikation des Pferdes siehe: Ebd., S.106.

47 Siehe u.a.: Grímnismál Str. 54: „Óðinn eg nú heiti, /Yggr eg áðan heiti, (...).”

48 „Phol und Wodan ritten in den Wald. Da verrenkte sich Balders Fohlen einen Fuß. Da besprach ihn Sindgund (und) Sunna, ihre Schwester, da besprach ihn Frija (und) Volla, ihre Schwester, da besprach ihn Wodan, so gut wie (nur) er es konnte: wie die Verrenkung des Knochens, so die des Blutes, so die des ganzen Gliedes! Knochen an Knochen, Blut zu Blut, Glied an Glied, als ob sie zusammengeleimt wären!“ Aus: Schlosser, Horst Dieter (Hg.): Althochdeutsche Literatur. Frankfurt a.M. 1980 (bearbeitete und erweiterte Neuausgabe), S.254f.

49 Siehe dazu ausführlich: Hauck, Goldbrakteaten, B.1,1, 1985, S.110ff. und v.a. S. 126ff.

50 Hauck, Goldbrakteaten, B.1,3, 1985, Taf. 139.

51 Hauck, Goldbrakteaten, B.2,2, 1986, Taf. 157.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Futhark-Brakteaten im Lichte des Rúnatals
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
43
Katalognummer
V212001
ISBN (eBook)
9783656399605
ISBN (Buch)
9783656401575
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Runen, Futhark, Rúnatal, Brakteaten, Nordeuropa, Archäologie, Island, Mythos, Magie, Merseburger Zauberspruch, Odin, Amulett
Arbeit zitieren
Andreas Lipinske (Autor), 2010, Die Futhark-Brakteaten im Lichte des Rúnatals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212001

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