Die intensiven Forschungsarbeiten in den medizinisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen der letzten
Jahre haben entscheidend dazu beigetragen, für viele bisher nicht behandelbare Erkrankungen neue
Therapieoptionen zu finden oder bestehende Therapien weiter zu verbessern. Eine Verbesserung
schließt hierbei ein, dass die Therapie mit weniger Nebenwirkungen verbunden ist, sie eine höhere
therapeutische Effizienz aufweist oder auch in ihrer Anwendung für den Patienten angenehmer ist.
Das übergeordnete Ziel der Bemühungen ist es, das mit Krankheiten verbundene Leid für Mensch
und Tier zu beseitigen, zu verhindern oder, wo dies (noch) nicht möglich ist, zumindest zu lindern.
Diesem übergeordneten Ziel sind alle Bereiche, von der Grundlagen- über die klinische Forschung bis
zu den behördlichen Stellen verpflichtet, da sie allesamt auf dem langen Weg der Entwicklung neuer
Therapien und Arzneimittel ihren Beitrag leisten, um krankheitsbedingte Morbidität und Mortalität
zu bekämpfen.
Während die Grundlagenforschung noch relativ weit entfernt von konkreten therapeutischen Fragestellungen
agiert und entsprechend nicht den Regularien für die Arzneimittelherstellung unterliegt,
ändert sich das Bild mit zunehmender Annäherung an konkrete therapeutische Fragestellungen. Die
Testung neuer Arzneimittel und Medizinprodukte innerhalb präklinischer und klinischer Studien zur
späteren Marktzulassung erfordert die Beachtung und Erfüllung einer ganzen Reihe von Regularien,
Auflagen und gesetzlichen Vorschriften, und macht aus einer Arzneimittelzulassung einen zeitaufwändigen,
teuren und hochkomplexen Vorgang. Die Ergebnisse klinischer Prüfungen sind trotz der
sorgfältigen Erhebung präklinischer Daten oftmals nicht immer vorhersehbar und dies umso mehr, je
weniger über die Biologie eines neuartigen Prüfpräparates bekannt ist. Dies macht Arzneimittelprüfungen,
insbesondere solche mit neuartigen Präparaten durchaus zu einem Risiko behafteten Vorgang,
sowohl für das Unternehmen, als auch für die Probanden oder Patienten. Gemäß dem hippokratische
Eid „primum non nocere“ (lat. zuerst einmal nicht schaden) geht es somit auch bei jeglicher
Medikamentenentwicklung und -testung zuallererst darum, mögliche Risiken für die beteiligten Probanden
zu minimieren. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Paradigmenwechsel in der Arzneimittelentwicklung: von der chemischen Synthese zu den Arzneimitteln für Neuartige Therapien
2.1 Arzneimittelentwicklung in Deutschland: ein kurzer historischer Abriss
2.2 Arzneimittelentwicklung: Identifizierung, Synthese und Zulassung neuer Wirkstoffkandidaten
2.2.1 Identifizierung und Synthese von Arzneimitteln
2.2.2 Good clinical practice (GCP): ein langer Weg zur Sicherstellung von Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln
2.2.3 Phasen der Arzneimittelzulassung: Vom Forschungslabor über die klinische Forschung bis zur Marktnachbeobachtung
3 Arzneimitteln für Neuartige Therapien (ATMP) – Einordnung und Definition
3.1 Was macht ATMPs zu etwas „Besonderem“ unter den Arzneimitteln?
3.2 Gentherapeutika (Gene Therapy Medicinal Products, GTMP)
3.2.1 Indikationsgebiete für Gentherapie-Verfahren
3.2.2 Ethische und soziale Dimension der Gentherapie
3.2.3 Vektoren in gentherapeutischen Studien
3.2.4 Rechtliche Rahmenbedingungen für Gentherapiestudien in Deutschland
4 Regulatorische Begleitung bei der Entwicklung neuartiger Therapien in Europa
4.1 Ausschuss für neuartige Therapien (Committee for Advanced Therapy Products, CAT)
4.1.1 Einbindung des CAT in die EMA-Strukturen
4.1.2 Aufgaben des CAT
4.2 Das Innovationsbüro am Paul-Ehrlich-Institut – Auftrag und Ziele
5 ATMPs in der immunologischen Krebstherapie
5.1 Krebstherapien – ein Überblick
5.2 Klassische vs. therapeutische Impfstoffe: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
5.2.1 Therapeutische Antikörper
5.2.2 RNA-Vakzine
6 Grenzen und spezifische Risiken zellbasierter Arzneimittel
6.1 Anforderungen an die Qualität zellbasierter Therapeutika
6.1.1 Reinheit unter dem Aspekt der mikrobiellen Kontamination
6.1.2 Dedifferenzierung und Verlust der Zellfunktion – Potency Testing
6.2 Präklinische Anforderungen an zellbasierte Therapeutika
6.3 Klinische Anforderungen an zellbasierte Therapeutika
7 Gesundheitsökonomische Aspekte zellulärer Immuntherapeutika
8 Quo vadis, ATMPs? Ein neuer (Denk-) Rahmen zur Weiterentwicklung immunologischer Krebstherapien
9 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die regulatorischen Herausforderungen bei der Entwicklung von Arzneimitteln für Neuartige Therapien (ATMP), mit besonderem Fokus auf zellbasierte Tumorvakzine. Das primäre Ziel ist es, die spezifischen rechtlichen und wissenschaftlichen Anforderungen von der präklinischen Phase bis zur Marktzulassung darzustellen, Limitationen aufzuzeigen und Lösungsansätze für die Zukunft zu diskutieren.
- Klassifizierung und regulatorische Einordnung von ATMPs
- Herausforderungen in der präklinischen und klinischen Prüfung von zellbasierten Produkten
- Rolle des Ausschusses für neuartige Therapien (CAT) und des Paul-Ehrlich-Instituts
- Immunologische Prinzipien der Krebstherapie und tumor-assoziierte Antigene
- Gesundheitsökonomische Aspekte und die Notwendigkeit eines neuen Entwicklungsrahmens
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Identifizierung und Synthese von Arzneimitteln
Wie werden potentielle Wirkstoffkandidaten identifiziert, synthetisiert, und wie werden sie weiterentwickelt zu Arzneimitteln, die letztlich dem Patienten zugutekommen sollen? Die Vorgehensweise ist primär geprägt von dem zu der jeweiligen Zeit vorhandenen Kenntnisstand hinsichtlich der Ätiologie von Krankheiten und dem verfügbaren Wissen zur Herstellung der entsprechenden therapeutischen Wirkstoffe. Entsprechend haben sich die Methoden hierzu im Laufe der Zeit verändert und weiterentwickelt.
Dominierten lange Zeit Pharmazeutika in Form synthetischer Substanzen die klassische Medizin, so kamen ab den 1980ern rekombinante Proteine hinzu und aktuell sind es die ATMPs, die eine neue Arzneimittelgruppe begründen und neue Therapiemöglichkeiten für die Medizin eröffnen. Man beobachtet somit im zeitlichen Verlauf eine Zunahme der Komplexität von Arzneimittel, sowohl hinsichtlich ihrer Struktur als auch ihres Wirkmechanismus (Abb. 1).
Mitte des 19. Jahrhunderts waren es vor allem Naturprodukte pflanzlichen und tierischen Ursprungs, die die Hauptquelle für biologisch aktive Substanzen mit therapeutischem Potential bildeten. Diese Substanzen lagen jedoch in den seltensten Fällen in reiner Form vor, vielmehr handelte es sich um heterogene Gemische ohne detaillierte Kenntnisse ihrer chemischen Struktur oder gar ihrer zugrundeliegenden Wirkmechanismen. Erst als man begann, sich wissenschaftlich mit der Struktur und den chemischen Eigenschaften von Arzneimitteln zu beschäftigen, wurde es auch möglich, sie zu synthetisieren und durch Modifikationen weiter zu verbessern. Vor allem die Einführung der Methoden der organischen und anorganischen Chemie in die Pharmazie, und die damit einhergehende Etablierung der pharmazeutischen Chemie als wissenschaftliche Disziplin hat den Weg geebnet, Arzneimittelforschung unter rationalen Gesichtspunkten zu betreiben und Wirkstoffe gezielt zu synthetisieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, erläutert den Paradigmenwechsel von der chemischen Synthese zur Biologie und definiert das Ziel, die regulatorischen Rahmenbedingungen für ATMPs aufzuzeigen.
2 Paradigmenwechsel in der Arzneimittelentwicklung: von der chemischen Synthese zu den Arzneimitteln für Neuartige Therapien: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung der Arzneimittelforschung in Deutschland sowie die komplexen Prozesse der Zulassung und Identifizierung von Wirkstoffen.
3 Arzneimitteln für Neuartige Therapien (ATMP) – Einordnung und Definition: Hier erfolgt die formale Definition der ATMP-Gruppen und die Erläuterung, warum diese Produkte aufgrund ihrer Komplexität einer besonderen regulatorischen Aufmerksamkeit bedürfen.
4 Regulatorische Begleitung bei der Entwicklung neuartiger Therapien in Europa: Dieses Kapitel beschreibt die Rolle der EMA, die Aufgaben des neu eingerichteten CAT sowie die Unterstützung durch das Innovationsbüro am Paul-Ehrlich-Institut.
5 ATMPs in der immunologischen Krebstherapie: Fokus auf der immunologischen Bekämpfung von Tumoren und der Rolle von zellulären Vakzinen im Vergleich zu klassischen Ansätzen.
6 Grenzen und spezifische Risiken zellbasierter Arzneimittel: Dieses Kapitel behandelt die qualitativen Anforderungen, Risiken wie mikrobielle Kontamination und die Schwierigkeiten bei der Definition von "Potency"-Parametern.
7 Gesundheitsökonomische Aspekte zellulärer Immuntherapeutika: Diskussion der ökonomischen Herausforderungen bei der Bewertung von Kosten und Nutzen innovativer Therapien im Gesundheitssystem.
8 Quo vadis, ATMPs? Ein neuer (Denk-) Rahmen zur Weiterentwicklung immunologischer Krebstherapien: Ein Ausblick auf die notwendige Anpassung von Paradigmen und Standards, um Immuntherapien erfolgreich in die klinische Routine zu überführen.
9 Zusammenfassung und Ausblick: Eine abschließende Synthese der behandelten Themen und ein optimistischer Ausblick auf die Bedeutung der Immuno-Onkologie als eigenständige klinische Disziplin.
Schlüsselwörter
ATMP, Gentherapie, Zelltherapie, Arzneimittelzulassung, EMA, Paul-Ehrlich-Institut, Immuntherapie, Tumorvakzine, regulatorische Anforderungen, Good Clinical Practice, Biologics, klinische Prüfung, Risikomanagement, Wirkmechanismus, Immuno-Onkologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Gruppe der Arzneimittel für Neuartige Therapien (ATMP) und beleuchtet die spezifischen regulatorischen Herausforderungen sowie die wissenschaftliche Komplexität bei deren Entwicklung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit umfasst die regulatorische Einordnung durch europäische und nationale Behörden, die immunologischen Mechanismen in der Krebstherapie, die Anforderungen an die Qualität und Sicherheit zellbasierter Therapeutika sowie gesundheitsökonomische Aspekte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das komplexe regulatorische Umfeld für ATMPs darzustellen, die Grenzen aktueller Standards aufzuzeigen und zu diskutieren, wie eine Anpassung der Rahmenbedingungen den Markteintritt innovativer Therapien erleichtern kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse der regulatorischen Vorgaben, gesetzlichen Verordnungen und klinischen Studien im Bereich der Immuntherapie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die regulatorische Begleitung durch Behörden wie das CAT, die spezifische Anwendung von ATMPs in der Krebstherapie und die Risikoanalyse von zellbasierten Arzneimitteln hinsichtlich ihrer Qualität und Wirksamkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind ATMP, Gentherapie, Zelltherapie, Arzneimittelzulassung, regulatorische Anforderungen und Immuno-Onkologie.
Welche Rolle spielt das Paul-Ehrlich-Institut bei der Zulassung von ATMPs?
Das PEI fungiert als zuständige deutsche Bundesoberbehörde für die Genehmigung klinischer Prüfungen bei ATMPs und bietet über sein Innovationsbüro Beratungsleistungen für KMUs und universitäre Forschungseinrichtungen an.
Warum sind die aktuellen RECIST-Kriterien für viele Immuntherapien problematisch?
Die klassischen RECIST-Kriterien setzen eine unmittelbare Verkleinerung des Tumors voraus. Da bei Immuntherapien die Wirkung oft verzögert eintritt oder durch Infiltration von Immunzellen zunächst eine Größenzunahme vortäuschen kann, sind diese Kriterien für die Beurteilung des Therapieerfolgs bei Immuntherapien häufig nicht geeignet.
- Citar trabajo
- Dr. rer. nat. Abdo Konur (Autor), 2013, Arzneimittel für Neuartige Therapien (ATMP), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212024