Rafael Larco Hoyle, der Begründer des Museo Arqueológico Rafael Larco Herrera, war ein bedeutender Forscher auf dem Gebiet der präkolumbianischen Kulturen Perus. Durch seine lebenslange Forschung gelang er zu vielen neuen Erkenntnissen bezüglich dieser Kulturen. Zu seinen wichtigsten Forschungsgebieten gehörte die Kultur der Moche, die er in Subperioden ordnete und zu denen er eine umfangreiche Ethnographie anhand der diversen figürlichen und gemalten Darstellungen auf Keramiken anfertigte.
Die frühesten Darstellungen mit sexuellen Themen im Alten Peru werden in die Evolutionsepoche zwischen 500 und 800 v. Chr. eingeordnet. Die Blütezeit der Moche-Kultur in Nordperu bezeichnet dabei auch den Höhepunkt der Mannigfaltigkeit der Darstellungen.
Die Themen der Darstellungen sind sehr verschieden und beinhalteten Darstellungen von Tieren, Früchten, Mischwesen oder Personen und Handlungsabläufen. Hierzu gehört die signifikante Anzahl an Keramiken mit entweder gemalten oder figürlichen Darstellungen von Nackten, vereinzelt mit vergrößerten oder betonten Genitalien, sowie den unterschiedlichsten sexuellen Praktiken wie Masturbation, Fellatio und Koitus zwischen Frau und Mann, zwei Männern, Tieren, Früchten oder Mensch und Tier bzw. anthropozoomorphen Mischwesen. Die Bedeutung und Funktion dieser Darstellungen kann nicht genau festgestellt werden, da aus der Zeit der Moche-Kultur keine schriftlichen Zeugnisse vorliegen, die zur Entschlüsselung beitragen könnten. Schlüsse über die Kultur und auch über die Funktion dieser Darstellungen können nur aus dem Dargestellten selbst gezogen werden.Eine fatale Fehlerquelle bei der Interpretation ist die Übertragung einer Deutung aus den dieser lange untergegangen Kultur fremden Denkmustern der westlich-christlichen Gesellschaft. Durch die Befangenheit der eigenen Sicht entstand eine Verfälschung des Urteils im Kontext der eigenen Kultur, Tradition und Religion...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Keramiken der altperuanischen Kulturen - figürliche Darstellungen sexueller Handlungen
3. Der vorbelastete Blick bei Larco
4. Liebe und Erotik
5. Die Unterteilung in Untergruppen
6. Ansätze in der neueren Forschung
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Interpretationsweise von Rafael Larco Hoyle in seinem Werk „Peru. Checan. Studie über die erotischen Darstellungen in der peruanischen Kunst“. Ziel ist es aufzuzeigen, wie eine westlich-christlich geprägte Sichtweise zu einer verzerrten Deutung der figürlichen Darstellungen sexueller Handlungen der Moche-Kultur führt und welche Interpretationsschwierigkeiten sich daraus ergeben.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rezeption Moche-Keramik
- Der Einfluss westlich-christlicher Moralvorstellungen auf die archäologische Interpretation
- Hinterfragung der Begriffe „Erotik“ und „Liebe“ im transkulturellen Kontext
- Analyse der Kategorisierung von Moche-Keramiken bei Larco Hoyle
- Gegenüberstellung von traditioneller Forschung und neueren ethnologischen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
3. Der vorbelastete Blick bei Larco
Das Fehlen schriftlicher Quellen veranlasste die Forscher diese Darstellungen anhand ihrer selbst zu interpretieren. Bezogen darauf wurde oft unbeachtet gelassen, dass jede kulturelle Kodierung ein und für sich einzigartig ist. Auch wenn man annimmt, dass Liebe, Sex oder auch Erotik von allen Menschen gekannt wird, kann daraus nicht der Schluss gezogen werden, dass man deren Bedeutung universal anwenden kann. Selbst dem verdienten Pionier auf dem Gebiet der Altamerika-Forschung Rafael Larco Hoyle, der selbst aus Peru stammte, unterlief dieser Fehler:
„Es ist bis dato sehr schwierig einzuschätzen, warum die Moche von damals pornographische Gefäße in ihre Gräber legten. Die Funde überraschten uns sehr, zumal wir sie nicht nur in Grabstätten Erwachsener, sondern auch in denen von Kindern und Jugendlichen fanden. (…) Hatten die Gefäße vielleicht irgendeinen Bezug zur Fruchtbarkeit der Welt? Letzteres scheint inakzeptabel, da sich auf den Fundstücken nicht nur Szenen mit auf natürliche Art vollzogenem Geschlechtsakt finden, sondern auch Obszönitäten auf allerhöchster Stufe der Verderbnis (Onanie, Homosexualität und dergleichen mehr).“
Bei Larco lassen sich in Bezug auf seine Interpretation der Darstellungen sexuellen Inhalts der Moche Strukturen abendländischer kultureller Auffassung einer christlich-ideologischen Prägung feststellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Person Rafael Larco Hoyle und Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Schwierigkeiten bei der Interpretation „erotischer“ Darstellungen der Moche.
2. Keramiken der altperuanischen Kulturen - figürliche Darstellungen sexueller Handlungen: Überblick über die zeitliche Einordnung und die Vielfalt der keramischen Funde, sowie erste Kritik an der moralisch aufgeladenen Interpretation.
3. Der vorbelastete Blick bei Larco: Analyse des Einflusses christlich-moralischer Vorstellungen auf die Forschung von Larco Hoyle und dessen Tendenz, die Moche-Kultur durch eine abendländische Brille zu bewerten.
4. Liebe und Erotik: Kritische Untersuchung der Begriffsverwendung von „Liebe“ und „Erotik“ bei Larco und die daraus resultierende Vermischung soziokultureller Ebenen.
5. Die Unterteilung in Untergruppen: Diskussion der vier von Larco definierten Kategorien („humoristisch“, „moralisch“, „religiöse Erotik“, „realistisch“) und deren implizite wertende Konnotation.
6. Ansätze in der neueren Forschung: Darstellung moderner Interpretationsansätze, die Fruchtbarkeitsriten und rituell-geistige Konzepte stärker in den Vordergrund rücken.
7. Resümee: Abschließendes Fazit zur Notwendigkeit, bei kulturvergleichenden Untersuchungen die eigenen kulturellen Einflüsse zu reflektieren, um Fehlinterpretationen zu vermeiden.
Schlüsselwörter
Moche, Rafael Larco Hoyle, Altperuanische Kulturen, Keramik, Erotik, Sexualität, Interkulturelle Interpretation, Christliche Moral, Fruchtbarkeit, Ikonographie, Kulturvergleich, Checan, Forschungskritik, Anthropologie, Ritual
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie westlich-christliche Moralvorstellungen die wissenschaftliche Interpretation präkolumbianischer Keramiken der Moche-Kultur durch den Forscher Rafael Larco Hoyle beeinflusst haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Archäologie der Moche-Kultur, die kritische Analyse der Forschungshistorie und der Umgang mit kulturellen Kodierungen in der Kunstgeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie eine „vorbelastete“ Perspektive zu verzerrten Interpretationen führen kann und wie wichtig eine kultursensible Herangehensweise bei der Deutung archäologischer Artefakte ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine kritische Literatur- und Quellenanalyse, indem sie die Aussagen von Larco Hoyle gegen den Kontext seiner christlich geprägten Denkmuster und im Vergleich mit neueren Forschungserkenntnissen prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Larcos Kategorisierung von Darstellungen sexueller Handlungen, die Probleme bei der Verwendung westlicher Begriffe wie „Liebe“ oder „Erotik“ und die neuere Forschung, die den rituellen Charakter der Funde betont.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Moche-Kultur, Interpretation, Erotik, christliche Moral, Fruchtbarkeitsriten und interkulturelle Forschung beschreiben.
Wie interpretierte Larco Hoyle die „humoristischen Gefäße“?
Larco interpretierte diese als Ausdruck einer „ingeniösen Bosheit“, die dazu diente, Gäste bei Tisch durch das Trinken aus Gefäßen in Form von Genitalien zu demütigen.
Wie unterscheidet sich die neuere Forschung in Bezug auf die Skelettdarstellungen?
Während Larco diese als Moralwarnung vor Laster deutete, interpretieren neuere Ansätze diese im Kontext der Fruchtbarkeit, die bei den Moche als über den Tod hinaus bestehend betrachtet wurde.
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- Irene Pfeffer (Autor), 2007, Figürliche Darstellungen sexueller Handlungen bei den Moche, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212640