Figürliche Darstellungen sexueller Handlungen bei den Moche

Eine Untersuchung der Interpretationsschwierigkeiten anhand des Werkes „Peru. Checan. Studie über die erotischen Darstellungen in der peruanischen Kunst“ von Rafael Larco Hoyle


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Keramiken der altperuanischen Kulturen - figürliche Darstellungen sexueller Handlungen

3. Der vorbelastete Blick bei Larco

4. Liebe und Erotik

5. Die Unterteilung in Untergruppen

6. Ansätze in der neueren Forschung

7. Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

1. Einleitung

Rafael Larco Hoyle, der Begründer des Museo Arqueológico Rafael Larco Herrera, war ein bedeutender Forscher auf dem Gebiet der präkolumbianischen Kulturen Perus. Durch seine lebenslange Forschung gelang er zu vielen neuen Erkenntnissen bezüglich dieser Kulturen. Zu seinen wichtigsten Forschungsgebieten gehörte die Kultur der Moche, die er in Subperioden ordnete und zu denen er eine umfangreiche Ethnographie anhand der diversen figürlichen und gemalten Darstellungen auf Keramiken anfertigte.[1]

In dieser Arbeit setze ich mich mit der Untersuchung der „erotischen“ Darstellungen der Moche bei Larco anhand seines Werkes „Peru. Checan. Studie über die erotischen Darstellungen in der peruanischen Kunst“ kritisch auseinander. Den Schwerpunkt bildet dabei die Schwierigkeit der Interpretation dieser Art der Darstellungen.

2. Keramiken der altperuanischen Kulturen - figürliche Darstellungen sexueller Handlungen

Die frühesten Darstellungen mit sexuellen Themen im Alten Peru werden in die Evolutionsepoche zwischen 500 und 800 v. Chr. eingeordnet. Diese stammen aus den Kulturen Vicus de Piura, Virú und Salinar (Abb.1[2] ). Die weiteste Verbreitung und stärkste Ausdruckskraft fanden die Darstellungen zwischen 100 und 800 n. Chr. Die Blütezeit der Moche-Kultur in Nordperu bezeichnet dabei auch den Höhepunkt der Mannigfaltigkeit der Darstellungen.[3] Gemalte oder figürliche Darstellungen in Form von Keramiken und Kleinodien aus gebranntem Ton oder auch als Bemalungen auf diesen in großer Farb- und Formvielfalt wurden vor allem aus Grabkammern geborgen. Die steigende Anzahl an Grabbeigaben sah Rafael Larco Hoyle parallel zu der „territorialen Erweiterung, der Verbesserung des Materials, sowie dem Fortschreiten der geistigen Entwicklung“ dieser Gesellschaft.[4] Die Themen der Darstellungen sind sehr verschieden und beinhalteten Darstellungen von Tieren, Früchten, Mischwesen oder Personen und Handlungsabläufen. Hierzu gehört die signifikante Anzahl an Keramiken mit entweder gemalten oder figürlichen Darstellungen von Nackten, vereinzelt mit vergrößerten oder betonten Genitalien, sowie den unterschiedlichsten sexuellen Praktiken wie Masturbation, Fellatio und Koitus zwischen Frau und Mann, zwei Männern, Tieren, Früchten oder Mensch und Tier bzw. anthropozoomorphen Mischwesen. Die Bedeutung und Funktion dieser Darstellungen kann nicht genau festgestellt werden, da aus der Zeit der Moche-Kultur keine schriftlichen Zeugnisse vorliegen, die zur Entschlüsselung beitragen könnten. Schlüsse über die Kultur und auch über die Funktion dieser Darstellungen können nur aus dem Dargestellten selbst gezogen werden.

Bedeutende Wissenschaftler wie z.B. Max Uhle oder auch Rafael Larco Hoyle gelangten vor nun mehr als 50 Jahren zu der Einsicht, dass Aussagen über diese bildlichen Darstellungen direkt auf Weltbild, Kosmologie, Ritualität oder auch Alltag der Moche übertragen werden könnten[5]. In der neueren Forschung wird den Darstellungen weit mehr Komplexität und Deutungsmöglichkeiten zuerkannt.[6]

Eine fatale Fehlerquelle bei der Interpretation ist die Übertragung einer Deutung aus den dieser lange untergegangen Kultur fremden Denkmustern der westlich-christlichen Gesellschaft. Durch die Befangenheit der eigenen Sicht entstand eine Verfälschung des Urteils im Kontext der eigenen Kultur, Tradition und Religion.[7]

Die nicht nur bei Larco unter der Bezeichnung „erotisch“[8] behandelten figürlichen Darstellungen sexuellen Inhalts der Moche wurden dabei fälschlicherweise als eine Art Pornographie interpretiert, wodurch zugleich falsche Schlüsse über die altperuanischen Kulturen erfolgten. Jedoch ist bereits der Begriff „Erotik“ oder „erotisch“ ein Ausdruck, bei dem man außerhalb der eigenen kulturellen Hintergründe möglicherweise ins Leere läuft.

In der neueren Forschung wird diese Sichtweise immer stärker kritisiert und die Thematik in diversen neuen Perspektiven untersucht.[9]

3. Der vorbelastete Blick bei Larco

Das Fehlen schriftlicher Quellen veranlasste die Forscher diese Darstellungen anhand ihrer selbst zu interpretieren. Bezogen darauf wurde oft unbeachtet gelassen, dass jede kulturelle Kodierung ein und für sich einzigartig ist. Auch wenn man annimmt, dass Liebe, Sex oder auch Erotik von allen Menschen gekannt wird, kann daraus nicht der Schluss gezogen werden, dass man deren Bedeutung universal anwenden kann. Selbst dem verdienten Pionier auf dem Gebiet der Altamerika-Forschung Rafael Larco Hoyle, der selbst aus Peru stammte, unterlief dieser Fehler:

„Es ist bis dato sehr schwierig einzuschätzen, warum die Moche von damals pornographische Gefäße in ihre Gräber legten. Die Funde überraschten uns sehr, zumal wir sie nicht nur in Grabstätten Erwachsener, sondern auch in denen von Kindern und Jugendlichen fanden. (…) Hatten die Gefäße vielleicht irgendeinen Bezug zur Fruchtbarkeit der Welt? Letzteres scheint inakzeptabel, da sich auf den Fundstücken nicht nur Szenen mit auf natürliche Art vollzogenem Geschlechtsakt finden, sondern auch Obszönitäten auf allerhöchster Stufe der Verderbnis (Onanie, Homosexualität und dergleichen mehr).“[10]

Bei Larco lassen sich in Bezug auf seine Interpretation der Darstellungen sexuellen Inhalts der Moche Strukturen abendländischer kultureller Auffassung einer christlich-ideologischen Prägung feststellen.

Zunächst ist ein Exkurs in christliche Glaubensvorstellungen sinnvoll: Die Bedeutung von Nacktheit und Sexualität im christlichen Glauben, lässt sich an zahlreichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts in Kirchen gut beschreiben: Die in der Hölle gelandeten, durch Sünden dem Teufel verfallenen Menschen, werden im Gegensatz zu den Anwärtern des Himmlischen Gartens, völlig nackt dargestellt (Abb.2).[11] Die Nacktheit in diesem Fall ist eine Allegorie für das verruchte, sündhafte Treiben, auch im sexuellen Sinne, zu Lebzeiten der Dargestellten. Seit den Kirchenvätern wird in der katholischen Kirche Keuschheit und Enthaltsamkeit im Gegensatz zu den Trieben und dem Instinkt als hohes Gut gelehrt. Körperliche Liebe, die im alten Griechenland mit der menschlichen Fruchtbarkeit verbunden wurde, wurde strickt von der geistigen Liebe getrennt und stand außerhalb der christlich moralischen Lehre der Kirche.[12] Die Nacktheit wurde zum Symbol der als sündhaft geltenden Fleischeslust und jegliche Sexualität, die nicht unter dem Schirm der Ehe zur Fortpflanzung diente, war als Sünde der Wollust verboten.[13]

[...]


[1] Biographie Rafael Larco Hoyles siehe: http://www.museolarco.org/biografia.shtml (04.04.2013)

[2] Siehe als ein Beispiel für zahlreiche Motive sexueller Handlungen bei den Moche und anderen Kulturen im Alten Amerika: Abb. 1 Analverkehr mit schwangerer Frau, TL um 500 n. Chr., Moche, Peru, gebrannter Ton, 15 cm, in: Kat. Ausst. Fruchtbarkeit? Erotik? Sex? Im Alten Amerika, Robert Fin Steinle, hrsg. von Markus Mergenthaler, Knauf-Museum Iphofen 2006, Porzellanwelt Selb 2007, Dettelbach 2006, S. 144. Dieses und weitere Beispiele findet man beispielsweise auf der Internetseite des Knauf-Museums Iphofen, das eine umfangreiche Sonderausstellung zu diesem Thema veranstaltete, siehe: http://www.knauf-museum.de/sonderausstellung/archiv/129-fruchtbarkeit-erotik-sex-2-juli-12-november-2006.html (04.04.2013)

[3] Larco Hoyle, Rafael, Peru. Checan. Studie über die erotischen Darstellungen in der peruanischen Kunst, (=Ars et Amor. Liebe in der Kunst, Band 7), München 1979, S.57-58.

[4] Larco 1979, S.70.

[5] E.d., S.42.

[6] Kat. Ausst. Fruchtbarkeit? Erotik? Sex? Im Alten Amerika, Robert Fin Steinle, hrsg. von Markus Mergenthaler, Knauf-Museum Iphofen 2006, Porzellanwelt Selb 2007, Dettelbach 2006, S. 14, 74-75.

[7] Signifikantes Beispiel hierfür: Posnansky, Arthur, Die erotischen Keramiken der Mochicas und deren Beziehungen zu occipitalen deformierten Schädeln, Separatdruck aus: Abhandlungen zur Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Band 2., Frankfurt am Main 1925, S.67-74.

[8] Larco 1979; Kann, Peter, Gerard W. von Bussel, Erotische Kunst des alten Peru: sinnlich-über-sinnlich, Wien 1996; Posnansky 1925.

[9] Bsp. hierzu: Fin Steinle 2006.

[10] Larco Hoyle, Rafael, Los Mochicas, 2. Aufl., Lima 2001, S.268-269, zit. nach: Fin Steinle 2007, S.14.

[11] Abb. 2 Jüngstes Gericht, Tympanon des Hauptportals des Berner Münsters, letztes Drittel 15. Jh..

[12] Bsp. hierzu: Solé, Jaques, Liebe in der westlichen Kultur, Frankfurt/Berlin/Wien 1976, S.87-97.

[13] Bsp. hierzu: Art.: Masturbation: eine bürgerliche Hölle, in: Solé 1976, S.110-121.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Figürliche Darstellungen sexueller Handlungen bei den Moche
Untertitel
Eine Untersuchung der Interpretationsschwierigkeiten anhand des Werkes „Peru. Checan. Studie über die erotischen Darstellungen in der peruanischen Kunst“ von Rafael Larco Hoyle
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerika-Institut)
Veranstaltung
Seminar/Vorlserung: Kulturen im Alten Amerika
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V212640
ISBN (eBook)
9783656410218
ISBN (Buch)
9783656413677
Dateigröße
1178 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
BA Sozial- und Kulturanthropologie
Schlagworte
figürliche, darstellungen, handlungen, moche, eine, untersuchung, interpretationsschwierigkeiten, werkes, peru, checan, studie, kunst, rafael, larco, hoyle
Arbeit zitieren
Irene Pfeffer (Autor), 2007, Figürliche Darstellungen sexueller Handlungen bei den Moche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212640

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